Wie viel Religion wollen wir - <strong>Kein Kulturkampf</strong><br />
Gastkommentator Wilfried Apfalter plädiert dafür, sich auch mit atheistischen Positionen rational und diskursiv auseinander­zusetzen. - © iStock / ollo
Religion

Wie viel Religion wollen wir?

1945 1960 1980 2000 2020

GASTKOMMENTAR. Religion sollte weder mit Theismus noch mit Unvernunft verwechselt werden. Ein Plädoyer für einen wirklich kritischen Umgang mit Religion.

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GASTKOMMENTAR. Religion sollte weder mit Theismus noch mit Unvernunft verwechselt werden. Ein Plädoyer für einen wirklich kritischen Umgang mit Religion.

Im Spectrum-Teil der Presse vom 13. April 2019 stellt der evangelische Theologe Ulrich Körtner die Frage „Wie viel Religion brauchen wir?“ Ich möchte gerne eine weitere Frage anschließen: „Wie viel Religion wollen wir?“

In einem weiteren Gastkommentar in der Presse vom 4. April 2013 schreibt Körtner, der neue Atheismus stelle „das elementare Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit infrage“ und sei damit „in seinen Konsequenzen freiheitsgefährdend.“ Körtner nennt die Atheistische Religionsgesellschaft in Öster­reich (ARG) sinngemäß als Vertreterin dieses neuen Atheismus.

Ich selbst kenne die ARG von Anfang an und sehe sie deutlich anders. Nämlich als eine ernst gemeinte Alternative zu anderen Religionen, die den Bereich von gesellschaftlich akzeptierter Religion – auf Augenhöhe mit anderen Religionsgemeinschaften – inhaltlich erweitern möchte und das als sehr große Herausforderung auch für sich selbst und nicht nur für die anderen versteht. Und dabei das Menschenrecht auf Religionsfreiheit nicht nur nicht in Frage stellt, sondern auch für sich in Anspruch nimmt. Das mag vielleicht einigen Beobachterinnen und Beobachtern irritierend erscheinen, ist aber nicht freiheitsgefährdend. Eher im Gegenteil. Die ARG will ja neue Räume kultureller Partizipation für Atheisten und Atheistinnen eröffnen und nimmt dabei Religionsfreiheit sehr ernst.

Religion ist nicht dasselbe wie Theismus

Im Spectrum-Text schreibt Körtner auch: „Mit Religion haben wir es dort zu tun, wo der Mensch sein Leben als Gabe versteht, die er nicht selbst hervorbringt, sondern empfängt und für die er Dankbarkeit empfindet.“ Diese Einschätzung muss man nicht teilen. Diese Dankbarkeit muss auch nicht immer einer Gottheit gelten; sie kann sich auch auf die evolutionsbedingt langen Ketten aller unserer Vorfahren und überhaupt auf unsere erstaunlich komplexe Ein­bettung in Natur und Kultur(en) beziehen.
Religion ist nicht dasselbe wie Theismus. Das Beispiel der in Österreich seit 1983 gesetzlich anerkannten Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR)
zeigt das sehr schön.

Die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union erklärt im Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe b ganz ausdrücklich (und führt darin die Richtlinie 2004/83/EG als Neufassung nahezu wörtlich fort): „der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen, die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an religiösen Riten im privaten oder öffentlichen Bereich, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sonstige religiöse Betätigungen oder Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen Einzelner oder einer Gemeinschaft, die sich auf eine religiöse Überzeugung stützen oder nach dieser vorgeschrieben sind“.

Im Spectrum-Teil der Presse vom 13. April 2019 stellt der evangelische Theologe Ulrich Körtner die Frage „Wie viel Religion brauchen wir?“ Ich möchte gerne eine weitere Frage anschließen: „Wie viel Religion wollen wir?“

In einem weiteren Gastkommentar in der Presse vom 4. April 2013 schreibt Körtner, der neue Atheismus stelle „das elementare Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit infrage“ und sei damit „in seinen Konsequenzen freiheitsgefährdend.“ Körtner nennt die Atheistische Religionsgesellschaft in Öster­reich (ARG) sinngemäß als Vertreterin dieses neuen Atheismus.

Ich selbst kenne die ARG von Anfang an und sehe sie deutlich anders. Nämlich als eine ernst gemeinte Alternative zu anderen Religionen, die den Bereich von gesellschaftlich akzeptierter Religion – auf Augenhöhe mit anderen Religionsgemeinschaften – inhaltlich erweitern möchte und das als sehr große Herausforderung auch für sich selbst und nicht nur für die anderen versteht. Und dabei das Menschenrecht auf Religionsfreiheit nicht nur nicht in Frage stellt, sondern auch für sich in Anspruch nimmt. Das mag vielleicht einigen Beobachterinnen und Beobachtern irritierend erscheinen, ist aber nicht freiheitsgefährdend. Eher im Gegenteil. Die ARG will ja neue Räume kultureller Partizipation für Atheisten und Atheistinnen eröffnen und nimmt dabei Religionsfreiheit sehr ernst.

Religion ist nicht dasselbe wie Theismus

Im Spectrum-Text schreibt Körtner auch: „Mit Religion haben wir es dort zu tun, wo der Mensch sein Leben als Gabe versteht, die er nicht selbst hervorbringt, sondern empfängt und für die er Dankbarkeit empfindet.“ Diese Einschätzung muss man nicht teilen. Diese Dankbarkeit muss auch nicht immer einer Gottheit gelten; sie kann sich auch auf die evolutionsbedingt langen Ketten aller unserer Vorfahren und überhaupt auf unsere erstaunlich komplexe Ein­bettung in Natur und Kultur(en) beziehen.
Religion ist nicht dasselbe wie Theismus. Das Beispiel der in Österreich seit 1983 gesetzlich anerkannten Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR)
zeigt das sehr schön.

Die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Union erklärt im Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe b ganz ausdrücklich (und führt darin die Richtlinie 2004/83/EG als Neufassung nahezu wörtlich fort): „der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen, die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an religiösen Riten im privaten oder öffentlichen Bereich, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sonstige religiöse Betätigungen oder Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen Einzelner oder einer Gemeinschaft, die sich auf eine religiöse Überzeugung stützen oder nach dieser vorgeschrieben sind“.

Warum sollten sich nicht auch Atheist(inn)en auf die Suche nach den aktuell besten Perspektiven begeben, über sie nachdenken und sinnvoll mit ihnen arbeiten können?

Sie tut dies im Rahmen einer Regelung des Umgangs mit Flüchtlingen, wobei Artikel 10 einer Darlegung der „Verfolgungsgründe“ gewidmet ist. Die Richtlinie hätte auch einfach sagen können, dass religiöse Verfolgung oder Verfolgung aus religiösen Gründen auch die Verfolgung atheistischer Glaubensüberzeugungen und Praktiken umfasst.
Das tut sie so aber nicht. Sie sagt vielmehr ausdrücklich: „Der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen […].“ Ein Beispiel für „theistisch“ ist etwa „christlich“ oder „islamisch“, ein Beispiel für „nichttheistisch“ ist „buddhistisch“, und ein Beispiel für „atheistisch“ ist – nun ja: eben „atheistisch“. Damit ist klar, dass im Rahmen des Rechts der Europäischen Union auch eine atheistische Religion durchaus denkbar und möglich ist.

Das aktuelle österreichische Religionsrecht ist durch historisch gewachsene Inkonsistenzen und starke Diskriminierungen geprägt. Diesbezüglich halte ich eine weltoffene Vereinheitlichung nach und mit im Einzelnen inhaltlich sehr gut überlegten und sorgfältig durchdachten, weitblickenden Kriterien und Bestimmungen, die dann auch wirklich für alle gleichermaßen gelten können, für erstrebenswert. Angesichts des Gleichheitssatzes unserer Verfassung, religiöser Vielfalt und aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen liegt es nahe, uns auch zu fragen: Wie viel gleichberechtigte Religion wollen wir?

Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive betrachtet ist wohl nicht zu übersehen, dass das, was jeweils unter „Religion“ verstanden wird, auf vielfältige Weise kulturell verhandelt und ausgehandelt wird. Dies geschieht auch auf rechtlichem Wege. Das Bekenntnisgemeinschaftengesetz 1998 ist ein Beispiel dafür. In den Erläuternden Bemerkungen zur Regierungsvorlage zu diesem Gesetz wird „Religion“ näher bestimmt: „Religion: Historisch gewachsenes Gefüge von inhaltlich darstellbaren Überzeugungen, die Mensch und Welt in ihrem Transzendenzbezug deuten sowie mit spezifischen Riten, Symbolen und den Grundlehren entsprechenden Handlungsorientierungen begleiten.“

Religion ungleich Unvernunft

Religion ist so gesehen auch nicht dasselbe wie Unvernunft. Religion kann zwar auch mit (viel) Unvernunft verwirklicht werden, muss es aber nicht. Spiritualität als Beziehung bzw. Verhältnis zur Trans­zendenz – das ist wohl immer auch ein Umgang mit kulturellen Narrativen, Erzählungen und Geschichten, die Perspektiven eröffnen und darlegen. Warum sollten sich nicht auch Atheist(inn)en auf die Suche nach den aktuell besten begeben, über sie nachdenken und sinnvoll mit ihnen arbeiten können?
Ich plädiere für einen wirklich kritischen Umgang mit Religion, der ein ernsthaftes Bemühen um ein realistischeres Bild und ein tieferes Verständnis von Religion miteinschließt. Das bedeutet unter anderem, den aktuellen Stand religionswissenschaftlicher Forschung nicht zu ignorieren und auch ein positives Potenzial von Religion nicht grundsätzlich auszublenden. Religion kann ja auch eine Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen bedeuten. Die ernsthafte Beschäftigung mit solchen Fragen kann ein durch und durch spannendes Abenteuer werden. Gleichzeitig lädt die ARG auf ihre Weise zu einem etwas entspannteren Umgang mit Atheismus und Religion ein.

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der Atheistischen Religionsgesellschaft in Österreich (ARG, atheistisch.at) und Mitglied im interreligiösen Dialogforum Ethik der Initiative Weltethos
Österreich (IWEO)