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Der Mann, der Hitler stoppte

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier: Vor 60 Jahren, am 12. September 1939, marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein. Damit begann der Zweite Weltkrieg. An seinem Ende stand fast die ganze Welt im Kriegszustand mit Deutschland. Doch vor dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritt Amerikas hatte Hitler den Kontinent in der Hand, Stalin zum Verbündeten und nur noch einen Gegner: England.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier: Vor 60 Jahren, am 12. September 1939, marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein. Damit begann der Zweite Weltkrieg. An seinem Ende stand fast die ganze Welt im Kriegszustand mit Deutschland. Doch vor dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritt Amerikas hatte Hitler den Kontinent in der Hand, Stalin zum Verbündeten und nur noch einen Gegner: England.

Im Zweiten Weltkrieg prallten nicht nur Waffen aufeinander, nicht nur Demokratie und Unfreiheit. Er war auch ein Zusammenprall zweier Männer: Adolf Hitler und Winston Churchill. Sie waren grundverschieden, hatten aber doch einiges gemeinsam. Churchills Bedeutung für die Niederringung Hitlers bleibt in vielen Darstellungen des Zweiten Weltkrieges etwas unterbelichtet. Doch auch aus diesem Blickwinkel läßt sich die Geschichte des Krieges, der vor 60 Jahren begann, erzählen.

Auf dem Schlachtfeld war der Kampf Mann gegen Mann längst Geschichte. Hier fand er noch einmal statt. Churchill war in einem solchen Ausmaß Hitlers großer Gegenspieler, daß man vom Zweikampf des Jahrhunderts sprechen kann. Aber vielleicht nicht sollte, weil man Hitler eine Ehre erwiese, die ihm nicht gebührt. Er war kein Ritter. Revidieren wir also das Bild. Churchill spielte die Rolle des Drachentöters. Allein konnte er den Drachen nicht bezwingen, aber er hielt ihm stand, bis Hilfe kam.

Einst hielten die Menschen den Willen der Götter für die Ursache aller irdischen Ereignisse. Bereits in der Antike rückte die Persönlichkeit als treibende Kraft in den Mittelpunkt des Geschehens. Dort konnte sie ihren Platz im Dialog mit Gott, frei nach Leopold von Ranke, gut zwei Jahrtausende behaupten. Dann kam Karl Marx. Er stieß den Helden vom Thron, setzte die Entwicklung der Produktivkräfte an seine Stelle, degradierte die Handelnden zu Schauspielern mit fester Rolle und ernannte die Klassengegensätze zum Regisseur. Die neue Sicht der Geschichte bestimmte mehr und mehr auch das Denken bürgerlicher Historiker. Doch die Wiederentdeckung der Persönlichkeit hat längst eingesetzt.

Ein Politosaurier Zugleich beklagen wir das Aussterben der überlebensgroßen Figuren. Der pluralistische Mehrparteienstaat begünstigt den Typus nicht. Überlebensgroße Figuren sind ohne überlebensgroßen Willen kaum denkbar. Hitler war geradezu eine Inkarnation des kriminellen Willens. Das Gegenbild ist aber nicht der Einzelne mit dem überlebensgroßen Willen zum Positiven, sondern die Demokratie, wo der Wille der vielen zählt. Churchill also ein letzter Gruß aus heldischen Zeiten? Hoffentlich steuern wir auf eine Welt zu, in der es, um Bertolt Brecht zu zitieren, niemand nötig hat, ein Held zu werden. Aber was fangen solche Zeiten mit Persönlichkeiten wie Winston Churchill an?

Churchill wie Hitler hätten ums Haar die Chance verpaßt, in die Geschichte einzugehen. Hitler schwimmen längst in den Wahlen die Felle auf und davon. Aber der senile Reichspräsident Hindenburg macht ihn im Jänner 1933 ohne Notwendigkeit zum Reichskanzler. Doch auch in England wartet einer, dem längst alle Felle wegzuschwimmen drohen, auf seine letzte Chance. Winston Churchill ist 15 Jahre älter als Hitler und 1939 nach allgemeiner Ansicht ein Stern im Sinken. Er gilt nur noch als politischer Dinosaurier, als Politosaurier, der Krieg wittert, während sich alle ausrechnen, daß Hitler Ruhe geben wird, sobald er hat, was er will. Das Saarland hat er schon, Österreich hat er schon, Premierminister Neville Chamberlain hat ihm auch noch das Sudetenland und die restliche Tschechoslowakei in den Rachen geschoben, nun greift Hitler nach Polen. Damit überspannt er den Bogen.

