Digital In Arbeit

Prophetie ist Hören auf den universalen Blues

Er zählt zu den schillerndsten Intellektuellen der USA: Cornel West ist ein charismatischer Redner und Berater höchster politischer Kreise. Die Universitäten Harvard und Princeton streiten sich um ihn. Er produziert mit Jugendlichen Hip-Hop-CDs. Und er ist Philosoph, Prediger, Prophet.

DIE FURCHE: Herr Professor West, Sie haben im Kino-Blockbuster "Matrix“ mitgespielt und machen CD-Projekte mit Hip-Hop-Musikern. Für einen Harvard-Philosophen ein etwas ungewöhnliches Metier, oder?

Cornel West: Nein, ich verstehe mich nicht als rein akademischen Philosophen, sondern als radikal demokratischen Intellektuellen. Das bedeutet, man muss auf die Stimmen des demos, des Volkes hören - wo immer sie sich artikulieren. Das kann in politischen Verbänden der Fall sein oder in den Kirchen oder eben auch im Studio mit Hip-Hop-Musikern. Es geht nicht um Neutralität, sondern um Parteinahme für die Menschen am Rand, die darum ringen, was es bedeutet, Mensch zu sein.

DIE FURCHE: Was genau erzählen Ihnen denn diese Stimmen? Was ist die Geschichte, die hinter dem Alltäglichen verborgen liegt?

West: Es sind vor allem tragische Geschichten. In meiner Philosophie möchte ich daher Geschichte als einen tragischen Prozess begreifen und dabei den Flüssen der Tränen, dem Gräuel und dem Leiden jene Rolle beimessen, die ihnen in der Geschichte tatsächlich zukommen. Nicht, um das Leiden damit historisch zu "adeln“, sondern um den ersten Impuls zur Veränderung zu geben. Die Philosophie tendiert dazu, unsere Rede von Geschichte klinisch zu bereinigen. Wenn man sich aber wirklich auf Geschichte einlässt, muss man mit dem Katastrophischen rechnen und dagegen Widerstand mobilisieren.

DIE FURCHE: Sie diagnostizieren unter anderem ein weltweites Wiedererstarken des Faschismus. Was sind Ihres Erachtens die Quellen dieser Wiederkehr?

West: Der Aufstieg des Rassismus und Neo-Faschismus geht Hand in Hand mit den aktuellen finanziellen und ökonomischen Krisen. "Big business“ auf der einen Seite, soziale Abstiegsängste auf der anderen Seite. Dies bereitet der Wiederkehr einer autoritären Politik den Boden.

DIE FURCHE: Abstiegsängste mögen Verzweiflung generieren - aber nicht jeder Verzweifelte wird doch gleich zum Faschisten …

West: Natürlich nicht. Es muss noch etwas hinzukommen, was ich mit dem Begriff des Nihilismus kennzeichne. In Europa wird Nihilismus mit Nietzsche, mit Hoffnungs- und Sinnlosigkeit in Verbindung gebracht. Aber ich meine einen Nihilismus, der noch tiefer ansetzt, der den Triumph von Macht und Gewalt über alle Moral feiert, ohne Rücksicht auf die Schwachen und Verwundbaren. Der Neo-Faschismus ist daher eine Ausprägung dieses Nihilismus.

DIE FURCHE: Ist diese Form der Gesellschaftsdiagnose nicht allzu schwarz?

West: Nein, ich sehe sehr deutlich die Hoffnungsträger - dies sind Menschen, die Zeugen von Integrität, Ehrlichkeit und Anstand werden. Es gibt solcherart prophetische Menschen überall - in den Kirchen, in der feministischen Bewegung oder in der Arbeiterbewegung. Überall, wo Widerstand gelebt wird, ist gelingendes, gutes Leben im Spiel. Dieser Widerstand scheint auf den ersten Blick oft machtlos zu sein - aber auf lange Sicht werden auch die Autokraten und Plutokraten die Konsequenzen ihres unmoralischen Handelns tragen müssen.

DIE FURCHE: Sie bezeichnen sich als "philosophischen Bluesman“. Was bietet Ihnen die Musik an Erkenntnis, was Ihnen nicht auch die Literatur bieten könnte?

