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Mit humanitären Zielen in die Herzen der moslemischen Jugend

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In Rom versuchten FIS-Leute und andere algerische Oppositionelle, den Bürgerkrieg in Algerien zu beenden. Damit ist noch nicht das Problem der islamistischen Bedrohung Europas beseitigt. Müssen wir uns weiter fürchten?

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In Rom versuchten FIS-Leute und andere algerische Oppositionelle, den Bürgerkrieg in Algerien zu beenden. Damit ist noch nicht das Problem der islamistischen Bedrohung Europas beseitigt. Müssen wir uns weiter fürchten?

Die Mehrheit der moslemischen Gemeinschaft in Westeuropa lebt in Frankreich. Das französische Innenministerium spricht von drei Millionen Moslems, Geheimdienste schätzen ihre Zahl aber auf bereits fünf Millionen. Frankreich ist in einer exponierten Lage. Die Franzosen wissen beginnend mit den Serienattentanten in Paris 1986, über die Demonstrationen gegen Salman Rushdie 1989 bis zur Air-Bus-Entführung vor Weihnachten 1994, daß die Moslems in ihrem Land nicht nur ruhige Emigranten sind.

1991 belief sich die Anzahl der moslemischen Vereine in Frankreich auf 1.050, heute sind es mehr als 2.000. Das bedeutet eine Intensivierung der Aktivitäten der Moslems, die sich via Vereine, die von der algerischen Islamischen Heilsfront (FIS) unterwandert sind, auf die Banlieus konzentrieren.

Ein Beispiel: Paris, Dezember 1992. Im 13. Arrondissement findet ein Meeting unter dem Slogan „Allah akbar” statt. Teilnehmer: „illegale” und „legale” Moslems aus allen Nachbarländern. „Die Wahl für den Dschihad ist konform mit dem islamischen Gesetz. Die ungläubigen Mächte des Westens müssen mit Waffen bekämpft werden”, heißt es bei diesem Meeting - und die Mehrheit der Teilnehmer beklatscht diese Aussage heftig. Und diese Mehrheit besteht aus Mitgliedern der „Algerischen Bruderschaft in Frankreich (FAF). Diese Vereinigung ist der legale Vektor der FIS in Frankreich. In Frankreich beruhigt man sich noch: der politisierte Islam habe keine so große Bedeutung.

Der militante schiitische Fundamentalismus, aus dem der Terror in Paris kam, hat seine Basis in den Vorstädten, zum Beispiel in Ab al-Beit im Stadtteil Kremlin-Bicetre. Diese Hauptbasis der Schiiten in der Pariser Region hat nach sechs Jah-'ren Ruhe unter Führung Ibrahim Hosseins, eines französischen islamischen Konvertiten, eine neue Organisation entwickelt. Koordiniert werden ihre Aktivitäten hauptsächlich von der schiitischen Moschee in Hamburg. Die Koordinatoren sagen, daß ihre Aktivitäten in striktem Respekt der französischen Gesetze ablaufen. Doch das französische Innenministerium hat zwei Sorgen: Die Ausbreitung des so mächtigen türkisch-islamischen Zentrums Köln in Frankreich und die algerischen FIS-Aktivitäten.

Diese erreichen heute durch die algerische Bruderschaft in Frankreich die gesamte maghrebische Bevölkerung des Landes. Die öffentlichen Figuren der FIS in Frankreich sind maximal 30 Jahre alt. Man führt Geldsammlungen durch und dynamisiert viele moslemische Vereine. Dabei spielen sie ein doppeltes Spiel: Einerseits setzen sie auf Toleranz, Demokratie etc. Für offizielle französische Stellen machen sie sich als „die” Hauptvermittler zu den

Moslems stark. Im Munde führen sie ständig Begriffe wie Integration, Humanismus und so weiter. Sie sagen auch, daß sich die von ihnen benützten moslemischen Vereine nur um humanitäre und soziale Fragen kümmern. Konkret bedeutet das Kampf gegen den Hooliganismus (das Gammlertum unter Jugendlichen) und gegen Rauschgift. Ihren Leuten gewähren sie Unterstützung in schulischen Angelegenheiten und besuchen auch Moslems in den Gefängnissen, manchmal wird auch Arabisch-Unterricht erteilt.

