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Gesellschaft

Überreizt, vereinsamt, VERLOREN?

1945 1960 1980 2000 2020
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"Die vom Selbst wegdriftende Aufmerksamkeit ist Folge eines langen Prozesses. Digitalisierung und Globalisierung setzten bloß fort, was in der Moderne begann."

"Georg Milzner plädiert für (erweiterte)'Selbstaufmerksamkeit' als Basiskompetenz für ein gelingendes Leben. Und für eine neue Kultur des (Ein-)Fühlens in einer Zeit dominanter Bilder."

Dass sich Psychologen Sorgen um das Seelenleben der heutigen Jugend machen, kommt häufig vor. Dass sich eine Investmentfirma über die psychische Gesundheit von Mädchen und Buben den Kopf zerbricht, ist hingegen neu: Vergangenen Samstag griff man bei Jana Partners LLC in die Tasten und formulierte gemeinsam mit dem Pensionsfonds kalifornischer Lehrer einen offenen Brief an Apple. Die Wissenschaft zeige, hieß es darin, dass eine zu intensive Nutzung von Smartphones und sozialen Netzwerken junge Menschen unglücklich und süchtig mache. Diesen "negativen Nebenwirkungen" müsse sich der Hightech-Riese endlich stellen - durch Studien und mehr Möglichkeiten für Eltern, problematische Inhalte an den Geräten zu blockieren und die Nutzungszeit zu begrenzen.

Auch wenn die Kampagne nicht völlig selbstlos war, zumal die beiden Investoren zusammen zwei Milliarden Dollar an Appleaktien halten und sich deshalb berechtigt Gedanken über das Image des iPhone-Herstellers machen -bemerkenswert ist die Initiative auf jedem Fall. In Frankreich geht man punkto digitalem Jugendschutz indes noch weiter: Ab September 2018 werden dort Smartphones in den ersten acht Schulklassen generell verboten (anders als in Österreich, wo jede Schule selbst darüber entscheidet). Um auf Facebook oder Whatsapp das Mindestalter kontrollieren zu können - das laut einer EU-Richtlinie im Mai von 13 auf 16 Jahre steigt -, wird von Youngsters zudem ein Ausweis-Scan verlangt.

Durch Handys zerstörte Jugend?

Doch machen Smartphone und Co (junge) Menschen tatsächlich krank? Glaubt man der US-Psychologin Jean M. Twenge, dann kann man diese Frage getrost mit Ja beantworten. Schon in ihrem Buch "Generation Me" versuchte sie zu zeigen, wie soziale Medien den Narzissmus zum Blühen bringen. In ihrem jüngsten Opus "iGen" über die zwischen 1995 und 2012 geborene "Generation iPhone" listet sie nun Studien darüber auf, wie übermäßige Bildschirmzeiten das Glücksempfinden reduzieren, die Einsamkeit fördern und das Risiko von Schlaflosigkeit, Depression und Suiziden erhöhen. Die Quintessenz fasste sie vergangenen September auch im US-Magazin The Atlantic zusammen: Die Jungen von heute seien körperlich so gesichert wie kaum je zuvor, schrieb sie unter dem Titel "Have Smartphones Destroyed a Generation?". Doch zugleich befänden sie sich "am Rande der schlimmsten Krise der psychischen Gesundheit seit Jahrzehnten".

Die Nervosität der Moderne

Überreiztheit, Aufmerksamkeitsstörungen und eine Entfremdung von sich selbst: Das stellt auch der Psychologe und Psychotherapeut Georg Milzner bei vielen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen fest, mit denen er in Münster und Düsseldorf arbeitet. Anders als Twenge und viele seiner Kollegen betrachtet er freilich nicht (nur) die digitale Revolution als Auslöser dieser Leiden. Schon in seinem 2016 erschienenen Buch "Digitale Hysterie" erklärte er, warum "Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen" würden.

In seinem neuen Opus "Wie sind überall, nur nicht bei uns. Leben im Zeitalter des Selbstverlusts" kritisiert er nun den Trend, Probleme wie die schwindende Aufmerksamkeit allein der Digitalisierung anzulasten -und ortet die Wurzeln im 19. Jahrhundert. Schon 1893 habe der Heidelberger Neurologe Wilhelm Heinrich Erb in seiner Rede "Ueber die wachsende Nervosität unserer Zeit" seinen Zeitgenossen ein "Hetzen und Jagen" bescheinigt. Auch der 1888 geborene Dichter T. S. Eliot betrachtete die Insignien der Moderne -gesteigertes Tempo, verteilte Kommunikation, Auflösung der Grenzen der Person, Internationalität - mit Skepsis. Die vom Selbst wegdriftende Aufmerksamkeit, ja der "Selbstverlust", sei demnach Folge eines langen Prozesses, so Milzner. Digitalisierung und Globalisierung setzten bloß fort, was schon damals begann.

