Digital In Arbeit
Feuilleton

Ist Gewalt unausweichlich und legitim?

1945 1960 1980 2000 2020

Historiker und Soziologen diskutieren die aktuelle und brisante Frage, wann warum und in welcher Gesellschaft Gewalt ausbricht.

1945 1960 1980 2000 2020

Historiker und Soziologen diskutieren die aktuelle und brisante Frage, wann warum und in welcher Gesellschaft Gewalt ausbricht.

Für Pessimisten war es nur eine Frage der Zeit, bis der Traum vom ewigen Frieden, den wir Europäer in unserer Union verwirklicht glaubten, platzen würde. Inzwischen sind auch wir Übrigen unsanft geweckt worden, weniger durch Terror oder jene Bemerkung eines US-Präsidenten, die Nato sei "obsolet", als vielmehr von einem politischen Diskurs, der wieder ganz offen von Gewalt spricht, von ihrer scheinbaren Legitimität und Unausweichlichkeit. Dass dem Gerede Taten folgen und Europa eines Tages wieder zum Schauplatz massiver politischer Gewalt wird, ist nicht mehr auszuschließen.

Was Gewalt mit Gesellschaft zu tun hat

Einer, der sich darüber vermutlich nicht wundern würde, ist Jörg Baberowski. Als Historiker, der sich intensiv mit der sowjetischen Gewaltherrschaft befasst hat, gehört er begreiflicherweise eher zu den Pessimisten. Das schlug sich auch in seinem Buch "Räume der Gewalt" nieder, das die alte Frage neu stellte, was Gewalt mit Gesellschaft zu tun hat.

Baberowski zufolge kann jeder Mensch oder jede Gesellschaft, egal ob primitiv oder hochzivilisiert, gewalttätig werden, muss aber nicht. Ob Gewalt ausbricht, hänge nicht vom Charakter des Einzelnen, seiner Moral, seinen Motiven und Überzeugungen ab, sondern von der Situation, in die er jeweils gerät. Ist die Hemmschwelle erst überwunden, ist Gewalt einmal im Raum, dominiert sie das weitere Geschehen und das Verhalten der Beteiligten. Die meisten Menschen, so Baberowski, hätten Angst vor Gewalt und daher ein vitales Interesse, sich dagegen zu versichern: Deswegen gibt es ja soziale Ordnung. Doch in Gewaltsituationen herrschen andere Gesetze. Gewalt schafft ihre eigene Ordnung. Wer darin überleben will, darf selbst nicht vor Gewalt zurückschrecken. Vor der Gefahr, dass soziale Ordnung in ihr mörderisches Gegenteil umschlägt, sei mithin keine Gesellschaft gefeit, auch nicht die Moderne.

Einwände formuliert

Das Echo auf Baberowskis Essay war groß und weitgehend positiv, auch wenn er manchen Rezensenten das Gruseln lehrte. Im "Journal of Modern European History"(Heft 14,4/2016) diskutierten zwei Soziologen und ein Historiker über Baberowskis Thesen und formulieren Einwände. So fragte Wolfgang Knöbl, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, was denn passieren muss, damit die Hemmschwelle überschritten wird, die friedliche soziale Ordnung von Räumen der Gewalt trennt. Wie kommt es überhaupt zu einer Gewaltsituation? Knöbl findet bei Baberowski keine klare Antwort darauf, mit Ausnahme jener alten, die schon Thomas Hobbes gegeben hatte: immer und überall da, wo kein starker Staat Gewaltausübung verhindert.

Nun ist es historisch aber so, und das weiß Baberowski natürlich, dass die verheerendste Gewalt im 20. Jahrhundert gerade von Staaten ausgegangen ist. Das waren eben keine Rechtsstaaten, erklärt er. Die Rolle des Rechtsstaats, von Gewaltenteilung und Demokratie bei der Eindämmung von Gewalt hätte Baberowski jedoch deutlicher hervorheben müssen, findet der Basler Soziologe Axel T. Paul. Selbst wenn es keine institutionelle Garantie gegen den Rückfall in die sogenannte Barbarei gibt, so ist dieser doch nicht unter allen gesellschaftlichen Umständen gleichermaßen wahrscheinlich, denn: "Belegt die historische Erfahrung nicht, dass ein politisches Gemeinwesen sich so einrichten lässt, dass die Mitglieder eines solchen sich ohne Furcht voreinander begegnen können?" Gibt es nicht doch so etwas wie Fortschritt, wenigstens auf der Ebene des Rechts?

Sein Scherflein beitragen

Ob Gewalt ausbricht, ist also nicht nur eine Frage des Zufalls oder des fehlenden Hemmschuhs, sondern des historischen Kontextes. Darauf zielt letztlich auch der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth, der an die Ideologien erinnert, ohne die weder Nazis noch Kommunisten ihre Gewaltexzesse hätten ins Werk setzen können. Diese geschahen nicht aus heiterem Himmel, sondern nach jahrelanger Indoktrinierung. Gerwarth nennt noch einen weiteren Aspekt, den er bei Baberowski unterbelichtet findet: dass Gewalt ein Geschlecht hat, und das war und ist in den allermeisten Fällen männlich. Mitleid und Empathie sind indes keine ausschließlich weiblichen Eigenschaften. Selbst in den extremen Gewalträumen Osteuropas während des Zweiten Weltkriegs gab es Männer, die sich dem Morden verweigerten.

Aus dieser lesenswerten Diskussion lassen sich zwei gedankliche Schlüsse ziehen. Die schlechte Nachricht zuerst: Auch wir friedensverwöhnten Europäer des 21. Jahrhunderts sind nicht gegen eine Rückkehr politischer Gewalt versichert, da ist Baberowski (und anderen) wohl leider recht zu geben. Doch ebenso wenig ist diese unser unentrinnbares Schicksal. Wer den Rechtsstaat verteidigt, auch gegen angeblich machtpolitische "Vernunft", wer menschenverachtenden Ideologien entgegentritt und die Fahne der Demokratie hochhält, vor allem aber: wer sich für Frauenrechte einsetzt -der trägt auch sein Scherflein für eine friedlichere Welt bei.

Für Pessimisten war es nur eine Frage der Zeit, bis der Traum vom ewigen Frieden, den wir Europäer in unserer Union verwirklicht glaubten, platzen würde. Inzwischen sind auch wir Übrigen unsanft geweckt worden, weniger durch Terror oder jene Bemerkung eines US-Präsidenten, die Nato sei "obsolet", als vielmehr von einem politischen Diskurs, der wieder ganz offen von Gewalt spricht, von ihrer scheinbaren Legitimität und Unausweichlichkeit. Dass dem Gerede Taten folgen und Europa eines Tages wieder zum Schauplatz massiver politischer Gewalt wird, ist nicht mehr auszuschließen.

Was Gewalt mit Gesellschaft zu tun hat

Einer, der sich darüber vermutlich nicht wundern würde, ist Jörg Baberowski. Als Historiker, der sich intensiv mit der sowjetischen Gewaltherrschaft befasst hat, gehört er begreiflicherweise eher zu den Pessimisten. Das schlug sich auch in seinem Buch "Räume der Gewalt" nieder, das die alte Frage neu stellte, was Gewalt mit Gesellschaft zu tun hat.

Baberowski zufolge kann jeder Mensch oder jede Gesellschaft, egal ob primitiv oder hochzivilisiert, gewalttätig werden, muss aber nicht. Ob Gewalt ausbricht, hänge nicht vom Charakter des Einzelnen, seiner Moral, seinen Motiven und Überzeugungen ab, sondern von der Situation, in die er jeweils gerät. Ist die Hemmschwelle erst überwunden, ist Gewalt einmal im Raum, dominiert sie das weitere Geschehen und das Verhalten der Beteiligten. Die meisten Menschen, so Baberowski, hätten Angst vor Gewalt und daher ein vitales Interesse, sich dagegen zu versichern: Deswegen gibt es ja soziale Ordnung. Doch in Gewaltsituationen herrschen andere Gesetze. Gewalt schafft ihre eigene Ordnung. Wer darin überleben will, darf selbst nicht vor Gewalt zurückschrecken. Vor der Gefahr, dass soziale Ordnung in ihr mörderisches Gegenteil umschlägt, sei mithin keine Gesellschaft gefeit, auch nicht die Moderne.