Mag sein, daß die Weichen zum Zweiten Weltkrieg mit den Friedensverträgen von Versailles (für Deutschland) und St. Germain (für Österreich) gestellt wurden. Mag sein, daß die Chancen der Demokratie in der Weimarer Republik von Anfang an minimal waren und die Bühne für den großen Demagogen bereitet war. Mag sein, daß Krieg und eine neue Virulenz des schrecklichen Begleitphänomens der europäischen Krisen programmiert war: Judenhaß und Pogrome. Daß dies Auschwitz bedeuten mußte, kann nur ein Determinist annehmen, der die jeweils eingetretene Entwicklung für die von vornherein einzig mögliche hält. Doch seit 1933, seit Hitler an der Macht war, war sie die einzig mögliche.

Als am 1. September 1939 die Deutsche Wehrmacht die polnische Grenze überschritt, trat ein, was Hitler nicht für möglich gehalten hatte: Das nachgiebige England wurde, typisch britisch, doch unverständlich für einen Mann wie ihn, urplötzlich unnachgiebig und stand zum Bündnis mit Polen. Doch die Konfrontation der beiden Kontrahenten ließ noch auf sich warten. Der Politosaurier hatte den Krieg gewittert. Er war zu diesem Zeitpunkt allerdings nur einer der Minister in einem großen Kabinett. Erster Lord der Admiralität, also Marineminister, nicht zu verwechseln mit dem Ersten Seelord, dem operativen Chef der Seestreitkräfte.

Der Bombe entkommen Über Churchill wurde wohl nicht einmal der Bruchteil eines Prozents der Literatur über Hitler geschrieben. Offenbar bedarf das Verhalten des Verbrechers einer Erklärung, nicht aber jenes dessen, der das Verbrechen bekämpft, obwohl es doch umgekehrt sein sollte. Oder fasziniert das Verbrechen den Urmenschen in uns einfach mehr? Immerhin liegen auch über Churchill zwei interessante, empfehlenswerte Neuerscheinungen vor: "Churchill - Eine Biographie des 20. Jahrhunderts" von Christian Graf von Krockow bei Hoffmann und Campe sowie "Churchill und seine Zeit" von Andrew Roberts in der premium-Reihe des Deutschen Taschenbuchverlages. Es sind zwei Bücher, die einander gut ergänzen. Die große, engagierte, weit ausholende, spannende Biographie aus der Feder des Bewunderers und die gründliche, beißend polemische Analyse des politischen Umfeldes, in dem Churchill agierte. Schon Roberts' Kapitelüberschriften machen neugierig auf den Sprengstoff, den man dann tatsächlich findet, etwa "Das Haus Windsor und die Appeasementpolitik" oder "Die Tories gegen Churchill in der ,größten Stunde'". Aber auch der in Ungarn geborene britische Historiker John Lukacs weist in seinem älteren Werk "Churchill und Hitler - Der Zweikampf" (1992 in der Deutschen Verlags-Anstalt) nach, wie nahe England 1940 dran war, aufzugeben.

Hätte Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg gewinnen können? Auf lange Sicht gewiß nicht. Amerika hätte irgendwann Krieg gegen Deutschland führen müssen, das industrielle Potential des Westens wäre unter allen Umständen zum Tragen gekommen, spätestens die Atombombe hätte den Krieg entschieden. Doch der Zweite Weltkrieg hätte nicht viel länger dauern dürfen - und sie wäre gegen Deutschland zum Einsatz gekommen. Es gibt starke Indizien dafür, daß Dresden seit längerem als Ziel der ersten Atombombe ausersehen war.

Die Beschwichtiger gaben noch lange nicht auf Der Haß des eigenen Lagers Eine realistische Chance, England zu erobern, gab Hitler jedenfalls aus der Hand, als er nach der Niederwerfung Frankreichs 1940 seine Truppen am Kanal einhalten ließ. Er nutzte auch nicht die Möglichkeit, die in Dünkirchen eingekesselten britischen Kräfte zu vernichten. Die Engländer brachten mit großen und kleinen Schiffen bis herunter zu winzigen Booten 250.000 eigene Soldaten und 90.000 Franzosen in Sicherheit. Er habe mit dieser "großmütigen Geste" die Briten an den Verhandlungstisch bekommen wollen, behauptete Hitler später. Möglicherweise wollte er damit aber nur ein verhängnisvolles militärisches Versäumnis kaschieren - das erste seiner vielen.

