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Deutsch-deutsche Sprachlosigkeit

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Die international bessere „Großwetterlage” böte gewisse Chancen für verstärkte deutsch-deutsche Kontakte. Ausgenützt haben diese Gelegenheit bis jetzt aber nur die evangelischen Kirchen der BRD und DDR.

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Die international bessere „Großwetterlage” böte gewisse Chancen für verstärkte deutsch-deutsche Kontakte. Ausgenützt haben diese Gelegenheit bis jetzt aber nur die evangelischen Kirchen der BRD und DDR.

Berlin (West), eine kleine Pension in der Nähe des Kurfürstendamms. Nein, meint die Vermieterin, eine ältere Dame, auf die entsprechende Frage, sie wisse die Telefon-Nummer von Ostberlin nicht. Und dann fügt sie gleichsam zur Erklärung hinzu: Das ist doch ein anderes Volk da drüben.

Leipzig vor wenigen Wochen, kurz nachdem das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland” von 20.000 in die Bundesrepublik Ausgewanderten berichtet hatte, die dringend wieder in ihre Heimat zurück wollten. Auf die Frage eines westlichen Fernsehreporters, ob es die Möglichkeit zur Rückkehr in die DDR. geben sollte, meinte eine Frau: Auf keinen Fall, das sind doch Vaterlandsverräter.

Und nochmals Leipzig, ein Taxifahrer: Wenn meine Frau am Dienstag einmal nicht „Dallas” sehen kann, ist sie unansprechbar.

Szenen aus Deutschland, einem Land zweier Völker, die nichts anderes mehr verbindet als amerikanischer Fernsehkitsch?

Die Sprachlosigkeit, das Unverständnis füreinander zwischen Deutschen hüben und Deutschen drüben, das macht doch immer wieder betroffen. Daß 20.000 in der Bundesrepublik ansässige ehemalige DDR-Bürger wieder zurück wollen, stimmt ganz offensichtlich nicht. Nachprüfungen über 83 im „Neuen Deutschland” veröffentlichte Namen haben ergeben, daß nicht einmal die Hälfte von ihnen wieder zurück will.

Wahr ist freilich, daß immer mehr Ubersiedler klagen, sich in die bundesrepublikanische Wirklichkeit nicht einleben zu können. Eine Erklärung dafür gab vor kurzem der regierende Bürgermeister von Berlin in einer Bundestagsdebatte. Eberhard Diepgen meinte sinngemäß, daß die Menschen drüben oft verständnisvoller miteinander umgehen, als das in der Bundesrepublik der Fall sei.

So groß ist die Sprachlosigkeit, daß auch die evangelischen Kirchen in den beiden deutschen Staaten es seit ihrer organisatorischen Trennung im Jahr 1969 kaum jemals schafften, ein gemeinsames Hirtenwort zu veröffentlichen. Die katholischen Kirchen tun sich vor allem wegen der stärkeren Einschränkungen für die Katholiken in der DDR noch schwerer.

Der 8. Mai, der 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation, hat aber nun die evangelischen Bischöfe hüben und drüben doch gemeinsam sprechen lassen. Es ist ein beachtliches deutschlandpolitisches Dokument, das von den Seelsorgern in den evangelischen Kirchen der Bundesrepublik und der DDR am 8. Mai verlesen werden soll.

Neben einem Schuldeingeständnis für die Verbrechen während der Nazi-Zeit stehen im Zentrum des Hirtenbriefs ein Appell an die Menschen in beiden deutschen Staaten, „nicht bitter zu werden und nicht eine Wiederherstellung früherer Verhältnisse zu verlangen, die nicht zu haben ist” sowie ein Appell an die Alliierten des Zweiten Weltkriegs: „Hören Sie auf, neue Waffensysteme aufzustellen.”

