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Ganze Völker auf die Couch legen

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Die "Psychologie der Nationen" versucht, den Schmerz der kollektiven Seele bewusst zu machen und zu heilen.

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Die "Psychologie der Nationen" versucht, den Schmerz der kollektiven Seele bewusst zu machen und zu heilen.

Nicht nur Individuen, sondern ganze Nationen haben in ihrer Geschichte zum Teil tiefste Traumata erlebt. Nun lähmen diese Wunden deren Lebensenergie und stellen sich einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen. Die Psychologin Margret Rueffler erarbeitet mit geschundenen und traumatisierten Menschen neue Perspektiven.

die furche: Frau Rueffler, Sie sind Deutsch-Amerikanerin, transpersonale Psychologin, Psychotherapeutin und nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Wie entstand Ihr "Lebensprojekt", die Psychologie der Nationen?

Margret Rueffler: Ich arbeitete viele Jahre lang als Psychotherapeutin in New York. Dabei hatte ich in Manhattan eine multikulturelle Bevölkerung als Klientel. Ich begegnete verschiedenen Nationalitäten und Religionen. Dazu gehörten viele Juden und Kinder von Holocaust-Überlebenden, oft polnischer, deutscher und russischer Abstammung. Viele von diesen Menschen hatten sehr große Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl. Durch ein Erlebnis mit einem jungen jüdischen Mann kam ich in für mich belastende Berührung mit meinem bis dahin unbewussten deutschen nationalen Erbe. Ich erkannte, dass ich mich schämte dafür, weil ich Deutsche bin. Nicht nur einzelne Menschen, auch ganze Nationen haben Traumata erlebt.

die furche: Sie haben von 1994 bis 1998 im Wintersportort Bakuriani in Georgien das Psycho-politische-Arbeitsprojekt "Eine Gemeinschaft Heilen" initiiert. Wie ist es dazu gekommen und welche Ziele haben Sie damit verfolgt?

Rueffler: Bei einem Vortrag in Moskau lernte ich den Arzt Andrej Tedejew aus Bakuriani kennen. Er hat mich eingeladen, in das Bergdorf zu kommen. Sie müssen sich die Geschichte dieses Nobelskiortes vor Augen führen. Bei ethnischen Unruhen im Jahr 1991 wurden die mit den bis dahin friedlich mit den "Einheimischen" zusammenlebenden Ossetier als Minderheitsgruppe verjagt. Von den ursprünglich 5.000 Einwohnern blieben gerade noch 2.000 übrig. In dem größtenteils verlassenen Bergdorf funktionierte kaum noch etwas: Die Heizung ging nicht mehr, das Krankenhaus war leer, durchs Dach regnete es herein. Und vor allem: Der größte Teil der Bevölkerung befand sich in einer tiefen Depression.

Zunächst ging es einfach einmal darum, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Erst dann konnten wir beginnen, mit den Traumata zu arbeiten. Nach den Prinzipien der Psychologie der Nationen versuchten wir, den Menschen wieder jene Lebensfreude zu vermitteln, die sie benötigen, um ihre Zukunft wieder selber zu gestalten.

die furche: Nach welchen Prinzipien arbeitet die Psychologie der Nationen?

Rueffler: Diese Prinzipien sind die gelebte innere Haltung von Mitgefühl, die Würdigung des "Selbst", Ermächtigung, Wahl und Selbsthilfe nach dem Motto "Ich gab dir keinen Fisch, aber ich zeige dir, wie du fischen kannst". Das bedeutete in Bakuriani konkret, die kollektiven Glaubensmuster bewusst zu machen; einen Platz zu bieten, damit sich der tiefe Schmerz der kollektiven Seele des Dorfes zeigen konnte und den Dorfbewohnern zu helfen, aus ihrer emotionalen Depression herauszufinden. Als einer der ersten Schritte haben wir beispielsweise Kinderkleider aus der Schweiz in das Bergdorf transportiert. Die Frauen konnten somit ein Geschäft eröffnen und wieder einkaufen gehen. Das hat ihnen Würde verliehen.

Ich stelle also nicht fertige Projekte hin, gehe nicht mit einem vorgefassten Plan an die Sache heran, sondern die zahlreichen kleinen Projekte, die ich zusammen mit Schlüsselpersonen ins Leben rufe, sind das Werkzeug, um zu den tieferliegenden Mustern wie Wut, Ohnmacht, Angst, das Bewusstsein, Opfer zu sein, zu gelangen. Wir haben in Bakuriani mit unseren Projekten etwa 800 Leute direkt erreicht, wobei ich betonen möchte, dass der Effekt darüber hinausging. Ich arbeite mit zwei Universitäten zusammen, die mittels Umfragen vor und nach den Projekten eindeutig festgestellt haben, dass das Selbstwertgefühl der Bevölkerung deutlich gestiegen ist und dass die Menschen erfolgreicher sind als vorher.

die furche: Ihr zweites großes Projekt "Kann kollektiver Gewalt vorgebeugt werden?" auf Bali/Indonesien, das bis ins Jahr 2002 laufen soll, findet unter völlig anderen Vorzeichen statt. Während in Bakuriani die Menschen durch Gewalt traumatisiert waren, geht es auf Bali um Prävention.