Auf Dünkirchen folgte der "Sitzkrieg", ein Winter ohne militärische Ereignisse - bis auf die sowjetische Okkupation Finnlands. Am 8. April 1940 begannen die Briten, die norwegischen Küstengewässer zu verminen und setzten eine Expeditionsstreitmacht in Marsch, doch am 9. April kam ihnen Hitler mit der Besetzung Dänemarks und Norwegens zuvor. Im Oslofjord schoß ein pensionsreifer norwegischer Oberst namens Eriksen mit einer einzigen Granate aus einer Krupp-Kanone des Baujahres 1892 den schweren deutschen Kreuzer "Blücher" in Brand und verschaffte damit König und Regierung Zeit, ins Landesinnere zu fliehen und Widerstand zu organisieren. Aber die Deutschen, registrierte Churchill voll Bitterkeit, "bewiesen mehr Kampfgeist, waren besser ausgerüstet und wurden energischer geführt" als die Briten.

Humor und Ritual Am 7., 8. und 9. Mai 1940 gab es im Unterhaus eine erregte Debatte. Marineminister Churchill hatte die Norwegen-Operation mit Nachdruck befürwortet, doch der Blitzstrahl traf nicht ihn, sondern Premierminister Chamberlain. Krockow: "Alle fühlten, daß er nur mit halbem Herzen bei der Sache war und daß man jetzt einen Mann brauchte, der den Krieg mit wirklicher Entschlossenheit führte. Alle erinnerten sich an Churchills unermüdliche Warnungen vor der heraufziehenden Gefahr."

Am Morgen des 10. Mai überschritten die deutschen Truppen die belgische und holländische Grenze. Um 11 Uhr wurde Churchill in die Downing Street gebeten, unmittelbar darauf folgte die Audienz beim König, das Gespräch begann mit einer typisch britischen Mischung von Humor und Ritual. "Ich nehme an, daß Sie nicht wissen, warum ich Sie habe rufen lassen" sagte der König, worauf Churchill antwortete, er habe nicht die geringste Ahnung. Churchill erfand an diesem 10. Mai 1940 für sich auch gleich das Amt des Verteidigungsministers, er war nun der "Allzuständige", konnte nach Belieben Generäle einsetzen und absetzen, und wurde zur Verkörperung des kompromißlosen Durchhaltewillens.

Churchill hatte - konservativ, liberal, konservativ - mehrmals das politische Lager gewechselt. Der ursprünglich unsichere, schüchterne Redner hatte sich eine mörderische Schlagfertigkeit angeeignet, die Generationen von Abgeordneten verprellte. "Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihnen Gift in den Tee geben!" hatte ihm einmal eine erboste Kontrahentin zugerufen; wie aus der Pistole geschossen hatte er geantwortet: "Wenn ich Ihr Mann wäre, würde ich ihn trinken!" Wieviel Abneigung, ja Haß dem frischgebackenen Kriegspremier aus dem Tory-Establishment entgegenschlug, kann man bei Andrew Roberts anhand einer langen Reihe von Zitaten nachlesen. Die Lektüre ist erschreckend und zugleich unterhaltsam. Dabei mischten sich die alten persönlichen Ressentiments mit der tiefen Skepsis, ob England gegen Hitler durchhalten konnte. Hitler sprach in etlichen Reden von der "Friedenshand", die er England entgegengestreckt habe. Den Krieg mit England hatte er ja nie gewollt. Er wollte Europa beherrschen und mit Massenmorden im Osten Platz für Deutsche schaffen. In England empfand so mancher Sympathie für Hitler. Der Gedanke an eine weitere Beschwichtigung Hitlers, den faulsten aller Kompromisse, war am 10. Mai 1940 noch lange nicht tot. Die Öffentlichkeit war allerdings ganz auf Churchills Seite.

Härte, ja Brutalität England stand mit dem Rücken zur Wand. Churchill aber befahl den britischen Diplomaten in aller Welt, gute Laune zur Schau zu tragen. In Madrid schmiß der britische Botschafter die Cocktailparty des Jahrhunderts. Zugleich wiegte Churchill mit vorsichtig ausgestreckten Friedensfühlern Hitler in falschen Hoffnungen. Tatsächlich zögerte der "Führer" mit der Invasion, bis England zu stark geworden war und Deutschland die Luftschlacht über England verlor. Eine Gelegenheit wie nach Dünkirchen bot sich nie wieder.

