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Gewaltbilder dürfen GEZEIGT WERDEN

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Gewaltbilder sind in den (Nachrichten-)Medien allgegenwärtig - und unter bestimmten Voraussetzungen auch notwendig, sagt Kommunikationswissenschafter Jürgen Grimm.

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Gewaltbilder sind in den (Nachrichten-)Medien allgegenwärtig - und unter bestimmten Voraussetzungen auch notwendig, sagt Kommunikationswissenschafter Jürgen Grimm.

Darf Bildmaterial, das Gewalttaten oder Folgen davon zeigt, in den Medien veröffent licht werden? Diese Frage scheidet seit jeher die Geister. Jürgen Grimm ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien und beschäftigt sich unter anderem mit Gewaltdarstellungen, Kriegs-und Krisenjournalismus.

DIE FURCHE: Herr Professor Grimm, speziell die Veröffentlichung von Bildern und Ausschnitten des "Enthauptungsvideos" des Islamischen Staates wurde hitzig diskutiert. Worauf muss man bei der Verbreitung von Material dieser besonders schrecklichen Art achten?

Jürgen Grimm: Der moderne Terrorismus verfolgt eine Kommunikationsstrategie von Angst und Schrecken, die durch Gewalt und deren Visualisierung verbreitet werden sollen. Wir wissen aus der Medienwirkungsforschung, dass Gewaltbilder Angst erzeugen. Wir haben also das Problem, dass die Multiplikation dieser Bilder durch Medien der Propagandastrategie der Gewalttäter entspricht und sich die Journalisten dabei ungewollt zum Kumpanen der Terroristen machen können.

DIE FURCHE: Wie entzieht man sich dieser Rolle?

Grimm: Die Bilder generell nicht zu drucken, erscheint dafür unzureichend, da sie im Internet ohnehin frei zugänglich sind. Man muss daher entscheiden, welche Bilder man davon seinem Publikum präsentiert und wie man sie einbettet, um den Propagandaeffekt zu neutralisieren.

DIE FURCHE: Diskussionen dieser Art gab es öfter, etwa als das Bild des toten Muammar al-Gaddafi auf vielen Titelseiten zu sehen war. Wann dürfen derartige Bilder einen Platz in den Medien finden?

Grimm: Es gibt legitime Gründe, Gewaltbilder zu zeigen, wenn ein bestimmter aufklärerischer Wert dahinter steckt. In manchen Fällen ist es sogar ethisch geboten, über Gewalt in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, weil dies die einzige kritische Ressource ist, um dem gewalttätigen Handeln kollektiv entgegen zu treten. Vergessen wir auch nicht: Jesus am Kreuz war ein Opfer von Gewalt, und er wird seit 2000 Jahren öffentlich dargestellt. Über die Thematisierung dieses Opfers möchte das Christentum zu gewaltkritischen Einstellungen anregen und Frieden stiften. Die Friedensbotschaft ist also mit dem gewaltsamen Tod von Jesus Christus verknüpft - das ist kein Zufall.

DIE FURCHE: Das heißt also, dass man gewisse Bilder sogar zeigen muss?

Grimm: Wenn Gewaltbilder eine gewaltkritische Intention haben und so gestaltet sind, dass sie Gewaltkritik befördern, sind sie notwendig. Wir machen gerade international vergleichende Studien zum Thema Holocaust. Das sind schlimmste Gewaltbilder. Natürlich gibt es in den Universitäten Ethikkommissionen, die darüber nachdenken, ob es legitim ist, diese Bilder Studenten vorzuführen. Wir haben es immer noch geschafft, sie zu überzeugen, weil der Zweck eindeutig ist: nämlich den Antisemitismus zu brandmarken, die Konsequenzen vorzuführen und eine humanitäre Schlussfolgerung zu ermöglichen.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Veröffentlichung gewaltsamer Bilder aus ethischer Sicht?

Grimm: Es gibt mehrere Aspekte, die zu widersprüchlichen Konsequenzen führen und im Einzelfall abzuwägen sind. Da ist zunächst die Frage des Umgangs mit den Opfern, die in Gewaltbildern dargestellt werden. Hier gibt es ein Problem mit der Menschenwürde insofern, als das Bild eines Gewaltopfers unter Umständen als zweite Verletzung der Menschenwürde wahrgenommen wird, die sich über die erste der Gewalttat legt.

