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ENGES MEER, dicke Luft

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der Atlas die Politik bestimmt, werden die Meerestrichter zu umkämpften Nadelöhren - besser wäre, aus Odysseus' Fehlern zu lernen.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der Atlas die Politik bestimmt, werden die Meerestrichter zu umkämpften Nadelöhren - besser wäre, aus Odysseus' Fehlern zu lernen.

Meerengen sind Gift für Männerfreundschaften. Darum schickten schon die Argonauten lieber einen Vogel durch die zusammenschlagenden Felsen der Symplegaden, wo der Bos porus ins Schwarze Meer mündet, als einen der ihren zu opfern.

Odysseus hingegen spielte in der Meerenge von Messina -wieder einmal - mit gezinkten Karten, verschwieg die Gefahr, "dass die Gefährten mir nicht in der Angst die Ruder verließen", und führte sie in den Tod: "Seufzend ruderten wir hinein in die schreckliche Enge", zwischen Sizilien und der italienischen Stiefelspitze, "denn hier drohte Skylla, und dort die wilde Charybdis, / Welches die salzige Flut des Meers fürchterlich einschlang." Odysseus entscheidet sich, dem tödlichen Strudel auszuweichen und nimmt dafür das Risiko in Kauf, dem Monster auf der anderen Seite mit seinen sechs Köpfen und dreifachen Zähnereihen nahe zu kommen - zu nahe: Sechs Gefährten kostet die Fahrlässigkeit, Skylla zu unterschätzen, das Leben: "Dort an der Höhle fraß sie die Freunde, die laut aufschrien /Und die Hände streckten nach mir im grausigen Tode. / Das Erbärmlichste war's, was je mein Auge gesehen, / So viel Jammers ich litt auf der Irrfahrt über die Salzflut."

Der Jammer mit den Meerengen

Der Jammer mit den Meerengen ist auch heutigen politischen Abenteurern nicht fremd - und wieder oder noch immer geht es auch um den Bosporus: Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkisches Pendant Recep Tayyip Erdogan - ihrem Selbstverständnis nach sicher ebenfalls Helden im Argonauten- und Odysseus-Format - trifft es gerade besonders hart: Verbunden durch die gegenseitige Sympathie für den autoritären Kurs des jeweils anderen und durch Energieabhängigkeiten und wirtschaftliche Verflechtungen aneinander gekettet, trennt sie der Bosporus. Den Russen stößt die häufige Präsenz von NATO-Schiffen im Schwarzen Meer seit Beginn der Ukraine-Krise sauer auf. US-Zerstörer passierten mehrmals den Bosporus, um zusammen mit Rumänien und Bulgarien Marine-Manöver im Schwarzen Meer zu absolvieren. Russland kritisierte, dass die US-Schiffe sich dort länger als zulässig aufhielten. Denn NATO-Seemanöver im Schwarzen Meer unterliegen den Beschränkungen des Vertrags von Montreux. In dem Abkommen wurde 1936 der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches die Souveränität über die Meerengen Dardanellen und Bosporus zurückgegeben.

Die Zufahrt ins Schwarze Meer ist genau geregelt, um die dicke Luft zu vertreiben, die diese Meerengen seit Jahrtausenden umhüllt und das Konfliktpotenzial zu entschärfen, das Bosporus und Dardanellen seit den Zeiten des Trojanischen Kriegs darstellen: Handelsschiffe können die Meerengen in Friedenszeiten frei passieren, türkische Behörden dürfen jedoch kontrollieren und Gebühren einheben. Kriegsschiffe müssen sich bei der türkischen Regierung anmelden. Kommen sie nicht aus den Schwarzmeer-Anrainern Russland, Ukraine, Georgien, Rumänien oder Bulgarien, dürfen sie höchstens 21 Tage lang bleiben und nur eine bestimmte Größe haben. Flugzeugträgern und U-Booten von Nicht-Schwarzmeer-Ländern wird die Durchfahrt generell verwehrt - und die Türkei nimmt die Rolle als Hüter des Vertrags von Montreux sehr ernst und will sich dabei, NATO-Partnerschaft hin oder her, von keinem dreinreden lassen. Das Werben der Großmächte um die Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu deren Beitritt zur NA-TO verdankt sich vor allem dieser strategisch entscheidenden Lage am Bosporus.

Die Vorteile, die Meerengen als Trichter im Schiffsverkehr und damit als politisches, wirtschaftliches und militärisches Faustpfand bringen, sind evident - und sie werden noch wichtiger werden. Denn mit der allgemein apostrophierten "Rückkehr der Geopolitik" haben sich die geografischen Gegebenheiten einen zentralen Platz in den politisch-militärischen Überlegungen zurückerobert.

