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Eine radikale Kritik

Günter Wallraff ist der erfolgreichste Sozialreporter und verdeckte Ermittler im deutschen Sprachraum. Ehe er diese Woche nach Wien kam, interviewte ihn sein Gastgeber.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit besteht aus dem, was geschieht, und aus dem, was darüber berichtet wird. Das bestimmen herrschende Akteure. Günter Wallraff hingegen recherchiert, was hinter den Fassaden vor sich geht.

Die Furche: Wie haben sich denn die Arbeitsverhältnisse und auch die Ausbeutungsverhältnisse ganz unten, am unteren Rand der Gesellschaft, verändert? Fraglos geht die Arm-Reich-Schere ja ständig deutlich auf. Der "untere Rand“ wird breiter, die Unterprivilegierten werden mehr. Wie haben sich denn die "Akteure“ verändert?

Günter Wallraff: Damals in den 60er-Jahren, als ich anfing, in den Fabriken zu arbeiten, hat man mir den Spitznamen "Student“ gegeben, obwohl ich gar nicht studiert hatte. Aber ich wirkte offensichtlich fremd dort. Das ist heute ganz anders. Wenn ich heute unerkannt in einem Betrieb arbeite, dann gehöre ich dazu. Vielleicht liegt es auch daran, dass ein neues Proletariat entstanden ist, zu dem nun auch Studierte gehören. Darin sehe ich auch eine gewisse Chance, dass ein neuer Schulterschluss zustande kommen kann zwischen klassischen Arbeitern und in die Arbeiterklasse verstoßenen Akademikern. Das ist ein Fortschritt. Es gibt nicht mehr diese starre, durch Bildung bedingte Unterteilung von Arbeitnehmern.

Ich erinnere mich daran, dass ein Fabrikbesitzer, Inhaber eines größeren Betriebes, in dem ich damals gearbeitet hatte, sich mit einem Aushang an seine Arbeiterschaft wendete und sich über mich beschwerte: "Finden Sie es nicht abscheulich“, so stand dort sinngemäß, "dass ein Herr Günter Wallmann sich unter dem falschen Namen Günter Wallraff bei uns einschleicht, mit dem geheimen Auftrag, eine verleumderische Reportage zu veröffentlichen.“ Das war dann der Knackpunkt in meiner Ermittlungsarbeit. Bis dahin brauchte ich noch keine falschen Papiere; seither aber kursierten Steckbriefe über mich und ich musste mir dann jeweils ein anderes Aussehen zulegen, andere Arbeitspapiere besorgen - so hat das angefangen.

Die Furche: Wenn du die Arbeitswelt damals, am Beginn deiner Sozialreportagen, mit jener vergleichst, die du jetzt vorfindest, was kommt bei diesem Vergleich heraus? Wie unterscheiden sich die Akteure damals und jetzt?

Wallraff: Man weiß heute viel mehr über das, was im Argen ist. Das Bewusstsein innerhalb, aber auch außerhalb der Arbeiterschaft ist tatsächlich viel größer. Man redet auch untereinander kritischer über seine Erfahrungen und Einschätzungen. Das ist die positive Bilanz des Vergleichs. Aber man ist auch wehrloser. Die Arbeitsverhältnisse sind unsicherer, der Einfluss der Gewerkschaften geringer, die Ausbeutungsintensität wurde in bestimmten Bereichen bis zum Geht-nicht-mehr gesteigert. Aber man muss differenzieren: Dort, wo die Gewerkschaft eine Rolle spielt und die Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft noch hoch ist, da sind Rechte noch gesichert; sie werden aber ausgehöhlt durch ein neu entstehendes Proletariat, durch prekäre Arbeitssituationen, durch einen ständig wachsenden Anteil an Leiharbeit. Es macht sich bemerkbar, dass innerhalb der Belegschaft ein Teil rechtloser wird oder sogar rechtlos ist. Das war früher nicht so. Man hatte in mancher Hinsicht die gleichen Probleme, aber durch die Gewerkschaft doch einen gewissen Schutz. Heute wachsen ständig die Arbeitsfelder, wo die Gewerkschaften überhaupt keinen Einfluss mehr haben, wo ein Gewerkschaftsmitglied gar nicht erst eingestellt und eine Betriebsratsbildung durch gezieltes Mobbing verhindert wird.

Die Furche: Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die aktuellen Probleme der Arbeitswelt und der Wirtschaft größer geworden ist.

Wallraff: Da hast du recht, es ist keine abgeschlossene Gemeinde mehr, die diese kritische Perspektive auf Wirtschaft und Gesellschaft hat. Es gibt auch immer mehr Konservative darunter, die nachdenklich werden. Und wenn aus Leitenden Leidende werden, kommen sie neuerdings sogar zu mir und offenbaren sich.

Die Furche: Was vermittelst du bei deinen Vorträgen und Veranstaltungen?

Wallraff: Das sind ganz einfache Standards. Ich merke immer mehr, dass gerade die Wacheren, Jüngeren inzwischen häufig gar nicht mehr zur Wahl gehen. Denen muss ich erst einmal vermitteln, dass diese Demokratie-Verweigerung im Grunde genommen denen zugutekommt, die ihre eigenen Interessen sehr wohl zu wahren wissen. Ich versuche klar zu machen, dass man die Spielräume, die unsere Demokratie bietet, als Mindestvoraussetzung nutzen muss. Genauso erkläre ich, wie wichtig gewerkschaftliche Mitgliedschaft ist, und zwar nicht passiv, sondern aktiv mitgestaltend.

