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Thomas von Aquin und das Web

Die einen sehen ein "neues Pfingsten" heraufdräuen. Die anderen warnen vor einem neuen Turmbau zu Babel. Der in Münster lehrende Religionsphilosoph Klaus Müller über Religion, Wahrheit und das World Wide Web.

Was ist wahr? Was ist falsch? Was ist real? Was ist virtuell? Die Frage nach Wirklichkeit und Schein stellt sich angesichts von Internet & Co neu. Auf der Ökumenischen Sommerakademie, die im Juli im Stift Kremsmünster stattfand, analysierte Klaus Müller, Professor für Religionsphilosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster, wie sich diese Fragen rund um die Neuen Medien stellen. Auch das nachfolgende Gespräch geht davon aus, und von Müllers Beobachtungen, dass der Cyberspace geradezu ein Tummelplatz religiöser Motive, Symbole, Semantik ist - nicht zuletzt in der Art und Weise, wie die "Cyber-Philosophen" diese "Wirklichkeit" beschreiben.

Die Furche: Herr Professor Müller, relativieren sich Kategorien wie Wahrheit und Lüge im Cyber-Zeitalter?

Klaus Müller: Ich würde nicht sofort vom Gegensatzpaar Wahrheit und Lüge sprechen, sondern von Wahrheit und Fiktion, Wahrheit und Schein. Es geht zunächst um die alte philosophische Frage: Was ist wirklich? Was tut nur so, als wäre es wirklich? Diese Frage stellt sich durch die Neuen Medien neu. Denn hier wird Attraktivität dadurch erzeugt, dass sie Wirklichkeiten simulieren, die wir nicht im alltäglichen Wortsinn als "wirklich" bezeichnen würden - etwa in der Computerwelt "Second Life".

Die Furche: Dort bewegt man sich als sogenannter "Avatar" …

Müller: … also als eine Figur, die man selber kreiert. Man gibt sich eine Gestalt, ein Gesicht, gibt sich Eigenschaften und beobachtet sich dann selbst als Akteur in dieser Welt. Das erzeugt einen sehr suggestiven Wirklichkeitseindruck. Menschen ohne stabile Identität können sich in solch künstlichen Welten buchstäblich verlieren. Insofern ist die Differenz von Sein und Schein, von Wirklichkeit und Fiktion fließend geworden.

Die Furche: In "Second Life" setzen sich auch "reale" Akteure fest - etwa BMW, die schwedische Botschaft, der Jesuitenorden. Ist das nicht zu kritisieren?

Müller: Die Frage ist, welche Absicht da dahinter steckt. Ich kritisiere nicht automatisch alles Fiktionale - das hat auch etwas Ästhetisches, etwas Spielerisches, die Möglichkeit, Formen des Handelns zu erproben, bevor man es dann im "Real Life" wirklich tut. Im "Second Life" treten mittlerweile alle möglichen Organisationen auf, auch kirchliche: Das ist gewissermaßen die Konsequenz der Attraktivität. Hier stimmt, wie etwa die halbamtliche Kirchen-Zeitschrift Civiltà Cattolica geschrieben hat, dass das Internet ein "Missionsland" ist: Da sind religiöse Emotionen und Intuitionen im Spiel. Das ist eine richtige Beobachtung: In der Cyberwelt spielt Religiöses eine große Rolle.

Die Furche: Sie charakterisieren die Neuen Medien auch mit dem Schlagwort "Verschränkung zwischen Technik und Spiritualität".

Müller: Mir ist schon bald aufgefallen, dass gerade die Avantgarde der Medientheoretiker, der "Cyber-Philosophen", unglaublich intensiv auf religiöse Symbole und religiöse Sprache zurückgreift. Sie benutzen sogar buchstäbliche Zitate aus der mittelalterlichen scholastischen Erkenntnistheorie von Thomas von Aquin oder vom arabischen Philosophen Avicenna, um etwa die Grundidee eines "über alles" realisierten Intellekts oder eines Demokratieschubes, an dem alle partizipieren, zu beschreiben. Auch Ideen aus der Renaissance-Philosophie tauchen auf, vor allem Ideen des vollkommenen Menschen.

Und einer der Kultautoren der Cyber-Philosophie ist der Jesuit Teilhard de Chardin mit seiner Idee der Vernetzung aller Bewusstseine mit allen zu einer "Noosphäre", also einer den ganzen Globus umgebenden geistigen Sphäre, die letztendlich zu einer Durchgeistigung der ganzen Realität im Punkt Omega führen würde. Sie sagen: Diese alten Autoren, Theologen, Philosophen, Mystiker haben geahnt, was wir heute technisch, empirisch - aber natürlich atheistisch verstanden - machen können.

Die Furche: Handelt es sich in solcher Sichtweise gar um eine "Religion"?

Müller: Manche Cyber-Philosophen sagen: Wir sind die erste Weltreligion des dritten Jahrtausends. Aber das steht in vielfacher Spannung zu den großen Hochreligionen - etwa im Fall der massiven Leibfeindlichkeit der Cyberszene gegenüber dem Christentum, vor allem dem Inkarnationsgedanken. Da ist der Leib ein Störfaktor, ein fehleranfälliges Moment im System der Kommunikation, das eigentlich überwunden werden muss. So kommt in die Cyber-Philosophie auch ein ordentliches Stück Religionskritik, das die heutige Philosophie und Theologie keinesfalls unbeachtet lassen dürfen.

