7003777-1987_35_03.jpg

Beirut: Der tägliche Tod

19451960198020002020

In Beirut tobt ein andauernder Bürgerkrieg. Dieser entstammt einer langen Geschichte.

19451960198020002020

In Beirut tobt ein andauernder Bürgerkrieg. Dieser entstammt einer langen Geschichte.

Kaum ein Haus ohne Kriegsnarben. Der Blick vom Hotelfenster auf Beirut zeigt die schreckliche Realität des schon zwölf Jahre dauernden Bürgerkriegs. Kein Ende in Sicht.

Die Architektur in Beirut hat noch immer einen französischen Akzent. Ähnliche Häuser wie in Paris; hoch, mit schmalen Fenstern, vorspringenden Simsen, Karyatiden beiderseits der Portale, Balkone mit verschnörkelten Eisengeländern, Fassadenprunk. Nur näher herangehen an diese Prachtbautenkulisse darf man nicht. Uringeruch, Verwesung, Kadaver und überall Ratten. Der Krieg hat bisher 150.000 Tote, 300.000 Verwundete, 30.000 Behinderte, 50.000 Waisen oder Halbwaisen und mehr als 600.000 Flüchtlinge im eigenen Land hervorgebracht. Es gibt kaum ein Unheil in diesem Land, dessen Wurzeln nicht im Bereich der Macht zu finden sind. Keine der kämpfenden Gruppen ist davon ausgenommen, auch die der Christen nicht.

Führende Persönlichkeiten der christlichen Kirchen im Land, darunter auch der Patriarch der Maroniten, konstatieren: „Der Krieg im Libanon ist ein Krieg der anderen im Libanon — er ist kein religiöser Krieg.” Das aber ist nur bedingt richtig. Am Beispiel der Christen im Libanon leicht zu erklären. Christsein im Libanon bedeutet nicht nur, einer Kirche anzugehören. Christsein im Libanon bedeutet auch die Zugehörigkeit zu einem Großclan.

Die Christen waren — nach der Gründung der Republik, mit aktiver Unterstützung durch die Maroniten als größte kirchliche Gemeinschaft im Land — die Herrschenden. Staatspräsident konnte nur werden, wer Maronit war. Das gilt bis heute. Um das Gleichgewicht unter den anderen religiöspolitischen Gruppierungen zu wahren, einigte man sich darauf, daß der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident' ein Schiit sein mußte. Die Verteilung der Parlamentssitze erfolgte nach einem festgelegten Verhältnis der christlichen zur nichtchristlichen Bevölkerung von sechs zu fünf. Ein Schlüssel, der in den siebziger Jahren dem Mehrheitsverhältnis der Bevölkerung nicht mehr entsprach.

Die Moslems waren mehr und dadurch mächtiger geworden. Familienplanung ist für die Anhänger des Propheten ein Fremdwort. Die Christen hingegen waren dem Vorbild alter Tage gefolgt und hatten die Zahl ihrer Kinder den finanziellen Verhältnissen angepaßt — und waren so ins bevölkerungspolitische Hintertreffen geraten. Immer mehr moslemische Stimmen wurden laut, die eine Änderung der bestehenden Ordnung verlangten. Der christliche Teil der Regierung reagierte nicht. Die Beweggründe waren verständlich. Eine neue Ordnung hätte einen Machtverlust und damit die Gefahr der Islamisierung heraufbeschworen. Noch schwelte das Feuer. Erst die Palästinenser wurden zum Zünglein an der heiklen Waage. Sie zeigten Sympathie für die libanesischen Moslems und stellten durch Aktivitäten und Zwischenfälle die libanesische Staatsautorität in Frage.

Jetzt erst wurde der Führer der christlichen Phalangisten, Pierre Gemayel, aktiv. Er forderte energisch die „Wiederherstellung der Souveränität des libanesischen Staates auf dem ganzen Territorium”. Das heißt, den Palästinensern sollte die ihnen durch den Vertrag von Kairo zugesicherte Kampfbasis im Libanon entzogen werden. Da kam es zu der folgenschweren Aktion vom 13. April 1975. In Ain Rummaneh, im christlichen Ost-Beirut, wurde eine Kirche geweiht. In einem Autobus näherten sich Palästinenser den Feierlichkeiten. Ohne Vorwarnung eröffneten die christlichen Milizen das Feuer. Ergebnis: 27 Tote und 19 Schwerverletzte. Eine Stunde später begannen an den Grenzen zwischen den moslemischen und christlichen Bezirken die Waffen zu sprechen.

Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Heute ist Beirut eine geteilte Stadt. Im Osten leben die Christen, im Westen die Moslems. Die Grenze ist die Green-Line; eine Zone des Todes. Das christliche Territorium ist klein geworden. 70 Prozent der christlichen Gesamtbevölkerung leben jetzt zusammengedrängt auf 18 Prozent des Staatsgebietes. Dabei ist der Libanon kleiner als Tirol. Im Land selbst funktioniert nichts mehr. Der Staat hat seine Macht verloren. Polizei, Armee, Post und andere Einrichtungen sind nur mehr Fragmente. Die Macht liegt in den Händen der Waffenträger. „Der Krieg im Libanon ist ein Krieg der anderen.” Wer aber sind die anderen?

Syrien spielt die Ordnungsmacht und träumt von einem Groß-Syrischen-Reich. Israel sucht eine beruhigte Zone im Norden und hofft auf einen Friedensvertrag, ähnlich wie mit Ägypten. Schon Pierre Gemayel hatte eine Allianz im Auge gehabt. Komplizierter sind die Verhältnisse innerhalb der „Amal-Milizen”. Zuerst gab es ein Bündnis mit den Palästinensern, aber das zerbrach. Der Rechtsanwalt Na-bih Berri hatte das Sagen, solange bis im Iran die Revolution ausbrach. Dann schieden sich die Geister. Der Beiruter Lehrer Hussein Mussawi gründete die „Amal-Is-lamije” und siedelte seine radikale Truppe in der unter Syriens Kontrolle stehenden Bekaa-Ebe-ne an. Ajatollah Khomeini hat sich auch im Libanon ein Ziel gesetzt: „Der Heilige Krieg bedeutet die Eroberung von Territorien,die noch nicht vom Islam beherrscht werden.”

So etablierte sich, ebenfalls im Nahbereich der „Amal”, was Hoffnung bedeutet, die „Partei Gottes”, die gefürchtete Hezbol-lah. Diese Terrorgruppe wird nur vom Iran gelenkt und ist verantwortlich für Entführungen und Selbstmordkommandos. Für die Christen ist es ein Kampf mit dem Rücken zur Wand. Sie wissen, wenn die letzte Bastion des Christentums im Nahen Osten fällt, kommt die Islamisierung. Politik und religiösgeschichtliches Erbe gehen für die Christen im Gleichschritt nebeneinander. Deutlich sichtbar an zwei Stellen im Land. An der Green-Line und in Ghosta. Da und dort christliche Symbole, da und dort Feda-jins, die im Zeichen des Kreuzes kämpfen. Ghosta, unweit vom Patriarch Nafrallah Sfeir Marienheiligtum Harissa, ist die Militärakademie der „Forces Li-banaises”, der Streitmacht der christlichen Phalangisten.

Fronterfahrene Soldaten werden hier zu Offizieren ausgebildet: Grundausbildung, militärisches Grundwissen, ein wenig Taktik, Konditionstraining und Unterricht in Arabisch, Englisch und Französisch stehen auf dem Plan. „Wir sind die neue Kraft”, wird den Offiziersanwärtern in Ghosta eingebleut — und die Männer glauben daran. Es herrscht große Disziplin. Ein ehemaliger Berufsoffizier der libanesischen Armee ist Akademiekommandant. Als der Riß der Konfessionen quer durch die Armee ging, schlug er sich auf die Seite der Christen.

Die Ausmusterung erfolgt nach eineinhalb Jahren harter Ausbildung. Ein feierlicher Rahmen. Vor einem Mahnmal mit der Silhouette des ungeteilten Libanon stehen Ehrenposten. Kranzniederlegung für die Gefallenen, Ansprachen, der Eid wird geleistet — auf Gott und Vaterland, nicht aber auf die noch immer bestehende Verfassung. Und dann erfolgt die Überreichung des Ehrensäbels durch Samir Geagea. Ein interessanter Mann. Ein Christ aus dem Norden. Im Volk nennt man ihn den „Hakim”. Den Arzt. Er will den Libanon auf seine Art zur Gesundung führen. Der Libanon den Libanesen, unter Vorherrschaft der Christen. Er predigt ein Regime der harten Hand. Samir Geagea und sein Parteivorsitzender Samir Saade bereiten sich auf einen Zwei-Ebenen-Kampf vor. Auf die Verteidigung der christlichen Enklaven und auf die sich immer mehr anbahnende soziale Revolution. Saade signalisiert Siegeswillen: „Wir haben immer gesiegt, und wir werden auch weiter siegen.” Fast die gleichen Worte sind auch von den anderen Gruppen zu hören. Die Bevölkerung antwortet mit Reserviertheit. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Klar ist nur eines: Die alte Ordnung ist nicht mehr tragfähig. Eine neue Ordnung muß her. Aber wie diese aussehen soll, das weiß niemand.

Geheime Hoffnungen setzt man auf ausländische Mächte. Von Frankreich wird gesprochen, von der Fremdenlegion. Aber auch hier ist nur der Wunsch Vater des Gedankens, die Verzweiflung treibt wilde Blüten. Staatspräsident Amin Gemayel will die verschiedenen ethnischen und religiösen Kulturen des Landes „nebeneinander existieren lassen und keine davon unterdrücken”. Nicht miteinander, sondern nebeneinander. Nicht leben lassen, sondern existieren lassen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau