Tavola Doria - © Foto: Getty Images / Fine Art Images/Heritage Images
Feuilleton

Italien: Große Kunst und müde Herzen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Kulturgeschichte Italiens ist geprägt von den unterschiedlichen Facetten und der ambivalenten Natur der italienischen Identität, der „Italianità“, die über Jahrhunderte als kulturelle Matrix für ganz Europa diente.

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Die Kulturgeschichte Italiens ist geprägt von den unterschiedlichen Facetten und der ambivalenten Natur der italienischen Identität, der „Italianità“, die über Jahrhunderte als kulturelle Matrix für ganz Europa diente.

Die gegenwärtige Lage ­Italiens sah auch schon vor dem Coronavirus düster aus. Das Land wurde und wird von politischen und ökonomischen Krisen geprägt. Korrupte Politiker, neo­faschistische Bewegungen, der Ausverkauf nationaler Symbole wie des ­Fiat-Konzerns, eine städtebauliche Barbarei, die schon Pier Paolo Pasolini beklagte, und ökologische Verwüstungen bestimmen das Image des Landes, das vorwiegend in den Medien zu finden ist. Übersehen wird jedoch der kulturelle Reichtum Italiens, der seit dem 11. Jahrhundert eine faszinierende Vielfalt an Dichtungen, philosophischen und politischen Theorien, Gemälden und Bauwerken hervorgebracht hat. Der in Fribourg lehrende Historiker Volker Reinhardt hat in der umfangreichen Studie „Die Macht der Schönheit. Kulturgeschichte Italiens“ ein Porträt der verschiedenen Facetten der italienischen Identität – der „Italianità“ – gezeichnet. Darin verweist er auf deren Ambivalenz. Sie zeichnet sich durch eine Dialektik aus, die zwischen einer kulturellen Blütezeit und Krisen oder Katastrophen oszilliert.

Auf der einen Seite steht – speziell in der Renaissance – die Würde des Menschen. Die „Italianità“ ist für Reinhardt die kulturelle Matrix für Eu­ropa, die Jahrhunderte gültige Maßstäbe der höheren Lebensart, der sozialen Distinktion, der Humanitas, der Würde des Individuums, der Erhabenheit der Sprache und der überlegenen Kraft der gestaltenden Ratio gesetzt hat. Andererseits sind die Schattenseiten wie Glaubenskriege, Hexenverfolgungen, Inquisition und Korruption der Herrschenden nicht zu übersehen.

Selbst ein elementares Ereignis wie die Pest konnte die kulturelle Entfaltung der italienischen Identität nur kurzfristig beeinträchtigen, schreibt Volker Reinhardt. Politische, soziale und ökonomische Krisen gehören für ihn als Leitmotive zur Geschichte Italiens und fungieren als Anstöße für eine produktive kulturelle Weiterentwicklung. Nach den Pestepidemien dauerte es nicht mehr lange, bis sich die humanistische Kultur in den meisten städtischen Zentren durchsetzte. Philosophie, Literatur und die bildende Kunst erlebten eine Blütezeit, die mit Namen wie Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio, Leon Battista Alberti, Sandro Botticelli, Raffael, Leonardo da Vinci oder Michel­angelo verbunden ist.

Mythos Leonardo

Ein besonders markantes Beispiel für die Blütezeit der italienischen Kulturgeschichte ist Leonardo da Vinci. Der Maler der „Mona Lisa“, des „Letzten Abendmahls“ in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie, der Zeichner des ideal proportionierten Menschen, der Konstrukteur von Flugapparaten und Kanälen, der Verfasser von philosophischen Überlegungen, der unterschiedlichste Phänomene erforschen wollte, wurde zu einer mythischen Figur – zum Universalgenie der Renaissance. Diese ­verklärende Sichtweise ist laut Volker Reinhardt in dieser Form nicht länger aufrechtzuerhalten. Ein sorgfältiges Quellenstudium – speziell der Notizbücher – zeigt Leonardo da Vinci als einen eigenwilligen Künstler, der von einem zutiefst pessimistischen Menschenbild ausging. Er war von der Destruktivität des Menschen überzeugt. Das Sündenregis­ter ist umfangreich: Der Mensch zeichne sich durch die Lust am Töten aus, quäle andere Lebewesen, ­unterjoche die Natur und sehe sich als die Krone der Schöpfung, die er nicht ist. In verschiedenen Texten artikulierte Leonardo da Vinci apokalyptische Visionen: „Die Menschen werden sich untereinander unablässig mit schwersten Schäden und Morden bekämpfen und ihre Bösartigkeit wird kein Ende haben. Mit ihren starken Gliedern werden sie einen großen Teil der Bäume der großen Wälder des Universums niederreißen. Und dann werden sie Tod, Kummer, Mühsal, Angst und Schrecken unter den anderen belebten Dingen säen.“