Song Contest - © Foto: Getty Images / Vyacheslav Prokofyev / TASS
Politik

„Das ist eine Schimäre“

1945 1960 1980 2000 2020

FM4-Koordinator Martin Blumenau über die politische Dimension des Song Contests, den Einfluss „linker ­Kulturdebatten“ auf den Mainstream, Gender-Fragen, Rechtspopulismus, Beyoncé und Andreas Gabalier.

1945 1960 1980 2000 2020

FM4-Koordinator Martin Blumenau über die politische Dimension des Song Contests, den Einfluss „linker ­Kulturdebatten“ auf den Mainstream, Gender-Fragen, Rechtspopulismus, Beyoncé und Andreas Gabalier.

Martin Blumenau ist seit Gründung des ORF-Jugendkultursenders FM4 eines seiner Masterminds. Nach Anfängen bei heimischen Printmedien und Radioformaten (u. a. der legendären „Musicbox“ auf Ö3) konzipierte er 1994 gemeinsam mit Angelika Lang und Mischa Zickler die öffentlich-rechtliche Jugendschiene FM4. Blumenau polarisiert u. a. jeden Mittwoch die Hörerschaft mit seiner Phone-in-Sendung „Bonustrack“, bei der er Anrufer auch gerne mal aus der Leitung wirft. Im Interview mit der FURCHE spricht er über den Eurovision Song Contest (ESC) als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen, die Wechselwirkung zwischen politischer „Hard-“ und kultureller „Softpower“, die Umbrüche der 1960er, Ambivalenz in der Popkultur – und erklärt, was Gil Scott-Heron mit Janelle Monáe und der Superheldenfilm „Black Panther“ mit der US-Bürgerrechtsbewegung zu tun hat.

Die Furche: Für FM4 spielte der Song Contest ja eine nicht unwesentliche Rolle, weil Stermann und Grissemann ihn lange Jahre ironisch kommentierten. Welchen Bezug hast du zum ESC?
Martin Blumenau: Außer, dass ich bei der Regie zu Stermann und Grissemann erstmals damit in Kontakt gekommen bin, eigentlich keinen sonderlichen. Hin und wieder ergibt sich, dass ich ihn in einer größeren Gruppe gemeinsam anschaue. Der Song Contest als Phänomen ist aber schon interessant. Und in den vergangenen Jahren hat sich dort einiges an gesellschaftlichen Entwicklungen manifestiert. Man kann dazu allerdings auch einen Bezug entwickeln, ohne sich das anschauen zu müssen.

Die Furche: An welche gesellschaft-
lichen Veränderungen denkst du?

Blumenau: Conchita Wurst war ja zum Beispiel nicht die erste, die beim ESC mit Gender-Diversität das Interesse auf sich gezogen hat. Da gab es auch schon zuvor einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer und sogar eine Siegerin.

Die Furche: Dana International aus Israel gewann 1998 als transgeschlechtliche Sängerin.
Blumenau: Für dieses Widerspiegeln gesellschaftlicher Entwicklungen war der Song Contest immer ein guter Boden. Denn weil die diversen LGBTIQ-Communities dort Stammgäste sind, war die Veranstaltung immer ein Forum, an dem sich diese Themen entzünden und gut diskutiert werden konnten. Nachdem der ESC so eine breite Mainstream-Öffentlichkeit hat, müssen sich eben auch Menschen, die sich sonst nicht mit einer Frau mit Bart beschäftigen, damit auseinandersetzen. Das löst Debatte aus. Und Debatte per se ist immer gut.

Die Furche: Welche Rolle spielt kulturelle „Soft Power“ für Politik und Gesellschaft?
Blumenau: Da muss man grundsätzlich aufpassen, sich nicht in schwärmerischen Sphären zu verlieren. Denn der ganz konkrete Einfluss war immer ein geringer und wird auch künftig ein geringer sein. Die Musik ist wie alle Künste ein Begleiter gesellschaftlicher Debatten, kann sie voran- und in bestimmte Richtungen treiben, sie fokussieren. Der Gender- und Sexualitätsnormen-Diskurs etwa wurde durch den ESC ordentlich befeuert, keine Frage. Aber wohin sich der gesellschaftliche Mainstream dann tatsächlich wendet, ist davon eher unberührt. Und wie sich politische Entscheidungen entwickeln, wird Popmusik letztlich nie beeinflussen können. Es gibt da dieses Narrativ, wonach die linke Kulturdebatte den Mainstream quasi für sich gekapert hat und einen unfassbaren Einfluss auf ihn ausübt. Das ist eine Schimäre.

Die Furche: Welche Funktion erfüllt da eine Figur wie Andreas Gabalier?
Blumenau: Er begleitet eine gesellschaftliche Strömung, die ganz offen vor uns liegt: Rechtspopulismus mit „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Anklängen. Und auch immer wieder klaren Übertretungen, die mit „Na geh, stellt’s euch nicht so an“ als augenzwinkernd dargestellt werden. Das sind die gleichen Mechanismen, die Rechtspopulisten bis hin zu Rechtsradikalen auch nutzen. Insofern ist es der exakte Spiegel einer ganz klaren gesellschaftlichen Entwicklung. Die – genauso wie alle anderen Bereiche – nicht für alle gilt, sondern bestimmte Gruppen bestätigt und inhaltlich einkassiert. Das ist natürlich eine Wechselwirkung.