Haus - Hessen, WolfhagenIstha: Außenansicht des Wohnhauses des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). - © Foto: Bildnachweis
International

„Möchte nichts verheimlichen“

1945 1960 1980 2000 2020

Neonazi zu werden, ist leicht, aus dem rechten Netzwerk aus- zusteigen, hingegen schwer. Kaum einer weiß das besser als der  Ex-Nazi Felix Benneckenstein. Ein Interview über seine Erfahrungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Neonazi zu werden, ist leicht, aus dem rechten Netzwerk aus- zusteigen, hingegen schwer. Kaum einer weiß das besser als der  Ex-Nazi Felix Benneckenstein. Ein Interview über seine Erfahrungen.

Der Deutsche Felix Benneckenstein war über Jahre ein Neonazi. Heute ist er ein Aussteiger und steht Schulen mit seinem Insiderwissen über die rechte Szene zur Verfügung. Er ist Leiter der bayrischen „Aussteigerhilfe“. Die FURCHE hat ihn im Rahmen eines Vortrags in Chemnitz getroffen.

DIE FURCHE: Sie haben heute über Ihre rechte Vergangenheit und Ihren Ausstieg berichtet. In rechtsextremen Kreisen werden Sie als Verräter bezeichnet.
Felix Benneckenstein: Ideologisch bin ich ein Verräter vor allem wegen meines Engagements. Sonst wäre ich „dort“ wahrscheinlich schon vergessen worden.

DIE FURCHE: Im Gegensatz zu Ihrer Frau Heidrun, die einer Altnazi-Familie entstammt, haben Sie anders in die Szene gefunden. Laut den Aufzeichnungen Ihrer Frau, die auch als Buch unter dem Titel „Ein deutsches Mädchen“ erschienen sind, sind Sie kein einsamer Mensch, der „nach Liebe schreit“ und deshalb in schlechte Gesellschaft gerät. Sie waren jahrelang als der rechte Sänger „Flex“ bekannt, dessen Lieder mit rechten Inhalten in der Szene bekannt waren. Was hat Sie fasziniert und angezogen?
Benneckenstein
: Über die Jahre hat mich Verschiedenes angezogen und fasziniert. Der Begriff „reinrutschen“ ist zwar umstritten, aber als Jugendlicher ist das ein ganz früher Moment, an dem du dich entscheidest, dich diesen oder vergleichbaren Ideologien zu öffnen. Du entscheidest dich, ihr eine Chance zu geben, dir das ganz objektiv anzuhören, was diese Menschen da zu sagen haben. Viel lief bei mir über den Geschichtsrevisionismus: wenn man dort das erste Mal hört, dass Deutschland angeblich in der Opferrolle war und dass alles ganz schlimm war, und dann noch von älteren Generationen zu hören bekommt, dass alles ganz anders war, dann hat das schon den Effekt, dass man an das vermeintlich Gute glaubt, dann glaubt man an das Unrecht, dass dem Deutschen Reich widerfahren ist. Natürlich spielen auch Antworten auf aktuelle Themen eine Rolle. Da klang dann vieles für mich schlüssig, was im historischen Nationalsozialismus behauptet wurde, vor allem über kapitalistische Demokratien, die nur ausbeuten. Nicht, dass das alles Sinn machen würde, aber es sind Themen, die einen möglicherweise selbst bewegen. Mit der EU-Kritik in der rechten Szene läuft es ähnlich: man nimmt sich Dinge raus, die entweder nicht optimal laufen oder die schwer zu erklären sind und versucht dann, das eigene System als das heilbringende darzustellen.

DIE FURCHE: Heidrun beschreibt in ihrem Bestsellerroman, dass sie beide das „braune System“ immer wieder eingeholt hat vor Ihrem Ausstieg. Warum? In welchen Momenten haben Sie sich fangen lassen?
Benneckenstein: Was heißt da fangen lassen? ... Das spielt sich zum einen auf der ideologischen Ebene ab, dass man die Ideologie, die man sich aneignet, auch wieder loslassen muss. Man muss dort wieder weg und umdenken können. Und das passiert nicht von heute auf morgen. Gerade in Verschwörungstheorien hat man sich mit sehr viel Mühe reingelesen, denn die dauern an. Dann hat man jahrelang prägende Erfahrung mit Leuten aus der Antifa gemacht als Neonazi, etwa die Repressionen – ohne dass ich das heute schlechtreden möchte. Man hat auch das Problem, dass man nicht zum Feind überlaufen möchte. Dann kommen auch Gewohnheiten ins Spiel, auch Freundschaften. Der Nationalsozialismus hat für dich ein Lebensideal entworfen, und natürlich hat man die prägenden Jahre seiner Jugend dort verbracht – das ist alles sehr schwierig.

Für Rechtspopulisten bin ich ein Linksextremist und für Linksradikale irgendwo noch Nazi. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, einer Partei mit geschlossenem Weltbild anzugehören.

DIE FURCHE: Wie kann man sich das vorstellen: nach Ihrem Ausstieg sind Sie sicherlich nicht von heute auf morgen politisch links orientiert gewesen.
Benneckenstein: Nach dem Ausstieg habe ich mir über viele Jahre eine neue Meinung zu vielen Themen gebildet. Für Rechtspopulisten bin ich ein Linksextremist und für Linksradikale bin ich jemand, der irgendwo noch Nazi ist. Das ist schwer zu sagen und kommt drauf an, wie man sich selbst einordnen möchte oder eingeordnet wird. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, einer Partei beizutreten oder einer Gruppierung mit starkem geschlossenem Weltbild. So etwas schreckt mich heute sehr stark ab.

DIE FURCHE: Wann wussten Sie beide, dass Sie es geschafft haben?
Benneckenstein: Das ist ein laufender Prozess lange Jahre nach dem Ausstieg: Es gibt Momente, da denkt man, dass man davon los wäre, aber geschafft ist relativ. Psychisch bleibt das einige Jahre noch Teil von einem selbst, das muss man mit sich selbst ausmachen, was man dort getan, gesagt und verbreitet hat. Auf der anderen Seite ist mit vielen Linksradikalen, mit denen ich mich angelegt habe, kein Gras über die Sache gewachsen. Ich habe etwa bei einem Antifa-Treffpunkt in München lebenslanges Hausverbot, obwohl ich nichts gemacht habe.

DIE FURCHE: Sie haben eine junge Familie. Wie werden Sie Ihrem Kind einmal erklären: „Papa war einmal ein Neonazi“?
Benneckenstein: Mein Kind wird da reinwachsen. Besonders bei meiner Arbeit kann ich dem kleinen Kind erklären, dass ich dort arbeite, wo ich selbst mal Hilfe gebraucht habe. Ich möchte ihm das auf keinen Fall verheimlichen.

DIE FURCHE: Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit auf Rechtsextreme zu, die sich an Sie wenden und aussteigen wollen?
Benneckenstein: Die Leute gehen auf uns zu, und wir gehen dann auf sie zu. Wir gehen davon aus, dass sie uns die Wahrheit sagen und versuchen, dann auch relativ schnell praktische Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Wir müssen immer einen kleinen Vertrauensvorschuss geben, denn wir können nicht allzu lange warten, denn wenn jemand aussteigen möchte, ist das ein sehr kurzer und gefestigter Moment. Dann werden Fragen der Sicherheit, Perspektive und des Weltbilds besprochen, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.

Furche Zeitmaschine Vorschau