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Philosophie

Ungehorsam!

1945 1960 1980 2000 2020

Der deutsche Philosoph Dieter Thomä wehrt sich im Interview mit der FURCHE gegen die Behauptung, das Heldentum wäre obsolet.

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Der deutsche Philosoph Dieter Thomä wehrt sich im Interview mit der FURCHE gegen die Behauptung, das Heldentum wäre obsolet.

„Warum Demokratien Helden brauchen“ – so lautet der Buchtitel des in St. Gallen lehrenden Philosophen Dieter Thomä. Darin plädiert er für einen neuen Begriff des Heroismus – nicht im klassischen martialischen Sinn, sondern als Engagement von Menschen, die sich aktiv für politische Verbesserungen oder humanitäre Ziele in der demokratischen Gesellschaft einsetzen.

DIE FURCHE: Helden haben einen schlechten Ruf. Verantwortlich dafür sind vor allem die Helden des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Wie kam es zur Verehrung des Martialischen?
Dieter Thomä: In dieser Zeit übte das Heldentum im Vergleich zu dem geschäftsmäßigen Alltag und zu der Ödnis der Gewohnheiten eine ungeheure Anziehungskraft aus. Dementsprechend gab es sowohl Politiker als auch Denker, die den Helden speziell als Krieger gefeiert haben. Selbst der Philosoph Georg Simmel – der Kulturtheoretiker der modernen, pluralen Welt – hat sich zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass er leider keinen Sohn habe, den er dem Vaterland opfern könne. Der Krieger wurde zur höchsten Form des Heldischen. Das ist ein schweres Gepäck, das wir leider mit uns tragen, wenn wir über Helden reden. Ich plädiere dafür, den Helden nicht den Apologeten des Krieges und des Männlichkeitswahns zu überlassen.

DIE FURCHE: Sie stellen in Ihrem Buch den demokratischen dem militärischen Helden gegenüber. Was zeichnet diesen zivilen Helden aus?
Thomä: Die demokratischen Helden weisen drei Merkmale auf: Erstens begeben sich Helden in Gefahr, man steckt die Nase nicht nur in den Wind, sondern nimmt auch in Kauf, dass sie einem eingeschlagen wird. Man riskiert im Grenzfall sein Leben, riskiert auch, dass man von der Gesellschaft ausgeschlossen wird und den sozialen Tod erleidet. Das zweite Merkmal besteht darin, dass der Held nicht auf einem Egotrip ist, sondern sich für eine Sache einsetzt. Ein Held muss sich für etwas einsetzen, das eine Strahlkraft hat, die es anderen erlaubt, zu dieser großen Sache Ja zu sagen. Und das dritte Merkmal ist, dass wir damit umzugehen haben, dass Helden irgendwie über uns stehen. Sie heben sich ab, stechen heraus, tun und sind etwas Besonderes. Es gibt eine Art Bewunderung für den besonderen Wagemut von Heldinnen und Helden, und wir können diese Bewunderung als Ansporn nehmen, über uns hinauszuwachsen.