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"Werden Hilfe von Migranten brauchen"

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Die Abgeordnete der Europäischen Volkspartei zum Europaparlament, Anna Záborská, über die Belastung der Pensionssysteme in Europa, die Zukunft des europäischen Gesundheitswesens und die ungleiche Bezahlung und Belastung von Mann und Frau. | Das Gespräch führte Lukas Zimmermann

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Die Abgeordnete der Europäischen Volkspartei zum Europaparlament, Anna Záborská, über die Belastung der Pensionssysteme in Europa, die Zukunft des europäischen Gesundheitswesens und die ungleiche Bezahlung und Belastung von Mann und Frau. | Das Gespräch führte Lukas Zimmermann

Generationenverantwortung in Europa: MEP Dr. Anna Záborská (SVK) gehört der EVP-Fraktion an. Für einen Vortrag über die "Lastenverteilung zwischen den Generationen" nahm Záborská an der "Denkwerkstatt St. Lambrecht" teil.

Die Furche: Laut EU-Bericht kommen bis zum Jahr 2060 auf eine Person über 65 Jahre statt vier nur mehr zwei Personen im erwerbsfähigen Alter. Die Gruppe der Beitragszahler schrumpft weiter. Die Anforderungen für die Jungen werden größer. Wie können die Lasten gerecht verteilt werden?

Anna Záborská: Wir wissen, dass Menschen länger leben als früher. Und wir reden über das aktive Altern. Die Pensionen werden später zurückgezahlt. Das ist also eine Möglichkeit. Schon jetzt passiert es, dass ein junger Mann mit 30 Jahren für sieben Personen arbeitet. Er arbeitet für sich selbst, für seine Eltern, seine Großeltern und für seine Frau und sein Kind. Jetzt müssen wir denken, ob die Situation noch reversibel ist. Wir könnten eine sehr gute Familienpolitik schaffen. In 20 oder 30 Jahren werden wir die Hilfe der Migranten brauchen und ich fürchte, dass immer mehr alte Menschen zum Mittel der Sterbehilfe greifen werden, um ihr Leben zu beenden. Das Gesundheitswesen für alte Leute ist sehr teuer und die Versicherungen haben nicht genug Geld, um diese Pflege zu bezahlen.

Die Furche: Wo sehen Sie die Hauptprobleme in den europäischen Pensionssystemen?

Záborská: Das erste ist die Verschiedenheit zwischen Arbeiter und Nicht-Arbeiter. Dann leben die Leute länger, sodass der Ruhestand länger ist. Und drittens ist die Fertilität niedrig und keine Priorität der Politiker.

Die Furche: Was bringt eine Anhebung des Pensionsantrittsalters?

Záborská: Es hängt von der Arbeitslosenquote des Landes ab. Denn wenn die Jugendlichen keine Beschäftigung haben und Menschen bis 75 oder 80 Jahre arbeiten müssen, nehmen die alten Leute die Arbeitsstellen für die Jugend weg. Die Erhöhung des Pensionsantrittsalters ist nur eine temporäre Lösung.

Die Furche: Sie sind Mitglied im Ausschuss für die Rechte der Frau. Frauen bekommen im europäischen Durchschnitt rund 39 Prozent weniger Pension als Männer.

Záborská: Frauen erhalten um 16 Prozent weniger Lohn. Der Pensionsunterschied liegt bei rund 40 Prozent. In den letzten Jahrzehnten, als die Fertilitätsrate hoch war, erkannte die Gesellschaft diese Zeit nicht für das Pensionsalter an. Wenn Frauen keine Kinder haben, ist die Bezahlung gleich mit Männern in der gesamten Europäischen Union. Nach dem ersten Kind fängt das Gehalt an, niedriger zu werden. Die Arbeitgeber sehen Frauen als weniger effektiv. Es geht nicht um den Vergleich zwischen der Frau, die in der Küche kocht, und einer Ärztin. Die Frau hat eine schlechtere Position auf dem Arbeitsmarkt und sie muss die Arbeit akzeptieren, die nicht gut bezahlt wird. Sie hat möglicherweise Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Zum Beispiel sucht ein Direktor eine Sekretärin. Der Direktor bezahlt der Frau 1000 Euro. Dann kommt der Mann für die gleiche Position und wenn der Direktor sagt, der Mann bekommt 1000 Euro, wird er dafür nicht arbeiten. Der Direktor sagt: "Gut, ich nenne dich fortan Berater und ich gebe dir 1500 Euro, weil du mehr verfügbar bist." Das ist ein normaler Fall.

Die Furche: Nach der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat die EU aufgeatmet. Macron ist bekennender Europäer. Was erhoffen Sie von seiner Wahl für die EU?

Záborská: Es gibt nicht viele Dinge, die sich ändern werden. Der bisherige Präsident Fran ¸cois Hollande war auch für die Europäische Union optimistisch und hatte eine sehr gute Zusammenarbeit mit der deutschen Bundeskanzlerin. Auf der gesetzlichen EU-Ebene gibt es keine Veränderung. Auch falls Martin Schulz die Wahlen in Deutschland gewinnen sollte. Denn alle diese Politiker sind für die Europäische Union. Ich kenne Martin Schulz aus dem EP ganz gut. Die Deutschen glauben viel mehr an Angela Merkel. Sie schützt Deutschland und vermutlich kennt die deutsche Bevölkerung die Person Martin Schulz nicht so gut, weil er lange Zeit in Brüssel war.

Die Furche: Welche Erkenntnisse nehmen Sie von der "Denkwerkstatt St. Lambrecht" mit?

Záborská: Es war für mich besondere Konferenz, weil ich vor sehr spezialisierten Menschen gesprochen habe und diese Leute versuchen, die Bürger Europas zu unterstützen. Ich hatte den Eindruck, dass ich ihnen nicht irgendetwas erzählen konnte. Das Publikum war nicht wie eine NGO, es war nicht wie die politische Versammlung und ich schätze sehr die Atmosphäre dieser Konferenz. Sie sprachen über Finanzierungen in vielen Facetten, etwa die Arbeitsproduktivität und die demografische Situation. Die Teilnehmer denken für Jahrzehnte im Voraus und nicht für die nächste Legislaturperiode.

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