Andererseits versuchen die Islamisten damit Einfluß auf die Jugend zu gewinnen: Das wichtigste Projekt ist die Vermittlung des Korans, der Aufstand der Jugend, der zweiten Generation. Ziel ist die Re-Islamisierung der Jugendlichen. Ein Modell dieser Beeinflussung ist das Projekt „Jäger der Dealer”. Von Islamisten geschulte Jugendliche machen Jagd auf Bauschgift-Händler in den Vorstädten - mit erstaunlich positiven Resultaten, die sogar die Polizei verblüfft. Aber über diese „Jäger”-Gruppen bekommen die moslemischen Jugendlichen Kontakt mit den sogenannten „Afghanen-Elementen” (ehemaligen algerischen Mud-schahedin in Afghanistan) der Islamischen Heilsarmee. Diese Gruppen stehen auch im Verdacht, die politische und militärische Führung der FIS in Frankreich zu unterstützen.

In Großbritannien war vor der Rushdie-Affäre alles gut für die indo-pa-kistanischen Moslems. Seither hat sich die moslemische Gemeinde „ghettoisiert”. Dazu kommt das soziale Elend. In England leben fast zwei Millionen Moslems. Die Mehrheit kommt aus Pakistan, Indien, Bangladesh und Sri Lanka. Das Bus-hdie-Virus hat dazu beigetragen, daß die Spannungen zwischen Briten und Moslems zunahmen. Fanatisierte Moslems glauben, die Aufnahme des „blasphemischen Autors” Salman Bushdie in England sei erfolgt, weil die Briten die Moslems ablehnten. Bradford, wo 60 Prozent der moslemischen Kinder kein Schulabgangszeugnis besitzen, wo 70 Prozent der Gefängnisinsassen indo-pa-kistanische Moslems sind, wo 30 Prozent der Moslems arbeitslos sind - ist heute eines der Hauptzentren der britischen Moslems. Man trifft oft auf einfache Beden, aber in dieser kritischen Zeit haben sie mobili-

Anwar Maddam von der FIS bei den „Algerien-Gesprächen” in Rom sierende Wirkungen. Es gibt zwei Pole: Die Integristen und die Separatisten. Unter den islamischen Gruppen in Großbritannein existiert heute eine Grundidee: die Gründung einer „Mellat”, einer fast autonomen moslemischen Nation in England mit eigenen sozialen und kulturellen Strukturen. Ein Schritt in diese Richtung wurde schon gesetzt. Es gibt bereits ein moslemisches Parlament in England, in das indo-pakistanische Abgeordnete aus dem Londoner Parlament kommen, um dort ihre Probleme zu diskutieren. Ist das erst der Anfang?

Deutschland wird immer mehr zum Durchhaus für Islamisten in die Europäische Gemeinschaft. Türkische Fundamentalisten, Nordafrikaner, iranische Schiiten - alle Tendenzen des Islamismus haben hier eine Basis. Die türkischen Sunniten,

Bosniaken und Pakistani bilden die Mehrheit der 2,5 Millionen Moslems in Deutschland - das sind drei Prozent der Bevölkerung. Ankara nominiert die Imame, kontrolliert und finanziert die Mehrheit der 800 Moscheen sowie auch der anderen Kultstätten.

Heute befinden sich alle diese Kultplätze unter der Kontrolle fundamentalistischer Bewegungen. Während die erste Generation der Türken die Laizität von Staat und Gesellschaft akzeptierte, betont die zweite ihre islamische Identität. Obwohl die Fundamentalisten in Deutschland in der Minderheit sind, sind sie doch höchst aktiv. Denn sie haben Kontakte mit allen radikalen islamistischen Bewegungen.

Eine große Gruppe sind die Schiiten mit ihrer Moschee in Hamburg. Diese Gemeinde ist der Brückenkopf der iranischen Ajatollahs in Europa. Ein anderes wichtiges Zentrum liegt bei den Syrern in, Aachen. Diese unterhalten ein „Studienzentrum”, das seiner monatlichen Seminare wegen in ganz Europa bekannt ist. Gegründet von arabischen Studenten in den 60er Jahren, wurde die Moschee besonders bekannt nach der Ankunft des ehemaligen Führers der syrischen islamischen Bruderschaft, Is-sam al Atar. Er wird sogar vom syrischen Geheimdienst gesucht, lebt aber in Deutschland ohne Probleme.

Die „Frankfurter Allgemeine” behauptete, daß ein Zusammenhang besteht zwischen den Aktivitäten der Islamisten von Aachen und dem Attentat auf das New Yorker World Trade Center. Die Moschee hat das natürlich dementiert. Ein Hauptverdächtiger bei diesem Attentat, der Ägypter Mahmud Abu Halima, hat durch Heirat mit einer Deutschen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten - er wohnt jetzt unbehelligt in der Münchener Gegend.

Der Islam ist heute weltweit eine Macht mit politischen Optionen. Heute ist der islamische Aktivismus für den Westen der ideologische Hauptrivale.

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