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Stéphane Hessel "Empört euch!"

Er ist der letzte noch lebende Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen: Stéphane Hessel. Geschichte eines bewegten und bewegenden Lebens.

Die Revolte kennt keine Altersbeschränkung. Nicht bei Stéphane Hessel, geboren 1917. Empörung gegen untragbare Missstände, das sei das Erbe der französischen Widerstands-Bewegung gegen das NS-Regime. Mit einem leidenschaftlichen Appell, dieses Vermächtnis aufleben zu lassen, fordert Hessel als einer der letzten Résistance-Kämpfer die junge Generation auf, sich den aktuellen globalen Herausforderungen zu stellen. In seiner druckfrischen Kampfschrift, "Indignez-vous!" ("Empört euch!"), die von amazon.fr für knapp drei Euro vermarktet wird, prangert Stéphane Hessel das Ungleichgewicht der Finanzwirtschaft an. Bar jeder Kontrolle hätten diese die Welt unregierbar gemacht. Politiker und Wirtschaftsexperten dürften sich nicht von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte beeindrucken lassen, die Frieden und Demokratie bedrohten.

Ein kreativer Visionär

Der Autor dieser Streitschrift wäre vor über 60 Jahren ohne Ermutigung durch Poesie möglicherweise in Buchenwald umgekommen. Ein kreativer Visionär - als solcher ist Hessel jedoch viel zu bescheiden und ebenso nüchtern, um sein Überleben der Poesie zuzuschreiben: "Was mich gerettet hat, ist außerordentliches Glück, Begegnungen mit Leuten, die mich gerettet haben, wie Eugen Kogon." Und doch dürfte die Poesie, mit der er als "Grundlage meines Selbstvertrauens" lebt, einen nicht überschätzbaren Stellenwert für sein Überleben und Weiterleben seit 1945 gehabt haben. Bis heute sind Hunderte von französischen, englischen und deutschen poetischen Schöpfungen in seinem Gedächtnis lebendig und werden von dem 93-Jährigen ebenso situationsgerecht wie mühelos zitiert. Seine Gesprächspartner erfahren ganz beiläufig den Bezug einzelner Verse oder ganzer Balladen zu aktuellen Situationen. Hessels zweite Autobiografie, "Ô ma mémoire: Gedichte, die mir unentbehrlich sind", vermittelt Einblicke in die entscheidende Rolle, die Poesie in seinem persönlichen Leben gespielt hat.

Dieser nüchterne Realpolitiker und passionierte Verfechter des Völkerrechts weist Poeten eine besondere Bestimmung zu: "Das menschliche Wort ist immer Gebot und Verbot, Mittel zur Aufrechterhaltung von Ordnungen in Gesellschaften gewesen", sagt Hessel im Interview. "Man brauchte ein klares, starkes Wort, das festlegte: 'Du sollst! Du sollst nicht!' So sind Gesellschaften gebaut. Aber das Wort hat noch eine andere Rolle, nämlich die Fantasie in unser Verhalten zu integrieren, ebenso die Ablehnung dessen, was einst ein für alle Mal festgeschrieben worden war. Dieses Mandat wird von den Dichtern wahrgenommen. Ihre Bestimmung ist es, im Geist eines jeden anzuregen, was die begrenzte, etablierte Ordnung übersteigt. Dichter rufen etwas Neues, Fantasievolles auf den Plan und können das etablierte Funktionieren des Systems verändern und dem Geist neue Realisierungsebenen eröffnen. Poesie ist wesentlich als Öffnung auf das, was über die umgrenzten Rahmen etablierter Gesellschaften hinausgeht." Zugleich berichtet Hessel, dass sein poetisches Gedächtnis, seine Fähigkeit, sich Gedichte zu vergegenwärtigen, ihm immer wieder in fatalen Situationen geholfen habe, ungeahnte Kräfteressourcen zu mobilisieren. So habe ihm das Rezitieren eines Gedichts weitergeholfen, um mit der deprimierenden Stimmung des KZ-Alltags umzugehen. Mit charakteristischer Bescheidenheit betont Hessel jedoch, sein Überleben verdanke er anderen Menschen sowie außerordentlichem Glück, keinem eigenen Verdienst. Doch die Poesie war unersetzlich, um nach dem Überleben mit den traumatischen Erinnerungen umzugehen und neuen Lebensmut zu schöpfen: "Das sind niederdrückende Erfahrungen. Wer sie durchmacht, dem gelingt es, mehr oder weniger seinen Lebensmut aufrechtzuerhalten. Ich habe das Glück, dass ich zu keinem Zeitpunkt meiner Deportation meinen Lebensmut verlor. Andere verloren ihn und haben es schwer, danach weiterzuleben."

Den Lebensmut behalten

"Dass ich meinen Lebensmut behalten habe, dabei hat die Poesie eine entscheidende Rolle gespielt, aber zugleich hatte ich außerordentliches Glück. Immer wieder ist es im Verlauf meiner Deportation besser gelaufen, als es eigentlich hätte ausgehen sollen."

Stéphane Hessel wird 1917 in Berlin geboren und emigriert 1925 mit seiner Familie nach Paris. Seit 1937 französischer Staatsbürger, schließt er sich 1940 de Gaulles Résistance in London an. Im Juli 1944 ist Hessel auf Mission in Paris, wo er kurz vor der Befreiung der Stadt von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach Buchenwald deportiert wird. Mithilfe von Mitgefangenen entkommt er der Hinrichtung und kann fliehen. Zu Kriegsende, nämlich genau am 8. Mai 1945, trifft er wieder in Paris ein. Seine erste Autobiografie liest sich wie ihr Titel: "Tanz mit dem Jahrhundert" (Deutsch 1998) bietet atemberaubende Lektüre, eine zeitgeschichtliche Schatztruhe und, nach 1945, eine außergewöhnliche diplomatische Karriere eines humanen, kreativen Querdenkers.

Die Werte neu definieren

Nur wenige Monate nach seiner Flucht aus Buchenwald wird Hessel im Herbst 1945 Mitglied des französischen diplomatischen Corps. Im Jahr darauf ist er in New York Mitarbeiter René Cassins, der Frankreich im Ausschuss vertritt, der die Menschenrechtserklärung erarbeitet. Als Antwort auf Faschismus, Nationalsozialismus, Hiroshima und Auschwitz", erinnert sich Hessel, "mussten die Werte definiert werden, die der UNO als Grundlage dienen konnten. Es war ehrgeizig, geradezu waghalsig zu sagen: 'Wir sind diejenigen, die heute die Werte festlegen, nach denen die Welt von morgen zu leben hat!' Es ging dabei sowohl um die Wahrung des Friedens, wie zuvor für den Völkerbund, als auch um Stärkung und Achtung der Menschenrechte. Das ist das große Novum der UNO. Bislang hatte man von Menschenrechten in einzelnen Ländern gesprochen: in Frankreich, in England, in den USA. Aber noch nie war gesagt worden: Wir müssen gemeinsam die Menschenrechte stärken. Nicht nur jeder bei sich, sondern jeder trägt Verantwortung für das, was bei anderen passiert."

Als letzter noch lebender Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) unterstreicht Hessel heute die Aktualität dieses völkerrechtlichen Instruments. Beispielsweise Artikel 28, nämlich die Einheit der politischen und bürgerlichen Rechte mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten, die wegen globaler ideologischer Polarisierung des Kalten Krieges viel zu lang verkannt worden ist. In der Gegenwart gehe es bei der Umsetzung dieses Ziels um viele neue Herausforderungen, die 1948 noch nicht erkannt worden waren, z. B. das Recht aller Menschen auf die nachhaltige Bewirtschaftung und Anteil an den lebenswichtigen Ressourcen wie Umwelt, Nahrung, Wasser etc.

* Der Autor ist Journalist und Menschenrechtsexperte

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist der eindringliche Versuch der Vereinten Nationen, die rechtlichen Konsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Am 10. Dezember 1948 wird die Erklärung auf Schloss Caillot in Paris von der Generalversammlung beschlossen und verkündet. Sie besteht aus 30 Artikeln. Darin ist die Absicht begründet, "die Würde und den Wert der menschlichen Person und [...] die Gleichberechtigung von Mann und Frau" herzustellen. Obwohl sie als Erklärung keinen völkerrechtlich verbindlichen Charakter besitzt, wird sie als Gewohnheitsrecht angesehen. (tan)

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