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Interreligiöser Religionsunterricht - Eine Religionslehrerin zeigt Jugendlichen an der Tafel Zugänge in Christentum, Islam und Buddhismus zur „Goldenen Regel“ - © picturedesk.com / dpa / Markus Scholz
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Wie interreligiöser Religionsunterricht die Demokratie stärkt

An immer mehr Schulen werden christliche und muslimische Schüler gemeinsam unterrichtet. Das fördere demokratische Werte wie Respekt vor Vielfalt, sagen Verantwortliche.

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Wir leben in zerrissenen Zeiten, auch religiös: Aktuelle Tendenzen, das „Eigene“ durch Abgrenzung vom anderen zu definieren, fördern Feindbildkonstruktionen, beklagt Carla Amina Baghajati, Leiterin des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und langjähriges „weibliches Gesicht“ des Islam in Österreich. In den Echokammern der sozialen Medien verstärke sich diese Dynamik noch, ehrlicher Dialog finde kaum noch statt. „Wir erleben eine Aufladung religiöser ‚Identität‘ durch Versatzstücke, die oft nicht mehr verstanden, aber emotional wirksam eingesetzt werden – auch als Manipulation“, so Baghajati, ohne islamistische Hassprediger und christliche Fundamentalisten-Videos ausdrücklich zu benennen. Es brauche religiöse Bildung und Mündigkeit, um Anspielungen entschlüsseln und Missbrauch erkennen zu können.

Verantwortliche für den Religionsunterricht, der den anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich per Gesetz zusteht, halten seit einiger Zeit mit Feldversuchen eines interreligiösen Religionsunterrichts dagegen – als Ergänzung zum bisher gewohnten konfessionellen. In Wien zogen Fachleute kurz vor Ende des Schuljahres 2024/25 Zwischenbilanz über das Pilotprojekt "diaRU – dialogisch-interreligiöser authentischer Religionsunterricht"; dabei wurden in drei Volksschulen und einem Sonderpädagogischen Zentrum katholische bzw. orthodoxe Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit muslimischen unterrichtet. Religionslehrer unterschiedlichen Glaubens standen für mehrere Unterrichtseinheiten zusammen in der Klasse.

Dialogfähigkeit einüben

Die Lehrerin Sabine Graf-Burgstaller kooperierte dafür mit ihren jungen muslimischen Kollegen für sechs gemeinsam vorbereitete und gehaltene Stunden zu Themen wie “Heilige Zeiten und Orte“ oder „Gerechtigkeit und Verantwortung“. Und das an einer Volksschule in Wien-Liesing, die die religiöse Vielfalt in Wien abbildet: Neben katholischen und muslimischen Schülerinnen und Schülern gibt es auch evangelische, orthodoxe, koptische, alevitische Kinder und natürlich auch solche „o.r.B.“, ohne religiöses Bekenntnis. Den an "diaRU“ Beteiligten hat es gefallen, berichtet Graf-Burgstaller von viel positivem Feedback bei den nicht wie sonst getrennten „Reli-Schülern“, der Direktion und den beiden Lehrkräften selbst. Vorbehalte habe es am ehesten unter den Eltern gegeben – im Sinne von unerwünschter Vermischung. Den beiden Unterrichtenden sei es wichtig gewesen, das Verbindende herauszustellen, „Differenzen werden eh stark betont“, so Graf-Burgstaller. Allahu akbar und Vaterunser gemeinsam in einer Religionsstunde, geht das? Die Lehrerin ist sich sicher: „Dialogfähigkeit frühzeitig einüben, bringt’s“.

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