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Feuilleton

Wer ist hier überhaupt noch ein Subjekt?

1945 1960 1980 2000 2020

Schriftsteller "lesen die Symptome der Welt; selbst wenn sie nichts davon wissen wollen", schrieb Ulrich Peltzer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. Das Ergebnis seiner Symptomlektüre liest sich ebenso gruselig wie großartig, im Roman "Das bessere Leben".

1945 1960 1980 2000 2020

Schriftsteller "lesen die Symptome der Welt; selbst wenn sie nichts davon wissen wollen", schrieb Ulrich Peltzer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. Das Ergebnis seiner Symptomlektüre liest sich ebenso gruselig wie großartig, im Roman "Das bessere Leben".

Die Gegenwart -"eine Realität aus Nebensächlichkeiten, die um kein Zentralgestirn (eine große Idee) mehr kreisen, es sei denn das Geld ...". Wenn die Gegenwart derart dezentriert und unübersichtlich geworden ist, dass man nicht einmal mehr weiß, wer der Urheber des anonymen Gemurmels ist, das tagtäglich auf einen einwirkt, dann muss das auch Auswirkungen auf die Gestaltung eines Romans haben.

So wird darin dann etwa keine privilegierte Beobachterposition mehr eingenommen, denn wer könnte denn von oben herab erzählen, wer könnte Überblick behaupten oder gar haben. Statt dessen gibt es - zum Beispiel - ein "Rhizom medialer Schlaufen, in denen man sich verfängt, ohne Schlaf in einem Hotelzimmer in Düsseldorf liegend, auf dem Blackberry E-Mails aus Turin lesend, während das Fernsehgerät stumm vor sich hinflackert". Derart skizziert Ulrich Peltzer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen "Angefangen wird mittendrin"(S. Fischer 2011) die Arbeit an seinem Roman "Das bessere Leben."

Eben diese Poetikvorlesungen begann Peltzer mit Hinweisen auf James Joyce und seinen bahnbrechenden Roman "Ulysses", in dem keine Vermittlungsinstanz mehr zwischen dem Gedankenfluss der Figuren und dem Publikum stand. Kein Wunder, dass Peltzer selbst einigen der Joyce'schen Techniken, etwa dem inneren Monolog, in seinem Roman Raum gibt - und auf diese Weise in die Köpfe der Romanfiguren blickt, in denen sich disparat und quer durch die Zeiten Erinnerungen und Szenen, Business-Sprache und Ideologien tummeln.

Widerhall der Welt

"Eher ein Widerhall denn repräsentatives Bild, eher brüchige Korrespondenzen denn mimetische Gesamtschau, eher das Tasten nach Zusammenhängen (zwischen Paranoia und Beliebigkeit) denn 'kontemplative Geborgenheit' in einer so oder so stabilen Welt - wie anders ließe sich heute das Verhältnis des Realen zu einem Text beschreiben, der es zu fassen versucht", fragte sich Peltzer. Und "Das bessere Leben", jener Roman, der damals gerade entstand, zeigt im beeindruckenden Ergebnis, dass der Autor nicht nur theoretisch auszudrücken vermag, was Literatur heute leisten könnte und kann, sondern dass er auch die praktische Umsetzung beherrscht.

Einen Plot über diesen Roman zu erzählen, würde dem Werk ebenso Gewalt antun, wie es zu erklären. Denn gerade das Unerklärliche, das nicht Festzumachende ist Thema. Fragen wie "Auf wen oder was kann man sich noch verlassen?" oder "Wer ist der Direktor dieser sogenannten Wirklichkeit?"(Rolf Dieter Brinkmann) stellen sich beim Lesen zwar, sogar immer dringender und bedrängender, sind aber kaum zu beantworten. Mehr Durchblick in Sachen Risikomanagement und globales Finanzgebaren wird man nach der Lektüre dieses Romans wohl auch nicht aufweisen können. Freilich gewinnt man Ahnungen über Täterschaften und Verbrechen, aber richtig sichtbar sind sie nicht, die Grenzen zwischen Legalität und Kriminalität erscheinen eigenartig und gefährlich verschwommen, Zusammenhänge sind spürbar, aber nicht festzumachen. Genau darum geht's.

