"Die Feindbilder sind in Bewegung!"

Übersetzer stehen meist im Schatten derer, denen sie ihre Sprache leihen. Für Martin Pollack gilt das nicht. Der Übersetzer der polnischen Reporter-Legende Ryszard Kapuscinski bekommt den "Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln" des österreichischen Buchhandels verliehen. Im Furche-Gespräch geht es auch um Toleranz - die zwischen West- und Osteuropa.

Die Furche: Herr Pollack, Sie erhalten nächste Woche den Toleranzpreis - wie tolerant sind Sie?

Martin Pollack: Mir gehen viele Dinge unglaublich auf den Geist, da raste ich sehr schnell aus, insofern finde ich es unverdient, dass ich diesen Preis bekomme.

Die Furche: Wann rasten Sie aus?

Pollack: Bei unserer Fremdenpolitik regelmäßig - da diese nur so strotzt von unsäglicher Niedertracht, Kleinhäuslerei, Engstirnigkeit, Feigheit und sinnloser Dummheit.

Die Furche: Gilt das auch für Ihre Wahlheimat Polen - rasten Sie angesichts der dortigen Politik auch aus?

Pollack: In Polen bin ich Gast, da stehe ich nicht an, etwas zu kritisieren, was mir nicht gefällt - und in den letzten Jahren hat mir dort sehr vieles nicht gefallen: Es gab zig Fälle von Zensur und Künstler, die vor Gericht gestellt wurden, das war unerträglich. So wie Radio Maryja - mir ist unverständlich, dass die polnische Kirche da nicht längst schon mit dem Hammer reinhaut und diesen antisemitischen, europafeindlichen, nationalistischen Sender abdreht.

Die Furche: Das Ergebnis der polnischen Wahlen vor einem Monat zeigte deutlich, dass auch die Mehrheit der Polinnen und Polen diesen gesellschaftlichen und politischen Kurs verändert sehen will.

Pollack: Die Leute haben schon auch Angst gehabt, dass sie sich mit dieser Politik in Europa lächerlich machen. Ich habe das bei meinen polnischen Freunden gemerkt: Im Ausland wurden die immer sofort nach den Zwillingen an der Staatsspitze befragt - das ist ja auch ungerecht, wie kommen die dazu, sich ständig für ihre Politiker rechtfertigen zu müssen.

Die Furche: Ist durch diese Politik die polnische Kultur nachhaltig beschädigt worden?

Pollack: Nein, die polnische Kultur ist kräftig genug, derartige Angriffe zu verkraften. Diesen rabiaten Nationalismus, gepaart mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, erleben wir ja derzeit in allen osteuropäischen Reformländern: in Bulgarien, in Rumänien, in Ungarn … Das ist eine Phase, da müssen diese Staaten durch. Aber gerade bei Polen meine ich, dass es demokratisch so gefestigt ist und auch die Intellektuellen dort einen so guten Stand haben, dass die das durchstehen - da sehe ich keine Gefahr.

Die Furche: "Wird schon werden", meinen Sie. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass diese Nationalismen nicht die Oberhand gewinnen?

Pollack: Es hat in der Geschichte dieser Länder extreme Verletzungen gegeben, die über Jahrzehnte unter einem Deckel gehalten und verschwiegen wurden. Heute ist dieser Deckel weg und die Menschen dürfen sich wieder an ihre Geschichte erinnern, darüber reden und diese Themen offen behandeln. Die Feindbilder sind in Bewegung, und ich kenne viele private Initiativen, die sehr erfolgreich an diesem Erinnerungs- und Versöhnungsprozess arbeiten.

Die Furche: Wie soll Europa auf diese politischen Vorgänge in den jungen EU-Mitgliedsländern reagieren?

Pollack: Kritik von außen hilft da nicht weiter. Oder gar wie im Fall von Österreich, dass die EU ein Land sanktioniert - das wäre eine Sackgasse! Wir müssen uns darauf verlassen, dass die das selber in den Griff bekommen. Europa soll sich aber für diese Länder interessieren und die richtigen Kräfte unterstützen. Ich glaube an den Erfolg der kleinen Schritte, ans Networking, an die Kraft von Initiativen einzelner Menschen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie das österreichische Networking mit diesem Raum, für den wir uns ja oft besonders viel Expertise zutrauen?

Pollack: Wir wären oft besser beraten, uns mit Ratschlägen zurückzuhalten. Die Österreicher haben die Tendenz, ihre Nachbarn, die Tschechen oder die Ungarn, ein bisschen von oben herab zu belehren. Das geht gerade bei den Tschechen - die ich sehr gut kenne - sehr schlecht. Die goutieren das überhaupt nicht. Österreich wäre gut beraten, sich da zurückzunehmen. Ich bin auch gegen Atomkraftwerke, aber die Art, wie man das zum Beispiel den Tschechen erklärt, da sollte man vorsichtiger sein. Das gilt auch für die Kultur: Da muss man immer schauen, dass man auf derselben Augenhöhe bleibt.

Die Furche: Mit dem Beitritt Polens, Ungarns, der Slowakei, Tschechiens, den baltischen Staaten … in den Schengen-Raum kommen die neuen EU-Länder endgültig auf Augenhöhe mit den alten EU-Staaten. Andererseits entstehen dadurch auch neue Grenzen, die traditionelle Wege und Bindungen trennen.

Pollack: Da muss man extrem vorsichtig sein. Gerade in der Ukraine gibt es die berechtigte Sorge, dass man durch die neuen Schengen-Grenzen von Polen, von der EU abgeschottet wird. Dabei haben heute in Warschau alle, wo immer man hinkommt, eine ukrainische Putzfrau, und auf den polnischen Baustellen ersetzen Ukrainer die polnischen Arbeiter, die im Westen arbeiten.

Die Furche: Dieser Arbeitstourismus, aber auch der kleine Grenzhandel oder andere Kontakte werden durch die Schengen-Grenze sicher schwieriger werden …

Pollack: … aber nicht unmöglich! Die Polen und Ukrainer sind im Umgang mit Bürokratien geschult und extrem fantasievoll. Die finden Wege, und seien diese auch nicht ganz legal. Die Polen waren schon Weltmeister im Aufweichen des Ostblocks, die finden auch heute neue Wege oder entdecken alte Wege wieder, die jahrzehntelang abgeschnitten waren.

Die Furche: Wie lange wird der Kontinent in den Köpfen getrennt bleiben, das Ost-West-Denken dauern?

Pollack: Das wird lange dauern, denn diese Trennung ist sehr tief verwurzelt. Aber ich finde es nicht unbedingt negativ, dass die Leute ihre Geschichte verinnerlicht haben und wissen: "Wir sind ein bissl anders!"

Das Gespräch führten Cornelius Hell und Wolfgang Machreich.

"Polen war ein Protest gegen das Elternhaus"

Am 12. November wird Martin Pollack im Rahmen der Eröffnungsfeier der 60. Wiener Buchwoche mit dem Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet. Der Preis gilt dem Autor - 2004 erregte "Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater" große Aufmerksamkeit - wie auch dem "Übersetzer vorwiegend polnischer Literatur, der sich um die Verständigung über Nationengrenzen hinweg verdient gemacht" hat (Jury-Begründung). Dem aus einer nationalsozialistisch geprägten Familie stammenden Martin Pollack war das Polonistik-Studium nicht gerade in die Wiege gelegt.

"Ein bisschen war es der Protest gegen dieses Elternhaus, eine Provokation, ich kannte polnische Literatur ja überhaupt nicht. Es war der Sprung in ein unbekanntes, sehr kaltes Wasser. Das war eine kluge Entscheidung, aber ich habe sie damals nicht aus Klugheit, sondern aus Dickköpfigkeit getroffen", sagt Pollack der Furche. Seit 1998 ist er freier Autor und Übersetzer, davor arbeitete er für den "Spiegel", u.a. als Korrespondent in Wien und Warschau.

1944 in Bad Hall geboren, lebt Martin Pollack heute in Wien und im Südburgenland. Als Herausgeber hat er zuletzt unter dem Titel "Von Minsk nach Manhattan" Reportagen aus polnischen Zeitungen (Zsolnay Verlag 2006) sowie den Essayband "Sarmatische Landschaften. Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland" (S. Fischer Verlag 2005) veröffentlicht. CH

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