Das Säuseln des Windes

Von der Kraft der Stille. - Aus: "Der Mönch in mir. Erfahrungen eines Athos-Pilgers für unser Leben."

* ein, niemand hat sie mir übertragen. Und doch: Seit vielen Jahren ist sie "meine" kleine Bucht. Dort, wo der Klostergarten mit seinen uralten Ölbäumen beinahe das Meer berührt. Es sind nur ein paar Steinblöcke, die es zu überwinden gilt. Dahinter ist mein kleines Paradies: im Blick nichts als die zeitlosen Windschauer über dem Wasser und - wenn es dem Abend zugeht - das lautlose Spiel der Delphine. Nichts als der Blütenrausch von Ginster und Mohn im Rücken. Vor allem aber: nichts als eine überirdische Stille.

Alles Drängende ist plötzlich weg. - Die Ruhe ist ein erlösendes Geschenk. Irgendwann geht Freude in Singen über. Und Singen in Beten. Nicht im Sturm, nicht im Beben und nicht im Feuer war Gott dem Elias erschienen, sondern im Säuseln des Windes.

Das Geheimnis des Athos? Müsste ich es auf den Punkt bringen, die Antwort hieße zunächst: die Stille.

"Die Schweigenden" - ein anderes Wort für die Mönche, seit die ersten von ihnen in die Einsamkeit hinauszogen. In die Wüste. Und bald auch auf die Hänge des Athos und anderswohin. Es ist der große Versuch der Umkehr: Der Mensch, der immer redende, schweigt. Damit Gott, der "große Schweiger", das Wort hat.

Über nichts anderes haben die großen Gestalten des Mönchtums mehr nachgedacht und geschrieben als über dieses Geheimnis: Wie lässt sich Stille suchen, Schweigen üben - und Ruhe finden? Und genau diese Sehnsucht ist es, die auch heute - ja, heute vielleicht sogar mehr und mehr - die Menschen zur Begegnung mit der Stille der Klöster verleitet - auf der Suche nach Abstand, Konzentration, neuer Kraft und Sinnfindung.

Jeder von uns spürt es: Der ununterbrochene Lärm unserer Tage ist ein schweres Hindernis auf dem Weg zur Selbstbegegnung. Wo liegt die Grenze von Reden, Aussage und Geschwätz? Was soll, was muss gesagt werden - und was nicht? Was bringt Klärung und Hilfe, was Verwirrung? In den Steilhängen des Athos, dort, wo die Stille zuhause ist, bringt es ein Eremit auf den Punkt: Ein sicheres Zeichen, dass etwas nicht von Gott kommt, ist die Unruhe. Und er zitiert einen der alten Wüstenväter: Ich habe oft bedauert, geredet zu haben. Nie aber habe ich bedauert, geschwiegen zu haben. Die Radikalität solcher Worte werden wir wohl nicht mittragen können. Und doch liegt diese Wahrheit in meiner kleinen Bucht ganz unmittelbar vor mir: Oben wogen die Wellen, aber je tiefer wir nach unten tauchen, desto ruhiger wird es. Am seichten Ufer steige ich von Stein zu Stein. Im Wasser sehe ich, an den Rändern zerfließend, mein eigenes Spiegelbild - und plötzlich ist die alte, wunderbare Geschichte aus der Zeit der Wüstenväter in meine Erinnerung zurückgekehrt: Zu einem einsamen Mönch kamen eines Tages Besucher. Sie fragten ihn: Welchen Sinn hat dein Leben in der Stille? Der Mönch war eben dabei, Wasser aus einer tiefen Zisterne zu schöpfen. Er sagte: Schaut in die Zisterne! Was seht ihr? Die Leute blickten in die tiefe Zisterne: Wir sehen nichts. Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch seine Besucher wieder auf: Schaut in die Zisterne! Was seht ihr? Die Leute blickten wieder hinunter. Ja, jetzt sehen wir uns selber! Der Mönch sprach: Schaut, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selbst!

Die Stunden und Tage in meiner Bucht haben mich gelehrt: Wirkliche Stille schafft einen Raum im Herzen, der noch weit hinausreicht über den Blick in den Spiegel. Vielleicht ist es nur Flucht vor zu viel Selbstbetrachtung, aber nirgendwo sonst fühle ich mich anderen so nahe wie in solchen Stunden - gleichgültig, wie groß die Entfernung ist, die zwischen uns liegt. Inzwischen ist es längst zur lieben Gewohnheit geworden: Ein Tag am Wasser gehört all jenen, die mir wichtig sind; denen meine Dankbarkeit, meine Aufmerksamkeit, meine Sorge gilt. Und auch jenen, deren Hoffnungen ich vermutlich enttäuscht habe.

Dem Buddhismus-erfahrenen Benediktiner David Steindl-Rast verdanke ich einen wunderbaren Gedanken, den ich am Athos - im Anblick der großen, sonnengetränkten Wasserfläche - ein erstes Mal gelesen habe und der mich nun schon seit Jahren begleitet. Er geht von einem Bild aus, das wir alle kennen: von der üppigen Fruchtbarkeit um den See Genezareth - und der völlig erstarrten, abweisenden Landschaft um das Tote Meer. Wie ist ein so totaler Kontrast erklärbar: Zwei Gewässer, die doch nur einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt sind - und beide vom selben Wasser des Jordan, vom selben Segen, gespeist werden? Seine Antwort: Weil in das eine der Segen hinein-und auch wieder herausfließt. Das andere aber kennt keinen Abfluss. Genauso, sagt Steindl-Rast, ist es auch bei uns Menschen: Wenn wir nur noch in uns aufnehmen - Wohlstand, Anerkennung, Zuneigung, Liebe -, aber nichts mehr hergeben, dann versanden und versalzen wir. Dann sind wir nicht mehr lebendiges, sondern nur noch totes Wasser.

Es ist allein diese Dynamik, diese große Harmonie von Nehmen und Geben - den Menschen und wohl auch dem Schöpfer gegenüber -, die uns wachsen und blühen lässt, ohne uns zu erschöpfen. Und es ist die Stille - und nur sie allein -, die uns dazu einlädt, in die eigene Wirklichkeit hinunterzusteigen. Auch in die Schattenzonen der eigenen Seele.

Die Mönche am Athos sagen: Das Schweigen gehört zu den großen Geschenken, die allen Menschen verfügbar sind, um sich dem Wesentlichen zu nähern. Alle Kulturen, alle Religionen wissen um dieses Geheimnis der Stille; wissen, dass Reden zu oft nur zerstreute Kraft ist, Schweigen aber gesammelte Energie.

In ihrer überwältigenden Mehrzahl sind die Mönche keine weltfernen Eiferer. Sie wissen, dass die absolute Stille - und Ruhe - für uns einfach eine Stufe zu hoch ist. Dass sie uns erst im Tod verheißen ist. Aber Wege zu dieser Stille schon im Hier und Jetzt zu suchen - zur äußeren und inneren Stille -, das ist das große Thema, auch auf dem Heiligen Berg.

Gott wird seine Stimme nicht lauter heben, nur weil wir so laut geworden sind, sagt einer von ihnen, der von einem Krankenbesuch aus dem fernen, großen und lauten Saloniki sichtlich irritiert zurückgekommen ist. Wir alle müssen leiser werden - oder ohne seine Botschaft leben.

Der Mönch in mir

Erfahrungen eines Athos-Pilgers für unser Leben

Von Heinz Nußbaumer

Verlag Styria, Wien 2006

144 Seiten, zahlr. Farbabb., geb., e 14,90

Im Buchhandel ab 21. März.

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