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SAID: Hingehen, wo es weh tut

1945 1960 1980 2000 2020

SAID, der Lyrik, Prosa und Essays schreibt, spricht über den Zusammenhang von Literatur und Berührung, wettert gegen Schubladendenken und plädiert für das Offenhalten von Wunden.

1945 1960 1980 2000 2020

SAID, der Lyrik, Prosa und Essays schreibt, spricht über den Zusammenhang von Literatur und Berührung, wettert gegen Schubladendenken und plädiert für das Offenhalten von Wunden.

Der Schriftsteller SAID wurde 1947 in Teheran geboren und lebt seit vier Jahrzehnten in München im Exil. Dort traf ihn Brigitte Schwens-Harrant zu einem Gespräch über seine Literatur.

BOOKLET: Haben Sie in Ihrem neuen Buch eine Lieblingsgeschichte?

SAID: Ja, die Titelgeschichte "Der Engel und die Taube", weil sie mit einem Bild losgeht und sich weiterverbreitet, ohne Intention, ohne auf ein bestimmtes Ziel loszugehen. Die Geschichte läuft für sich allein, und das habe ich sehr gerne.

BOOKLET: Was kann denn Literatur, etwa in Zeiten des Krieges?

SAID: Die Literatur muss dorthin gehen, wo die Publizistik nicht hingehen kann. Die Literatur geht weiter, reißt Wunden auf, Literatur muss weh tun. Und eine Ebene erreichen, die das Konkrete verlässt.

BOOKLET: Da spielt doch Berührung eine wichtige Rolle ...

SAID: Ja, mit der Berührung kommt das Nachdenken. Das Denken hat mit Berührung zu tun. Das wird oft vergessen. Im deutschen Sprachraum ist die Trennung etwa von E und U etwas Tödliches. Diese Trennung zeigt sich auch sprachlich. Dieser Zwiespalt führt zu weiterer Trennung: hier das Göttliche, da das Profane. Die Aufgabe der Literatur wäre, die beiden Enden zu verbinden.

BOOKLET: Wenn Sie sich politischen Themen widmen, haben Sie da einen Appell an Leser im Sinn?

SAID: Nein, der Ausgangspunkt ist immer mein eigenes Berührtsein. Ich kann nur über das schreiben, was mich selbst umwirft. Erst muss ich die Unruhe in mir fühlen und diese Unruhe bewegt mich dann, etwas darüber zu schreiben. Es gibt in diesem Band diese Geschichte "ein zeichen". Dazu gab es eine konkrete Vorgeschichte: Ich kam nach Hause und meine Türe stand offen. Es wurde nicht eingebrochen, nichts wurde mitgenommen ... In meiner Lage wird man unruhig dadurch. Was wollte der Kerl? Die Herren von der Polizei sagten: Sie wissen schon, was Sie tun. Sie haben da einen Artikel geschrieben, dort einen Artikel geschrieben. Wir haben uns informiert über Sie. Da brauchen Sie sich nicht wundern. Aus unserer Sicht ist das eine Drohung: Wisse, wir können rein, wenn wir wollen. - Daraus ist diese Geschichte geworden. Das heißt, ich habe sogar den Appell herausgenommen, die Geschichte ist amorph geworden, die Drohung hat keinen Namen. Ich wollte diese Unruhe, die wochenlang in mir war, weiterreichen, ohne mich hinzustellen und zu sagen, ich bin der arme kleine Flüchtling. Mir geht es darum, Situationen darzustellen, in denen sich der Leser vielleicht bedroht fühlt. Das alleine würde mir schon genügen.

BOOKLET: Einige Geschichten sind erkennbar autobiografisch. Das würde Sie wohl stören, wenn Leser Ihre Texte biografisch lesen?

SAID: Ja, das versuchen sie. Immer taucht die Frage auf: Ist die Geschichte autobiografisch? Ich antworte immer: Alles was ein Autor schreibt, ist auch biografisch. Natürlich nehme ich das mit in meinem Körper. Aber ich werde mich hüten, das eins zu eins umzusetzen. Ich versuche, meine innere Unruhe zu übertragen, ich liefere zumindest die Grundlage dafür.

BOOKLET: Bekommen Sie durch Ihre Exilsituation im öffentlichen Diskurs eine Rolle zugeschrieben, die Sie gerne verlassen würden?