Selten hat eine Einrichtung der DDR so deutlich auch der Sowjetunion eine Absage für neues Kriegsgerät erteilt, selten aber auch eine westdeutsche Institution die Wiedervereinigung des deutschen Volkes so klar als nicht aussichtsreiche Perspektive bezeichnet.

Die Wiedervereinigung: Natürlich taucht diese Losung in vielen Reden christlich-liberaler Regierungspolitiker auf, nach dem Geschmack mancher Vertriebenen-funktionäre freilich nicht deutlich genug. Und wenn Bundespräsident Richard von Weizsäcker meint, die deutsche Frage sei so lange offen, wie das Brandenburger Tor geschlossen sei, so läßt sich da schon herauslesen, daß es ihm vielmehr darum geht, die Kontakte der Menschen untereinander durch weniger geschlossene Tore und Grenzen zu erleichtern, anstatt den deutschen Einheitsstaat zu postulieren.

Die DDR unternimmt im Moment intensive dialektische Anstrengungen, wenn sie einerseits von der sozialistischen DDR-Nation spricht, andererseits das kulturelle deutsche Erbe für sich pachten will. Das führt dann nach dem Luther-Jahr - gefeiert wurde der Revolutionär, nicht der Augustinermönch - zum Bach-Jubiläum - nicht so sehr zum Gedenken an den Thomas-Kantor, sondern an das deutsche Musikgenie. Auch Karl May bekam endlich sein Museum. Er wurde vom „pseudochristlichen Schundschreiber” früherer Jahre zum sozialkritischen Schriftsteller verklärt. im Kreml: den Westen ? und was für Rezepte sie für den Westen parat haben racnt aes Kuitur-troes

Die sowjetische politische Elite durchläuft zur Zeit einen Prozeß der Selbstprüfung. Vermutlich im Februar kommenden Jahres findet der 27. Parteikongreß der KPdSU statt, und solche Parteitage sind für eine KP immer die Gelegenheit zu einer Bestandsaufnahme und zu einer Neudefinition der Parteilinie. In der Außenpolitik wird das sogenannte Gleichgewicht der Kräfte in der Welt unter die Lupe genommen werden.

Auf diesem Parteitag wird auch ein neues Parteiprogramm behandelt werden, in dem der Ton für die Politik der kommenden Jahre angeschlagen wird. Ich erwarte, daß dieses neue Programm im Gegensatz zu Chruschtschows im Optimismus schwelgenden KPdSU-Programm viel nüchterner, ja einigermaßen pessimistisch sein wird, was sich vermutlich im wiederholten Gebrauch des Wortes „komplex” zeigen wird, das in der offiziellen sowjetischen Terminologie so viel wie „schwer zu lösen” bedeutet.

Es gibt in der Tat eine Reihe schwerwiegender Probleme, auf die der Parteitag eingehen wird müssen.

An erster Stelle der Probleme steht im nächsten Frühjahr gewiß die stagnierende Wirtschaft, die fehlende Dynamik und eine Gesellschaft, die viele Merkmale der Demoralisierung aufweist. Dennoch: Das sowjetische System ist nach wie vor stabil, weil es sehr konservativ ist und weil die Führung bis jetzt wenig Bereitschaft zeigt, das Risiko struktureller Veränderungen einzugehen.

Das Problem der wirtschaftlichen Stagnation ist der sowjetischen Elite gewiß schon seit Jahren bewußt. Viel bemerkenswerter und alarmierender für sie ist, daß sich seit Beginn der achtziger Jahre das globale Gleichgewicht der Kräfte gegen die Sowjetunion zu kehren beginnt.

Seit der kubanischen Raketenkrise ist der Westen, allen voran die USA, der Sowjetunion gegenüber nicht mehr so feindselig aufgetreten. Die Sowjets interpretierten dies als eine „globale imperialistische Gegenoffensive”. Und Ende 1983 verloren sie auch noch die Schlacht, um diese „Gegenoffensive” zu brechen: als ihre Versuche zur Verhinderung der Aufstellung von US-Mittelstreckenraketen in Europa scheiterten. Da begannen im Kreml wirklich die Alarmglocken zu schrillen.