Die Furche: Bildung ist offensichtlich heute wie damals die entscheidende Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit. Egal, wo man in der Gesellschaft hinleuchtet, stößt man auf Entwicklungen der Entpolitisierung: wahrscheinlich vor allem in der Politik selbst. Braucht man nicht, um wirksame Gesellschaftskritik zu äußern, eine umfassende und politische Gesellschaftsauffassung, wo der Begriff Kapitalismus dann doch vorkommt?

Wallraff: Meine Gesellschaftskritik ist radikal, und sie setzt da an, wo der Widerspruch zwischen einem humanen Verfassungsentwurf und der Realität der Arbeitswelt immer größer wird. Der Artikel eins unseres Grundgesetzes lautet ja, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Im Hinblick auf das, was alltäglich in unseren Arbeitswelten geschieht, müsste eigentlich der Verfassungsschutz aktiv werden und verdeckte Ermittler in Betriebe schicken. Das, was ich gleichsam stichprobenmäßig mache, müsste ein Hauptthema werden. Alle Experimente, die unter dem Vorzeichen des Kommunismus angetreten sind, sind so grauenhaft danebengegangen, dass sich auch bei den Linken die meisten davor scheuen, diesen Begriff nochmal ins Spiel zu bringen. Wir brauchen eine Linke, aber eine undogmatische Linke.

Die Furche: Wie haben sich denn die Feindbilder in den letzten Jahrzehnten verändert? Früher war die Verantwortung bei Unternehmern, heute bei Managern, die häufig ausschließlich die Interessen der Shareholder vertreten.

Wallraff: Da sind oft noch viel Schlimmere an die Stelle dieser Unternehmer getreten, die jede Form der Verantwortung abgelegt haben. Die sind schlimmer als die Sklavenhalter des klassischen Altertums, die nämlich noch ein Interesse daran hatten, dass ihre Sklaven möglichst lange bei guter Gesundheit waren, damit sie von deren Arbeitskraft möglichst lange profitieren konnten. Jetzt agieren Typen, die vielleicht äußerlich ganz locker wirken. Dahinter aber steht eine berechnende, menschenverachtende Haltung, die eiskalt nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Ich nenne hier das ganze Verkaufs-Callcenter-Unwesen. Das ist zu 80 Prozent auf Betrug und auf kriminellen Tricks aufgebaut. Die Verbraucherverbände, mit denen ich zusammenarbeite, wissen das. Wir haben Gesetze, die das Unwesen eindämmen, durchgesetzt; die aber nützen häufig nichts. Das Widerrufsrecht wurde verlängert, die Bußgelder wurden wesentlich erhöht, die Nummern dürfen nicht mehr unterdrückt werden. Aber inzwischen wird das alles mit neuen Tricks unterlaufen. Geschädigt werden immer die, die sich nicht zu wehren wissen. Die werden dann noch von betrügerischen Anwälten und Inkassobüros bedroht. Und der Staat begünstigt das noch, finanziert es, subventioniert diese Sparte noch im Hinblick auf die Arbeitsplätze. Das sogenannte Jobwunder in Deutschland besteht darin, dass diese zwei Millionen neu geschaffene Stellen mehrheitlich Stellen sind, von denen niemand leben kann. Das sind prekäre Arbeitsverhältnisse. Über sieben Millionen Menschen arbeiten inzwischen in solchen Mini-Jobs, zwei Drittel davon sind Frauen.

Die Furche: Was sind denn die wichtigsten inhaltlichen und ethischen Aspekte deiner Methode, die in Skandinavien ja bereits als "wallraffen“ im Lexikon steht?

Wallraff: "Wallraffen“ heißt so viel wie das Durchleuchten einer Gesellschaft - so wie röntgenisieren das medizinische Durchleuchten des Körpers meint. Voraussetzung für so eine Arbeit und diese Methode sind Unrechtsbewusstsein, Gerechtigkeitsgefühl, Neugierde und sicher auch Abenteuerlust. Ich ruhe mich auf keinem Erfolg aus, fühle mich immer wieder ganz am Anfang. Ich bin durch meine Arbeit von einem sehr introvertierten zu einem selbstbewussteren und wenn es sein muss auch kämpferischeren Menschen geworden.

Die Furche: Was sind auf der Grundlage deiner Erfahrungen und Erkenntnisse deine Empfehlungen? Was muss getan werden?

Wallraff: Bildung, Bildung und noch einmal Bildung: bereits in den Kindergärten. Es müssen die besten Pädagogen wirken: Kindheit und Jugend sind die wichtigsten Prägephasen; da wird die Persönlichkeit der Menschen weitgehend geformt. In dieser Hinsicht ist Deutschland ein Entwicklungsland - wir haben viel zu wenige Kindergärten und immer noch ein Stände- und Drei-Klassen-System in den Schulen. Was wir brauchen, ist ein neues Wertesystem und ein neues Wertebewusstsein.

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