Wer ist überhaupt noch ein Subjekt und was kann er noch tun? Was haben diejenigen, die womöglich vor Jahrzehnten selbst noch als Demonstranten auf die Straße gingen, weil sie davon überzeugt waren, sie könnten die Welt verändern, heute noch in der Hand? Ist der einzelne vom Zufall regiert oder ist er der Traum, den ein anderer träumt, eine Figur, die ein anderer auf seinem Spielfeld hin- und herschiebt? Fragen über Fragen, die sich stellen - und die immer mehr hineinziehen in dieses Gespinst des Romans und der Welt.

Mit dem Teufel

Dass auch nicht deutlich festzumachen ist, wer hier eigentlich Täter ist (und was es heißt: Täter zu sein) - das zeigt sich am schillerndsten in dieser immer schauriger anmutendenden Figur des Sylvester Lee Fleming, seines Zeichens Risikomanager, der sich erfolgreich selbstständig gemacht hat und nun sogar Aufträge jenes Unternehmens übernimmt, das einst sein Arbeitgeber war. An seiner Seite steht Angel Barroso, anders als sein Name verspricht auch nicht gerade ein Engel.

Bis zu jener Szene, in der sich Sales Manager Jochen Brockmann und Fleming (zufällig? oder gar von langer Hand geplant?) begegnen, vergehen viele Seiten. Doch dann wird's richtig unangenehm, dabei ist Fleming die Freundlichkeit in Person. Oder sitzt da doch der Teufel?

Denn Fleming weiß erstaunlich, nein: unheimlich viel über die berufliche Lage Brockmanns (von dessen Privatleben die Leser übrigens am meisten erfahren, auch durch die sich anbahnende Liebesgeschichte mit der in Amsterdam lebenden ehemaligen Russischlehrerin Angelika Volkhart). Gerade noch hat Brockmann in der Schweiz einen Geldkoffer deponiert, man kann ja nie wissen ... Dass es nach dem gemeinsamen Abendessen von Fleming und Brockmann dann aber auch noch zu einer Wette zwischen Fleming und Angel kommt, verstärkt den Verdacht, hier könnte es mit dem Teufel zugehen -und Brockmann wäre die Spielfigur.

"Schriftsteller sind keine Kranken, die sich und ihre Nächsten selbst behandeln, sondern sie lesen die Symptome der Welt; selbst wenn sie nichts davon wissen wollen", schrieb Ulrich Peltzer in seiner Poetikvorlesung und setzte die Symptome der Welt in seinem Roman auch syntaktisch um, sprachgewandt mäandernd zwischen Räumen und Zeiten und Figuren. Das Ergebnis ist großartig und gruselig, aber nicht gruseliger als das Gespinst, das uns umgibt und das wir Wirklichkeit nennen.

Das bessere Leben

Roman von Ulrich Peltzer

S. Fischer 2015. 445 S., geb., € 23,70

Die Gegenwart -"eine Realität aus Nebensächlichkeiten, die um kein Zentralgestirn (eine große Idee) mehr kreisen, es sei denn das Geld ...". Wenn die Gegenwart derart dezentriert und unübersichtlich geworden ist, dass man nicht einmal mehr weiß, wer der Urheber des anonymen Gemurmels ist, das tagtäglich auf einen einwirkt, dann muss das auch Auswirkungen auf die Gestaltung eines Romans haben.

So wird darin dann etwa keine privilegierte Beobachterposition mehr eingenommen, denn wer könnte denn von oben herab erzählen, wer könnte Überblick behaupten oder gar haben. Statt dessen gibt es - zum Beispiel - ein "Rhizom medialer Schlaufen, in denen man sich verfängt, ohne Schlaf in einem Hotelzimmer in Düsseldorf liegend, auf dem Blackberry E-Mails aus Turin lesend, während das Fernsehgerät stumm vor sich hinflackert". Derart skizziert Ulrich Peltzer in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen "Angefangen wird mittendrin"(S. Fischer 2011) die Arbeit an seinem Roman "Das bessere Leben."

Eben diese Poetikvorlesungen begann Peltzer mit Hinweisen auf James Joyce und seinen bahnbrechenden Roman "Ulysses", in dem keine Vermittlungsinstanz mehr zwischen dem Gedankenfluss der Figuren und dem Publikum stand. Kein Wunder, dass Peltzer selbst einigen der Joyce'schen Techniken, etwa dem inneren Monolog, in seinem Roman Raum gibt - und auf diese Weise in die Köpfe der Romanfiguren blickt, in denen sich disparat und quer durch die Zeiten Erinnerungen und Szenen, Business-Sprache und Ideologien tummeln.