Auf diese Weise überbrückte Churchill eine schreckliche Durststrecke - bis Englands Freunde in den USA begriffen, England sei ja doch eine Karte, auf die man noch setzen konnte. Dazu trug auch die Härte, ja Brutalität bei, mit der er nach Frankreichs Kapitulation die Übergabe der französischen Flotte an die Deutschen verhinderte. Britische Kriegsschiffe forderten die in Oran vor Anker liegenden Franzosen, die vor wenigen Tagen noch Verbündete gewesen waren, ultimativ auf, einen alliierten Hafen anzulaufen oder sich selbst zu versenken. Da die Forderung abgelehnt wurde, eröffneten die Briten das Feuer und versenkten in neun Minuten drei Schlachtschiffe, darunter Frankreichs modernstes, die "Dunquerque". 1.750 Franzosen starben. Diese Demonstration kompromißlos eingesetzter militärischer Macht half aber Präsident Roosevelt, dem die längste Zeit die Hände gebunden waren, sich gegen die amerikanischen Isolationisten durchzusetzen und Großbritannien die Lieferung von 50 Zerstörern (die zum Großteil ziemlich schrottreif waren) zuzusagen.

Die Bedingungen waren demütigend. Großbritannien mußte dafür seine Stützpunkte im Westatlantik und in der Karibik an die USA abtreten. Allein dies zeigt, wie stark der amerikanische Isolationismus war, wie gering zu diesem Zeitpunkt die Bereitschaft, Hitler in Europa entgegenzutreten. Kleines Detail am Rande: Der von 1937 bis 1940 in London residierende US-Botschafter Joseph Kennedy war alles andere als ein Nazigegner und nebstbei ein überzeugter Antisemit. Kennedy sehe alles unter dem Blickwinkel seiner eigenen Investitionen, notierte Unterstaatssekretär Sir Alexander Cadogan eine Woche nach Kriegsausbruch. Später starb Kennedys ältester Sohn über dem Kanal in einem explodierenden amerikanischen Bomber, worauf sich der zweite Sohn, John F. Kennedy, der nach dem Untergang seines Torpedoboots im Pazifik trotz einer schweren Verwundung seine Mannschaft in Sicherheit brachte, nach dem Krieg anschickte, dem väterlichen Wunsch zu entsprechen und das Präsidentenamt anzupeilen.

Heute will niemand mehr wahrhaben, wieviele westliche Politiker und Intellektuelle nach Hitlers großen Siegen begannen, sich mit ihm abzufinden. Selbst der Jesuitenpater Pierre Teilhard de Chardin schrieb damals aus Peking: "Die Welt muß denen gehören, die die aktivsten Elemente darin sind ... Im Augenblick verdienen die Deutschen den Sieg, denn - wie verworren oder böse ihre geistige Triebkraft auch sein mag - sie haben davon mehr als der Rest der Welt."

Daß sich Churchill in Sachen Hitler nicht nur eines Sinnes mit Präsident Roosevelt wußte, sondern sich zwischen den beiden Männern auch eine enge Freundschaft entwickelte, wurde vielleicht nicht zum kriegsentscheidenden Faktor - doch sicher zu einem, der Großbritannien die ersten Kriegsjahre zu überstehen half und die Entwicklung bis zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour und der Kriegserklärung Hitlers und Mussolinis an die USA (nicht umgekehrt) beschleunigte. Churchill entstammte ja nicht nur einer der großen britischen Adelsfamilien - er hatte auch eine amerikanische Mutter und durch sie wahrscheinlich sogar indianische Vorfahren. Zehn Tage nach Kriegsausbruch schrieb Roosevelt an Churchill, der damals noch Marineminister war, er habe Churchills Werk über dessen großen Vorfahren Marlborough mit Genuß gelesen, übrigens könnten sie jederzeit versiegelte Botschaften austauschen.

950 Briefe an Roosevelt "Diese Eröffnung", erfahren wir von Krockow, "löste eine Lawine aus; im Laufe des Krieges hat Churchill 950 Botschaften und Briefe an Roosevelt geschickt und etwa 800 Antworten erhalten. Dabei unterzeichnete er stets als ,Marineperson' und, seit er Premierminister geworden war, als ,Ehemalige Marineperson'. In seinen Erinnerungen heißt es: ,Unsere Verbindung wurde nach und nach so eng, daß die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern praktisch durch den persönlichen Austausch zwischen ihm und mir bestimmt und entschieden wurden ... Wir erreichten einen sehr hohen Grad an Übereinstimmung, und die Zeitersparnis war ebenso unschätzbar wie die Tatsache, daß die Zahl der Eingeweihten wesentlich verkleinert wurde ... Ich erkannte, daß ich es mit einem wirklich großen Mann zu tun hatte, der ein warmherziger Freund und ein Vorkämpfer für die Ziele war, denen wir dienten.'" Krockow setzt hinzu: "Daß gerade die engen persönlichen Beziehungen auch zu Reibungen und Enttäuschungen führten, wird allerdings noch zu zeigen sein."

