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Die Vermessung der Nachhaltigkeit

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Am Thema Elektroauto scheiden sich die Geister. Doch sowohl Kritiker wie auch Befürworter übersehen meist, dass elektrifizierte Fahrzeuge nur eine von vielen Komponenten für die zukünftige Mobilität sind.

Von den einen belächelt, von den anderen bereits sehnsüchtig erwartet, kommen nach und nach erste Modelle serientauglicher Elektroautos auf den Markt. Ihre Vorteile sind rasch aufgezählt: hoher Wirkungsgrad, geringe Betriebskosten, keine Schadstoffemissionen, kaum Lärmentwicklung. Negativ schlagen sich geringe Reichweite, höherer Anschaffungspreis und de facto nicht vorhandene öffentliche Infrastruktur zum Aufladen der Batterie ins Kalkül potenzieller Käufer. Bei der Gegenüberstellung von Pros und Kontras wird jedoch meist implizit die unrealistische Erwartung vorausgesetzt, dass Elektrofahrzeuge herkömmliche Verbrenner 1:1 ersetzen sollen. Demgegenüber sind immer mehr Experten der Ansicht, dass Elektroautos nicht im Alleingang das Verkehrswesen revolutionieren können. Sondern dass sie ihre Vorzüge in Zukunft vielmehr als integrative Komponente nachhaltiger Mobilitätskonzepte ausspielen werden.

Exakte Messung an der TU Wien

Auf den ersten Blick überraschend wurde in der Vergangenheit häufig der positive Effekt von Elektrofahrzeugen auf Klima und Umwelt infrage gestellt. Denn Elektroautos sind nur so sauber wie die Erzeugung des Stroms, den sie benötigen. In Ländern mit hohem Anteil an fossilen Energieträgern an der Stromerzeugung können sie sogar umweltschädlicher sein als Dieselautos. Eine aktuelle Studie des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik der TU Wien hat die Umweltbilanz von vier verschiedenen Elektroautos nun genau untersucht und mit einem Dieselfahrzeug verglichen. Dabei haben die Forscher nicht, wie bei solchen Untersuchungen oft üblich, mit Normbedingungen gerechnet. Stattdessen haben sie im hauseigenen Prüfstand das reale Fahrverhalten unter verschiedenen Temperatur-, Straßen- und Geschwindigkeitsbedingungen simuliert. Die dabei erhobenen Messdaten liegen als Datenbank frei zugänglich vor. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. So liegt der Energiebedarf für den reinen Stadtfahrbetrieb eines Elektroautos zwischen 53 und 57 Prozent des Bedarfs eines Dieselautos. Betrachtet man dagegen auch den Energiebedarf für die Stromherstellung, sieht die Bilanz schon anders aus. Im österreichischen Stadtverkehr steigt der Wert dann auf 66 Prozent, in einer durchschnittlichen europäischen Stadt auf 95 Prozent. Im Überlandverkehr kann der Energiebedarf eines Elektroautos sogar um bis zu drei Prozent höher liegen als der eines Diesels. Diese Unterschiede sind auf den unterschiedlichen Strommix in Österreich und Europa zurückzuführen. "Je höher der fossile Anteil an der Stromerzeugung ist, desto geringer ist der Umweltvorteil eines Elektrofahrzeuges“, sagt Studienautor Werner Tober von der TU Wien. "In Österreich mit seinem hohen Anteil an regenerativen Energieträgern haben Elektroautos große Vorteile.“ Noch deutlicher als beim Energieverbrauch zeigt sich der Unterschied bei den CO2-Emissionen. In Österreich emittiert ein E-Fahrzeug nur 38 Prozent (Stadt) bzw. 40 Prozent (Überland) soviel wie ein Diesel. Legt man den europäischen Strommix zugrunde, sind es 83 Prozent bzw. 90 Prozent. Dies muss allerdings nicht als Knock-out-Argument gegen Elektrofahrzeuge gedeutet werden. Ebenso gut lässt es sich als eines für mehr erneuerbare Energieträger in der Stromerzeugung interpretieren.

"Eine Achillesferse von Elektroautos bleibt auf absehbare Zeit die Batterie“, sagt Tober. "Die hohe Energiedichte von Treibstoff lässt sich mit aktuellen und nächsten Generationen der Batterietechnologie nicht erreichen.“ Dadurch ist die maximale Reichweite von aktuellen Elektroautos derzeit auf etwa 150 Kilometer begrenzt. Dann muss das Fahrzeug an die Steckdose. Doch andererseits wird diese Beschränkung häufig überbewertet. Zu diesem Schluss kommt eine gemeinsam erstellte Studie der TU Wien, der Universität für Bodenkultur und dem Austrian Institute of Technology (AIT). Drei Wochen lang wurde das Fahrverhalten von konventionellen Autos in Wien und Niederösterreich mittels GPS aufgezeichnet und anschließend ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass 95 Prozent aller zurückgelegten Wege kürzer als 50 Kilometer waren. Nur 25 Prozent der Autos fuhren mindestens einmal weiter als 150 Kilometer. 60 Prozent aller betrachteten Klein- und Mittelklassewagen hätten ihre Fahrten problemlos auch elektrisch zurücklegen können. Großwagen lassen sich aufgrund ihres hohen Gewichtes dagegen nicht sinnvoll durch Elektrofahrzeuge ersetzen.