Rueffler: Ja, Bali ist für zahlreiche Touristen eine Trauminsel, ein Paradies, mit einer einzigartigen Hindu-Kultur. In das wirtschaftlich instabile Land strömen sehr viele Leute mit anderer Kultur und Religion, etwa Timoresen und Javanesen. Die Lage dort ist sehr explosiv, vor allem in größeren Orten. Ich bin auf Einladung eines Pfarrers nach Bali gekommen, wie ich überhaupt nur dort meine Projekte durchführe, wo es auch gewünscht wird.

Ich habe mich im Oktober 1999 auf einer Erkundungsreise mit der Situation dort vertraut gemacht und im Juni 2000 habe ich mit Menschen vor Ort, die bereit sind mitzuarbeiten und die ich geschult habe, meine Projekte nach den Prinzipien der Psychologie der Nationen gestartet. Eines der ersten war etwa, dass wir Jugendlichen behilflich waren, die eine Western-Band gründen wollten. Oder wir unterstützen die Leute darin, kleine Geschäfte aufzubauen. Bisher kann ich sagen, dass die Menschen kommen und dass es gut läuft. Unser Hauptarbeitsgebiet ist das Slum von Kuta und wir hoffen, mit unseren Projekten 12.000 Menschen zu erreichen. Es geht vor allem darum, in den Menschen Lebensfreude zu wecken und sie zu stimulieren. Denn wenn jemand genügend Selbstwertgefühl hat, wird er sich nicht der Gewalt anschließen, davon bin ich überzeugt.

die furche: Wie finanzieren Sie Ihre Projekte? Erhalten Sie Unterstützung von Regierungen, Subventionen?

Rueffler: Bisher läuft alles über private Finanzierung. Mir helfen in erster Linie Menschen, die an dem von mir gegründeten PsychoPolitical Peace Institute (PPPI) in New York oder Zürich eine Ausbildung absolviert haben. Wir kochen auf ziemlich kleiner Flamme, wir sind einfach noch zu unbekannt.

die furche: Wie entsteht Ihrer Ansicht und Erfahrung nach Gewalt? Und wie kann man sie bekämpfen?

Rueffler: Gewalt entsteht dann, wenn ich etwas haben will, was ich nicht habe. Dann hole ich es mir. Gewalt entsteht dann, wenn ich mich selber und den anderen nicht achte. Ein innerer Kampf wird außen ausgetragen. Mit Gewalt missbrauche ich den anderen, schädige aber auch mich selbst.

Mir ist es wichtig festzuhalten, dass man Gewalt nicht bekämpfen kann, weil Kämpfen ist schon wieder Gewalt. Man kann Gewalt nur vorbeugen und darauf achten, dass sie nicht entsteht. In Bosnien etwa hätte man die tragische Entwicklung vor zehn, fünfzehn Jahren möglicherweise abwenden können. Wenn Gewalt läuft, ist sie normalerweise nicht mehr zu stoppen, denn Gewalt vermehrt sich, Gewalt bringt wieder nur Gewalt. Es geht also darum, die Selbstachtung der Menschen zu erhöhen, ihnen wieder Lebensfreude zu vermitteln.

die furche: Auch die westlichen Industrieländer, auch Österreich, bleibt vor Gewalt nicht verschont. Man denke an die alarmierend hohe Zahl von Gewaltdelikten in der Familie oder an aufsehenerregende immer wieder vorkommende Familientragödien. Ist Ihre Methode auch bei uns wirksam?

Rueffler: Viele von uns haben nie gelernt, mit Spannungssituationen umzugehen und so kommt es häufig aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus zu Kurzschlusstaten. Die Methode ist bei uns absolut anwendbar.

Das Gespräch führte Alois Summer im Bildungshaus St. Arbogast in Vorarlberg, wo Margret Rueffler im Rahmen der Veranstaltung "Europa eine Seele geben" ihr Projekt vorstellte.

Informationen PsychoPolitcal Peace Institut AG Gehrenhof CH-8712 Staefa bei Zürich Tel. +41 (0) 1 926 8182 Fax +41 (0) 1 926 8110 e-mail: pppi@compuserve.com; http://www.pppi.net

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