Die Gefahr, angesichts der zunehmenden Ablenkung ständig anwesend abwesend zu sein, ist gleichwohl groß. Der "Informationsterror", der durch Katastrophenmeldungen aus aller Welt dafür sorgt, dass sich die Alarmanlage im Gehirn nicht mehr ausschaltet, führe häufig zu Schlafstörungen, so Milzner. Und das früher gepriesene Multitasking provoziere eine innere Spaltung, begleitet von Ineffizienzen und beeinträchtigtem Sozialverhalten. Am Ende stehe das Gefühl, sich selbst fremd geworden zu sein oder gar sein eigenes Selbst zu verlieren.

Wobei Milzner dieses "Selbst" umfassender versteht als das lustorientierte "Ego" oder das zwischen Innen und Außen vermittelnde "Ich"."Was wir mit dem Selbst umfassen, ist unser Wesen. Das, was nur wir sind, in seiner Ganzheit", so Milzner. Der Verlust dieses Selbst sei dabei auf drei Weisen möglich: als Verlust der primären Selbstaufmerksamkeit gegenüber Körper und Emotionen (was sich etwa in Wutanfällen oder Nervenzusammenbrüchen, aber auch in Magenbeschwerden oder Verspannungen äußern kann); als Verlust an seelischer Tiefenwahrnehmung (was zu Sinnverlust, Depression oder Zynismus führt); oder als Verlust an innerem Halt und Ruhe (was sich in Stress und Überreiztheit zeigt).

Liegt das eigene Selbst verschüttet, wird laut Milzner häufig ein "künstliches Selbst" zur Kompensation genutzt. Konkret beschreibt er vier Formen: den Narzissmus, der sich an Glanz und Glamour orientiert (wobei Milzner in Abgrenzung zu Jean Twenge zwischen Narzissmus und Egoismus unterscheidet); den Fundamentalismus, der sich nach Halt und Ordnung sehnt; das Schwarmverhalten, das nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft strebt; und den Funktionalismus, der sich an Leistungsfähigkeit ausrichtet und zu Burn-out führen kann.

Doch was dagegen tun? Die vielfach propagierte Achtsamkeit ist aus Milzners Sicht allein zu wenig, weil sie -als bloßes Gewahrsein verstanden -die emotionale Ebene außen vor lassen könne. Auch Selbststeuerung, wie sie der Neurobiologe Joachim Bauer propagiert, greift für Milzner zu kurz, weil sie als Angelegenheit eines freien Willens das Unbewusste außer acht lasse. Er selbst plädiert für (erweiterte)"Selbstaufmerksamkeit" gegenüber sich selbst und seinen Liebsten als Basiskompetenz für ein gelingendes Leben und eine reife Persönlichkeit. In einer Zeit allseits dominanter Maschinen und Bilder bedeutet das etwa mehr Innerlichkeit - und eine neue Kultur des (Ein-)Fühlens.

Zehn Wege zum gestärkten "Selbst"

Konkret schlägt der Therapeut zehn Wege vor: etwa, sich auf spontane Begegnungen einzulassen, sich bewusst mit nächtlichen Träumen auseinanderzusetzen, Könnerschaft statt Leistung in den Mittelpunkt zu stellen, im Ehrenamt Selbsterfahrung zu wagen, den Fokus öfter auf die Körpermitte und den Atem zu richten oder sich gegenseitig zu erzählen -und sei es darüber, was man gerade am iPad bei "Minecraft" erlebt. Überhaupt will Milzner digitale Medien eher für die Selbstsuche nutzen, statt sie wegzusperren. Er kann sich nicht nur vorstellen, von Jugend an -womöglich sogar in der Schule -Dateien anzulegen, die "Mein Selbst" heißen. Es wäre für ihn sogar denkbar, "dass mein Laptop mich anstelle des Erfragens meines Passworts mit der Frage begrüßt, wie es mir geht. Und wenn ich 'Ganz gut' eintippe, nachhakt und mich tiefergehend befragt: 'Hey, das ist oberflächlich geantwortet, Georg. Schreib ein bisschen eingehender, was gerade mit dir los ist.'"

