„Sagen Sie, was passiert hier heute?“, fragt eine ältere Dame in Badeanzug, Kapperl und Flip-Flops. Als sie die Antwort hört, zieht sie erstaunt die Augenbrauen hoch. „Sachen gibt’s“, sagt sie, lächelnd. Sie ist nicht der einzige Badegast, der aus einigen Metern Entfernung das ungewöhnliche Treiben im Bundesbad Alte Donau in Wien beobachtet: Rund 200 Menschen haben es sich an diesem Samstagvormittag auf Picknickdecken oder Campingstühlen bequem gemacht, unter ihnen Eltern, Großeltern und viele Kinder. Eine Gruppe evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer steht unter einer hohen Buche, in weitärmeligen, schwarzen Talaren. Die meisten sind schon barfuß, ein Geistlicher trägt blau-weiß gestreifte Adidas-Badeschlapfen.

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„Protestanten sind eher nüchtern“
Es sei eine ungewöhnliche, aber sehr schöne Umgebung für eine Taufe, sagt Petra Jens, Kuratorin der evangelischen Gemeinde in Leopoldstadt und Brigittenau. „Ein sicherer Raum, an dem auch Außenstehende zuschauen können.“ Das Tauffest an der Donau findet erst zum zweiten Mal statt. Jens selbst gesteht, dass sie anfangs skeptisch war. „Wir Protestantinnen und Protestanten sind ja eher nüchtern in unseren spirituellen Ausdrucksweisen“, sagt sie. „Meine ersten Assoziationen mit der Idee der Donautaufe waren, dass da Jesus-begeisterte Menschen ekstatisch im Wasser herumhüpfen.“
Auch für Pfarrerin Anna Vinatzer sind die heutigen Taufen ungewohnt, wie sie einige Wochen zuvor im Interview erzählt. Normalerweise tauft sie neue Gemeindemitglieder an dem wuchtigen Brunnen aus hellem Holz in der evangelischen Pfarrkirche in Wien Floridsdorf. An dessen Fassade prangt das lila-gelbe Logo der evangelischen Christen in Österreich, von hier sind es knapp fünf Kilometer bis zum Strandbad. 2024 fand das Taufevent mit Open-Air-Gottesdienst und Picknick auf der Wiese zum ersten Mal in Wien statt. Die Idee kommt aus Hamburg, wo eine eigens gegründete Agentur Taufen in der Alster, an der Elbe oder im Park organisiert. Dort will man mit dem flotten Image Menschen erreichen, die mit herkömmlichen Kirchenstrukturen wenig am Hut haben.
Gerade von jungen Familien hören wir, dass die Donautaufe genau das ist, was sie sich vorgestellt haben.
Ähnliches versucht man nun in Wien. Wobei Vinatzer betont: Es sollen sowohl alteingesessene Gemeindemitglieder angesprochen werden wie auch jene, die sich nicht seit jeher am Sonntag auf den Weg in den Gottesdienst machen, aber kirchliche Verankerung suchen. Auf jeden Fall Personen, die es gern ungezwungen und weniger formell mögen. Auf die Frage, ob die Donautaufe vorrangig Werbezwecken gelte, schüttelt der Wiener Superintendent, Matthias Geist, den Kopf. „Mir geht es nicht um Marketing oder um eine Öffentlichkeitswirkung, die schnell und bombastisch ist, sondern um berührende Momente“, erklärt Geist. Die Donautaufe symbolisiere die Lebensnähe seiner Kirche. „Wir wollen kein Schnellsiedeverfahren, sondern berührende Momente schenken.“ Niederschwellig sei das Angebot, betont auch Pfarrerin Vinatzer. „Vielen sind Kirchenräume fremd geworden. Gerade von jungen Familien hören wir, dass die Donautaufe genau das ist, was sie sich vorgestellt haben.“ Ein Taufevent am Fluss mag unkonventionell sein, es sei aber alles andere als neu. „Schon Jesus und seine Anhänger wurden im Fluss getauft. Für uns ist es also eher eine Rückbesinnung.“
Prusten und strahlen
Gegen 11.30 Uhr ist es dann so weit. Pfarrerin Vinatzer rafft den Stoff ihres Talars hoch und marschiert entschlossen in die noch kühle Donau. Das Wasser bis zu den Waden, das Gewand unten schon triefend nass, wartet sie auf ihren ersten Täufling, einen Burschen im Volksschulalter. Sie fordert seine Familie auf, mit in den Fluss zu kommen – ja, die Oma auch, wenn sie das möchte! Mittlerweile haben sich entlang des flachen Ufers mehrere Grüppchen gebildet, jede Pfarrerin und jeder Pfarrer tauft Menschen aus ihrer oder seiner Gemeinde. Zwei Mütter schützen ihr Baby mit einem weißen Schirm vor der Sonne, die Pfarrerin zeichnet ihm sanft mit Wasser ein Kreuz auf die Stirn. Ein paar Schritte weiter hält sich eine junge Frau die Nase zu, bevor die Pfarrerin ihr die Hand auf den Scheitel legt und sie dreimal unter Wasser taucht. Als die frisch Getaufte wieder auftaucht, prustet sie und strahlt. Heute ist auch ein Gast aus Slowenien dabei, Bischof Leon Novak tauft seinen Enkelsohn. Später erzählt er, er denke darüber nach, die Flusstaufe auch in seinem Land einzuführen.
