Kidnapping in die Freiheit

Igor entführt ukrainische Zwangsprostituierte aus europäischen Bordellen zurück in ihre Heimat. In Lemberg bietet er ihnen einen Wiedereinstieg in ein menschenwürdiges Leben.

Schon die längste Zeit will ich damit aufhören, aber dann kommt eine Mutter weinend zu mir und bittet, ihre Tochter zu finden. Würde ich ihr nicht helfen, wäre sie hilflos", leitet Igor das Gespräch in einem versteckten Winkel im Hinterzimmer eines Cafés ein. Viereinhalb Stunden hat er sich zum Termin verspätet, entschuldigt sich freundlich für die Unwägbarkeiten in seinem Beruf, mustert die Umgebung und raucht sich - gleich gierig wie sein anonymer Partner - eine Zigarette an. Möglicherweise kommt er gerade von einer detektivischen Nachforschung. Sein Adrenalinspiegel ist ohnehin häufig erhöht. Igor und zwei, drei Helfer entführen ukrainische Frauen. Entführte Frauen wohlgemerkt, die über Menschenhandel in irgendeinem westeuropäischen Bordell zur Prostitution gezwungen werden. Auf Wunsch der Angehörigen bringen sie die Frauen in ihre Heimat zurück.

Der ehemalige Journalist und seine Leute leben gefährlich. Mit den mafiösen Gruppen ist nicht zu spaßen, die bewaffnete Bordellsecurity schießt schnell. "Wir sind durch nichts geschützt, man muss hier genau mitdenken", gibt der knapp 50-jährige Ukrainer etwas Einblick in sein einzigartiges Unternehmen. Unter Mitdenken versteht er, die Gefahren genau zu kennen, genausso wie Milieu und Diktion, um notfalls mit den Leuten auch in ihrer Sprache sprechen zu können. Igor: "Mit den meisten kann man irgendwie reden." Das Bedrohlichste bei seiner Arbeit sieht der eigenwillige Sozialarbeiter im Risiko, auf einen unbedacht reagierenden Narren zu treffen.

Wird Igor gebeten, eine Frau zu befreien, versucht er zuerst, den Aufenthaltsort des Opfers zu finden. "In einer Nacht werden dabei viele Bordelle abgeklappert. Es kann Wochen dauern, um auf die gesuchte Frau zu geraten, denn Prostituierte werden auf Kundenwunsch häufig örtlich versetzt." Für den entscheidenden Moment schlüpft Igor in die Identität eines Freiers, kauft die gesuchte Frau für eine Stunde und weiht sie in den Plan ein. Zum abgesprochenen Termin kauft er sie ein weiteres Mal, entführt sie und bringt sie im bereitstehenden Auto in die Ukraine zurück.

Immer in Lebensgefahr

"Der kritischste Moment ist die Befreiung selbst, hier muss alles schnell gehen", ist sich Igor der lebensbedrohlichen Situation bewusst, sollte er von den Bordellwächtern gefasst werden. "Noch ist nichts passiert, aber die Wahrscheinlichkeit ist 50 zu 50 - alles hängt von einer guten Organisation der Entführung ab." Dass gar nichts passiert ist, stimmt denn auch nicht ganz; schon einmal haben Mafiosi an den Autobremsen eines langjährigen Partners in Deutschland manipuliert, sodass dieser einen schweren Unfall erlitt. Angst ist in diesem Geschäft immer dabei. "Nur ein Narr lebt gänzlich ohne Angst", wirft Igors langjähriger Partner ins Hinterzimmergespräch ein, "schließlich haben wir beide Frau und Kinder". Auch für ihn wurde der Nervenkitzel mittlerweile gleichsam zur Sucht: "Es wieder einmal geschafft zu haben, gibt Befriedigung".

Angst haben Igor und seine Leute aber nicht nur vor den Bordellwächtern, sondern auch vor dem Gesetz der Staaten, in denen sie agieren. "Was wir machen, ist illegal, denn wir kidnappen Frauen, freilich in einem guten Sinn, denn wir entreißen sie ihren verbrecherischen Peinigern." Wenn sie mit einer Frau auf dem Rückweg in die Ukraine geschnappt werden, riskieren sie, in einem hiesigen Gefängnis zu landen. Zwar haben die ukrainischen Behörden zugesagt, ihre ausländischen Botschaften um Hilfe bei der nötigen Ausstellung provisorischer Papiere für die Frauen zu bitten. Vorübergehende Inhaftierung bliebe den Befreiern aber nicht erspart.

Respekt bei Frauenhändlern

Weniger fürchtet Igor die verbrecherischen Mädchenverkäufer zu Hause. "Wenn wir eine Frau befreit haben, wird das von den Verkäufern meist respektiert. Sie sind froh, wenn es keine polizeilichen Schwierigkeiten gibt. Sie machen daher auch keinen Lärm und lassen diese Frau in Ruhe", weiß Igor aus Erfahrung. Außerdem würde er einen gewissen Respekt in bestimmten Kreisen genießen, seit er durch den Betrieb einer Sozialstation ehemaligen Häftlingen die Möglichkeit zu einem menschenwürdigen Leben bietet.

