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Die Nachhaltigkeit kommt zu kurz

Die Agenda 2000 führt nach dem Verständnis ihrer Befürworter die europäische Landwirtschaft einen wichtigen Schritt an die Notwendigkeiten modernen Wirtschaftens heran. Obwohl der Agrasektor seit Jahrzehnten enormen Veränderungen unterworfen ist, erscheint er nach wie vor als rückständig: stark subventioniert, mit viel zu kleinen, ineffizienten Einheiten, zu wenig flexibel und sogar vielfach umweltbelastend - mit einem Wort reformbedürftig. Daher: größere Einheiten, mehr Effizienz, mehr Wettbewerb.

Dennoch ist zu bezweifeln, ob diese Anpassung wirklich eine Lösung darstellt. Die Probleme der US-Landwirtschaft (sie ist trotz riesiger Einheiten unterstützungsbedürftig) zeigen, daß die "Industrialisierung" die Agrarprobleme nicht löst. Hier stößt Rationalisierung, also die Unterwerfung des Wirtschaftens an vorgefaßte Denkmodelle, an Grenzen. Denn die Landwirtschaft arbeitet an der Schnittstelle zwischen Menschenwerk und natürlichem Umfeld. Dieses ist nur in Teilbereichen durchschaut - und grundsätzlich undurchschaubar -, äußerst komplex und auf das Zusammenwirken einer Unzahl von Lebewesen und Prozessen angewiesen.

Diese Tatsache setzt menschlicher Steuerung Grenzen. Mißachtet man sie, stellen sich Umweltprobleme, also Schädigungen des Lebensraumes ein. Will man diesen aber erhalten, so muß man behutsam mit ihm umgehen, ihn nicht mit weltweit gleichen - wenn auch zunächst sehr produktiven - Methoden traktieren.

Genau dahin wirken aber die Agenda-Bemühungen, indem sie die Märkte öffnen. Dadurch muß nämlich - übertrieben gesagt - jeder Bauer mit jedem anderen weltweit in Konkurrenz treten. Und da setzen sich die Methoden, die kurzfristig höchste Erträge in Gunstlagen erzeugen, durch - jedoch auch nur, weil das Verschleudern fossiler Energie die Transportkosten zur vernachlässigbaren Größe macht.

Im Vertrag von Amsterdam hat sich die EU zu einer Politik des nachhaltigen Wachstums bekannt. Das ist sehr begrüßenswert. Bei der Umsetzung dieses Ziels liegt der Schwerpunkt der Maßnahmen - siehe Agenda 2000-, jedoch auf der Wachstumsförderung. Der Nachhaltigkeit wird zwar Rechnung getragen, also auch der Umweltschutz in der Landwirtschaft gefördert, dieses Ziel ist jedoch nachgeordnet. Man berücksichtigt es, soweit es das Wachstum nicht gefährdet.

Da wären die Akzente zu ändern: Wachstum nur so weit, wie es die Nachhaltigkeit zuläßt. Dieser Zugang ergäbe sofort neue Prioritäten. Überschaubare, behutsam wirtschaftende Einheiten wären gegenüber großen zu begünstigen, der Einsatz von Kunstdünger auf ein Minimum zu reduzieren (Seite 8), Forschungsanstrengungen auf regional angepaßte Anbaumethoden, nicht auf Schädlingsbekämpfung und gentechnische Effizienzsteigerung mit unabsehbaren Umweltfolgen zu konzentrieren ...

Die Probleme der Landwirtschaft sind nicht typisch für diesen Sektor. Sie treten hier nur besonders deutlich zutage, weil der Agrasektor eben an der Schnittstelle zur Natur tätig und mit nicht beliebig aufnahmefähigen Märkten konfrontiert ist. Alle Sektoren der Wirtschaft stoßen früher oder später an dieselben Grenzen. Daher wäre die Krise der Landwirtschaft eine Chance, Rückschlüsse für ein allgemein nachhaltiges Wirtschaftsmodell zu ziehen. Davon ist die Agenda 2000 allerdings noch weit entfernt.

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