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Mehr Wachstum gegen mehr Ökologie

1945 1960 1980 2000 2020

Beim Umweltgipfel in Rio pokern mehr als 100 Regierungschefs und 15.000 Delegationsmitglieder um die Zukunft der Erde. Festgefahren sind die Positionen, unversöhnlich die Gegensätze zwischen Nord und Süd.

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Beim Umweltgipfel in Rio pokern mehr als 100 Regierungschefs und 15.000 Delegationsmitglieder um die Zukunft der Erde. Festgefahren sind die Positionen, unversöhnlich die Gegensätze zwischen Nord und Süd.

Angestrebt hatte die UNO-Konfe-renz über Umwelt und Entwicklung (UNCED), wie die Veranstaltung offiziell heißt, Schritte, die es den Staaten der Welt ermöglichen sollten, der globalen Umweltkrise mit weitblickenden Abkommen zu begegnen und die Internationale Zusammenarbeit zu fördern.

Die Ergebnisse jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit sollten in Rio durch die Unterzeichnung entsprechender Verträge gekrönt und eine neue Ära des weltweiten Handelns zum Schutze der Umwelt sollte eingeleitet werden. Eine Charta der Erde als Grundsatzerklärung und eine Agenda 21, ein Aktionsplan für das 21. Jahrhundert, sollten verabschiedet werden.

In den vorbereitenden Konferenzen gelang es aber kaum, brauchbare Formulierungen zur Unterschriftsreife zu bringen. Unzählige Tonnen wertvollen Papiers wurden sinnigerweise bereits für Arbeitspapier bedruckt und verbraucht.

Doch vielleicht wäre alles andere auch zuviel verlangt. Bei einem Spektakel mit über 100 Regierungschefs und 15.000 Delegationsmitgliedern wird vor allem auch die Selbstdarstellung im Vordergrund stehen. Wichtig ist aber der schon seit Wochen stattfindende Meinungsbildungsprozeß, denn nun sind die Positionen klar:

Nicht mehr weggeleugnet werden kann, daß die Länder der Nordhalbkugel in völlig überproportionalem Ausmaß Rohstoffe und Energie verbrauchen: Ein Viertel der Weltbevölkerung verbraucht 80 Prozent der Ressourcen und verursacht einen mindest ebenso großen Anteil an den gesamten Schadstoffemissionen. Der zunehmende Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen beschleunigt den Temperaturanstieg und wird sehr ernste klimatische Folgen haben.

Klare Positionen

Im Mittelpunkt der Diskussionen wird der Begriff des „sustainable development" stehen, der nachhaltigen oder aufrechterhaltbaren Weiterentwicklung der Weltwirtschaft. Damit ist gemeint, daß die natürlichen Ressourcen so behandelt werden sollen, daß die ökologische Stabilität des Systems erhalten werden kann.

In diesem Zusammenhang ist auch eines völlig klar geworden: Würden die anderen drei Viertel der Weltbevölkerung einen Lebensstandard wie in den nördlichen Industrieländern erreichen und pro Kopf gleich viel ökologische Belastung verursachen, wäre dies der Todesstoß für eine für Menschen noch erträgliche Umwelt.

Die ökologische Frage läuft damit auf eine überaus harsche Nord-Süd-Konfrontation hinaus: Die reichen Industrieländer des Nordens sind nur sehr bedingt zu Einschränkungen ihrer Verschmutzungskapazitäten bereit und wollen daher im Sinne ihres eigenen Überlebens verhindern, daß die Entwicklungsländer der südlichen Hemisphäre ähnliche Lebensstandards mit ähnlichen Emissionsvolumen erreichen können. Sie wollen daher in Rio ein Konzept durchsetzen, das allen Nationen die gleichen Pflichten für Atmosphäre, Ozeane, Artenvielfalt und so weiter auflastet, was auf eine Zementierung der derzeitigen Verhältnisse hinausliefe. Die Entwicklungsländer sehen darin den Versuch, ihnen das Recht auf Entwicklung zu nehmen, das jedoch nach ihrer Auffassung durch kein noch so berechtigtes ökologisches Argument beeinträchtigt werden dürfe. Böse Worte wie „Öko-Diktat" und „Öko-Imperialismus" stehen im Raum.

Viele Experten sind allerdings der Ansicht, daß selbst die von den Industrieländern gewünschte Einfrierung der gegenwärtigen Zustände die Lebensmöglichkeit für die Menschheit auf Dauer nicht retten würde. Dennis und Donella Meadows haben in einer Aktualisierung ihres vor 20 Jahren erschienenen Buches über die Grenzen des Wachstum den ökologischen Kollaps für in nunmehr 40 Jahren vorhergesagt, wenn so weiter in den Tag hineingelebt wird wie bisher. Denn selbst auf dem derzeitigen

Entwicklungsniveau wird in der südlichen Hemisphäre großer Schaden, zum Beispiel durch die Brandrodungen in den Wäldern, angerichtet.