Ein interessanter Vorschlag. Zumindest Apple dürfte davon begeistert sein.

"Die vom Selbst wegdriftende Aufmerksamkeit ist Folge eines langen Prozesses. Digitalisierung und Globalisierung setzten bloß fort, was in der Moderne begann."

"Georg Milzner plädiert für (erweiterte)'Selbstaufmerksamkeit' als Basiskompetenz für ein gelingendes Leben. Und für eine neue Kultur des (Ein-)Fühlens in einer Zeit dominanter Bilder."

Dass sich Psychologen Sorgen um das Seelenleben der heutigen Jugend machen, kommt häufig vor. Dass sich eine Investmentfirma über die psychische Gesundheit von Mädchen und Buben den Kopf zerbricht, ist hingegen neu: Vergangenen Samstag griff man bei Jana Partners LLC in die Tasten und formulierte gemeinsam mit dem Pensionsfonds kalifornischer Lehrer einen offenen Brief an Apple. Die Wissenschaft zeige, hieß es darin, dass eine zu intensive Nutzung von Smartphones und sozialen Netzwerken junge Menschen unglücklich und süchtig mache. Diesen "negativen Nebenwirkungen" müsse sich der Hightech-Riese endlich stellen - durch Studien und mehr Möglichkeiten für Eltern, problematische Inhalte an den Geräten zu blockieren und die Nutzungszeit zu begrenzen.

Auch wenn die Kampagne nicht völlig selbstlos war, zumal die beiden Investoren zusammen zwei Milliarden Dollar an Appleaktien halten und sich deshalb berechtigt Gedanken über das Image des iPhone-Herstellers machen -bemerkenswert ist die Initiative auf jedem Fall. In Frankreich geht man punkto digitalem Jugendschutz indes noch weiter: Ab September 2018 werden dort Smartphones in den ersten acht Schulklassen generell verboten (anders als in Österreich, wo jede Schule selbst darüber entscheidet). Um auf Facebook oder Whatsapp das Mindestalter kontrollieren zu können - das laut einer EU-Richtlinie im Mai von 13 auf 16 Jahre steigt -, wird von Youngsters zudem ein Ausweis-Scan verlangt.

Durch Handys zerstörte Jugend?

Doch machen Smartphone und Co (junge) Menschen tatsächlich krank? Glaubt man der US-Psychologin Jean M. Twenge, dann kann man diese Frage getrost mit Ja beantworten. Schon in ihrem Buch "Generation Me" versuchte sie zu zeigen, wie soziale Medien den Narzissmus zum Blühen bringen. In ihrem jüngsten Opus "iGen" über die zwischen 1995 und 2012 geborene "Generation iPhone" listet sie nun Studien darüber auf, wie übermäßige Bildschirmzeiten das Glücksempfinden reduzieren, die Einsamkeit fördern und das Risiko von Schlaflosigkeit, Depression und Suiziden erhöhen. Die Quintessenz fasste sie vergangenen September auch im US-Magazin The Atlantic zusammen: Die Jungen von heute seien körperlich so gesichert wie kaum je zuvor, schrieb sie unter dem Titel "Have Smartphones Destroyed a Generation?". Doch zugleich befänden sie sich "am Rande der schlimmsten Krise der psychischen Gesundheit seit Jahrzehnten".

Die Nervosität der Moderne

Überreiztheit, Aufmerksamkeitsstörungen und eine Entfremdung von sich selbst: Das stellt auch der Psychologe und Psychotherapeut Georg Milzner bei vielen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen fest, mit denen er in Münster und Düsseldorf arbeitet. Anders als Twenge und viele seiner Kollegen betrachtet er freilich nicht (nur) die digitale Revolution als Auslöser dieser Leiden. Schon in seinem 2016 erschienenen Buch "Digitale Hysterie" erklärte er, warum "Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen" würden.

In seinem neuen Opus "Wie sind überall, nur nicht bei uns. Leben im Zeitalter des Selbstverlusts" kritisiert er nun den Trend, Probleme wie die schwindende Aufmerksamkeit allein der Digitalisierung anzulasten -und ortet die Wurzeln im 19. Jahrhundert. Schon 1893 habe der Heidelberger Neurologe Wilhelm Heinrich Erb in seiner Rede "Ueber die wachsende Nervosität unserer Zeit" seinen Zeitgenossen ein "Hetzen und Jagen" bescheinigt. Auch der 1888 geborene Dichter T. S. Eliot betrachtete die Insignien der Moderne -gesteigertes Tempo, verteilte Kommunikation, Auflösung der Grenzen der Person, Internationalität - mit Skepsis. Die vom Selbst wegdriftende Aufmerksamkeit, ja der "Selbstverlust", sei demnach Folge eines langen Prozesses, so Milzner. Digitalisierung und Globalisierung setzten bloß fort, was schon damals begann.