Bereits seit 1989 schafft Igor Lebens- und Arbeitsraum für Haftentlassene. 1994 erhielt er vom Staat eine ehemalige Atomraketenbasis nahe dem westukrainischen Lemberg, um darauf seine Sozialstation zu errichten. Jeweils 40 Menschen bietet er die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen und sich mittels Viehzucht und Ackerbau selbst zu versorgen. Das Erreichte spornte den agilen Ukrainer an, 1999 mit Unterstützung der österreichischen Caritas eine Informations- und Beratungsstelle für Frauen, die Gewalt in der Familie erleiden, einzurichten. "Wir hatten von Anfang an gute Erfolge", erinnert er sich. Auch der Moment ist ihm noch gut in Erinnerung, als vor zwei Jahren erstmals eine Mutter mit der Bitte zu ihm kam, ihre verschwundene Tochter zu finden und damit den Anstoß für sein heikelstes Unternehmen gab. Seither wurden neun Frauen aus der Prostitution zurückentführt und finden in Igors Sozialstation menschenwürdige Lebensbedingungen. Mundpropaganda bringt immer mehr Angehörige mit der Bitte um Hilfe zu ihm.

Igor kennt den Weg in die gewaltsame Prostitution aus den Geschichten vieler Betroffener: "Einige arbeitslose Männer versprechen einem hübschen Mädchen einen lukrativen Job im Ausland. Geld für Visum, Pass und Reise werden ihr von den Händlern vorgestreckt." Im Ausland werden der Frau die Dokumente abgenommen. Mit Schlägen und Gewaltandrohungen gegen ihre Familien zwingt man sie zum Verbleiben in der Prostitution und zur Abzahlung ihrer Schulden. Der Armenstaat Ukraine hat eine besonders hohe Anzahl von Frauen zu beklagen, die in der Zwangsprostitution landen und nie mehr zurückkommen. Mangelnder Opferschutz und Kriminalisierung der Opfer in vielen westeuropäischen Staaten veranlassen die wenigen entflohenen Frauen lieber zu schweigen, als etwas über die Hintermänner auszusagen.

Igor und seine Leute müssen ihre Fühler in viele westeuropäische Länder ausstrecken, denn ukrainische Frauen sind nicht nur in den preiswerten Bordellzentren entlang des ehemaligen Eisernen Vorhanges, sondern auch in Staaten wie Deutschland, Spanien oder Italien zu finden, wo Igor die albanische Mafia zu den allerschlimmsten Akteuren zählt. Trotz aller Tragik hält er es aber noch für relatives Glück, wenn Frauen in Westeuropa verbleiben, "denn werden sie erst einmal in ein arabisch-muslimisches Land weiterverkauft, ist es um viele geschehen". Dass Frauen - aber auch Kinder - dort Opfer von bestialischem Organhandel werden, macht selbst einen abgebrühten Mann wie Igor fassungslos.

Neben der bedrohlichen Arbeit stellt sich für ihn und seine Partner die finanzielle Frage. Für die Rückentführung von Frauen gibt es kein Geld von irgendwem. Igor erledigt diese Arbeit, wenn er sich auf Dienstreise für seine anderen Projekte befindet. Ebenfalls noch nicht finanziert werden konnte ein Krisenzentrum, das diesen Frauen und ihren Eltern umfassende Hilfe (psychologisch, juristisch, Weiterbildung ...) zukommen lässt. Weiters nur geplant sind flächendeckende Kampagnen an Schulen und Universitäten, um junge Frauen vor den Gefahren einer Arbeitsanwerbung aus dem Ausland zu warnen. Größere Effizienz im Kampf gegen Frauenhandel erwartet sich Igor von verstärkten Kooperationen internationaler Organisationen, wie er sie teils schon mit der deutschen Prostituierten-Fürsorgestelle CARO oder der tschechischen Caritas betreibt.

Verhandeln statt entführen

Warum will er mit den Entführungen aufhören? "Ja, ich bin nicht mehr der jüngste", entgegnet Igor. "Und zu dick", wirft sein sportlicher Partner ein wenig uncharmant in das Gespräch ein. "Ich hatte schon so viele Adrenalinstöße, dass es bereits wie Rauschgift ist, aber ich überlege natürlich für mich: Es hat heute funktioniert und wird morgen klappen; aber was, wenn es einmal schief geht - wer soll dann meine Kinder ernähren?", wird Igor nachdenklich. Ihm schwebt vor, von den Entführungen zu einem offenen System überzugehen, wo er nur mehr vermitteln muss. "Soweit ich es überblicke, kann man mit den Bordellbesitzern auch reden. Ich sage denen: Habt ihr nicht genug freiwillige Prostituierte, dass ihr Mädchen dazu zwingen müsst?". Die Gefahr polizeilicher Interventionen könnte so manche zum Einlenken bringen, wenn sie erfahren, dass Igors Team über den Aufenthalt einer bestimmten Zwangsprostituierten in ihrem Bordell Bescheid weiß. Igor: "Über eines muss man sich natürlich im Klaren sein: Die Leute wollen zumindest das Geld zurück, das sie für eine Frau gezahlt haben." Noch ist dieses System Zukunftsmusik, sinniert Igor beim Verlassen des Cafés. Und in der Gegenwart sind die Tränen und Bitten der Mütter noch stärker als das Bedürfnis nach eigener Sicherheit.

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

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