SAID: Ja, und ich verlasse diese Rolle gerne und sehr provokativ, zum Beispiel mit Geschichten, die sehr erotisch sind. Ich denke nicht daran, mich zu zensieren. Als "politischer Autor" müsste ich bis zum Ende meines Lebens immer das Gleiche schreiben, dagegen wehre ich mich. Man erwartet: Sie schreiben gefälligst das. Das ist Schubladendenken. Als mein erstes Buch herauskam, Liebesgedichte, sind Leute auf mich losgegangen: Du schreibst Liebesgedichte? Wir kennen dich doch als Kämpfer gegen das Schahregime! Es gab welche, die mit mir gebrochen haben, wegen ein paar Gedichten. Da habe ich gemerkt: Okay, das ist deine Freiheit. Du verteidigst deine Freiheit auch, indem jedes Buch anders ist. Der Abstand zwischen den "Psalmen" und dem neuesten Buch ist sehr groß.

BOOKLET: Viele Geschichten tun beim Lesen körperlich weh ...

SAID: Ich muss doch hingehen, wo es weh tut. Große Literatur ist immer aus der Freiheit entstanden. Es muss weh tun. Kein Geringerer als Shakespeare sagt das.

BOOKLET: ... und Sie schreiben gegen political correctness an ...

SAID: Political correctness ist der Tod der Literatur. Nehmen Sie als Beispiel die Geschichte "mina". Wenn ich sie lese, habe ich immer Probleme. Aber diese Geschichte wurde mir tatsächlich erzählt. Wenn ich die ganze Wahrheit erzählt hätte, wäre es furchtbar gewesen. Ich habe die schlimmsten Szenen nicht aufgeschrieben. Wie soll ich denn Diktatur darstellen? Indem ich schreibe: das schlimme Mullahregime? Das kann doch jeder Depp - mir geht es darum, das Kleine darzustellen: Wie eine Frau auf diese Art und Weise misshandelt wird - und später noch einmal von ihrem Ehemann. Das heißt, die Folterung reproduziert sich durch einen dämlichen Ehemann. Der übrigens vielleicht gar nicht so böse, sondern nur dämlich ist. Der aber damit zur Fortsetzung der Folterung der anderen wird.

BOOKLET: Könnte man als eine Klammer, vielleicht für Ihr Schreiben überhaupt, den Satz aus der Geschichte "monsieur murmelstein" zitieren: "wer zerrissenes nicht lieben kann, der kann nicht lieben"?

SAID: Die Wunde Auschwitz ist eine Welt-Wunde. Ich kann nicht sagen: Ich bin nach dem Krieg geboren, ich habe nichts damit zu tun. Wir alle leiden heute unter Auschwitz. Mir ging es in dieser Geschichte darum, diese unglaubliche Einsamkeit darzustellen. Da hat einer wie auch immer überlebt - und wie geht es weiter? Mein Protagonist verstummt. Wie wollen Sie mit solchen Erfahrungen auch umgehen? Umso mehr schmerzt mich, dass der Vollidiot in meinem Land Auschwitz geleugnet hat. Man will mir allerdings auch nicht glauben, dass die Opfer dieses Regimes die Iraner selbst sind. Sie werden hingerichtet, eingesperrt, verlieren das Bild von der Welt, Auschwitz wird ihnen als Lüge präsentiert: und das in einem Land, in dem die Juden seit Jahrhunderten uneingeschränkt gelebt haben! Das tut mir als einem erklärten Gegner des Regimes besonders weh. Und in Deutschland kann man nicht sagen: Wir haben die Wiedergutmachung bezahlt, die Sache ist erledigt. Auschwitz ist eine Wunde, die auch für mich offen ist. Ich schreibe noch etwas darüber, ein Projekt ist in meinem Kopf. Ich bin mit der Wunde Auschwitz noch nicht fertig.

BOOKLET: Im Gedicht "Chor der Tröster" von Nelly Sachs hält der Cherub die Felsen auseinander "Wie die Ränder einer Wunde / Die offenbleiben soll / Die noch nicht heilen darf." Ein Engel also hält die Wunde offen.

SAID: Ja. Dafür sind die Engel da.

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