Die Gefahr, angesichts der zunehmenden Ablenkung ständig anwesend abwesend zu sein, ist gleichwohl groß. Der "Informationsterror", der durch Katastrophenmeldungen aus aller Welt dafür sorgt, dass sich die Alarmanlage im Gehirn nicht mehr ausschaltet, führe häufig zu Schlafstörungen, so Milzner. Und das früher gepriesene Multitasking provoziere eine innere Spaltung, begleitet von Ineffizienzen und beeinträchtigtem Sozialverhalten. Am Ende stehe das Gefühl, sich selbst fremd geworden zu sein oder gar sein eigenes Selbst zu verlieren.

Wobei Milzner dieses "Selbst" umfassender versteht als das lustorientierte "Ego" oder das zwischen Innen und Außen vermittelnde "Ich"."Was wir mit dem Selbst umfassen, ist unser Wesen. Das, was nur wir sind, in seiner Ganzheit", so Milzner. Der Verlust dieses Selbst sei dabei auf drei Weisen möglich: als Verlust der primären Selbstaufmerksamkeit gegenüber Körper und Emotionen (was sich etwa in Wutanfällen oder Nervenzusammenbrüchen, aber auch in Magenbeschwerden oder Verspannungen äußern kann); als Verlust an seelischer Tiefenwahrnehmung (was zu Sinnverlust, Depression oder Zynismus führt); oder als Verlust an innerem Halt und Ruhe (was sich in Stress und Überreiztheit zeigt).

Liegt das eigene Selbst verschüttet, wird laut Milzner häufig ein "künstliches Selbst" zur Kompensation genutzt. Konkret beschreibt er vier Formen: den Narzissmus, der sich an Glanz und Glamour orientiert (wobei Milzner in Abgrenzung zu Jean Twenge zwischen Narzissmus und Egoismus unterscheidet); den Fundamentalismus, der sich nach Halt und Ordnung sehnt; das Schwarmverhalten, das nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft strebt; und den Funktionalismus, der sich an Leistungsfähigkeit ausrichtet und zu Burn-out führen kann.

Doch was dagegen tun? Die vielfach propagierte Achtsamkeit ist aus Milzners Sicht allein zu wenig, weil sie -als bloßes Gewahrsein verstanden -die emotionale Ebene außen vor lassen könne. Auch Selbststeuerung, wie sie der Neurobiologe Joachim Bauer propagiert, greift für Milzner zu kurz, weil sie als Angelegenheit eines freien Willens das Unbewusste außer acht lasse. Er selbst plädiert für (erweiterte)"Selbstaufmerksamkeit" gegenüber sich selbst und seinen Liebsten als Basiskompetenz für ein gelingendes Leben und eine reife Persönlichkeit. In einer Zeit allseits dominanter Maschinen und Bilder bedeutet das etwa mehr Innerlichkeit - und eine neue Kultur des (Ein-)Fühlens.

Zehn Wege zum gestärkten "Selbst"

Konkret schlägt der Therapeut zehn Wege vor: etwa, sich auf spontane Begegnungen einzulassen, sich bewusst mit nächtlichen Träumen auseinanderzusetzen, Könnerschaft statt Leistung in den Mittelpunkt zu stellen, im Ehrenamt Selbsterfahrung zu wagen, den Fokus öfter auf die Körpermitte und den Atem zu richten oder sich gegenseitig zu erzählen -und sei es darüber, was man gerade am iPad bei "Minecraft" erlebt. Überhaupt will Milzner digitale Medien eher für die Selbstsuche nutzen, statt sie wegzusperren. Er kann sich nicht nur vorstellen, von Jugend an -womöglich sogar in der Schule -Dateien anzulegen, die "Mein Selbst" heißen. Es wäre für ihn sogar denkbar, "dass mein Laptop mich anstelle des Erfragens meines Passworts mit der Frage begrüßt, wie es mir geht. Und wenn ich 'Ganz gut' eintippe, nachhakt und mich tiefergehend befragt: 'Hey, das ist oberflächlich geantwortet, Georg. Schreib ein bisschen eingehender, was gerade mit dir los ist.'"

Ein interessanter Vorschlag. Zumindest Apple dürfte davon begeistert sein.