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Die „Stahltrosse“ Englands
Unter den Feldherren, die die britischen Heere auf den weltumspannenden Kriegsschauplätzen des zweiten Weltkrieges kommandierten, hat der jetzige Feldmarschall Viscount Bernard Law Montgomery of Alamein den glänzendsten militärischen Ruhm erworben. Sein Name, vor wenigen Jahren nur einem engen Kreise militärischer Fachleute seines Heimatlandes bekannt, ist mit den größten Leistungen der alliierten angelsächsischen Heere verbunden. Das Lebensbild, das Alan Moorehead aus intimer persönlicher Kenntnis dieses größten britischen Feldherrn seit Wellington gezeichnet hat *, kann daher allgemeinem Interesse begegnen.
Montgomery entstammt einem uralten normannischen Geschlecht. Roger de Montgomery, ein Vetter Wilhelms des Eroberers, führte im Jahre'1066 den Oberbefehl. Fast neunhundert Jahre später landete Feldmarschall Bernard Montgomery an der französischen Küste und schlug seine größte Schlacht bei La Falaise. Inmitten dieses Schlachtfeldes liegt heute noch ein alter, auf die Normannenzeit zurückgehender Gasthof namens Hotel Ouest et Montgomery. Das Dorf, in welchem Rom-' mel, geradezu ein persönlicher Rivale Montgomerys, seine Verwundung erlitt, heißt Sainte-Foy-de-Montgomery. Sir Robert, des Feldmarschalls Großvater, war Statthalter im Pundschab. Eine indische Stadt trägt nach ihm den Namen Montgomery. Sein Sohn Henry war Priester der anglikanischen Hochkirche. Seine Versetzung als Bischof nach Tasmanien brachte der Familie das gesunde, sportliche Leben des Kolonialengländers, das dem am 17. November 1887 geborenen vierten Kinde, Bernard, in seiner militärischen Laufbahn später zustatten kam. Der verschlossene, unruhige, vorwärtsdrängende Knabe hatte, mit den Seinen nach England zurückgekehrt, in der Schule trotz sportlicher Erfolge wenig Freunde. Ohne' tiefergehenden Wunsch, fast zufällig entschied er sich, Offizier zu werden. Wiewohl er 1908 die Militärschule in Sandhurst mit Auszeichnung absolvierte, gab ein Lehrer dem schwer zu behandelnden früheren Schüler das Abschiedswort auf den Weg: „Sie sind zu nichts zu gebrauchen, Sie werden es in der Armee zu nichts bringen.“
Tatsächlich war Montgomerys Aufstieg mühevoll und langwierig und nichts deutete vorerst auf seine spätere glanzvolle Laufbahn. Er war noch Premierleutnant, als die kleine britische Berufsarmee im Sommer 1914 nach Frankreich geworfen wurde. Im Herbst dieses Jahres wurde er bei Ypern lebensgefährlich verwundet. Schon war Befehl gegeben, für ihn ein Grab auszuheben, als eine schwache unvermutete Bewegung noch Leben verriet. Bei Kriegsende. Oberstleutnant im Generalstab, lehrte er als In-struktor an der Kriegsschule in Camberley in Taktikkursen bahnbrechende Neuerungen, für die er, zu höheren Kommanden in Palästina, Indien und Ägypten aufsteigend, die Truppen mit konsequenter Strenge ausbildete. Man hört die Flügel der Weltgeschichte rauschen, wenn man erfährt, daß der spätere Sieger von El Alamein als erster britischer Befehlshaber zu Friedenszeit im Nilland Wüstankämpfe und Nachtangriffe in der Wüste geübt hat.
Montgomery war 54 Jahre alt, als im zweiten Weltkrieg seine große historische Aufgabe an ihn herantrat. Die britische Front in Ägypten stand vor dem Zusammenbruch. Aus den Kaminen der britischen Botschaft in Kairo stiegen im August 1942 ungeachtet der Gluthitze Rauchwölkchen. Man bereitete schon die Räumung vor und verbrannte Geheimakten.
* Deutsche Obersetzung im . Alfred - Scherz-Verlag in Bern.