Das letzte Mal, dass die weltpolitischen Wogen um eine international bedeutende Wasserstraße hoch gingen und (fast) kompromisslos auf Sieg gespielt wurde, war die "Suezkrise" 1956. Der Streit um den Kanal, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet, hat nicht nur zu einem Krieg am Sinai geführt, sondern hätte laut weit verbreiteter Einschätzung sogar zu einem neuerlichen Weltkrieg eskalieren können.

Am 26. Juli 1956 hielt der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser in Alexandria vor 100.000 Menschen eine leidenschaftliche Rede und verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals. Ein Affront gegenüber London und Paris -und die Chance für Israel, Ägypten anzugreifen und den Sinai zu erobern. Diese Dreier-Allianz hatte jedoch die USA vor den Kopf gestoßen, die den Rückzug Israels und die unverzügliche Einstellung der Kämpfe forderten.

Suez und die Folgen

Dann mischte sich nicht überraschend auch noch die zweite damalige Supermacht Sowjetunion ein, was den Kalten Krieg mit der atomaren Vergeltungsansage des amerikanischen NATO-Oberbefehlshabers General Alfred M. Gruenther sehr nahe an den absoluten Gefrierpunkt brachte: "Sollte die UdSSR ihre Drohung wahr machen, Raketen gegen NATO-Länder abzuschießen, würden wir unverzüglich Vergeltungsmaßnahmen beschließen und die UdSSR vernichten."

Die gegenseitigen Drohgebärden wirkten. Letztlich mussten Israel, Großbritannien und Frankreich klein beigeben und sich gedemütigt aus dem Suez-Abenteuer zurückziehen. Nasser hatte zwar militärisch verloren, aber einen diplomatischen Sieg errungen. Der britische Premier war rücktrittsreif, das Commonwealth erzitterte in seinen Festen, Indien drohte offen mit seinem Austritt. Der Suezkanal aber war wieder offen, nur dass die Milliarden-Gewinne der "Hauptschlagader des Kolonialismus" seither in Kairo verbucht werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges galt das Mittelmeer geostrategisch lange als langweilig. Doch die Zeiten sind vorbei. Der chinesische Staatskonzern Cosco Pacific hält Anteile an den Häfen im griechischen Piräus, im italienischen Neapel sowie im ägyptischen Port Said und ist damit zu dem Hafenbetreiber im Mittelmeer aufgestiegen. Cosco begründet sein Engagement mit wirtschaftlichen Interessen, dass Peking darüber hinaus geopolitische Absichten verfolgt, liegt aber auf der Hand. Russland hat sich einen Flottenstützpunkt an der syrischen Küste gesichert und die Amerikaner ankern Zerstörer vor Spanien. "Mare nostrum" wird da gerade von Nicht-Anrainer-Weltmächten sehr wörtlich genommen - da kann es sehr schnell wieder sehr eng werden und dicke Luft aufkommen. Ein unausweichliches Szenario?

"Damit es nicht soweit kommt, muss unsere Gesellschaft endlich den fatalen Einfluss der Geopolitik auf die Außenpolitik thematisieren", fordert deswegen der deutsche Geschichtsphilosoph Hauke Ritz. Der Mantel der Objektivität, den sich die Geopolitik umhängt, passt nicht, schreibt Ritz in "Blätter für deutsche und internationale Politik":"Vieles deutet deshalb darauf hin, dass das Resultat einer geopolitischen Untersuchung weit stärker von der Weltanschauung ihres Autors abhängig ist als von der Geographie."

Soll heißen, dass sich für jedes Machtstreben eine Linie auf der Weltkarte findet, wohin sich dieses ausdehnen will. Ritz erinnert als Gegenentwurf an die zum Ende des Kalten Krieges verfolgte Konzeption der "gemeinsamen Sicherheit". Diese setzt aber gegenseitiges Vertrauen voraus, das es gegenwärtig zwischen Ost und West nicht (mehr) gibt. Da denkt man in den Kategorien von Skylla und Charybdis - dabei sollten wir spätestens seit Odysseus wissen: beides ist tödlich.

Die Adern von Gold & Krieg

An Kanälen und Meerengen konzentrieren sich nicht nur die Handelsrouten der Globalisierung. Sie sind auch politische und ökonomische Engführungen, die unglaublichen Reichtum, aber vielfach auch das Schlechteste im Menschen sprudeln lassen. Ein Dossier über Krieger, Abenteurer und Geldritter -und die Piraten der Meere.