DIE FURCHE: Trotzdem darf man die Gewalt in der Berichterstattung Ihrer aber nicht ignorieren...

Grimm: Wir sind ethisch verpflichtet zur Kommunikation über Gewalt. Was ist die Alternative? Wenn wir nicht über Gewalt kommunizieren, ermöglichen wir es Tätern, ohne Beobachtung durch die Öffentlichkeit zu agieren. Die Öffentlichkeit ist aber das kritische Organ, das Gewalttaten in bestimmtem Maße abschreckt und, wenn die Tat vollbracht ist, einer moralischen und gesellschaftspolitischen Bearbeitung zugänglich macht.

DIE FURCHE: Gewalt auszusparen wäre also ethisch verwerflich?

Grimm: Ja. Am Ende haben wir ein Szenario von heiler Welt in den Medien und die Gewalttaten finden im Verborgenen statt. Wenn man beispielsweise nicht über den IS kommunizieren würde, gäbe es mit Sicherheit auch keine internationale Koalition, die gegen ihn kämpft. Der Schrecken könnte sich in der Region unbemerkt von der Staatengemeinschaft verbreiten, bis er vielleicht nicht mehr kontrollierbar ist.

DIE FURCHE: Welche Wirkung haben Gewaltbilder?

Grimm: Sie machen die Folgen von Gewalt buchstäblich am eigenen Körper erlebbar -durch Empathie und Einfühlungsstress. Das stimuliert in der Regel nicht den Wunsch zur Nachahmung, sondern erzeugt Betroffenheit und führt, wenn es entsprechend kommunikativ begleitet ist, zu einer gewaltkritischen Folgerung.

DIE FURCHE: Sind Opferbilder immer gut?

Grimm: Keineswegs, es gibt viele Missbrauchsmöglichkeiten. Ich kann Opferbilder nämlich auch verwenden, um Täter zu stigmatisieren, Feindbilder zu akzentuieren oder Empörung und Wut auszulösen. Das beobachten wir in der Kriegsberichterstattung. Wir nennen es einen geplanten "Robespierre-Effekt". Hier wird das Publikum mit Hilfe von Opferbildern in moralisch empörte Unterstützer von Maßnahmen gegen die Verursacher der Gewalt verwandelt.

DIE FURCHE: Was geschieht beim "Robespierre-Effekt" genau?

Grimm: Das Opfererleben wird durch die Beimengung moralischer Empörung in einen aggressiven Affekt verwandelt und Strafgewalt gegen die Täter wird legitimiert. Die entscheidende Frage ist also, wie Opfer dargestellt werden müssen, damit bei den Rezipienten gewaltkritische und Konflikte deeskalierende Einstellungen gestärkt werden und eben kein "moralischer Amoklauf" stattfindet.

DIE FURCHE: Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Grimm: Im Golfkrieg 1991 gab es so gut wie keine Opfer auf den TV-Bildschirmen der Welt. Daran hatten die Amerikaner auch kein Interesse, denn tote Zivilisten hätten vielleicht kritische Reaktionen ausgelöst. 2003 sorgte dann schon Al Jazeera für aufwühlendes Bildmaterial. Ganz heftig wurde es im letzten Gaza-Krieg: Um nichts wurde so gerungen -gerade von palästinensischer Seite -wie um die Opferbilder. Sie wollten Empörung gegen Israel in der Öffentlichkeit provozieren und stimulierten zugleich -gewollt oder ungewollt - Feindseligkeit gegenüber Juden generell.

DIE FURCHE: Und wie lässt sich derartige Feindseligkeit vermeiden?

Grimm: Durch Verfahren, wie wir sie in unserem Holocaustfilm verwendeten: Kritik an anti-humanistischen Praktiken der Täter, hier der Nazis, aber Verzicht auf nationale Schuldzuweisungen. Den Tunnelblick der Kombattanten sollte man im Gewaltbericht überschreiten. Auch Tragik bietet gewissen Schutz vor dem Robespierre-Effekt.

DIE FURCHE: Gewalttätige Bilder werden vor allem dem Boulevard zugeschrieben. Veröffentlichen "Qualitätsblätter" derartige Bilder, hagelt es Kritik. Was raten Sie den Medien im Umgang mit gewalthaltigen Bildern?

Grimm: Der Boulevard druckt häufig dekontextualisierte Gewaltbilder. Sie sind aus dem Zusammenhang gerissen und werden auf ihren Erregungswert reduziert. Davon sollte sich Qualitätsjournalismus unterscheiden. Aber nicht durch Weglassen der Bilder und auch nicht durch eine fundamentalistische Bilderkritik, sondern dadurch, dass er die Bilder aus ihren Entstehungszusammenhängen erklärt, gewaltkritisch kommentiert und mit einer Reflexion von Lösungsperspektiven verbindet.

DIE FURCHE: Also ist das eine Frage des schriftlichen Kontextes rund um das Bild?

Grimm: Bilder unkommentiert, nur aufgrund ihrer Schockeffekte auf den Frontseiten der Zeitungen zu platzieren, ist unethisch aufgrund des Missverhältnisses von Wort und Bild. Der Kommunikation wird dadurch ihr Wesenskern geraubt, denn eine diskursive Verständigung ist nicht mehr möglich. Was kann ich auf ein reißerisches Foto schon erwidern? Meist bleibt es bei diffuser Erregung.

DIE FURCHE: Sie kritisieren auch die mit Vorurteilen belastete Berichterstattung im Ukrainekonflikt und besonders über den Abschuss des Zivilflugzeugs MH17...

Bis heute ist nicht klar, ob es die Separatisten und inwieweit die Russen involviert waren. Es gab jede Menge Medienberichte, die bei unklarer Nachrichtenlage eine Vorverurteilung der russischen Seite und Putins vornahmen. Es konnte ja nicht anders sein, es passte ja so gut ins Bild. Das Problem ist, wenn wir anfangen, über politische Führungspersönlichkeiten anderer Länder in dämonisierender Weise zu berichten, dann sind wir da, wo wir 1914 schon einmal waren: Die Guten sind immer im eigenen Land und die Bösen immer draußen. Wechselseitige Verteufelung hat dazu beigetragen, Europa in das Chaos und die verheerenden Zerstörungen des Ersten Weltkriegs zu stürzen.

DIE FURCHE: Welchen Einfluss hat das auf die aktuelle Krise in der Ukraine?

Grimm: Die verächtliche Art der Putin-Darstellung in manchen westlichen Medien hat den Ukrainekonflikt sicherlich verschärft. Dem stand ein fast vollständiger Verzicht auf kritische Kommentare zur Kiewer Regierung gegenüber, von der Politik der EU und der USA ganz zu schweigen. Es gibt nämlich kein Naturgesetz, dass "Propaganda" nur aus Russland kommt. Das ist etwas, worauf Journalistinnen und Journalisten immer aufpassen müssen. Sie dürfen sich nicht für bestimmte Politiken instrumentalisieren lassen.

DIE FURCHE: Gibt es noch etwas, das Journalisten auf keinen Fall machen sollten?

Grimm: Ja, Kriegshetze! Bei der Berichterstattung über den Ukrainekonflikt sehe ich momentan eine unheilvolle Dynamik. Ich nenne das die "Munitionierung der Worte und Bilder". Eine gesellschaftliche Verantwortung von Journalisten besteht darin, gewaltkritische Positionen zu befördern. Sprache und Kommunikation haben das Potenzial, Gewalt überflüssig zu machen. Das Verhältnis von Worten und Gewalt kann aber auch umgekehrt werden: Ich kann auch durch Worte Gewalt vorbereiten.

DIE FURCHE: Der Weg in einen Krieg wird unter anderem durch Worte und Bilder in den Medien geebnet?

Grimm: Man sagt ja, im Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit. Man könnte das so abwandeln, dass der Krieg nicht erst beginnt, wenn geschossen wird. Er beginnt mit Worten. Wir brauchen heute wieder ein klareres Bewusstsein dafür, wann Kommunikation konflikteskalierende Dynamiken entfaltet. Da geht es nicht mehr nur um die Frage der Darstellung von Gewalt, die andere ausgeübt haben. Es geht darum zu erkennen, wie und wodurch kommunikative Handlungen selbst Gewalt vorbereiten. Im Konflikt zwischen Russland und der EU und auch der USA sehe ich eine Spirale wechselseitiger kommunikativer Aufrüstung und Verknotung. Das ist etwas, was für den Frieden Europas gefährlich ist.

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