Zwei Personen stehen bei einer evangelischen Taufe im Freien neben einem Tisch mit Taufkerzen, einem Korb und Taufutensilien am Ufer eines Sees, im Hintergrund ein Steg, in den See führend
Ein Tauffest unter freiem Himmel am Donauufer ist für den katholischen Pastoraltheologen Johann Pock in der katholischen Kirche nicht vorstellbar. Weniger, weil die Ernsthaftigkeit eines sakramentalen Geschehens wie der Taufe nicht mit einem lockeren Fest am Wasser vereinbar wäre. Aber: „Nach katholischem Verständnis ist die Taufe etwas, das ganz stark mit der Kirche verbindet. Das drückt sich aus, indem in der Regel in Kirchen, und dort am Taufbecken, getauft wird.“ So idyllisch es auch anmutet: Feiern auf Berggipfeln, am See oder Fluss sind nicht vorgesehen.
Taufsakrament im Wandel
Am bevorzugten Ort einer Taufe hat sich in den vergangenen Jahrhunderten in der katholischen Kirche also kaum etwas verändert. Abgesehen davon ist rund um das Taufsakrament aber einiges im Wandel. Mit zunehmender Säkularisierung und niedrigen Geburtenraten nimmt die Zahl der Taufen österreichweit ab – wenn auch nicht in gleichem Maße wie die der Gottesdienstteilnehmer. Das bedeutet: Noch wünscht sich eine verhältnismäßig große Zahl von Eltern für ihr Kind eine Taufe, selbst wenn sie nicht stark im kirchlichen Leben verwurzelt sind. „Diese Menschen brauchen im Alltag wenig von der Kirche, dafür an den wichtigen Eckpunkten im Leben“, sagt Johann Pock. Nach der Geburt eines Kindes und beim Heiraten, später rund um den Tod suchen sie kirchlichen Beistand. Die Motive sind vielschichtig. Tradition spiele nach wie vor eine wichtige Rolle, sagt Pock. Kinder werden getauft, weil das irgendwie dazu gehört. Weil man das in der Familie, im Ort, im Bekanntenkreis so macht.
Nach katholischem Verständnis ist die Taufe etwas, das ganz stark mit der Kirche verbindet. Das drückt sich dadurch aus, dass in der Regel in Kirchen getauft wird
Viele Eltern spüren außerdem den starken Wunsch, ihr Kind mit einem Segen ins Leben zu schicken - ob sie sich als explizit religiös bezeichnen oder nur sporadisch in Kontakt mit der Glaubensgemeinschaft sind, ob katholisch, evangelisch oder konfessionslos. Manche von ihnen suchen den Segen außerhalb der traditionellen Kirchen bei individuell gestalteten Ritualen. Solche „Willkommens- und Segensfeiern“ oder „Namensgebungsfeste“ werden manchmal auch als „freie Taufen“ bezeichnet. Taufen nach christlichem Verständnis sind sie freilich nicht.
Die Taufe gilt als Startschuss für ein Leben in der kirchlichen Gemeinschaft. Katholische Tauffeiern haben das mitunter ausgedrückt, indem sie im sonntäglichen Gemeindegottesdienst stattfanden. „Besonders in den 1980er und 1990er Jahren versuchte man, die Taufe als Feier der gesamten Gemeinde zu prägen“, sagt Johann Pock. Als Zeichen dafür, dass hier ein Kind in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen und von der Gemeinde willkommen geheißen wird. Dieser Aspekt ist in den Hintergrund gerückt. „Die Taufe ist immer mehr zur Familienfeier geworden.“ Mit Paten, Großeltern, Tanten und Onkeln versammelt man sich um das Taufbecken, im Anschluss um den gedeckten Tisch im Gasthaus.
Natürlich wünschen wir uns, dass sich die Leute nach der Taufe wieder blicken lassen. Sie sind ja danach offizielle Mitglieder der evangelischen Kirche.