West: Der Blues ist immer besetzt mit dem Katastrophischen - im Übrigen genau wie viele Stücke der Literatur, denken Sie etwa an Kafka, Beckett oder Tschechow. Diese Autoren berühren mit ihren Werken jenes Leiden und jene Trauer, die uns alle bewegt. Und die einzig mögliche Antwort darauf ist der spezielle Sound der Verzweiflung, wie er sich auch im Blues ausdrückt. Außerdem birgt der Blues eine radikale Dissonanz in sich: Menschen hören Amerika und denken: Wow, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Dagegen sagt uns der Blues: Amerika, das Land der Sklaverei, der Folter, des Lynchens … Der Blues rüttelt den Menschen wach.

DIE FURCHE: Der Blues ist amerikanisch. Gibt es vergleichbare Ausdrucksformen auch anderswo?

West: Aber ja. Jedes Land hat seinen eigenen Blues. Ob der Flamenco in Spanien oder die Arbeiterlieder in Deutschland: das alles ist Blues. Blues ist insofern ein universales Phänomen.

DIE FURCHE: Damit sind die Wurzeln Ihrer Gesellschaftsdiagnose benannt - was ist nun Ihre programmatische philosophische Antwort auf diese Diagnose?

West: Der programmatische Titel meines philosophischen Ansatzes lautet "Prophetischer Pragmatismus“. Der Pragmatismus kommt dabei dem Jazz nahe. Bei beidem geht es um Flexibilität, Fluidität und Dynamik - verbunden mit einer Art intellektueller Demut und Bescheidenheit, dass alles letztlich vorläufig bleibt, dass man bei allem auch falsch liegen kann. Prophetisch wird dieser Pragmatismus, wenn man ihn auf die Geschichte selbst anwendet; wenn man ihn in die Leidensgeschichten dieser Welt eintaucht.

DIE FURCHE: In welchem Maße ist Ihr "Prophetischer Pragmatismus“ denn biblisch grundiert?

West: Sehr stark! Schließlich geht mein Verständnis von Prophetie zurück auf den Propheten Amos, der sagte: "Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Der Genius des Judentums liegt meines Erachtens darin, der Menschheit ein großes moralisches Geschenk gemacht zu haben und diese Fragen in den Mittelpunkt gerückt zu haben: Was bedeutet es, menschlich zu sein, was bedeutet es, mit den Schwachen und Verwundbaren solidarisch zu sein …? Prophetie meint daher nicht, die Zukunft vorauszusagen, sondern zur Wahrnehmung des Leidens und des Übels in der Welt zu sensibilisieren, dieses aufzudecken und die Kraft zu mobilisieren, dagegen anzukämpfen.

DIE FURCHE: Auch wenn Ihr Verständnis von Prophetie die biblischen Wurzeln zunächst verborgen hält, so stehen Sie ja durchaus zu Ihrer christlichen Herkunft. Welchen Raum und welche Chance sehen Sie für religiöse Argumente in öffentlichen Diskursen?

West: Liberalität bedeutet meines Erachtens nicht, religiöse Argumente aus dem öffentlichen Diskurs per se auszuschließen. John Rawls hat den Grundsatz formuliert, dass religiöse Menschen ihre Argumente in zivile Sprache übersetzen müssen, das heißt, religiöse Sprachformen müssen in eine Sprachform verflüssigt werden, in der man als Bürger miteinander kommuniziert und nicht als Mitglieder einer Kirche oder Religionsgemeinschaft. Ich persönlich würde darüber hinausgehend sagen, dass religiöse Menschen durchaus ein Recht haben, ihre Stimme in der ihnen eigenen religiösen Sprache zu erheben.

DIE FURCHE: Neu zur Sprache zu kommen scheint derzeit die katholische Kirche nach dem Wechsel des Pontifikats ...

West: Ja, der Wechsel von Benedikt zu Franziskus ist eine Quelle anhaltenden Hallelujas! Papst Franziskus ist gerade im Blick auf seine Sprache ein wahres Geschenk des Himmels. Diese Sprache kommt meines Erachtens der Sprache Jesu sehr nahe.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau