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Leben nicht um jeden Preis verlängern

die Furche: Inwiefern spielt Ethik bei der Frage zur Zukunft des Gesundheitswesens eine Rolle?

Valentin Zsifkovits: Wenn, nicht zuletzt auf Grund des Fortschritts in der Medizin, die Mittel knapp werden, muß man sich überlegen, welche Prioritäten man setzt. Und das ist primär eine Angelegenheit der Ethik, denn es geht hier um Werte und um Ziele. Die Ökonomie kann nur beurteilen, wie der bestmögliche Einsatz für gegebene Ziele stattzufinden hat. Aber die Ökonomie kann nicht die Ziele festsetzen. Die Ziele muß die Ethik und damit zusammenhängend die Politik festsetzen. Daher hat Ethik hier eine entsprechende Bedeutung.

die Furche: Glauben Sie, daß die Frage, wieviel ein Mensch kosten darf, in Zukunft relevant wird?

Zsifkovits: Ja. Ich halte es daher für dringend notwendig, daß man über diese Frage öffentlich diskutiert. Und vor allem Ethiker müssen mitdiskutieren. Man darf das nicht nur Ökonomen überlassen. Das geht uns alle an. Schlecht ist es, wenn man im stillen Kämmerlein etwas diskutiert und dann daraus stillschweigend Konsequenzen zieht.

die Furche: Wie würden Sie den Zugang wählen?

Zsifkovits: Der Wert eines Menschen kann nicht auf Grund seiner ökonomischen oder sonstigen Nützlichkeit bemessen werden. Und ich warne davor, daß man Leben als lebensunwert deklariert. Jedes Leben ist gleich viel wert. Ich befürchte, daß stillschweigend diejenigen, die bereits benachteiligt sind, auch künftig benachteiligt werden, daß eine schleichende Ökonomisierung in unser Leben einzieht.

die Furche: Aber Sie selbst sprechen sich etwa für einen Verzicht künstlicher, lebensverlängernder Maßnahmen bei Sterbenden aus, wenn der ursprünglich beabsichtigte Heilerfolg nicht mehr erreicht werden kann. Kann man das nicht auch unter ökonomischen Gesichtspunkten sehen?

Zsifkovits: Es gibt eine Berechtigung zur Behandlungsbegrenzung bei gleichzeitigem Vorliegen folgender Bedingungen: Wenn der Krankheitsprozeß nach aktuellem medizinischem Wissensstand nicht mehr rückgängig zu machen ist und erfahrungsgemäß in absehbarer Zeit zum Tode führt; wenn zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen grundsätzlich Maßnahmen erforderlich wären, die die üblichen Behandlungsmaßnahmen übersteigen; wenn mittels der Behandlung nur ein Weiterleben unter äußerst belastenden Bedingungen erreicht werden könnte, ohne aber den auslösenden Krankheitsprozeß kausal zu beeinflussen und wenn unter Berücksichtigung der Würde des Menschen die Lebensqualität des Patienten wesentlich beeinflußt wäre (Österreichisches Pastoralinstitut). Man kann das auch anders formulieren. Da der Mensch heute auf dem Gebiet der Medizintechnik mehr kann, als er sinnvoller- und vernünftigerweise tun sollte, stellt sich heute insbesondere die Frage nach den Grenzen. Menschliches Leben ist also nicht um jeden Preis zu verlängern, weil es nicht Aufgabe der Medizin sein kann, Leiden und Sterben sinnlos hinauszuzögern. Menschliches Leben sollte nur dann mit künstlichen Mitteln verlängert werden, wenn der Patient wenigstens ansatzweise dadurch in die Lage versetzt wird, die verbleibende Zeit bewußt zu erleben und selbst zu gestalten. Wo die Aussicht auf die ansatzweise Wiederherstellung von Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit, körperlicher Autonomie und Schmerzfreiheit nicht mehr gegeben ist, da dürfen lebensverlängernde Maßnahmen entscheidungsfähigen Patienten nicht aufgedrängt und entscheidungsunfähigen noch weniger aufgezwungen werden (E. Schockenhoff).

die Furche: Ist hier nicht die Gefahr, daß das ökonomisch ausgenützt und Mißbrauch betrieben wird?

Zsifkovits: Es gibt fast nichts auf der Welt, wo nicht die Gefahr des Mißbrauches gegeben ist. Gerade deshalb bin ich für eine breite Diskussion, damit nicht unterschwellig ökonomische Gründe als ethische verkauft werden.

Das Gespräch führte Monika Kunit.

Universitätsprofessor Valentin Zsifkovits ist Vorstand des Instituts für Ethik und Sozialwissenschaft in Graz.

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