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Griechische Tragödien

Für ihren Debütroman "Spaltkopf" bekam Julya Rabinowich 2009 den Rauriser Literaturpreis. Nun ist ihr neues Buch, "Herznovelle", erschienen.

BOOKLET: Sie haben als Dolmetscherin in Therapiesitzungen traumatisierte Flüchtlingsschicksale übersetzt. Wie kann man aushalten, was man da hört?

Julya Rabinowich: Ich habe es sehr eingeschränkt, meine letzten Sitzungen waren im Oktober und schon sehr sporadisch, und ich war auch froh darüber, weil es ab einer gewissen Intensität direkt ins Burnout führt. Und zwar nicht nur bei mir, sondern bei sehr vielen Menschen, die in dem Bereich arbeiten, sowohl Therapeuten als auch Dolmetscher. Ich weiß, dass ich mich sicher zwei Jahre damit völlig überfordert habe, da ich eine bestimmte Anzahl von Stunden ertrage und darüber hinaus zu leiden beginne. So geht es nicht nur mir, sondern vielen, die in diesem Bereich arbeiten. Darum, finde ich, sollte man da sehr viel mehr auf die Psychohygiene der Angestellten und der Mitarbeiter achten.

BOOKLET: Und wie hat sich diese Erfahrung auf Ihre schriftstellerische Arbeit ausgewirkt?

Rabinowich: Der künstlerische Imput war gewaltig, diese Arbeit hat mich sehr bereichert. Ich habe in dieser Zeit mein erstes Theaterstück geschrieben, das sich ausschließlich mit dieser Thematik beschäftigt hat, die "Tagfinsternis", die in einem Flüchtlingsheim spielt und nur in einem Zimmer dieses Heims, aber das fast vier Stunden lang, wenn man es ganz aufführen würde. Vieles von dem, was ich gehört habe in den Therapieaber auch Psychiatriesitzungen, wird in meinen nächsten Roman, "Erdfresserin", Eingang finden, zu dem mich eine unserer Patientinnen inspiriert hat und an dem ich gerade arbeite. Ich denke, dass gesellschaftlich wenig begriffen wird, was da eigentlich passiert, und das Thema des sogenannten Asylmissbrauchs alles zudeckt an griechischen Tragödien, die sich tagtäglich abspielen -und zwar richtige klassische griechische Tragödien. Man könnte jedes zweite Schicksal problemlos auf die Bühne stellen und hätte alle Kennzeichen einer klassischen Tragödie. Ein sehr weites, tiefes und auch sehr trauriges Thema.

BOOKLET: Inwiefern hat nicht nur die Tatsache, dass Sie als Kind von St. Petersburg nach Österreich kamen, sondern auch Ihre Arbeit mit den Flüchtlingen Ihren ersten Roman "Spaltkopf" beeinflusst?

Rabinowich: Der "Spaltkopf" war quasi das Derivat meiner damals beginnenden Arbeit mit Flüchtlingen. Ich habe ein halbes Jahr gearbeitet als Dolmetscherin, bis mir klar war, dass diese Form von Verdrängung auf eine Art besessen macht. Ich habe jeden Patienten beobachten können, es war bei allen mehr oder weniger ident, man hat genau gemerkt, wann sie begonnen haben, etwas zu verdrängen in der Therapiestunde. Die Stimme hat sich geändert, der Ausdruck hat sich geändert, der Mensch war plötzlich wie ausgewechselt. Und wenn man über diese Phase drüber war, ist wieder Leben in das Ganze gekommen und alles hat sich gewandelt. Und das erschien mir so überwältigend, das so ident und immer wieder von vorne zu erleben, dass für mich klar war: Das ist fast wie eine Entität, die im Augenblick die Kontrolle übernimmt. Im analytischen Sinne ist es natürlich so, dass in dem Moment das Unterbewusste einen ganz anderen Einfluss auf das Bewusste hat als in einer Situation, in der man glaubt, nichts verdrängen zu müssen. Die Arbeit mit den Flüchtlingen hat den "Spaltkopf" eigentlich erst ermöglicht.

BOOKLET: In Ihrem jüngsten Buch, "Herznovelle", greifen Sie mit dem Herz eines der überfrachtetsten Symbole auf

Rabinowich: Ich glaube, dass das Herz in der Literatur sehr negativ besetzt ist auch wegen dieser Symbolträchtigkeit, aber das war für mich genau die Herausforderung.

BOOKLET: Sie erzählen eine Obsession: Ihre Protagonistin drängt ihr Herz jenem Chirurgen auf, der sie operiert hat und der es gar nicht will.

Rabinowich: Die Obsession war ein völlig neues Thema, aber ein wichtiges, denn ich musste eine Situation schaffen, in der die Protagonistin ihren eigenen unterbewussten Wünschen so verfällt, dass es gar nicht mehr vermeidbar ist, sich ihnen zu stellen. Und dazu musste ich überlegen: Was für eine Situation, wie kann ich sie dem so aussetzen, dass sie wirklich nicht anders kann? Der "Spaltkopf" ist eigentlich das Gegenteil davon, der "Spaltkopf" ist die Ermöglichung, anders zu können. Das ist diese Verdrängung, die einen funktionierend hält. Die "Herznovelle" hingegen fragt: Was kostet ein dringendes Bedürfnis, das man versucht, irgendwie wieder in den Griff zu kriegen? Da gibt es nun wieder die Parallele zum "Spaltkopf", dieser Mechanismus, der einen aus dieser Extremsituation wieder herausholt, aber ohne Änderung wieder ins Alte zurückbringt. Der ist ja sehr fatal. Sonst könnte man im Leben recht schnell nach einer einschneidenden Begebenheit das Leben auch dementsprechend verändern und reagieren. Aber sehr oft ist es eben so, dass man nur kurzfristig reagiert, dann immer weniger reagiert und zum Schluss nur mehr agiert und nicht mehr lebt. Das war für mich eines dieser Themen. Unter anderem auch, weil das Herz ein lebenswichtiges Organ ist, ohne das man nicht weiterkommt. Eine Obsession hat ihre Vor-und Nachteile, sie macht einen sehr lebendig auf eine Art, aber sie macht auch absolut beschränkt, nur lebendig in Bezug auf dieses Objekt der Obsession. Sie hat die gleiche Wirkung wie die Verdrängung, obwohl sie so unterschiedlich sind.

BOOKLET: Der Arzt ist reinste Projektionsfigur

Rabinowich: Ja, sie kennt ihn gar nicht. Dieser Eingriff ist etwas sehr Erschütterndes gewesen, das ihr eine neue Sicht auf ihr bisheriges Leben ermöglicht hat. Nur ist ihre Antwort nicht, dieses Leben zu ändern. Es ist billiger, dem Arzt nachzulaufen und diese Verantwortung für eine Änderung ihm in die Hand zu legen, eigentlich weiterzumachen wie bisher. Das ist zum entsetzlichen Scheitern verurteilt.

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