Die britische Armee sollte sich bei einem deutschen Durchbruch teilen und fechtend auf den Suezkanal und auf Khartum zurückgehen. In Rom wurde bereits eine Erinnerungsmedaille auf den Einzug der Italiener und Deutschen in Kairo geschlagen, Mussolini hatte für sich zu dieser Festlichkeit einen weißen Schimmelhengst gewählt. Und Rommels große Offensive stand unmittelbar bevor, als Montgomery zur Ablösung Sir Claude Auchinlecks in Kairo eintraf. Seinem Feuergeist gelang es, die erschöpfte und pessimistische Armee so umzuorgani- . sieren und mit neuer Zuversicht zu“ erfüllen, daß die Deutschen vierzehn Tage nach seinem Eintreffen in einer sechstägigen Schlacht zurückgeschlagen wurden. Am 23. Oktober gingen die britischen Truppen in einer Vollmondnacht -elbst zum Angriff über. Wenn nicht plötzlich ein Regensturm eingesetzt hätte, wäre Rommel selbst in die Hände~der Engländer gefallen, so gewaltig war der Durchstoß. Nun begann die Jagd am nordafrikanis'hen Küstensaum. Als die britische Spitze sechshundert Meilen hinter Benghasi war, brachte ein rasender Seesturm die britische Nachschubflotte in diesem Hafen zum Kentern. Alles, was die Armee brauchte, trieb auf. den Wellen oder war auf den Meeresgrund versunken. 600 Meilen zurück lag die Vorratskammer, das Niltal. Montgomery selbst gab später zu, daß ihm in diesem Augenblick fast der Mut sank. Er verlangte von seinen Quartiermeistern Proviant und Treibstoff für zehn Tage, um das ^zweihundert Meilen vor ihm liegende Tripolis zu erobern. Dort lagen feindliche Vorräte in Fülle, aber Montgomerys Wunsch war angesichts der Schiffskatastrophe unerfüllbar. So legte er die halbe Armee still, setzte alle Fahrzeuge zum Nachschub ein und griff zum Stoß gegen Tripolis am 15. Jänner 1943 mit seinen restlichen Truppen, deren Kampfgeist Im 'Zenit stand, Rommel an. Jeder wußte, die Armee mußte bis zum 25. in Tripolis sein, sonst war sie in der Wüste aus Mangel an Lebensmitteln und Treibstoff verloren. Aber nach einer Umgehung tief ins Hinterland hinein, überSchluchten und Treibsandflächen, fiel dieser Hauptwaffenplatz der Achse am 23. Jänner, zwei Tage vor der gesetzten Frist. Es gab wohl noch harte Kämpfe, doch am 7. Mai wurde auch Tunis unter entscheidender Mitwirkung der bereits legendären achten Armee genommen und die Alliierten konnten zum Sprung nach Europa ansetzen.
Aus Italien, wohin dann Montgomery seine Truppen aus Tunis über Sizilien und die Straße von Messina kämpfend geführt hatte, wurde der nunmehrige Feldmarschall zum wichtigsten Kommando berufen, das die Alliierten zu vergeben hatten: zum Oberbefehl über eine Million Mann, die verbündeten Invasionsarmeen In Frankreich.
Um die Deutschen vom Angriff auf die Kanalküste abzulenken, wurde ein raffiniertes Täuschungsmanöver inszeniert. Ein Leutnant Clifton James, von Beruf Schauspieler, der eine starke Ähnlichkeit mit Montgomery hatte, mußte eine Wocke lang den Feldmarschall überallhin begleiten, um seine Bewegungen, Gebärden und Eigenheiten genau zu beobachten. Als James seine Rolle einstudiert hatte, wurde er in die Felduniform des Generals mit den Ordensbändern gesteckt und im Flugzeug nach Gibraltar gebracht. Als er dort, kaum fünfzig Meter von der spanischen Grenze, hinter der wie Dohlen die Spione saßen, landete, ^srurde der angebliche Montgomery von den Spitzen der britischen Behörden feierlichst empfangen. Am anderen Tage flog der falsche Montgomery nach Algier ab, wo ihn General Maitland Wilson ebenso öffentlich empfing. Um die Deutschen noch mehr auf die falsche Fährte zu lenken, daß der Hauptangriff nicht im Ärmelkanal, sondern im Mittelmeer bevorstehe, wurden gleichzeitig umfangreiche Schiffsbewegungen in Szene gesetzt. Die Täuschung gelang. Übrigens erhielt Leutnant James für jene Tage, an denen er in Montgomerys Uniform aufgetreten “War, volle Feldmarschallsbezüge.
Der Hergang der gewaltigen Schlacht in der Normandie ist bekannt. Montgomery hatte dem von ihm persönlich befehligten britischen linken Flügel bei Caen die schwere Aufgabe zugeteilt, die deutschen Angriffe auf sich zu ziehen, falls Hitler, wie man hoffte, den Fehler beging, seine Kräfte nahe der Küste, nutzlos zu verbrauchen. Die Absicht glückte und während die deutschen Panzerdivisionen im Raum von Caen zerhämmert wurden, brachen die Amerikaner bei St.-L6 durch. Das Ergebnis war das Ende von 43 deutschen Divisionen bei La Falaise.
Noch einmal griff Montgomery in entscheidender Weise in die Krise der Ardennenschlacht ein. Dann verfiel allmählich die Kraft des Gegners und es war ein zusammengebrochenes' Heer, d'essen Führer in der ersten Maiwoche 1945 vor Montgomery auf der Lüneburger Heide die Waffen streckten.
Alan Moorehead hat, ohne die Kanten dieser großen und eigenwilligen Persönlichkeit gefällig abzuschleifen, ein Bild voll Leben, psychologischer Einfühlung und militärischer Prägnanz gezeichnet. Es wird dem Wesen des Mannes gerecht, dessen zielstrebigen, standhaften Charakter Shaw mit einem Stück • „festgespannte Stahltrosse“ verglichen hat. Sie hat dem stärksten Druck des schwer kämpfenden Staatsschiffes standgehalten, cp.
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