So geraten die Vertreter der nördlichen Hemisphäre in eine geradezu paradoxe Situation. Einerseits muß aus obigen Gründen verhindert werden, daß die Entwicklungsländer ähnliche verschwenderische Verbrauchsstrukturen aufbauen wie etwa die USA, Europa und Japan. Ohne rasche Entwicklung im Süden wird aber die immer schneller voranschreitende Zerstörung von Wäldern und Trinkwasserreserven schon gar nicht aufzuhalten sein. Und ohne Verbesserung der Lebensbedingungen besteht auch keine Aussicht, die Geburtenraten und das Bevölkerungswachstum in diesen Ländern zu bremsen.

Allerdings treten die Industrieländer in diesem Konflikt mit dem Süden geschlossen auf. Die Vereinigten Staaten lehnen alles, was ihrem Verständnis von Lebensqualität in Form billiger Energie widerspricht, grundsätzlich ab. Insofern ist auch der Zeitpunkt der Konferenz unglücklich gewählt, weil Präsident Bush mitten im Wahlkampf gar keine Zugeständnisse machen kann, selbst wenn er wollte, die den Amerikaner ihr Lieblingsspielzeug verteuern könnte. Er hat auch bereits der nationalen Kohle- und Ölindustrie versprochen, nichts zu unterzeichnen, was der wirtschaftlichen Erholung zuwiderlaufen oder gar zusätzliche Kosten verursachen könnte.

Die Japaner verfolgen ihre gewohnte Taktik, steuern einen Zickzack-Kurs und wollen sich auf nichts festlegen. Demgegenüber sind die Europäer wahre ökologische Vorkämpfer: Sie sind zu Kompromissen und zumindest einer Sparpolitik auf den verschiedensten Ebenen der Energie- und Ressourcenverwendung bereit. Auf eine gemeinsame Linie für Rio konnten sich die EG-Länder aber denoch nicht einigen. Die Differenzen über die Einführung C02- und Umweltsteuer im EG-Raum und über eine Abfallrichtlinie konnten nicht mehr ausgeräumt werden.

Lösungen gibt es

Lösungsvorschläge für alle diese Probleme gibt es, doch an der politischen Umsetzbarkeit wird es mangeln: Geht man etwa von der Überlegung aus, daß ein bestimmtes Ausmaß von Kohlendioxid-Emissionen durchaus verkraftbar ist, so könnte das Recht auf solche Emission quotenmäßig nach bestimmten Schlüssen auf alle Länder der Erde verteilt werden. Man sieht dann, daß allein die Vereinigten Staaten fünfmal so viel und Deutschland dreimal so viel emitieren wie ihnen im Weltmaßstab, etwa auf Pro-Kopf-Basis, zustünde, während volkreiche Entwickungslän-der ihre fiktiven Quoten nicht einmal zu 20 Prozent ausschöpfen.

Natürlich wäre es weltwirtschaftlich ein Unfug, die Vereinigten Staaten nun womöglich zur Stillegung von Kraftwerken oder anderer Emitenten zu zwingen (vorausgesetzt, daß wäre überhaupt möglich), während die Entwicklungsländer ihre Quoten mangels wirtschaftlicher Dynamik gar nicht nützen könnten. Der Vorschlag lautet nun, diese nationalen Rechte zur Belastung der Atmosphäre wie Wertpapiere zu handeln. Die Industriestaaten müßten diese Rechte den Entwicklungsländer abkaufen, womit außerdem ein Beitrag zur Umkehr der derzeitigen absurden Richtung der weltweiten Kapitalströme geleistet würde (derzeit fließt mehr Kapital von den Entwicklungsländern in die Industrieländern als umgekehrt).

Doch derlei wird vorläufig akademische Spielerei bleiben. Worauf man sich in Rio möglicherweise einigen wird, ist ein matter Kompromiß in Form eines „Öko-Fonds", wie er von der UNO-Bürokratie vorgeschlagen wurde. In diese Fonds sollen die Industrieländer einzahlen. Unter Aufsicht (ausgerechnet) der Weltbank, die in der Vergangenheit bei ihrem Projekten ja nicht gerade ökologisches Feingefühl bewiesen hat, sollen die Mittel zur Sanierung bestimmter Problembereiche verwendet werden.

Ein paar Milliarden gießkannenartig eingesetze Dollar sind aber nach übereinstimmender Ansicht aller ernstzunehmenden Beobachter hinausgeworfenes Geld, das nicht einmal ansatzweise eine Änderung bringen kann. Aber als Scheinlösung, die sich verkaufen läßt und niemandem weh tut, wird dieser Vorschlag konsensfähig sein.

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