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Ein Land zerbricht

Der Konflikt in Syrien strahlt auf den ohnehin instabilen Libanon aus, wo radikale Schiiten, Sunniten und christliche Gruppen gegeneinander stehen.

Man erkennt sie an ihren schlechten Schuhen, den billigen Lederimitat-Jacken, manche auch am Haarschnitt und am unsteten Blick. Die syrischen Flüchtlinge sind überall im Libanon: im schiitischen Süden, im sunnitischen Norden, in der Hauptstadt Beirut, in christlichen und drusischen Wohngebieten. 100.000 sollen sich laut Schätzungen des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) Ende Oktober auf dem Staatsgebiet des Zwergstaates aufgehalten haben. Anders als in der Türkei oder in Jordanien werden sie nicht in Lagern aufgefangen, sondern finden fast alle bei libanesischen Familien Unterschlupf.

Flüchtlinge helfen Flüchtlingen

"Viele wohnen auch bei Palästinensern. Flüchtlinge helfen Flüchtlingen“, sagt Majad Hamatto, Koordinator eines Netzwerks im Südlibanon, dem über 60 Nichtregierungsorganisationen angehören. Über die Autobahn sind die Hauptstädte Beirut und Damaskus nur zwei Stunden voneinander entfernt. "Deswegen gibt es zahlreiche geschäftliche, familiäre und freundschaftliche Verbindungen“, erklärt Andrea Reisinger vom Österreichischen Roten Kreuz, warum die meisten Flüchtlinge privat unterkommen.Nichts fürchtet man also im Libanon mehr, als dass der syrische Konflikt den kleinen Nachbarn ansteckt. Zu wach ist noch die Erinnerung an den blutigen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Die meisten der 18 im Libanon anerkannten religiösen Gruppen sind auch in Syrien vertreten, wenn auch in anderen Proportionen.

Das Attentat löste in schiitischen Vierteln von Beirut spontanen Jubel aus, während in sunnitischen und christlichen Wohngegenden Trauer und Empörung herrschte. Die schiitische Hisbollah ist der engste Verbündete des syrischen Regimes im Land. Al-Hassan galt als Gegner der syrischen Interventionspolitik. Er brachte den Ex-Informationsminister Michel Samaha in Untersuchungshaft, als dieser in seinem Auto Sprengstoff für politische Attentate aus Syrien ins Land brachte. Der Verdacht, dass der syrische Geheimdienst hinter dem Attentat stecken könnte, liegt daher nahe. Zumal Al-Hassan erst am Vorabend des Attentats von einer Sicherheitskonferenz in Deutschland zurückgekommen war.

Prekäres Gleichgewicht

Die Information, dass er wieder im Lande war, könnte also von der Einreisebehörde gekommen sein, die von Schiiten kontrolliert wird. Der Sicherheitschef, ein Sunnit, hatte aber auch mit anderen Gruppierungen Rechnungen offen: Er hatte israelische Spione enttarnt und Spionagenetzwerke der USA aufgedeckt. Kurz: Er vertrat libanesische Interessen und nicht nur die seiner Glaubensgemeinschaft. Das ist in einem Land, dessen Politik seit seiner Gründung im Jahre 1943 von der Balance der konfessionellen Rücksichten bestimmt wird, eine Rarität. Nicht nur das Parlament, auch die Ministerien und andere mit Einfluss verbundene Posten sind nach einem Konfessionenschlüssel fest verteilt. Der Präsident muss maronitischer Christ sein, der Premier sunnitischer, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim. Selbst Veränderungen im Personalstand würden das prekäre Gleichgewicht durcheinanderbringen. So ist der Energienotstand nicht zuletzt einem dreimonatigen Streik von rund 20.000 sunnitischen Elektrizitäts-Arbeitern zuzuschreiben.

Innerhalb der konfessionellen Gruppen gibt es in der Regel je zwei Parteien, von denen einige einander noch mehr bekriegen als die Angehörigen einer anderen Religion. So wurde der "kleine“ Bürgerkrieg 1958, als der Libanon noch den Ruf der "Schweiz des Nahen Ostens“ genoss, von einem Massaker in einer maronitischen Kirche ausgelöst.

Politik der großen Familien

In den Parteien dominieren fünf Dutzend große Familien, die Parlamentssitze und Kabinettsposten von Generation zu Generation weitergeben. Reichtum, Macht und politischer Einfluss gehen Hand in Hand. Einzig die Allianzen verändern sich. Während des Bürgerkriegs wechselten vor allem die Drusen taktisch die Seiten. Die Drusen sind die geheimnisvollste Religionsgemeinschaft, deren Glaubensinhalte nur einer Schar von "Wissenden“ vorbehalten sind. Sie haben sich vor bald 1000 Jahren von den Schiiten abgespalten und den muslimischen Glauben mit Elementen wie der Seelenwanderung angereichert.

Derzeit definieren sich die großen Allianzen nach den Ereignissen im Februar und März 2005, als der kurz vorher zurückgetretene Premier Rafiq Hariri von einer gewaltigen Bombe in die Luft gesprengt wurde. Einen Monat nach dem Attentat, am 8. März, gingen jene auf die Straße, die sich der syrischen Schutzmacht verbunden fühlten. Daraus entstand ein Parteienbündnis unter Führung der schiitischen Hisbollah und Amal, dem auch christliche und drusische Gruppen angehören. Eine Woche später, am 14. März, demonstrierten dann die Anhänger Hariris, vor allem Sunniten und Christen, die das Attentat dem Geheimdienst Syriens anlasteten, den Abzug der im Lande befindlichen syrischen Truppen forderten und auch durchsetzten. Man sprach von der Zedernrevolution. Gegenwärtig regiert die syrienfreundliche Allianz des 14. März.

Bei uns, so Majid Hamatto, der in Saida, dem phoenizischen Sidon, die NGO-Plattform koordiniert, "wird nicht nach der politischen Ausrichtung gefragt. Wer das tut, hat bei uns nichts verloren.“ Auf dem Registrierungsformular gibt es keine Rubrik für religiöse oder politische Konfession. So werde vermieden, dass der syrische Konflikt über die Flüchtlinge auf libanesisches Territorium importiert wird. Größere Zusammenstöße zwischen den Gruppen konnten wohl auch dadurch vermieden werden, dass Angehörige der unterschiedlichen Gruppen genau wissen, in welchem Landesteil sie Gleichgesinnte finden, so Andrea Reisinger vom ÖRK. In Tripoli, der im Norden gelegenen zweitgrößten Stadt des Landes haben allerdings Schusswechsel zwischen alawitischen und sunnitischen Bezirken bereits mehrere Todesopfer gefordert. Gleichwohl ist Bente Scheller, die Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, optimistisch, dass sich das Land dem Krieg entziehen kann: "Seit der Zedernrevolution 2005 ist der Libanon autonomer geworden.“ Syrien sei durch die jahrelange Besetzung des Landes sehr unpopulär geworden. Die Soldaten der "Schutzmacht“ hätten sich wie Besatzer aufgeführt und jede Art von Missbrauch betrieben. Das wirke sich auch auf die pro-syrische Hisbollah aus, die es jetzt vermeide, Öl ins Feuer zu gießen. Maya Ammar von der Frauenorganisation KAFA ist weniger optimistisch: "Wir sind schon mittendrin. Alles was in Syrien passiert, hat Auswirkungen auf den Libanon. Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber die politischen Attentate haben wieder angefangen.“ Bis Jahresende, so schätzt die UNO, werde sich die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten verdoppeln. Keine gute Voraussetzung für ein Land, das sich aus dem Konflikt heraushalten will.

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