Digital In Arbeit

"Nicht in Schönheit erstarren“

Matthias Schulz, Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum Salzburg, über das Erbe Mozarts, Mozart im Wagner-Jahr und den künstlerischen Leiter der Mozartwoche Marc Minkowski. Das Gespräch führte Walter Dobner

Traditionell eröffnet die Salzburger Mozartwoche den Reigen der österreichischen Musikfestspiele. Ein um das Schaffen Mozarts programmiertes, international hoch-geschätztes Festival, das sich in den letzten Jahren stärker zeitgenössischen Entwicklungen geöffnet und seit Herbst mit Matthias Schulz einen neuen Leiter hat.

DIE FURCHE: Herr Schulz, seit dieser Saison sind Sie künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum Salzburg. Was ist mit dieser Aufgabe verbunden?

Matthias Schulz: Es freut mich sehr, die vielleicht vielseitigste Kulturinstitution in Österreich leiten zu dürfen. Im Rahmen meiner Tätigkeit bin ich für die künstlerische Konzeption der Mozartwoche, der Dialoge und der Saisonkonzerte zuständig, zugleich bin ich als Geschäftsführer Finanz- und Personalchef der Stiftung Mozarteum Salzburg.

DIE FURCHE: Wie speist sich die Stiftung, wie viele Mitarbeiter hat sie, wie viel müssen Sie einspielen?

Schulz: Die Stiftung Mozarteum Salzburg ist ein gemeinnütziger Verein mit rund hundert Mitarbeitern in den Bereichen Konzert, Wissenschaft und Museen. Ein großes Rückgrat unserer Finanzen sind die Museumseinnahmen. Wir haben in Mozarts Geburtshaus und im Mozart-Wohnhaus fast 500.000 Besucher pro Jahr. Dazu kommen Einnahmen aus Ticketverkäufen und Vermietungen. Für unsere Projekte geben wir jährlich ca. zehn Millionen Euro aus. Die Wissenschaftsabteilung, die eng mit dem Packard Humanities Institute (Los Altos/California) zusammenarbeitet, ist gesondert zu sehen. Wie viele Kulturinstitutionen müssen auch wir uns massiv um Fundraising-Möglichkeiten bemühen.

DIE FURCHE: In einem Prospekt kann man lesen, die Stiftung Mozarteum schlage die Brücke zwischen Bewahrung der Tradition und zeitgenössischer Kultur. Wie spiegelt sich das wider?

Schulz: Der wesentliche Stiftungszweck ist, das Erbe Mozarts zu bewahren und zu stärken. Um das zu erreichen, ist es wichtig nicht in Schönheit zu erstarren, sondern Mozart immer wieder neu herauszufordern, neu hörbar zu machen, mit anderen Kunstformen zu konfrontieren, mit dem Hier und Jetzt zu verbinden. Eine wichtige Experimentierplattform ist das "Dialoge Festival“, bei dem zeitgenössische Musik eine größere Rolle spielt und mit Konzertformaten experimentiert wird. Auch im Museumsbereich spielen immer wieder zeitgenössische Künstler eine Rolle, so gibt es im Rahmen der Mozartwoche 2013 in Zusammenarbeit mit der Galerie Thaddaeus Ropac zwei Auftragswerke an großartige zeitgenössische Künstler, Bernhard Martin und Marc Brandenburg. Der Stiftungsanspruch spiegelt sich auch in musikalischen Auftragswerken wider, wie im Rahmen dieser Mozartwoche mit Aufträgen an Johannes Maria Staud sowie beim ersten von mir programmierten "Dialoge Festival“ im Dezember 2012 an Manfred Trojahn.

DIE FURCHE: Wie muss die Stiftung programmieren, um neben den zahlreichen Festspielen in Salzburg nicht nur bestehen zu können, sondern auch attraktiv zu sein?

Schulz: Ich denke, dass sich die Salzburger Festspiele, die Osterfestspiele und die Stiftung Mozarteum Salzburg komplementär zueinander verhalten. Trotzdem ist es wichtig, dass jedes Festival seine ganz eigene Profilierung erreicht - da darf es zwischen den Partnern und Freunden in der Stadt auch einmal Reibungspunkte geben. Wir versuchen in der Mozartwoche die Vielfalt Mozarts in den Interpretationsansätzen zum Ausdruck und Mozart mit zeitgenössischen Künstlern ebenso wie mit seinen Zeitgenossen in Verbindung zu bringen. Dass eine Zusammenarbeit zwischen den Institutionen Sinn macht, wird "Lucio Silla“ zeigen, den wir mit den Salzburger Festspielen koproduzieren.