Bis jetzt hat Moskau auch noch nicht die geeignete Strategie gefunden, um den für sie derzeit ne-

Friedrich II., man darf drüben auch wieder „der Große” sagen, sitzt ohnehin seit Jahren wieder hoch zu Roß unter den Linden. Und Bismarck bekommt pünktlich zu seinem 170. Geburtstag eine autorisierte Biographie, die nicht so sehr den Junker und Sozialistengesetzgeber, sondern vielmehr den Status quo-Politi-ker beschreiben wird.

Freilich, das Aufstellen von ein paar alten Bismarck-Büsten bringt die Deutschen nicht näher zueinander. Sie müßten schon die „Großwetterlage” - übrigens ein Lieblingsausdruck von SED-Generalsekretär Erich Honecker -nützen, die ja jetzt ein paar mehr Hochs als noch vor wenigen Monaten verspricht. Und wenn in der Bundesrepublik weniger von Grenzen die Rede wäre und die DDR-Führung etwas weniger auf Formalitäten pochte, hätten die Menschen in ganz Deutschland auch etwas davon. gativ verlaufenden global-strategischen Trends entgegenzuwirken. Dieses Problem ist umso ernster, als es die Sowjetunion seit Beginn der achtziger Jahre mit einer Führungskrise zu tun hat und ein Generationenwechsel an der Machtspitze unumgänglich ist.

Die UdSSR würde deshalb dringend eine Atempause benötigen: eine Periode einer entschärften internationalen Lage, in der sich ihre Führung neu formieren und an die Bekämpfung der drückenden inneren Probleme herangehen kann.

Diese triste Situation, in der sich die sowjetische Elite mit einer Krise innen- und außenpolitischer Dimension konfrontiert sieht, eröffnet dem Westen die Gelegenheit, nach umfassenden Abkommen mit Moskau zu drängen - vor allem im Bereich der Rüstungskontrolle.

In den USA gibt es zur Zeit zwei Denkschulen, wie mit der Sowjetunion umzugehen wäre. Beide Denkschulen sind auch in der amerikanischen Regierung anzutreffen, und beide sind sich der Tatsache bewußt, daß sich die globale-strategische Waagschale zur Zeit eher auf die Seite des Westens neigt. Die Schlußfolgerungen, die aus diesem Umstand gezogen werden, sind allerdings unterschiedlich:

Die erste Schule hat kein Interesse und keine Absicht, die strategischen Vorteile der USA in bestimmten Gebieten aufzugeben und sich etwa die amerikanischen Pläne für eine defensive Verteidigung im Weltraum abhandeln zu lassen.

Die zweite, gemäßigt-konservative Denkschule ist bereit, auf bestimmte strategische Trumpfkarten der USA wie die Strategische Verteidigungs-Initiative zu verzichten — freilich im Austausch dafür, daß die Sowjetunion ihrerseits strategische Vorteile aufgibt, die sie zum Beispiel im Bereich der schweren Landraketen erworben hat.

In der gegenwärtigen Situation sind die Chancen, zu Rüstungskontrollabkommen zu gelangen, also gar nicht so schlecht. Erfolgreiche Verhandlungen erforderten aber, daß die Sowjets die Gelegenheit zu einer Atempause wirklich wahrnehmen, auf der anderen Seite wiederum auch die USA Kompromißbereitschaft zeigen.

Auszüge aus einem Referat, das Arnold Horelick, Direktor des „Zentrums für das Studium des internationalen sowjetischen Verhaltens” der „Rand-Corporation” bei der Fachtagung „Europäisch-amerikanische Beziehungen mit der UdSSR” im „Salzburg Seminar vorgetragen hat. Nichtautorisierte Ubersetzung und Bearbeitung: B. B.

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