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"Grüne Visionen realitätstüchtig machen"

die furche: Eine Regierungsbeteiligung der Grünen brächte das Chaos nach Wien, warnen Ihre politischen Gegner. Und es scheint, als Reaktion darauf präsentieren sich die Grünen betont seriös. Liegt die grüne Wahrheit nun in der Mitte? Oder haben sich die Grünen auf diese Wahl hin gewandelt?

Christoph Chorherr: Wir haben die letzten zwei Jahre intensiv genützt, um uns auf diese Wahl vorzubereiten. Der Wunsch, nicht mehr nur zu fordern, nicht mehr nur zu kritisieren, sondern gestalten und umsetzen zu können, stand dabei im Vordergrund. Wissend, dass wir einen klaren Gestaltungsanspruch stellen wollen, haben wir die eigenen Forderungen auf ihre Umsetzbarkeit überprüft. Das verändert Denken und Politik, und die Ernsthaftigkeit ist gewachsen. Wir bemühten uns, grüne Visionen realitätstüchtig zu machen. Umgekehrt gibt es natürlich irren Schwung, wenn man jetzt sieht, wie urökologische Positionen - für die man jahrelang ausgelacht wurde - plötzlich erwogen werden.

die furche: Wenn eine Lebensmittelkatastrophe die nächste ablöst, ist es nicht verwunderlich, dass viele Verunsicherte bei grünen Forderungen Zuflucht suchen. Wird man Ihnen die Treue halten, wenn herauskommt, dass grüne Forderungen auch mit persönlichem Verzicht zu tun haben?

Chorherr: Es gab eine Phase, da wurde vor allem kritisiert, die Grünen seien lustfeindlich: Autofahren darf man nicht, und nichts Gescheites essen darf man - schon gar kein Fleisch, und in den Urlaub fliegen darf man auch nicht. Und wir haben uns bemüht klarzumachen: Grün heißt nicht verzichten, sondern Grün heißt besser leben. Wenn ich mit dem Rad fahre und nicht mit dem Auto und am SPÖ-Politiker vorbeifahre, der im Dienstwagen staut, dann verzichte ich auf nichts. Ganz im Gegenteil, der Tag ist gerettet. Auch ist es kein Verzicht, auf biologische Ernährung umzusteigen. Und es ist kein Verzicht, Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu gewinnen. Das ist keine Frage von Verzicht, sondern von einem besserem Leben.

die furche: Alle Umfragen deuten darauf hin, dass die Wählerinnen und Wähler Ihren Argumenten sehr zugänglich ist. Entscheidend wird aber sein, wie die SPÖ nach den Wahlen paktiert. Sind die Grünen für die Sozialdemokraten koalitionstauglich?

Chorherr: Alle Fragen mich zur SPÖ. Die meistgestellte Frage ist: Herr Chorherr, was, glauben Sie, macht der Häupl? Diese Frage reflektiert wunderbar, in welchem Zustand die Republik und Wien sich befinden. Ein spätfeudaler Zustand, wo sich noch alle fragen, was der Fürst zu tun geruht. Ich kann darauf nur sagen: Zum Glück gibt es eine Bevölkerung, und zum Glück haben wir Wahlen. Darum lautet die Frage nicht, ob der Fürst dieses oder jenes gewährt, sondern die Frage muss lauten, ob nicht Wahlergebnisse eine Richtung ausdrücken, wohin es mit dieser Stadt in den nächsten Jahren gehen soll. Und nicht nur mit der Stadt, sondern mit der ganzen Republik. Denn diese Wahl ist keine reine Kommunalwahl. Je besser Grün am 25. März abschneidet, desto stärker wird der Druck auf die Sozialdemokratie sein, etwas Neues, Innovatives zu versuchen. Wenn wir wenig dazugewinnen, wird es für die SPÖ leichter sein, so weiterzumachen wie bisher. Das hat zwar keinerlei Erneuerungsimpuls, aber viele neigen in Österreich zum Sicheren. Aber ich nehme eine wachsende Gruppe in der Sozialdemokratie wahr, die etwas Neues will. Die auch aus Kritik an den versteinerten, nur mehr machtorientierten Zugängen ihrer eigenen Partei sagen, wir haben nur eine Chance, wenn wir neue politische Themen besetzen. Und das können wir mit den Grünen machen.

die furche: Sie sprechen den bundespolitischen Aspekt dieser Wien-Wahl an. Auf KPÖ-Plakaten ist zu lesen: Die Rache ist rot! Ist die Rache auch grün?

Chorherr: Nein, definitiv nicht. Zwei Begriffe, die ich immer von mir gewiesen habe: Erstens, irgendwer hat begonnen von der "Schlacht um Wien" zu reden. Ich will keine Schlacht. Eine Schlacht hat Tote, ich will keine Toten. Wir wollen einen Wahlkampf führen, der Zukunftsthemen behandelt. Auch wenn das mitunter weniger griffig ist, und Journalisten jammern, der Wahlkampf sei zu fad. Ich könnte schlachtartig den politischen Gegner mit Schimpftiraden und Klagen zudecken. Dann würde das vielleicht mehr Aufmerksamkeit erregen. Ich halte es aber für gescheiter, und wir fahren gut - gerade bei den Menschen, die mit uns sympathisieren - wenn wir Inhalte in den Vordergrund stellen.

Und so ist auch Rache keine akzeptable Begrifflichkeit. Worum es schon geht, ist der leidenschaftliche politische Wunsch, dass diese Bundesregierung nach dieser Periode abgelöst wird, keine Mehrheit mehr hat. Da sehe ich Wien als wichtige Etappe. Aber wenn auf Bundesebene ein neues Modell versucht werden soll, dann muss das irgendwo auf Landesebene funktioniert haben. Das führt zu dem, was ich vorher über grüne Realitätstüchtigkeit gesagt habe. Und wo können wir das beweisen, wenn nicht in Wien? Und wann, wenn nicht nach einer Wahl bei der die Grünen sich deutliche Zugewinne erwarten und damit eine deutliche Mehrheit von SPÖ und Grünen möglich wäre? Was wiederum die Chance beinhaltet, wirkliche Reformen anzugehen. Wenn es da nicht funktioniert, wo soll es denn dann funktionieren?

die furche: Ich wollte Sie jetzt eigentlich fragen, ob Sie nicht auch Ihre Entzauberung bei einer Regierungsbeteiligung fürchten. Aber die Frage kann ich mir sparen. Aus Ihren Worten geht deutlich hervor, die Grünen wollen nach dem 25. März in Wien regieren.

Chorherr: Ja, wenn regieren Veränderung bedeutet. Nein, wenn die SPÖ nur einen billigen Partner sucht. Dann wären wir verrückt. Wenn wir in die Regierung gingen, zwei "Posterl" kriegen, nichts bewegen und damit grüne Glaubwürdigkeit endgültig ruinieren. Es ist ganz entscheidend, in den Verhandlungen nach der Wahl die Frage zu klären, ob die Wiener Sozialdemokratie in Eckbereichen - zum Beispiel Integrationspolitik - bereit ist, die Vielfalt, die Wien hat, als Chance zu begreifen und nicht als Bedrohung. Ob die SPÖ Ökologie ernsthaft als Prinzip umsetzen will oder nicht und ob die SPÖ verstärkt in den Bildungsbereich investieren will. Da muss was weitergehen. Wenn sich heraustellt, die SPÖ will das nicht und sucht nur den billigeren Partner, dann ist es schon entschieden: Es gibt weiter Rot-Schwarz. Da machen wir definitiv nicht mit.

die furche: Sie brauchen keine "Posterl". Was wäre denn in Ihren Augen ein akzeptabler Posten in der Regierung? Welche Ressorts streben die Grünen an?

Chorherr: Da sag ich in der mir eigenen Bescheidenheit: Alle. Was meine ich damit? Dass in allen Ressorts und Bereichen der Stadtpolitik Veränderungen spürbar werden. So soll es nicht sein, dass zwar die Grünen dort und da ihren Posten haben, in anderen Bereichen aber die Roten weitermachen wie bisher. Zweifellos, das ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Denn die Wiener SPÖ ist ja nicht irgendwer in dieser Stadt. Die haben den Machiavelli nicht nur ordentlich studiert, sondern in jahrzehntelangem Tun leben sie ihn. Mir geht es um den gesamthaften Anspruch.

die furche: Wie stehen Sie zum Vorschlag einer Dreierkoalition?

Chorherr: Ich halte es für eine Demokratie schlecht, die wichtige Rolle der Opposition nur der FPÖ zu überlassen. Zweitens funktioniert es nicht, dass drei Parteien sich zu einem gemeinsamen innovativen Weg zusammenfinden. Es ist schwierig genug, dass es zwei Parteien sind. Ich verstehe den Bürgermeister, wenn er, anstatt sich zu entscheiden, sagt, kommts doch alle. Aber wir werden entweder Regierungs- oder Oppositionspartei sein. Ganz sicher werden wir nicht mit der ÖVP in ein gemeinsames Kuddelmuddel gehen. Mit gutem Grund wird in den Bundesländern der Proporz zurückgedrängt. Dann werden wir sicher nicht wieder eine Proporzregierung einführen.

die furche: Abschließend, was ist Ihnen ein besonderes Anliegen aus Ihrem über 70 Seiten starken Wahlprogramm?

Chorherr: Eigentlich will ich nichts Bestimmtes herausnehmen, damit ich nicht anderes abwerte. Aber ein Beispiel gebe ich trotzdem: Viele sagen, Wien ist gut verwaltet. Als Beweis wird dann die in der Tat gute und weltberühmte Müllabfuhr genannt. Ich wäre zufrieden, wenn nach fünf Jahren grüner Regierungsbeteiligung den Leuten nicht als Erstes die Müllabfuhr, sondern ein hervorragendes Bildungssystem einfallen würde.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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