Missverständis über E-Autos

In vielen Köpfen steckt beharrlich die Vorstellung, dass Elektroautos verbrennungsmotorisch betriebene ersetzen können wie eine Handygeneration die nächste. Die Werbeabteilungen der Automobilbranche tun wenig, um dieses Missverständnis aufzuklären. Eine Betrachtung der respektiven Stärken und Schwächen von Elektroautos legt stattdessen nahe, explizit nach sinnvollen Einsatzmöglichkeiten zu suchen. Diesen Gedanken verfolgt in Österreich die Förderschiene der Modellregionen des Klima- und Energiefonds (siehe Kasten). Die Elektrifizierung des Antriebsstranges ist demnach nur ein Bestandteil umfassender Konzepte, Menschen unter den Bedingungen von Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit das elementare Bedürfnis nach Mobilität zu ermöglichen. Verkehrsexperten prognostizieren, dass öffentlicher und Individualverkehr in Zukunft viel enger miteinander verzahnt sein werden. Das erfordert enge Abstimmung verschiedener Interessengruppen. Fahrzeug- und Komponentenhersteller, Verkehrsbetriebe, Energieversorger, Betreiber von Verkehrs- und Energieinfrastrukturen werden ihre Unternehmensstrategien verstärkt aufeinander abstimmen müssen. Die klassische Automobilindustrie ist es gewohnt, mit ihren Produkten Bedürfnisse erst zu schaffen. Die Idee der Elektromobilität zielt auf eine Umkehrung dieses Verhältnisses. Die Menschen wollen mobil sein und sie sollen es umweltfreundlich sein. Konkrete technische Lösungen sind diesen Rahmenbedingungen nachgeschaltet. Vorläufig wertvollster Verdienst der Elektroautos ist es, das Bewusstsein auf die kommenden Veränderungen zu lenken.

Am Thema Elektroauto scheiden sich die Geister. Doch sowohl Kritiker wie auch Befürworter übersehen meist, dass elektrifizierte Fahrzeuge nur eine von vielen Komponenten für die zukünftige Mobilität sind.

Von den einen belächelt, von den anderen bereits sehnsüchtig erwartet, kommen nach und nach erste Modelle serientauglicher Elektroautos auf den Markt. Ihre Vorteile sind rasch aufgezählt: hoher Wirkungsgrad, geringe Betriebskosten, keine Schadstoffemissionen, kaum Lärmentwicklung. Negativ schlagen sich geringe Reichweite, höherer Anschaffungspreis und de facto nicht vorhandene öffentliche Infrastruktur zum Aufladen der Batterie ins Kalkül potenzieller Käufer. Bei der Gegenüberstellung von Pros und Kontras wird jedoch meist implizit die unrealistische Erwartung vorausgesetzt, dass Elektrofahrzeuge herkömmliche Verbrenner 1:1 ersetzen sollen. Demgegenüber sind immer mehr Experten der Ansicht, dass Elektroautos nicht im Alleingang das Verkehrswesen revolutionieren können. Sondern dass sie ihre Vorzüge in Zukunft vielmehr als integrative Komponente nachhaltiger Mobilitätskonzepte ausspielen werden.

Exakte Messung an der TU Wien

Auf den ersten Blick überraschend wurde in der Vergangenheit häufig der positive Effekt von Elektrofahrzeugen auf Klima und Umwelt infrage gestellt. Denn Elektroautos sind nur so sauber wie die Erzeugung des Stroms, den sie benötigen. In Ländern mit hohem Anteil an fossilen Energieträgern an der Stromerzeugung können sie sogar umweltschädlicher sein als Dieselautos. Eine aktuelle Studie des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik der TU Wien hat die Umweltbilanz von vier verschiedenen Elektroautos nun genau untersucht und mit einem Dieselfahrzeug verglichen. Dabei haben die Forscher nicht, wie bei solchen Untersuchungen oft üblich, mit Normbedingungen gerechnet. Stattdessen haben sie im hauseigenen Prüfstand das reale Fahrverhalten unter verschiedenen Temperatur-, Straßen- und Geschwindigkeitsbedingungen simuliert. Die dabei erhobenen Messdaten liegen als Datenbank frei zugänglich vor. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. So liegt der Energiebedarf für den reinen Stadtfahrbetrieb eines Elektroautos zwischen 53 und 57 Prozent des Bedarfs eines Dieselautos. Betrachtet man dagegen auch den Energiebedarf für die Stromherstellung, sieht die Bilanz schon anders aus. Im österreichischen Stadtverkehr steigt der Wert dann auf 66 Prozent, in einer durchschnittlichen europäischen Stadt auf 95 Prozent. Im Überlandverkehr kann der Energiebedarf eines Elektroautos sogar um bis zu drei Prozent höher liegen als der eines Diesels. Diese Unterschiede sind auf den unterschiedlichen Strommix in Österreich und Europa zurückzuführen. "Je höher der fossile Anteil an der Stromerzeugung ist, desto geringer ist der Umweltvorteil eines Elektrofahrzeuges“, sagt Studienautor Werner Tober von der TU Wien. "In Österreich mit seinem hohen Anteil an regenerativen Energieträgern haben Elektroautos große Vorteile.“ Noch deutlicher als beim Energieverbrauch zeigt sich der Unterschied bei den CO2-Emissionen. In Österreich emittiert ein E-Fahrzeug nur 38 Prozent (Stadt) bzw. 40 Prozent (Überland) soviel wie ein Diesel. Legt man den europäischen Strommix zugrunde, sind es 83 Prozent bzw. 90 Prozent. Dies muss allerdings nicht als Knock-out-Argument gegen Elektrofahrzeuge gedeutet werden. Ebenso gut lässt es sich als eines für mehr erneuerbare Energieträger in der Stromerzeugung interpretieren.

"Eine Achillesferse von Elektroautos bleibt auf absehbare Zeit die Batterie“, sagt Tober. "Die hohe Energiedichte von Treibstoff lässt sich mit aktuellen und nächsten Generationen der Batterietechnologie nicht erreichen.“ Dadurch ist die maximale Reichweite von aktuellen Elektroautos derzeit auf etwa 150 Kilometer begrenzt. Dann muss das Fahrzeug an die Steckdose. Doch andererseits wird diese Beschränkung häufig überbewertet. Zu diesem Schluss kommt eine gemeinsam erstellte Studie der TU Wien, der Universität für Bodenkultur und dem Austrian Institute of Technology (AIT). Drei Wochen lang wurde das Fahrverhalten von konventionellen Autos in Wien und Niederösterreich mittels GPS aufgezeichnet und anschließend ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass 95 Prozent aller zurückgelegten Wege kürzer als 50 Kilometer waren. Nur 25 Prozent der Autos fuhren mindestens einmal weiter als 150 Kilometer. 60 Prozent aller betrachteten Klein- und Mittelklassewagen hätten ihre Fahrten problemlos auch elektrisch zurücklegen können. Großwagen lassen sich aufgrund ihres hohen Gewichtes dagegen nicht sinnvoll durch Elektrofahrzeuge ersetzen.

Missverständis über E-Autos

In vielen Köpfen steckt beharrlich die Vorstellung, dass Elektroautos verbrennungsmotorisch betriebene ersetzen können wie eine Handygeneration die nächste. Die Werbeabteilungen der Automobilbranche tun wenig, um dieses Missverständnis aufzuklären. Eine Betrachtung der respektiven Stärken und Schwächen von Elektroautos legt stattdessen nahe, explizit nach sinnvollen Einsatzmöglichkeiten zu suchen. Diesen Gedanken verfolgt in Österreich die Förderschiene der Modellregionen des Klima- und Energiefonds (siehe Kasten). Die Elektrifizierung des Antriebsstranges ist demnach nur ein Bestandteil umfassender Konzepte, Menschen unter den Bedingungen von Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit das elementare Bedürfnis nach Mobilität zu ermöglichen. Verkehrsexperten prognostizieren, dass öffentlicher und Individualverkehr in Zukunft viel enger miteinander verzahnt sein werden. Das erfordert enge Abstimmung verschiedener Interessengruppen. Fahrzeug- und Komponentenhersteller, Verkehrsbetriebe, Energieversorger, Betreiber von Verkehrs- und Energieinfrastrukturen werden ihre Unternehmensstrategien verstärkt aufeinander abstimmen müssen. Die klassische Automobilindustrie ist es gewohnt, mit ihren Produkten Bedürfnisse erst zu schaffen. Die Idee der Elektromobilität zielt auf eine Umkehrung dieses Verhältnisses. Die Menschen wollen mobil sein und sie sollen es umweltfreundlich sein. Konkrete technische Lösungen sind diesen Rahmenbedingungen nachgeschaltet. Vorläufig wertvollster Verdienst der Elektroautos ist es, das Bewusstsein auf die kommenden Veränderungen zu lenken.