Die Furche: Auch der so moderne Begriff der Virtualität kommt aus einem religiösen Zusammenhang …

Müller: … und zwar aus einer scholastisch-philosophischen Debatte, die aber in sich schon wieder theologische Bedeutungen hatte: Das war der sogenannte Universalienstreit, also die Frage, wie denn die empirischen Eigenschaften konkreter Dinge in deren Allgemeinbegriff vorkommen, wie etwa die Eigenschaften eines Schäferhundes "Rolfi" im Begriff Hund gewissermaßen untergebracht werden können. Die Antwort der Autoren: "virtualiter", das heißt, der Möglichkeit nach, sind das Wirklichkeitszüge dieser Wirklichkeit Hund, die wir mit diesem Allgemeinbegriff bezeichnen.

In der Gegenreformation taucht der Begriff wieder auf in einer eigenartigen Perspektive der Sakramentstheologie: In der Eucharistie, also in der Hostie, sagte man, ist der österliche Christus "realiter" gegenwärtig, und im Gnadenbild der Gottesmutter Maria ist die Gottesmutter "virtualiter" gegenwärtig.

Die Furche: "Virtualität" ist demnach also schon ein alter Begriff.

Müller: Man hat also offenkundig schon damals diesen Begriff verwendet, um Stufen von Wirklichkeitsdichte zum Ausdruck zu bringen. Und in dem Sinn wird er heute wieder verwendet - es geht um eine andere Form von Wirklichkeit als das, was man gemeinhin Wirklichkeit nennt. Die nächste Stufe ist, dass die Theoretiker sagen, eigentlich kann man die Grenze zwischen beiden nicht richtig ziehen, es gibt keine zweite Wirklichkeit, weil das Virtuelle ja implementiert ist in dem, was da ist. Daher gibt es dann auch keine eigentliche Wirklichkeit, weil beides sich verschränkt und damit die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit gewissermaßen durchlässig geworden ist.

Die Furche: Es gibt bei den Neuen Medien auch religiöse Erwartungshaltungen. Manche reden da gar von einem "neuen Pfingsten"!

Müller: Das ist wieder ein typisches Beispiel, wo die Cyber-Philosophie auf wichtige Bilder und Intuitionen der jüdisch-christlichen Tradition zurückgreift. In der Tat gibt es eine ganze Reihe von Autoren, die sagen: Wenn wir wirklich diese Vernetzung aller mit allen herstellen können, was technisch sehr viel einfacher werden muss - dass also alle etwa durch GPS und WLAN mobil permanent verbunden sind …

Die Furche: Wer heute etwa einen Blackberry hat, tut das ja schon …

Müller: … und dann haben wir eine Kommunikation aller mit allen - und das ist eigentlich die technische Realisierung dessen, was mit Pfingsten gemeint war: Der Geist kommt über alle und alle hören einander in ihren Sprachen sprechen, also es gibt keine Kommunikationsbarrieren. Eine globale Gemeinde ist entstanden.

Die Furche: Ein "neues Pfingsten" sehen aber nur die einen. Andere sprechen dagegen von einem "neuen Babel" oder von drohender "Infokalypse".

Müller: Ja, die sagen: Wir haben eigentlich nur einen unendlichen Mischmasch von Informationen, von differenten Wortmeldungen, die im Letzten zu einem einzigen Sprachen-Wirrwarr führen, also zu einer babylonischen Sprachverwirrung, zur "Infokalypse", eine Apokalypse des Informationskollapses.

Interessant ist, dass schon die Kirchenväter das Pfingstmotiv als Antitypus auf Babel gelesen haben. Pfingsten ist die göttliche Heilung dessen, was in Babel passiert ist. Die Pessimisten sagen: Im Internet passiert eigentlich das Gegenteil: dass die Gemeinschaft, die vielleicht hätte entstehen können und die schon ein Stück weit da war, dass die unter der Masse der Vernetzungen und der Informationen kollabiert und erneut im Sprachen-Wirrwarr endet. Diese pessimistische Perspektive ist gar nicht so utopisch, jedenfalls nicht utopischer als die optimistische.

Die Furche: Wohin tendieren Sie persönlich in dieser Diskussion?

Müller: Ich frage mich, ob die Intensivierung der Kommunikationsströme, die wir momentan beobachten, nicht rein technisch-praktisch schon zu einem Kollaps führt: Wenn dieses unglaubliche Angebot, hunderte Millionen von Webseiten und so weiter, weiterhin exponentiell zunimmt, wenn etwa Länder wie Indien und China wirklich großflächig in diese Kommunikationsform einsteigen, kann das schlichtweg zu einem Energiekollaps führen. Denn wir wissen heute schon, dass die Neuen Medien technisch einen derart hohen Energieverbrauch haben, dass etwa der Flugverkehr sich dagegen wie Peanuts ausnimmt. Das könnte technisch schon ein Problem werden.

Die Furche: Aber neben dieser "apokalyptischen" Perspektive in Sachen Energie bleibt für den Einzelnen die Frage, wie er sich in diesem Überfluss an Daten, an Information zurechtfindet.

Müller: Das ist die andere, ganz große Herausforderung - jedenfalls dort, wo die Menschen nicht nur Ablenkung und Unterhaltung in den Medien suchen, sondern wirklich um Wissen bemüht sind. Hier wird eine sehr früh angelegte Medienpädagogik, also die Kompetenz zu selektieren, zu ordnen, unabdingbar sein.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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