Einwände formuliert

Das Echo auf Baberowskis Essay war groß und weitgehend positiv, auch wenn er manchen Rezensenten das Gruseln lehrte. Im "Journal of Modern European History"(Heft 14,4/2016) diskutierten zwei Soziologen und ein Historiker über Baberowskis Thesen und formulieren Einwände. So fragte Wolfgang Knöbl, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, was denn passieren muss, damit die Hemmschwelle überschritten wird, die friedliche soziale Ordnung von Räumen der Gewalt trennt. Wie kommt es überhaupt zu einer Gewaltsituation? Knöbl findet bei Baberowski keine klare Antwort darauf, mit Ausnahme jener alten, die schon Thomas Hobbes gegeben hatte: immer und überall da, wo kein starker Staat Gewaltausübung verhindert.

Nun ist es historisch aber so, und das weiß Baberowski natürlich, dass die verheerendste Gewalt im 20. Jahrhundert gerade von Staaten ausgegangen ist. Das waren eben keine Rechtsstaaten, erklärt er. Die Rolle des Rechtsstaats, von Gewaltenteilung und Demokratie bei der Eindämmung von Gewalt hätte Baberowski jedoch deutlicher hervorheben müssen, findet der Basler Soziologe Axel T. Paul. Selbst wenn es keine institutionelle Garantie gegen den Rückfall in die sogenannte Barbarei gibt, so ist dieser doch nicht unter allen gesellschaftlichen Umständen gleichermaßen wahrscheinlich, denn: "Belegt die historische Erfahrung nicht, dass ein politisches Gemeinwesen sich so einrichten lässt, dass die Mitglieder eines solchen sich ohne Furcht voreinander begegnen können?" Gibt es nicht doch so etwas wie Fortschritt, wenigstens auf der Ebene des Rechts?

Sein Scherflein beitragen

Ob Gewalt ausbricht, ist also nicht nur eine Frage des Zufalls oder des fehlenden Hemmschuhs, sondern des historischen Kontextes. Darauf zielt letztlich auch der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth, der an die Ideologien erinnert, ohne die weder Nazis noch Kommunisten ihre Gewaltexzesse hätten ins Werk setzen können. Diese geschahen nicht aus heiterem Himmel, sondern nach jahrelanger Indoktrinierung. Gerwarth nennt noch einen weiteren Aspekt, den er bei Baberowski unterbelichtet findet: dass Gewalt ein Geschlecht hat, und das war und ist in den allermeisten Fällen männlich. Mitleid und Empathie sind indes keine ausschließlich weiblichen Eigenschaften. Selbst in den extremen Gewalträumen Osteuropas während des Zweiten Weltkriegs gab es Männer, die sich dem Morden verweigerten.

Aus dieser lesenswerten Diskussion lassen sich zwei gedankliche Schlüsse ziehen. Die schlechte Nachricht zuerst: Auch wir friedensverwöhnten Europäer des 21. Jahrhunderts sind nicht gegen eine Rückkehr politischer Gewalt versichert, da ist Baberowski (und anderen) wohl leider recht zu geben. Doch ebenso wenig ist diese unser unentrinnbares Schicksal. Wer den Rechtsstaat verteidigt, auch gegen angeblich machtpolitische "Vernunft", wer menschenverachtenden Ideologien entgegentritt und die Fahne der Demokratie hochhält, vor allem aber: wer sich für Frauenrechte einsetzt -der trägt auch sein Scherflein für eine friedlichere Welt bei.