Warten auf Angriff?

Ohne Churchill würde die Geschichte des Zweiten Weltkrieges heute wahrscheinlich völlig anders aussehen. Dies ist zwar einerseits keine neue Erkenntnis, doch wurde die Bedeutung dieser Tatsache, das volle Ausmaß ihrer Konsequenzen, eher heruntergespielt oder jedenfalls nicht gerne in den Vordergrund gestellt. Der Grund dafür ist leicht erkennbar: Churchill stand in den ersten Phasen des Zweiten Weltkrieges völlig allein. Wer diese Einsamkeit betont, lenkt aber den Blick zwangsläufig auf jene, die dem Clinch des Drachentöters mit dem Drachen interessiert zusahen, statt zu Hilfe zu eilen. Die Kehrseite dieser Einsamkeit ist das Appeasement, die Beschwichtigungspolitik.

Mit Pearl Harbour und mit dem Kriegseintritt Amerikas war Hitlers Schicksal endgültig besiegelt. Was Roosevelt und Churchill unter vier Augen gesprochen haben, ist wohl verloren. Es gibt aber zweifellos starke Indizien dafür, daß Präsident Roosevelt zwar nicht die Katastrophe von Pearl Harbour, sehr wohl aber einen japanischen Angriff auf die USA vorhersah, ja vielleicht sogar mit seiner Politik eine solche Entwicklung förderte. Man kann dies kritisieren - muß sich dann aber auch fragen, wie England allein mit Hitler fertigwerden sollte und sich vor Augen halten, was ein Sieg Hitlers oder ein endgültiges britisches Appeasement für die Welt, für uns alle bedeutet hätte.

Winston Churchill verkörperte den Widerstand gegen eine solche Entwicklung. Seine ganze Biographie, sein Charakter, diese höchst altmodische Mischung von Kriegsbegeisterung und Humanität, hatte ihn prädestiniert, Adolf Hitler entgegenzutreten. Bei Churchill äußert sich schon früh die Überzeugung, zu Größerem bestimmt zu sein, der Aufstiegswille, das seltsame, dunkle, unerklärliche Sendungsbewußtsein mancher Menschen, die sich, was ihnen nicht an der Wiege gesungen wurde, selber vorsangen. Denn Hitlers Kontrahent wurde zwar in Blenheim Castle, im Schloß seines Großvaters, des unermeßlich reichen Siebenten Herzogs von Marlborough, geboren. Doch der englische Adel ist eine nach unten offene Gesellschaftsschicht: Der Erstgeborene erbt Titel und Besitz, alle weiteren sind Bürger wie du und ich - und Winston Churchill. Churchill strebte nie nach Reichtum, wenn er auch ein luxuriöses Leben liebte und deswegen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in eine arge private Schuldenkrise geriet. Aber er wollte es wohl seinem Vorfahren John Churchill, dem Ersten Herzog von Marlborough, gleichtun, der als britischer Heerführer König Ludwig XIV. von Frankreich besiegt hatte. Er gierte zeitlebens nach Ruhm.

Die Vorbilder Im übrigen war Churchill als echter Konservativer ein Schüler der Geschichte. Sein Leitstern war Edmund Burke, "der Vorkämpfer von Reformen und Anwalt der Freiheit", der 1775 mit seinem Eintreten für die Freiheit der Iren gescheitert war, und einer von Churchills Leitsätzen besagte, "daß man Kriege oder sonstige Gewaltmaßnahmen mit allen Machtmitteln bis zum vollkommenen Sieg durchkämpfen muß, dann aber dem Besiegten die Hand zur Freundschaft reichen soll" (Krockow).

Auch Hitler soll das frühe Sendungsbewußtsein besessen haben, so steht es jedenfalls in seinem unsäglichen Buch und den Niederschriften seiner unsäglichen Tischgespräche. Aber seine Energie war destruktiv, er war ein Mann, der Massen mobilisieren konnte, doch was er in ihnen mobilisierte, war eine gefährliche Mischung von Haß und Hoffnung. Als er sein wahres Gesicht zeigte, gab es keine Wahlen mehr - eine absolute Stimmenmehrheit hatte er sowieso niemals errungen.

Bücher zum Thema: Churchill - Eine Biographie des 20. Jahrhunderts Von Christian Graf von Krockow, Hoffmann & Campe, Hamburg 1999, 384 Seiten, geb., öS 328,- / e 23,83 Churchill und seine Zeit Von Andrew Roberts, dtv-premium, München 1998, 478 Seiten, Pb., öS 263,- / e 19,11

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