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Nierenraub im Einkaufszentrum!

Ein österreichisches Ehepaar genießt den langersehnten Urlaub in der Türkei. Beim Besuch des Istanbuler Bazars jedoch verschwindet der Ehemann spurlos im Menschengewühl. Die Ehefrau eilt ins Hotel zurück, doch auch dort taucht der Verschwundene nicht mehr auf. Zu Hilfe gerufene Polizisten geben sich mürrisch und unwillig. Erst Tage später wird der Mann benommen aufgefunden; über seinen Rücken zieht sich eine lange Narbe. Zurück in Osterreich stellt sich bei einer Untersuchung heraus, daß dem Unglücklichen eine Niere entnommen wurde.

Diese Geschichte kursierte vor wenigen Jahren in ganz Österreich. Daß sogar die Kronen Zeitung, die der sensationell klingenden Story nachging, nicht den geringsten Beweis für deren Echtheit fand, tat nichts zur Sache-im Gegenteil: Der Germanistin Ulrike Hirhager wurde damals glaubhaft versichert, dasselbe sei einem Mann beim Toilettenbesuch in der Shopping City Süd passiert, einem riesigen Einkaufszentrum in der Nähe Wiens, „In den Jahren 1990 und 1991 schien man in Österreich auf Schritt und Tritt von Organjägern verfolgt zu werden“, resümiert Hirhager, die zusammen mit Christa Habiger-Tuczay und Karin Lichtblau dem Phänomen der modernen Sagen in Österreich nachgegangen ist - denn um nichts anderes handelt es sich bei jener haarsträubenden Geschichte über die geraubte Niere.

Sagen sind mündlich überlieferte Erzählungen und Berichte von außergewöhnlichen Erlebnissen, Ereignissen oder Erscheinungen, die mit dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit vorgebracht werden. Der Begriff der Sage ist durch Jakob und Wilhelm Grimm geprägt worden, die in einer zweibändigen Ausgabe aus den Jahren 1816 bis 1818 die mittlerweile klassischen deutschen Volkssagen aufgezeichnet haben. Noch heute sind zumindest einige dieser Sagen bestens bekannt: Rübezahl, der Rattenfänger von Hameln, Lorelei, der Fliegende Holländer oder Wilhelm Teil. Doch sie werden nicht mehr mündlich, sondern literarisch überliefert, in Form von Balladen, Schauspiel oder Oper. „Aus der Volksüberlieferung ist im Laufe der Zeit literarisches Bildungsgut geworden“, weiß Rolf Wilhelm Brednich, der deutsche Pionier auf dem Gebiet der Erforschung der modernen Sagen.

„Zu den althergebrachten Sagen haben wir heutzutage einen aufge-klärt-distanzierten Abstand; sie können leicht als abergläubisch abgetan werden“, meint der deutsche Sagenforscher Lutz Röhrich. Nichtsdestotrotz gibt es ein sehr lebendiges, zeitgenössisches Sagengut, das sich nur in einem von den althergebrachten Sagen unterscheidet: Sie werden nicht nur von Angesicht zu Angesicht, sondern auch über die elektronischen Medien weitergegeben. Zum einen legen sie mittels Telefon weite Entfernungen zurück, zum anderen tauchen so manche der modernen Sagen in Presse oder Fernsehen als „wahre“ Meldungen auf.

Folklore-Forscher haben herausgefunden, daß sich solche Sagen innerhalb kürzester Zeit wellenförmig ausbreiten - bisweilen über den halben Erdball. Trotzdem wird von den Erzählern zumeist behauptet, die Geschichte habe sich kürzlich im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis tatsächlich ereignet; die Schwester eines Bekannten, oder der Freund einer Cousine hätten hätten diese oder jene unglaubliche Begebenheit selbst erlebt.

Zumindest aber hat sich die außergewöhnliche Begebenheit im eigenen Land zugetragen oder ist einem Landsmann passiert. So kursieren in jedem Land eigene Versionen bestimmter Sagen. Manche der urban legends (so lautet der Fachbegriff in Amerika) sind durch Veröffentlichungen wie „Die Spinne ifi der Yucca Palme“ oder zuletzt „Die Ratte am Strohhalm“ (von Rolf Wilhelm Brednich, Beck'sche Reihe) derart bekannt geworen, daß sie niemand mehr als „wahre“ Geschichte vorbringt. Sie seien schon selbst zu „Volkslesestoff“ geworden, befindet Lutz Röhrich.

So manche moderne Sage greift auf traditio nelle Muster und Inhalte zurück, etwa jener über ganz Europa und die USA verbreitete Klassiker: Eine junge Frau wird von einer älteren Dame gebeten, sie im Auto mitzunehmen. Beim Einsteigen bemerkt die junge Frau, daß die Anhalterin stark behaarte Hände und Arme hat. Unter ei nem Vorwand bringt sie die verdächtige Gestalt zum Verlassen des Autos und braust mit Vollgas davon. Zu Hause findet sie die Tasche der Anhalterin im Auto, in der sich - je nach Variante - ein Strick, ein Beil oder ein blutiges Messer befinden. Die haarigen Hände des verbrecherischen, als Mütterchen verkleideten Anhalters geisterten schon 1834 durch eine britische Tageszeitung und 1896 durch die „Sollinger Nachrichten“. Damals freilich waren die Beinahe-Opfer noch männlich und und auf Pferdegespannen unterwegs.

