Qabus - © Foto: Privat
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Was wir vom Oman lernen können

1945 1960 1980 2000 2020

Samstag vergangener Woche starb Sultan Qabus, der sein Land aus der Armut gerissen und sich als Friedensfürst inmitten von Fundamentalismen, Terrorismen und Todfeinden bewährt hatte. Eine persönliche Erinnerung des FURCHE-Herausgebers.

1945 1960 1980 2000 2020

Samstag vergangener Woche starb Sultan Qabus, der sein Land aus der Armut gerissen und sich als Friedensfürst inmitten von Fundamentalismen, Terrorismen und Todfeinden bewährt hatte. Eine persönliche Erinnerung des FURCHE-Herausgebers.

Es ist, sagte Irans Schah Mohammed Reza Pahlewi im Oktober 1971 selbstbewusst, „das größte und wunderbarste Fest, das die Welt je gesehen hat“. Und tatsächlich: Könige, Fürsten und Präsidenten aus aller Welt erlebten damals – vor bald 50 Jahren – in den Ruinen von Persepolis ein wahres Märchen aus 1001 Nacht: Tanzende Wasserfontänen in der Wüste, rollende Feuerlawinen, riesige Blumenteppiche und ein nahezu endloser Aufmarsch von Pferden, Kamelen, Streitwagen und Kriegsschiffen.

Die Erinnerung an 2500 Jahre persischer Geschichte. Die Botschaft war klar: Das Kaiserreich Iran präsentierte sich in heikler Stunde als neue Großmacht im Welterdölzentrum. Denn die Briten, seit Jahrhunderten die politischen Herren am Golf, zogen sich eben zurück und hinterließen ein gefährliches Vakuum. Marxistische Rebellen probten bereits den Aufstand in den nahen, winzigen und korrupten Ölfürstentümern. Auch Gäste aus Wien waren mit dabei: Präsident Jonas, Kardinal König, Leibarzt Karl Fellinger und – Wunder, oh Wunder – der Schreiber dieser Zeilen. Als die hohen Gäste – luxusgesättigt – wieder nach Hause flogen, startete meine große Rundreise entlang des Golfs: 23 Flüge und Tausende Auto-Kilometer im – noch – vergessenen Winkel der Erde.

Als Gast bei Beduinen, ÖlArbeitern, Perlfischern. Am Ende wartete das letzte Bollwerk des Mittelalters: Das Sultanat Oman. Männer mit Jagdfalken am Arm, tief verschleierte Frauen, kaum Straßen, Schulen, Spitäler. Eben noch war Radiohören, Brillentragen, Zeitunglesen usw. strikt verboten – und kein einziges Mädchen im Land durfte auf Bildung hoffen. Nichts sollte den Einbruch des Ölzeitalters, der Neuzeit, ermöglichen. Im Doppelbett meines „Hotelzimmers“ in der Hauptstadt Muskat lagen damals bereits zwei Herren; Fremde waren nicht eingeplant, es hieß „zusammenrücken“.

Vom Hausarrest zur Nachfolge

Gut tausend Kilometer südlich, in der Weihrauch-Metropole Salalah nahe der Grenze zum Jemen, war es kurz zuvor schon Spitz auf Knopf gestanden: Linke Aufständische, Schützlinge Chinas und der UdSSR, hatten den alten Sultan Said in seinem Sandsteinpalast eingekesselt, ehe London im Sommer 1970 – ein Jahr vor meiner Reise – recht spät die Notbremse zog: Die Briten stürzten den störrischen Despoten, flogen ihn ins Exil und setzten seinen 29-jährigen, britisch erzogenen Sohn, Kronprinz Qabus, nach fünf Jahren des väterlichen Hausarrests an seine Stelle. Mit ihm erhielten 500 Sklaven und 150 Frauen im Palast die Freiheit. Der Bürgerkrieg wurde niedergerungen, die Zeit des Übergangs war angebrochen. Und dann: Mein unvergesslicher Abend mit dem jungen Sultan.