Redaktion: Oliver Tanzer

Meerengen sind Gift für Männerfreundschaften. Darum schickten schon die Argonauten lieber einen Vogel durch die zusammenschlagenden Felsen der Symplegaden, wo der Bos porus ins Schwarze Meer mündet, als einen der ihren zu opfern.

Odysseus hingegen spielte in der Meerenge von Messina -wieder einmal - mit gezinkten Karten, verschwieg die Gefahr, "dass die Gefährten mir nicht in der Angst die Ruder verließen", und führte sie in den Tod: "Seufzend ruderten wir hinein in die schreckliche Enge", zwischen Sizilien und der italienischen Stiefelspitze, "denn hier drohte Skylla, und dort die wilde Charybdis, / Welches die salzige Flut des Meers fürchterlich einschlang." Odysseus entscheidet sich, dem tödlichen Strudel auszuweichen und nimmt dafür das Risiko in Kauf, dem Monster auf der anderen Seite mit seinen sechs Köpfen und dreifachen Zähnereihen nahe zu kommen - zu nahe: Sechs Gefährten kostet die Fahrlässigkeit, Skylla zu unterschätzen, das Leben: "Dort an der Höhle fraß sie die Freunde, die laut aufschrien /Und die Hände streckten nach mir im grausigen Tode. / Das Erbärmlichste war's, was je mein Auge gesehen, / So viel Jammers ich litt auf der Irrfahrt über die Salzflut."

Der Jammer mit den Meerengen

Der Jammer mit den Meerengen ist auch heutigen politischen Abenteurern nicht fremd - und wieder oder noch immer geht es auch um den Bosporus: Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkisches Pendant Recep Tayyip Erdogan - ihrem Selbstverständnis nach sicher ebenfalls Helden im Argonauten- und Odysseus-Format - trifft es gerade besonders hart: Verbunden durch die gegenseitige Sympathie für den autoritären Kurs des jeweils anderen und durch Energieabhängigkeiten und wirtschaftliche Verflechtungen aneinander gekettet, trennt sie der Bosporus. Den Russen stößt die häufige Präsenz von NATO-Schiffen im Schwarzen Meer seit Beginn der Ukraine-Krise sauer auf. US-Zerstörer passierten mehrmals den Bosporus, um zusammen mit Rumänien und Bulgarien Marine-Manöver im Schwarzen Meer zu absolvieren. Russland kritisierte, dass die US-Schiffe sich dort länger als zulässig aufhielten. Denn NATO-Seemanöver im Schwarzen Meer unterliegen den Beschränkungen des Vertrags von Montreux. In dem Abkommen wurde 1936 der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches die Souveränität über die Meerengen Dardanellen und Bosporus zurückgegeben.

Die Zufahrt ins Schwarze Meer ist genau geregelt, um die dicke Luft zu vertreiben, die diese Meerengen seit Jahrtausenden umhüllt und das Konfliktpotenzial zu entschärfen, das Bosporus und Dardanellen seit den Zeiten des Trojanischen Kriegs darstellen: Handelsschiffe können die Meerengen in Friedenszeiten frei passieren, türkische Behörden dürfen jedoch kontrollieren und Gebühren einheben. Kriegsschiffe müssen sich bei der türkischen Regierung anmelden. Kommen sie nicht aus den Schwarzmeer-Anrainern Russland, Ukraine, Georgien, Rumänien oder Bulgarien, dürfen sie höchstens 21 Tage lang bleiben und nur eine bestimmte Größe haben. Flugzeugträgern und U-Booten von Nicht-Schwarzmeer-Ländern wird die Durchfahrt generell verwehrt - und die Türkei nimmt die Rolle als Hüter des Vertrags von Montreux sehr ernst und will sich dabei, NATO-Partnerschaft hin oder her, von keinem dreinreden lassen. Das Werben der Großmächte um die Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu deren Beitritt zur NA-TO verdankt sich vor allem dieser strategisch entscheidenden Lage am Bosporus.

Die Vorteile, die Meerengen als Trichter im Schiffsverkehr und damit als politisches, wirtschaftliches und militärisches Faustpfand bringen, sind evident - und sie werden noch wichtiger werden. Denn mit der allgemein apostrophierten "Rückkehr der Geopolitik" haben sich die geografischen Gegebenheiten einen zentralen Platz in den politisch-militärischen Überlegungen zurückerobert.

