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An die Retter des Abendlandes

Zuletzt machte Kardinal Antonios Naguib, Patriarch der kleinen koptisch-katholischen Kirche (nicht zu verwechseln mit den Koptisch-Orthodoxen, zu denen bis zu zehn Millionen Ägypter zählen), auf die Lage der Christen in seinem Land aufmerksam. Und die ist wahrlich nicht einfach. Man erinnert sich: Die ägyptische Revolution begann mit dem Neujahrsattentat auf die Kopten von Alexandria. Danach erst folgten die Proteste auf dem Tahrir-Platz, die zum (vermeintlichen?) Hinwegfegen des Ancien Regime führten.

Doch die Gewalt ist mitnichten zu Ende, Kardinal Naguib beklagte die unübersichtliche Situation. Auch Gesprächspartner der FURCHE hatten in den letzten Monaten die Erosion der Sicherheitslage angeprangert: Die Abwesenheit staatlicher Gewalt begünstige extremistische Gruppen. Dass bei den ägyptischen Wahlen konservativ-islamische Parteien siegen würden, hatten alle Beobachter vorausgesagt, aber das starke Abschneiden auch der Salafisten gibt sehr wohl Anlass zur Besorgnis.

Fügen sich diese Entwicklungen zum allgemeinen Bild eines christlichen Exodus aus dem arabischen Kulturkreis? In Palästina nehmen sie rapid ab. Im Irak sind sie nur mehr eine Quantité négligeable. Und aus Syrien sind warnende Stimmen zu hören, dass der allfällige Fall des Assad-Regimes eine Katastrophe für die Christen im Lande wäre.

Unübersichtliche Entwicklungen

Das Wort von der "Christenverfolgung“ macht hierzulande die Runde. Und es ist kaum möglich, in den unterschiedlichen Entwicklungen den Überblick zu behalten. Dennoch sind die Gesellschaften im Westen und die Christen im Besonderen darin gefordert, Stellung zu beziehen. Was aber kann tatsächlich getan werden?

Zunächst: Solidarität ist nötig. Christen sind in dieser Region eine Minderheit und benötigen eine Stimme. Religionsfreiheit gehört zu den Menschenrechten. Wird sie verletzt, ist das anzuprangern.

Aber das enthebt die Christen im "christlichen“ Westen nicht, auf die wechselseitigen Abhängigkeiten aufmerksam zu machen. Der Erfolg von konservativ-islamischen bis islamistischen Bewegungen in der arabischen Welt hat auch damit zu tun, dass diese den verarmten und entwurzelten Menschen eine - vermeintliche oder tatsächliche - Perspektive des Überlebens anbieten. Der Westen hat allzu lange etwa auf das Mubarak-Regime gesetzt. Das macht ihn im Land nicht populär. Und dass das "westliche“ Wirtschaftssystem zurzeit die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklaffen lässt wie nie zuvor, tut ein Übriges.

Umfassende Solidarität gefordert

Natürlich ist der Westen "säkular“ und religionsplural. Aber grassieren hier nicht auch Retter des Abendlands mit Hinweisen auf dessen "jüdisch-christliche“ Wurzeln, ohne darüber ein Wort zu verlieren, dass dies auch bedeutet, Verantwortung für die Lebensperspektiven beispielsweise in Ägypten in den Blick zu nehmen?

Man soll und muss mit den Christen in der Region solidarisch sein. Aber im gleichen Atemzug geht es darum, zu verhindern, dass mit zweierlei Maß gemessen oder gar eine Doppelmoral sichtbar wird. Da bleibt auch im Westen selber genug zu tun.

Reisen nicht auch "christliche“ Politiker zuhauf nach Saudi-Arabien und hofieren die dortigen Machthaber? Nimmt man im Westen nicht gut und gern saudisches Geld, obwohl jedes Kind weiß, wie repressiv das dort herrschende System gerade gegenüber den Christen zu sein pflegt?

Es soll ja nicht bestritten werden, wie sehr gerade die hohe Politik mit Sachzwängen und der normativen Kraft des Faktischen zu kämpfen hat. Aber auch am Schicksal drangsalierter Christen wird sich erst dann nachhaltig etwas ändern, wenn nicht nur die Religionsfreiheit als Menschenrecht im Blick liegt, sondern auch die ökonomische und die soziale Gerechtigkeit. Hier wie dort liegt es global und regional weiter im Argen.

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