Menschen sitzen auf Decken unter Bäumen am Donauufer bei der Donautaufe der Evangelischen Kirche Wien, im Mittelpunkt ein Tisch mit Taufkerzen
Manche Familien würde der ausgefallene Charakter der Donautaufe ansprechen, andere sind Kleinfamilien ohne große Verwandtschaft und freuen sich, bei dem Fest im Bad gemeinsam mit anderen zu feiern. Eine Mutter erzählt, ihre Familie lebe schon lange an der Alten Donau und habe einen engen Bezug zum Wasser. Auch auf das große Bedürfnis nach Segen möchte Pfarrerin Vinatzer Antwort geben. „Wir nehmen in unserer Gesellschaft wahr, wie sehr sich die Menschen nach Segen, nach einem Getragen-Sein bei Gott sehnen.“ Und wenn man dieser Sehnsucht mit einem Tauffest unter freiem Himmel begegnen könne, zu dem man sich online mit einem Mausklick anmeldet: Warum nicht?
Wie in der Apostelgeschichte
Anna Vinatzers Erfahrung ist: Viele der Täuflinge, mit denen sie im Seelsorgealltag zu tun hat, suchen bewusst Anschluss. Aber nicht alle und nicht alle gleich intensiv. „Natürlich wünschen wir uns, dass sich die Leute nach der Taufe wieder blicken lassen. Sie sind ja danach offizielle Mitglieder der evangelischen Kirche.“ Auch beim Taufgespräch im Vorfeld der Donautaufe weisen Vinatzer und ihre Kollegen auf das Gemeindeleben hin, nach dem Event kontaktieren sie die neuen Gemeindemitglieder regelmäßig.
Trotzdem sah die Pfarrerin einige der Täuflinge vom vergangenen Jahr nachher nicht wieder. Das werfe Fragen auf. Ist das Angebot doch zu niederschwellig, weil damit auch der Weg aus der Kirche hinaus zu einfach gemacht wird? Wie ist es zu bewerten, wenn man manche Täuflinge gar nicht mehr zu Gesicht bekommt? Die Organisatoren der Donautaufe versuchen darauf mit einer Stelle aus der Bibel eine Antwort zu geben: „Wir nehmen gern das Beispiel des äthiopischen Kämmerers aus der Apostelgeschichte her, um die Donautaufe theologisch zu rechtfertigen. Der wurde ohne große Vorbereitung von Philippus am Weg getauft und war danach nicht mehr gesehen.“ Was aus ihm wurde, erzählt die Bibel nicht. Nur eines sei gewiss, er ging mit dem Segen Gottes.
Das Angebot der Taufe in der Alten Donau nehmen nicht nur Eltern für ihre Kinder wahr, sondern auch Erwachsene. Heute sind insgesamt 16 Babys, Kleinkinder und Erwachsene offiziell Teil der evangelischen Kirche geworden. „Durch lebendiges Wasser direkt aus dem Fluss“, sagt Vinatzer, deren eigene Kinder vor einem Jahr auch in der Donau getauft wurden. Noch mehr Vorteile der Donautaufe sieht die Pfarrerin und Krankenhausseelsorgerin Elke Kunert. Bei dem Fest in der Natur müssten sich die Familien keine Gedanken über „die angemessene Kleidung“ machen, auch die hohen Kosten für ein anschließendes Essen in einem Gasthaus würden wegfallen. Gerade die Taufe im Fluss sei ein Erlebnis für alle Sinne, man spüre das Wasser auf der Haut und höre das Wellenrauschen.
Auch in der katholischen Kirche steigt die Zahl der erwachsenen Taufbewerber von Jahr zu Jahr, vor allem unter Jugendlichen lasse sich ein klarer Trend ausmachen, sagt Daniel Vychytil, Verantwortlicher der Bischofskonferenz für das Erwachsenenkatechumenat in einem Interview mit Kathpress. Der Pool von Ungetauften in der Gesellschaft werde immer größer und damit die Anzahl derer, die sich im Jugendoder Erwachsenenalter bewusst für eine Taufe entscheiden. In der Osternacht wurden österreichweit 240 Menschen getauft.
Gottesdienst im Donaubad
Nach dem Ende des Gottesdienstes im Donaubad bleiben viele Familien noch da, essen miteinander und genießen den Sonnenschein. Die neugierigen Badegäste, die das Tauffest von entfernten Liegen aus beobachtet hatten, haben sich wieder abgewandt. Was sie wohl über die Menschen denken, die kurz zuvor voll bekleidet in den Fluss gewatet sind?
Pfarrerin Vinatzer ist froh, dass das Wetter mitgespielt hat. Obwohl leichter Regen für sie kein Absagegrund wäre. Etwas Wasser von oben würde sie nicht erschrecken, wie es auch auf der Webseite heißt. Und ihren Talar muss sie nach den Taufen im Wasser ja ohnehin in die Reinigung bringen.
Diesen Artikel lesen Sie unter dem Titel „Getauft wie Jesus“ in der Printausgabe der FURCHE vom 26. Juni 2025.

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