Das letzte Mal, dass die weltpolitischen Wogen um eine international bedeutende Wasserstraße hoch gingen und (fast) kompromisslos auf Sieg gespielt wurde, war die "Suezkrise" 1956. Der Streit um den Kanal, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet, hat nicht nur zu einem Krieg am Sinai geführt, sondern hätte laut weit verbreiteter Einschätzung sogar zu einem neuerlichen Weltkrieg eskalieren können.

Am 26. Juli 1956 hielt der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser in Alexandria vor 100.000 Menschen eine leidenschaftliche Rede und verkündete die Verstaatlichung des Suezkanals. Ein Affront gegenüber London und Paris -und die Chance für Israel, Ägypten anzugreifen und den Sinai zu erobern. Diese Dreier-Allianz hatte jedoch die USA vor den Kopf gestoßen, die den Rückzug Israels und die unverzügliche Einstellung der Kämpfe forderten.

Suez und die Folgen

Dann mischte sich nicht überraschend auch noch die zweite damalige Supermacht Sowjetunion ein, was den Kalten Krieg mit der atomaren Vergeltungsansage des amerikanischen NATO-Oberbefehlshabers General Alfred M. Gruenther sehr nahe an den absoluten Gefrierpunkt brachte: "Sollte die UdSSR ihre Drohung wahr machen, Raketen gegen NATO-Länder abzuschießen, würden wir unverzüglich Vergeltungsmaßnahmen beschließen und die UdSSR vernichten."

Die gegenseitigen Drohgebärden wirkten. Letztlich mussten Israel, Großbritannien und Frankreich klein beigeben und sich gedemütigt aus dem Suez-Abenteuer zurückziehen. Nasser hatte zwar militärisch verloren, aber einen diplomatischen Sieg errungen. Der britische Premier war rücktrittsreif, das Commonwealth erzitterte in seinen Festen, Indien drohte offen mit seinem Austritt. Der Suezkanal aber war wieder offen, nur dass die Milliarden-Gewinne der "Hauptschlagader des Kolonialismus" seither in Kairo verbucht werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges galt das Mittelmeer geostrategisch lange als langweilig. Doch die Zeiten sind vorbei. Der chinesische Staatskonzern Cosco Pacific hält Anteile an den Häfen im griechischen Piräus, im italienischen Neapel sowie im ägyptischen Port Said und ist damit zu dem Hafenbetreiber im Mittelmeer aufgestiegen. Cosco begründet sein Engagement mit wirtschaftlichen Interessen, dass Peking darüber hinaus geopolitische Absichten verfolgt, liegt aber auf der Hand. Russland hat sich einen Flottenstützpunkt an der syrischen Küste gesichert und die Amerikaner ankern Zerstörer vor Spanien. "Mare nostrum" wird da gerade von Nicht-Anrainer-Weltmächten sehr wörtlich genommen - da kann es sehr schnell wieder sehr eng werden und dicke Luft aufkommen. Ein unausweichliches Szenario?

"Damit es nicht soweit kommt, muss unsere Gesellschaft endlich den fatalen Einfluss der Geopolitik auf die Außenpolitik thematisieren", fordert deswegen der deutsche Geschichtsphilosoph Hauke Ritz. Der Mantel der Objektivität, den sich die Geopolitik umhängt, passt nicht, schreibt Ritz in "Blätter für deutsche und internationale Politik":"Vieles deutet deshalb darauf hin, dass das Resultat einer geopolitischen Untersuchung weit stärker von der Weltanschauung ihres Autors abhängig ist als von der Geographie."

Soll heißen, dass sich für jedes Machtstreben eine Linie auf der Weltkarte findet, wohin sich dieses ausdehnen will. Ritz erinnert als Gegenentwurf an die zum Ende des Kalten Krieges verfolgte Konzeption der "gemeinsamen Sicherheit". Diese setzt aber gegenseitiges Vertrauen voraus, das es gegenwärtig zwischen Ost und West nicht (mehr) gibt. Da denkt man in den Kategorien von Skylla und Charybdis - dabei sollten wir spätestens seit Odysseus wissen: beides ist tödlich.

Die Adern von Gold & Krieg

An Kanälen und Meerengen konzentrieren sich nicht nur die Handelsrouten der Globalisierung. Sie sind auch politische und ökonomische Engführungen, die unglaublichen Reichtum, aber vielfach auch das Schlechteste im Menschen sprudeln lassen. Ein Dossier über Krieger, Abenteurer und Geldritter -und die Piraten der Meere.

Redaktion: Oliver Tanzer