Widerhall der Welt

"Eher ein Widerhall denn repräsentatives Bild, eher brüchige Korrespondenzen denn mimetische Gesamtschau, eher das Tasten nach Zusammenhängen (zwischen Paranoia und Beliebigkeit) denn 'kontemplative Geborgenheit' in einer so oder so stabilen Welt - wie anders ließe sich heute das Verhältnis des Realen zu einem Text beschreiben, der es zu fassen versucht", fragte sich Peltzer. Und "Das bessere Leben", jener Roman, der damals gerade entstand, zeigt im beeindruckenden Ergebnis, dass der Autor nicht nur theoretisch auszudrücken vermag, was Literatur heute leisten könnte und kann, sondern dass er auch die praktische Umsetzung beherrscht.

Einen Plot über diesen Roman zu erzählen, würde dem Werk ebenso Gewalt antun, wie es zu erklären. Denn gerade das Unerklärliche, das nicht Festzumachende ist Thema. Fragen wie "Auf wen oder was kann man sich noch verlassen?" oder "Wer ist der Direktor dieser sogenannten Wirklichkeit?"(Rolf Dieter Brinkmann) stellen sich beim Lesen zwar, sogar immer dringender und bedrängender, sind aber kaum zu beantworten. Mehr Durchblick in Sachen Risikomanagement und globales Finanzgebaren wird man nach der Lektüre dieses Romans wohl auch nicht aufweisen können. Freilich gewinnt man Ahnungen über Täterschaften und Verbrechen, aber richtig sichtbar sind sie nicht, die Grenzen zwischen Legalität und Kriminalität erscheinen eigenartig und gefährlich verschwommen, Zusammenhänge sind spürbar, aber nicht festzumachen. Genau darum geht's.

Wer ist überhaupt noch ein Subjekt und was kann er noch tun? Was haben diejenigen, die womöglich vor Jahrzehnten selbst noch als Demonstranten auf die Straße gingen, weil sie davon überzeugt waren, sie könnten die Welt verändern, heute noch in der Hand? Ist der einzelne vom Zufall regiert oder ist er der Traum, den ein anderer träumt, eine Figur, die ein anderer auf seinem Spielfeld hin- und herschiebt? Fragen über Fragen, die sich stellen - und die immer mehr hineinziehen in dieses Gespinst des Romans und der Welt.

Mit dem Teufel

Dass auch nicht deutlich festzumachen ist, wer hier eigentlich Täter ist (und was es heißt: Täter zu sein) - das zeigt sich am schillerndsten in dieser immer schauriger anmutendenden Figur des Sylvester Lee Fleming, seines Zeichens Risikomanager, der sich erfolgreich selbstständig gemacht hat und nun sogar Aufträge jenes Unternehmens übernimmt, das einst sein Arbeitgeber war. An seiner Seite steht Angel Barroso, anders als sein Name verspricht auch nicht gerade ein Engel.

Bis zu jener Szene, in der sich Sales Manager Jochen Brockmann und Fleming (zufällig? oder gar von langer Hand geplant?) begegnen, vergehen viele Seiten. Doch dann wird's richtig unangenehm, dabei ist Fleming die Freundlichkeit in Person. Oder sitzt da doch der Teufel?

Denn Fleming weiß erstaunlich, nein: unheimlich viel über die berufliche Lage Brockmanns (von dessen Privatleben die Leser übrigens am meisten erfahren, auch durch die sich anbahnende Liebesgeschichte mit der in Amsterdam lebenden ehemaligen Russischlehrerin Angelika Volkhart). Gerade noch hat Brockmann in der Schweiz einen Geldkoffer deponiert, man kann ja nie wissen ... Dass es nach dem gemeinsamen Abendessen von Fleming und Brockmann dann aber auch noch zu einer Wette zwischen Fleming und Angel kommt, verstärkt den Verdacht, hier könnte es mit dem Teufel zugehen -und Brockmann wäre die Spielfigur.

"Schriftsteller sind keine Kranken, die sich und ihre Nächsten selbst behandeln, sondern sie lesen die Symptome der Welt; selbst wenn sie nichts davon wissen wollen", schrieb Ulrich Peltzer in seiner Poetikvorlesung und setzte die Symptome der Welt in seinem Roman auch syntaktisch um, sprachgewandt mäandernd zwischen Räumen und Zeiten und Figuren. Das Ergebnis ist großartig und gruselig, aber nicht gruseliger als das Gespinst, das uns umgibt und das wir Wirklichkeit nennen.

Das bessere Leben

Roman von Ulrich Peltzer

S. Fischer 2015. 445 S., geb., € 23,70