Wie viel Religion wollen wir - <strong>Kein Kulturkampf</strong><br />
Gastkommentator Wilfried Apfalter plädiert dafür, sich auch mit atheistischen Positionen rational und diskursiv auseinander­zusetzen. - © iStock / ollo
Religion

Wie viel Religion wollen wir?

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GASTKOMMENTAR. Religion sollte weder mit Theismus noch mit Unvernunft verwechselt werden. Ein Plädoyer für einen wirklich kritischen Umgang mit Religion.

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GASTKOMMENTAR. Religion sollte weder mit Theismus noch mit Unvernunft verwechselt werden. Ein Plädoyer für einen wirklich kritischen Umgang mit Religion.

Im Spectrum-Teil der Presse vom 13. April 2019 stellt der evangelische Theologe Ulrich Körtner die Frage „Wie viel Religion brauchen wir?“ Ich möchte gerne eine weitere Frage anschließen: „Wie viel Religion wollen wir?“

In einem weiteren Gastkommentar in der Presse vom 4. April 2013 schreibt Körtner, der neue Atheismus stelle „das elementare Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit infrage“ und sei damit „in seinen Konsequenzen freiheitsgefährdend.“ Körtner nennt die Atheistische Religionsgesellschaft in Öster­reich (ARG) sinngemäß als Vertreterin dieses neuen Atheismus.

Ich selbst kenne die ARG von Anfang an und sehe sie deutlich anders. Nämlich als eine ernst gemeinte Alternative zu anderen Religionen, die den Bereich von gesellschaftlich akzeptierter Religion – auf Augenhöhe mit anderen Religionsgemeinschaften – inhaltlich erweitern möchte und das als sehr große Herausforderung auch für sich selbst und nicht nur für die anderen versteht. Und dabei das Menschenrecht auf Religionsfreiheit nicht nur nicht in Frage stellt, sondern auch für sich in Anspruch nimmt. Das mag vielleicht einigen Beobachterinnen und Beobachtern irritierend erscheinen, ist aber nicht freiheitsgefährdend. Eher im Gegenteil. Die ARG will ja neue Räume kultureller Partizipation für Atheisten und Atheistinnen eröffnen und nimmt dabei Religionsfreiheit sehr ernst.

Religion ist nicht dasselbe wie Theismus

Im Spectrum-Text schreibt Körtner auch: „Mit Religion haben wir es dort zu tun, wo der Mensch sein Leben als Gabe versteht, die er nicht selbst hervorbringt, sondern empfängt und für die er Dankbarkeit empfindet.“ Diese Einschätzung muss man nicht teilen. Diese Dankbarkeit muss auch nicht immer einer Gottheit gelten; sie kann sich auch auf die evolutionsbedingt langen Ketten aller unserer Vorfahren und überhaupt auf unsere erstaunlich komplexe Ein­bettung in Natur und Kultur(en) beziehen.
Religion ist nicht dasselbe wie Theismus. Das Beispiel der in Österreich seit 1983 gesetzlich anerkannten Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR)
zeigt das sehr schön.

Die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union erklärt im Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe b ganz ausdrücklich (und führt darin die Richtlinie 2004/83/EG als Neufassung nahezu wörtlich fort): „der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen, die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an religiösen Riten im privaten oder öffentlichen Bereich, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sonstige religiöse Betätigungen oder Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen Einzelner oder einer Gemeinschaft, die sich auf eine religiöse Überzeugung stützen oder nach dieser vorgeschrieben sind“.