„Wie schon die Sagen der Vergangenheit sind auch die der Gegenwart Indikatoren für gesellschaftliche Realitäten, das heißt sie sind mit den realen Gefahren und Unwägbarkeiten unseres Alltags verbunden“, weiß Lutz Röhrich. Angst sei daher der Hauptnenner, auf den die Mehrzahl der Geschichten gebracht werden könnten: Angst vor unheimlichen Krankheiten und Seuchen, vor Fremden und Außenseitern. Angst um Kinder und Besitzstand. Früher war das Unvorhergesehene, Unbegreifliche und Bedrohliche in der magischen Welt von Dämonen, Geistern, Hexen oder Teufeln zu Hause, heute glaubt man, daß Handys und Computer gefährliche Ausdünstungen verströ men und in Bananenstau den und Yucca-Palmen gefährliche Spinnen auf ein unschuldiges Opfer lauern.

Die Ergebnisse der modernen Wissenschaft und Technik seien letzten Endes nicht in der Lage, den Glauben des Menschen an eine übernatürliche Sphäre zu zerstören, analysiert Rolf Wilhelm Brednich: „Im Alltäglichen, Durchrationalisierten verbirgt sich immer noch das Andere, das Gefährliche, das wie die berühmte haarige Hand des Anhalters jederzeit in die Alltagsrealität eingreifen und sie auf den Kopf stellen kann. Einsamkeit und existentielle Verunsicherung verstärken das Interesse des heutigen Menschen am Unbekannten und Gefährlichen ebenso wie die Wirtschaftskrise oder Zeiten politischer Spannungen und Labilität“, schreibt der Wissenschaftler im Vorwort zu „Die Spinne in der Yucca-Palme“.

In vielen Sagen verbirgt sich ein wahrer Kern: Die Sage von der geraubten Niere beruht auf einem wirklichen, florierenden Handel mit Organen. In Indien werden tatsächlich Arme von Agenturen angeworben, für etliche Tausend Bupien ihre Niere zu spenden. Mittellose Polen haben sogar in Annoncen in österreichischen Zeitungen eine ihrer Nieren angeboten. Die Sage selbst geht wahrscheinlich auf ein englisches Gerichtsurteil vom April 1990 zurück: Ärzte hatten in einer Londoner Klinik einem ahnungslosen türkischen Arbeiter bei einer angeblichen Routineuntersuchung zu Transplantationszwecken eine Niere entfernt.

Christa Habiger-Tuczay ist der Geschichte einer anderen Legende nachgegangen, die seit 1989 mittels Flugblättern verbreitet wird: Mit Täto-wierungsabziehbih dem, die mit der Droge 1 ,SD getränkt seien, sollten Kinder süchtig gemacht werden. 1981 sandte die Rauschgiftabteilung der staatlichen Polizei von New Jersey ein Rundschreiben aus, in dem sie beschrieb, in welcher Form das 1943 vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckte Rauschmittel gehandelt wird: Nämlich aufgetropft auf Löschpapier das mit kleinen Symbolen bedruckt ist darunter populäre Comic-Figuren wie Mickey Mouse, Donald Duck oder Batman. Das Rundschreiben enthielt auch die Warnung, Kinder könnten diese Löschblätter möglicherweise mit Tätowierungsabziehbildern verwechseln. Die wurde gründlich mißverstanden.

Kurz danach kursierten Flugblätter mit Bildern aus dem polizeilichen Rundschreiben, die vor „vergifteten Abziehbildern“, warnten. 1987 lebt das Gerücht wieder auf - bereichert durch die Variante, die Abziehbilder seien zusätzlich mit dem Gift Strychnin getränkt - und verbreitet sich über die gesamten Vereinigten Staaten. Von dort gelangt es nach Kanada, wo das Flugblatt ins Französische übersetzt wird. 1988 gelangt es nach Paris. Nach Zeitungsartikeln, offiziellen Dementis, und Strafandrohung für die Weiterverbreitung endet das Gerücht in Frankreich. Doch schon ist es nach Italien, und in die Schweiz weitergewandert. 1989 erreicht es Österreich. Obwohl die damaligen Minister für Gesundheit und Inneres, Harald Ettl und Franz Loschnak, öffentlich darauf hinwiesen, daß es sich bei der angeblichen Drogengefahr um eine unverantwortliche Irreführung handelt, kursierte die Legende noch im Jahr 1992 in Reutte in Tirol.

Wenn ein Ereignis oder eine Erscheinung das Herz der Menschen berührt, dann ist der Boden für Phantasien, die sich zu sagenhaften Erzählungen auswachsen können, sehr fruchtbar: Besonders angetan hat es den Österreichern Ötzi, jene Gletschermumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. So wurden bei der Mumie geringe Verletzungen an den basalen Hodensackhäuten festgestellt. Diese Beobachtung gelangte in die Medien, verselbständigte sich und gipfelte schließlich in Meldungen, wonach dem Steinzeitmann die Hoden „herausgeschält“ worden seien und sein Penis spurlos verschwunden sei.

Am Forschungsinstitut für alpine Vorzeit an der Universität Innsbruck, wo die Mumie aufbewahrt wird, gibt es einen ganzen Ordner mit der Aufschrift „Kuriosa“, der Zuschriften der merkwürdigen Art enthält. Ein gewisser F. K. will in einem Brief die Wissenschaftler davon überzeugen, daß Otzi gerade uriniert hätte, als ihn der Blitz erschlug; in seiner letzten Zuckung habe er sich mit seinem Beil das Gemächt abgehackt. Zugleich meldet der Verfasser das Urheberrecht für diese Erklärung an.

Doch für Sagen gibt es kein Urheberrecht - schade, denn diese Geschichte hätte das Zeug dazu, ebenso alt zu werden, wie die Tiroler Gletschermumie.

Vater Ötzi und das Krokodil im Donaukanal Modern« österreichische Sagen

Von Christa Habiger- Tuczay, Ulrike Hirhager und Karin Lichtblau. Locker Verlag 1996, 256 Seiten, öS 298,-

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