Wir sprachen über die Zukunft, hörten Mozart-Schallplatten – und einen Teil des Gesprächs durfte ich veröffentlichen. Es hat in Wien niemanden interessiert und war gar nicht gedruckt worden, fand aber – welch eine Ausnahme – auf Seite 2 der New York Times einige Beachtung! Jahre später hat mich sogar der Libyer Gaddafi darauf angesprochen. Seither waren der Oman und sein Herrscher ein Stück Lebens-Biographie. Gut zehnmal bin ich in das Land zurückgekehrt, das den Südeingang des Golfs und damit die Schiffspassage von mehr als 90 Prozent der Erdölversorgung Europas kontrolliert. Flog mit dem jungen Sultan, durfte eine Ehrenkompanie abschreiten – und fasziniert erlebte ich den beispiellosen Aufstieg des Sultanats zur stabilsten Wohlstandsoase des Orients. Am Ende begleiten mich sogar FURCHE-Leserinnen und -Leser zweimal durch Wüsten und Wadis.

Es ist, sagte Irans Schah Mohammed Reza Pahlewi im Oktober 1971 selbstbewusst, „das größte und wunderbarste Fest, das die Welt je gesehen hat“. Und tatsächlich: Könige, Fürsten und Präsidenten aus aller Welt erlebten damals – vor bald 50 Jahren – in den Ruinen von Persepolis ein wahres Märchen aus 1001 Nacht: Tanzende Wasserfontänen in der Wüste, rollende Feuerlawinen, riesige Blumenteppiche und ein nahezu endloser Aufmarsch von Pferden, Kamelen, Streitwagen und Kriegsschiffen.

Die Erinnerung an 2500 Jahre persischer Geschichte. Die Botschaft war klar: Das Kaiserreich Iran präsentierte sich in heikler Stunde als neue Großmacht im Welterdölzentrum. Denn die Briten, seit Jahrhunderten die politischen Herren am Golf, zogen sich eben zurück und hinterließen ein gefährliches Vakuum. Marxistische Rebellen probten bereits den Aufstand in den nahen, winzigen und korrupten Ölfürstentümern. Auch Gäste aus Wien waren mit dabei: Präsident Jonas, Kardinal König, Leibarzt Karl Fellinger und – Wunder, oh Wunder – der Schreiber dieser Zeilen. Als die hohen Gäste – luxusgesättigt – wieder nach Hause flogen, startete meine große Rundreise entlang des Golfs: 23 Flüge und Tausende Auto-Kilometer im – noch – vergessenen Winkel der Erde.

Als Gast bei Beduinen, ÖlArbeitern, Perlfischern. Am Ende wartete das letzte Bollwerk des Mittelalters: Das Sultanat Oman. Männer mit Jagdfalken am Arm, tief verschleierte Frauen, kaum Straßen, Schulen, Spitäler. Eben noch war Radiohören, Brillentragen, Zeitunglesen usw. strikt verboten – und kein einziges Mädchen im Land durfte auf Bildung hoffen. Nichts sollte den Einbruch des Ölzeitalters, der Neuzeit, ermöglichen. Im Doppelbett meines „Hotelzimmers“ in der Hauptstadt Muskat lagen damals bereits zwei Herren; Fremde waren nicht eingeplant, es hieß „zusammenrücken“.

Vom Hausarrest zur Nachfolge

Gut tausend Kilometer südlich, in der Weihrauch-Metropole Salalah nahe der Grenze zum Jemen, war es kurz zuvor schon Spitz auf Knopf gestanden: Linke Aufständische, Schützlinge Chinas und der UdSSR, hatten den alten Sultan Said in seinem Sandsteinpalast eingekesselt, ehe London im Sommer 1970 – ein Jahr vor meiner Reise – recht spät die Notbremse zog: Die Briten stürzten den störrischen Despoten, flogen ihn ins Exil und setzten seinen 29-jährigen, britisch erzogenen Sohn, Kronprinz Qabus, nach fünf Jahren des väterlichen Hausarrests an seine Stelle. Mit ihm erhielten 500 Sklaven und 150 Frauen im Palast die Freiheit. Der Bürgerkrieg wurde niedergerungen, die Zeit des Übergangs war angebrochen. Und dann: Mein unvergesslicher Abend mit dem jungen Sultan.

Wir sprachen über die Zukunft, hörten Mozart-Schallplatten – und einen Teil des Gesprächs durfte ich veröffentlichen. Es hat in Wien niemanden interessiert und war gar nicht gedruckt worden, fand aber – welch eine Ausnahme – auf Seite 2 der New York Times einige Beachtung! Jahre später hat mich sogar der Libyer Gaddafi darauf angesprochen. Seither waren der Oman und sein Herrscher ein Stück Lebens-Biographie. Gut zehnmal bin ich in das Land zurückgekehrt, das den Südeingang des Golfs und damit die Schiffspassage von mehr als 90 Prozent der Erdölversorgung Europas kontrolliert. Flog mit dem jungen Sultan, durfte eine Ehrenkompanie abschreiten – und fasziniert erlebte ich den beispiellosen Aufstieg des Sultanats zur stabilsten Wohlstandsoase des Orients. Am Ende begleiten mich sogar FURCHE-Leserinnen und -Leser zweimal durch Wüsten und Wadis.

Vermutlich hat es in jüngerer Vergangenheit keinen zweiten Führer gegeben, der Verbindungen mit so vielen Mächten unterhielt, die einander zutiefst hassen.

Heinz Nußbaumer

Nahezu 50 Jahre lang regierte Qabus sein Königreich als absoluter, dienstältester Führer der arabischen Welt. Und wie kein Zweiter nützte er die Erdöleinkünfte dieser Zeit, um sein Riesenland über Jahrhunderte hinwegzuheben. Den Kopfsprung in die Zukunft erkaufte er sich durch die Liebe seines 4,8-Millionen-Volkes, das ihm aus Dankbarkeit auch den weitgehenden Verzicht auf politische Mitsprache verzieh. Selbst für die UNO wurde der Oman zu dem Land, das bis 2010 „den größten Sprung vorwärts“ geschafft hatte.

Wo der Demokrat schwächelte, beeindruckte der Diplomat: Inmitten einer Region der Fundamentalismen, Terrorismen und Todfeindschaften faszinierte Qabus über Jahrzehnte hinweg als diskreter, oft unverzichtbarer Vermittler und Friedensstifter: In seinen Strandpalästen verhandelten Amerika und der Iran vertraulich über das – inzwischen von Donald Trump aufgekündigte – iranische Atomprogramm. Auch Ägypten und Israel näherten sich dort ihrem Friedensvertrag – und israelische Premiers waren nur im arabischen Oman willkommene Besucher. Qabus initiierte Friedensgespräche im JemenDrama, verweigerte sich der arabischen Phalanx gegen das kleine Emirat Katar, eröffnete Beziehungen mit Moskau und Peking, war Gesprächspartner Khomeinis und Freund Amerikas – und zahlte Lösegeld für westliche Geiseln in jemenitischer und iranischer Haft. Vermutlich hat es in jüngerer Vergangenheit keinen zweiten Führer gegeben, der Verbindungen mit einer solchen Vielzahl von Mächten unterhielt, die einander zutiefst hassen. Dass er sich zunehmend – unverheiratet, kinderlos und ohne geklärte Nachfolge – in seinen Palästen und Gärten dem Lesen, dem Lauten- und Orgelspiel und dem Komponieren hingab, passte in sein Charakterbild.

Großes Vermächtnis

Ab 2010 aber wurde mehrfach ein Zittern im Volk spürbar: Weil der fallende Ölpreis den Wirtschaftsboom bremste und Arbeitsplätze rar wurden. Weil erste Demonstrationen die Stabilität bedrohten (nicht aber den Respekt für den Sultan). Vor allem aber, weil der alternde Herrscher mehr und mehr Zeit in deutschen Krebskliniken zubrachte und ihm die Krankheit ins Gesicht geschrieben war.

Wann immer er aber heimkehrte, wurde in Tausenden Häusern groß aufgekocht und gefeiert. Doch die Zeit blieb nicht stehen: Sterbend wurde der Sultan in der Vorwoche, 79-jährig, aus Europa nach Hause geflogen – und als sein Tod am Samstag offiziell war, hatte die seit 1744 herrschende Al-Said-Dynastie bereits jenen Nachfolger vereidigt, den Qabus in einem Kuvert in seinem Safe hinterlegt hatte: Haitham bin Tariq Al Said, Oxford- und Cambridge-erzogen und bisher Kulturminister. Der 65-Jährige wird es nicht leicht haben, dem großen Vermächtnis zu entsprechen und den künftigen Zumutungen der Nachbarn Saudi-Arabien, Iran usw. zu widerstehen, die auf Zeiten omanischer Schwäche hoffen. Was bleibt, ist eine Erfahrung.

Die große New York Times hat sie unter den Titel „Was wir vom Oman lernen können“ gesetzt. Dort steht u. a.: „Während wir Amerikaner auf Feuerkraft setzen, um in Afghanistan, Pakistan, Jemen usw. den Extremismus zu vernichten, hat uns dieses außergewöhnliche arabische Land und sein Herrscher eine ordentliche Lehre erteilt!“