DIE FURCHE: Wie sieht es generell mit dem Publikum aus, insbesondere auch der Jugend?

Schulz: Die Stiftung Mozarteum Salzburg wie auch andere Kulturveranstalter müssen versuchen, den Anschein eines "Elfenbeinturms“ abzulegen. Wir dürfen nicht als "geschlossenes System“ wahrgenommen werden. Mit unseren Saisonkonzerten, die Kammermusik in bester Form präsentieren, möchte ich zeigen, dass Kammermusik quasi als Grundnahrungsmittel wahrgenommen werden sollte. Wir versuchen, besondere Angebote für die Jugend zu ermöglichen, tauschen uns intensiv mit den Musikschulen im Umland aus, versuchen Lehrer dafür zu begeistern, ihre Schüler mit in unsere Konzerte zu bringen.

DIE FURCHE: Die international wichtigste Veranstaltung der Stiftung Mozarteum ist die Mozartwoche. Dafür wurde Marc Minkowski als künstlerischer Leiter gewonnen - warum?

Schulz: Ich kenne Marc Minkowski seit 2005 und schätze insbesondere seine Mozart-Interpretationen. Wie er auf sehr unakademische, das Werk respektierende Weise die historische Aufführungspraxis in das Musikalische übersetzt, ist eindrucksvoll und führt zu großartigen Ergebnissen. Es ist eine große Freude für mich, mit ihm gemeinsam die Mozartwoche gestalten zu dürfen, hier findet eine sehr befruchtende Diskussion statt. Das muss nicht heißen, dass man immer einer Meinung ist.

DIE FURCHE: 2013 wird von Wagner, Verdi, Britten, Poulenc dominiert. Werke von Wagner und Poulenc finden sich auch im Programm der Mozartwoche 2013. Im Zentrum aber steht "Lucio Silla“ …

Schulz: Richard Wagner hat Mozart geliebt und beispielsweise den "Don Giovanni“ oft dirigiert, auch die "Jupiter-Symphonie“. Erstaunlich, dass die Mozartwoche noch nie Werke von Richard Wagner präsentiert hat, das ist überfällig. Es gibt beispielsweise eine Symphonie in C-Dur des 19-jährigen Wagner, die relativ unbekannt ist. "Lucio Silla“ hat Mozart als 16-Jähriger geschrieben, großartige Musik, die zeigt, wie ausgeprägt Mozarts künstlerische Reife in so frühen Jahren bereits war. Es war uns wichtig, mit "Lucio Silla“ einen Ansatz zu finden, um die historische Aufführungspraxis, wie sie im Musikalischen so gut funktioniert, auf das Szenische zu übertragen. Regie führt Marshall Pynkoski, der sich mit historischer Gestik beschäftigt und vom Tanz kommt.

DIE FURCHE: Traditionell dreimal gastieren die Wiener Philharmoniker im Rahmen der Mozartwoche. Dabei kommt es zu unkonventionellen, vielleicht auch gewagten Begegnungen, wenn ich an das Konzert mit Dudamel und der Pianistin Pires denke …

Schulz: Gustavo Dudamel und Maria João Pires wollten schon seit Jahren einmal zusammenarbeiten. Sie werden sich gegenseitig in ihrer Spontaneität, Lebensfreude und Energie herausfordern. Unkonventionell würde ich auch die erstmalige Begegnung von Teodor Currentzis mit den Wiener Philharmonikern bezeichnen. In diesem Konzert wird Pierre-Laurent Aimard Mozarts c-Moll-Klavierkonzert spielen. Für das dritte "Philharmonische“ kommt Altmeister Georges Prêtre und wird mit der wunderbaren Elisabeth Kulman Wagners "Wesendonck-Lieder“ interpretieren.

DIE FURCHE: Wohin wollen Sie thematisch mit der Mozartwoche 2014 gehen?

Schulz: 2014 begehen wir Glucks 300. Geburtstag, auch Carl Philipp Emanuel Bach wird eine größere Rolle spielen. Es wird wieder einen "Composer in Residence“ geben, den ich demnächst bekannt geben werde, es werden sämtliche Mozart-Streichquintette und Klaviersonaten aufgeführt werden. Darüber versuchen wir, verschiedenste Bezüge zwischen Mozart, seinen Zeitgenossen und anderen herzustellen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau