Peschmerga 1 - Der freie Glaube<br />
Ankawa bei Erbil wird eine Stadt,in der Christen willkommen sind. Hier in der Nähe der Mar-Elia-Kirche. - © Giacomo Sini
International

Unter dem Schutz der Peschmerga

1945 1960 1980 2000 2020

300.000 Christen wurden aus Mossul im Norden des Irak vom IS vertrieben. Viele von ihnen kehren nicht mehr zurück. Die Stadt Ankawa in Kurdistan bietet ihnen eine neue Heimat.

1945 1960 1980 2000 2020

300.000 Christen wurden aus Mossul im Norden des Irak vom IS vertrieben. Viele von ihnen kehren nicht mehr zurück. Die Stadt Ankawa in Kurdistan bietet ihnen eine neue Heimat.

In Ankawa, der christlichen Gemeinde der Stadt Erbil, werden Kirchen von Gitterstäben und bewaffneten Soldaten bewacht. Die arabisch und aramäisch sprechenden Soldaten tragen die Uniformen der Peschmerga, der Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan im Irak. In der Vorortgemeinde am nordwestlichen Stadtrand von Erbil sind viele Bars und Nachtclubs, in denen auch Bauchtanz aufgeführt wird. Achtzig Kilometer von Ankawa entfernt, in der Stadt Mossul, hat die kurzzeitige Kontrolle durch den Islamischen Staat (IS) Kirchen und Häuser von Zivilisten zerstört zurückgelassen, viele Menschenopfer gefordert und die entsetzten Verbliebenen verdrängt.

Die Familie Aziz, regelmäßiger Besucher der Mar-Elia-Kirche von Ankawa, erinnert sich bildhaft an ihre plötzliche und unvorhergesehene Reise. Nashwan Aziz, Vater von drei Kindern, erzählt: „In den Abendstunden des 4. Juni 2014 informierte mich der Hausmeister meiner Firma, dass einer seiner Verwandten dem IS beigetreten war und wir gehen sollten; weil das bedeutete, dass mein Haus und meine Firma bereits zur Zielscheibe geworden waren“, so Aziz. „Wir packten nur ein paar Koffer und sprangen ins Auto.“ Zunächst war es eine Flucht innerhalb der Stadt. „Wir haben Mossul solange nicht verlassen, bis wir wussten, dass es keinen anderen Weg gibt. Wir hatten keine Angst vor dem Tod – wir sind gegangen, um unseren Glauben zu retten.“ Dann führte der Weg nach Ankawa, eine Stadt, die zu diesem Zeitpunkt überfüllt war von Flüchtlingen. Zwei Wochen verbrachte Familie Aziz im Hof der Mar-Elia-Kirche, während viele andere sich auf das Zelten in Parks beschränken mussten.

Hunderttausende Flüchtlinge

Die Mitglieder der Familie Aziz gehören zu den verbleibenden 300.000 Christen im Irak. Gemeinsam mit 500.000 weiteren Flüchtenden verließen sie ihr Zuhause, um in sichereren Städten der Autonomen Region Kurdistan Zuflucht zu suchen, als der IS das Gouvernement Ninawa erreichte.

Die Familie trägt schmerzvolle Erinnerungen an die Entscheidung, vor die der IS Christen gestellt hatte: „Konvertieren und kooperieren oder bleiben und Jyzia zahlen (die Steuer auf Nichtmuslime, die dauerhaft in einem muslimischen Land leben).“ Nashwan und seine Familie waren sich gewiss, dass keine dieser Optionen eine Garantie für ihr Leben bedeutete. „Diese Banditen des IS waren nur hinter dem Geld und den Wertsachen der Leute her. Christen oder Muslime, konvertiert oder nicht, sie fanden immer einen Grund zu töten“, sagt Antesar, Nashwans Frau.
er gefühlt.“

Früher stellten die großen Weihnachtsfeiern in Mossul und Bagdad Höhepunkte der Kultur im Irak dar. Mit der Invasion der USA endete diese Zeit schlagartig.

Ihre Stimme bricht, als sie sich an das Schicksal ihres Schwagers erinnert. „Auf dem Weg zur Flucht erreichte er einen der Kontrollpunkte des IS und wurde umzingelt.“ In Internetbotschaften schrieb er an seine Verwandten, dass er zustimmen werde, zum Islam zu konvertieren, in der Hoffnung, am Leben zu bleiben. „Es war der einzige Weg für ihn, seine Familie wiederzusehen, aber er hatte all sein Erspartes im Auto, das deutlich interessanter für die Dschihadisten war als das Leben eines ängstlichen Konvertierten.“ Seitdem hat die Familie nie wieder von ihm gehört.

Der vierundvierzigjährige Nashwan erinnert sich noch an die Zeit, bevor „ansteckendes Chaos das ganze Land zerstörte“, eine Zeit, in der der Irak noch sicher war und die üppigen Weihnachtsfeierlichkeiten in Baghdad und Mossul nationale Höhepunkte darstellten. „Es waren die Nachwehen der US-Invasion, während derer die radikalen Islamisten begannen, hasserfüllte Nachrichten zu verbreiten.“

Die Nachrichten waren ursprünglich zu unregelmäßig und unbedeutend, um ernst genommen zu werden, fügt Nashwan hinzu. Das Auftreten mit modernen Geschützen auf Humvees im Jahr 2014 war für ihn genauso überraschend und unverständlich wie für alle anderen. Als Experte in der Instandhaltung schwerer Fahrzeuge war Nashwan Besitzer eines Lastwagenbetriebs, seine Frau arbeitete als Lehrerin. Bis der IS sich in Mossul ausbreitete, konnte das hart dafür arbeitende Paar den gemeinsamen Kindern ein behütetes und glückliches Leben bieten.

Sechs Monate nach der Befreiung der Stadt durch irakische Truppen kehrten Nashwan und Antesar zurück, um zu sehen, was von ihrem alten Haus geblieben war. „Alles war weg, alles war Teil der Ruinen, die wir einmal Zuhause genannt hatten. Nicht einmal eine einzige Gabel war übrig“, erzählt Antesar. „Diese Ruinen haben wir verkauft, Mossul ist für uns kein Ort zum Leben mehr.“ Jetzt besitzen die beiden ein Haus in Ankawa, in dem neu errichteten Wohnkomplex für Christen, der von Peschmerga-Streitkräften bewacht wird. „Dieses Haus ist viel kleiner als unser letztes. Aber es ist immerhin ein Zuhause“, sagt Antesar, während sie duftenden Kardamom-Kaffee in der neuen Küche zubereitet.
Nashwan eröffnete ein kleines Lebensmittelgeschäft in Ankawa; die Familie möchte den Irak nicht verlassen. Die Töchter gehen zur Schule und der Sohn hilft nach dem Erledigen seiner Hausaufgaben im elterlichen Laden.

Peschmerga 2 - Giacomo Sini hat die Christen von Ankawa mehrere Tage mit seiner Kamera begleitet. Hier eine Szene am Rand einer Messe. - © Giacomo Sini
© Giacomo Sini

Giacomo Sini hat die Christen von Ankawa mehrere Tage mit seiner Kamera begleitet. Hier eine Szene am Rand einer Messe.

Antesar plant, bald violette Blumen im kleinen Garten zu pflanzen und bei jedem Besuch der Mar-Elia-Kirche kauft die Familie religiöse Figürchen als Dekoration für das neue Zuhause. Die Tatsache, dass Christen immer schon sicher in Ankawa leben, motiviert die Familie Aziz, ihre Zukunft dort verbringen zu wollen.
Manche anderen Besucher der Kirche erlebten den IS-Horror ausschließlich über die Medien. Leyth, geboren und aufgewachsen in Ankawa, ist einer von ihnen. Er glaubt, dass das Wohlergehen der christlichen Gemeinschaft von hoher Bedeutung für die Regierung der kurdischen Region sei. „Zum einen sieht der Staat Christen als verlässlichere Verbündete als Araber und zum anderen vermittelt die Inklusion der Christen ein demokratisches und tolerantes Bild.“

Leyths Worte stimmen mit den umfangreichen Politiken überein, die Anreize für die Christen bieten sollen, in der Region Kurdistan zu bleiben. Beispielsweise können Inhaber eines christlichen Ausweises nach Aussage des Verwaltungsrates für Aufenthalte und Wohnsitze (Directorate of Residency of Kurdistan) die Region frei durchqueren und dort weilen, wohingegen muslimische Araber eine Erlaubnis dafür benötigen.

Hoffnung im Elend

„Es ist eine Win-win-Situation“, behauptet Leyth. Trotz enormer Arbeitslosigkeit, Korruption und finanzieller Hürden, die immer wieder öffentlichen Dissens beschwören, sei der Großteil der Christen im irakischen Kurdistan relativ gut situiert. „Ausgebildete Christen sind bevorzugte Bewerber sowohl für internationale Firmen als auch Staatsorganisationen, während für die meisten kurdischen Akademiker so ein Beruf ein unerreichbarer Traum bleibt.“

Trotz des Horrors der Kriege und Massaker haben Christen in Ankawa Mut gefasst. Aziz ist überzeugt: ‚Hier ist mein Zuhause‘.

Der Dreiundzwanzigjährige arbeitet für eine Firma, die der autonomen Regierung Beobachtungs- und Überwachungsdienstleistungen für Mobilkommunikation zur Verfügung stellt. Hinweisend auf die Herausforderungen, die die bedenkliche Sicherheitslage des irakischen Kurdistans stellt, bezeichnet Leyth seinen Job als eine „unerlässliche Notwendigkeit“. Er hat Neuigkeiten und Informationen über die Entwicklung von neuen Tracking-Methoden und die smarten Technologien zur Beobachtung und Messung zu sammeln. Seine Freunde trifft er nach der Arbeit in der „Baby-lon Christian Community“ (BCC), einem ausschließlich christlichen Verein.

Iraks „Indigene“

Besucher müssen am Eingang ihren Ausweis vorzeigen und ihre Taschen kontrollieren lassen. Der Außenbereich des Gebäudes erinnert an das babylonische Ischtar-Tor. Auf Anspielungen auf die assyrische Kultur stößt man nicht nur im Babylon Christian Club, sondern auch auf den Schaufens­tern von Geschäften, etlichen Wandgemälden und in den Namen von Plätzen in ganz Ankawa. Die Unterhaltung mit seinen Bekannten führt Leyth auf Arabisch. Obwohl er in Kurdistan aufgewachsen ist, spricht er kurdisch nicht besonders gut, dafür lernte er „enthusiastisch die assyrische Muttersprache Aramäisch in der Schule“. Seine Minzgeruch verströmende Shisha (eine Wasserpfeife) rauchend, führt er fort: „Christliche Assyrer sind eigentlichen Indigenen im Irak. Sie leben seit Tausenden von Jahren in Mesopotamien.“

Trotz des Horrors der Kriege und Massaker, der viele noch immer verfolgt, zeigt die wachsende Zahl neuer Häuser und kleiner Läden von christlichen Geflüchteten wie der Familie Aziz, dass sie die Auffassung von Leyth teilen, wenn er schließt: „Hier ist mein Zuhause. Ich fühle es und habe es immer gefühlt."

Fakt

Christen im irak

Verfolgung seit Saddams Sturz

Es gibt acht verschiedene christliche Konfessionen im Irak, einem biblischen Kernland. Doch die Zahl der Christen schrumpft seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein beständig. Von 1,7 Millionen im Jahr 2000 auf 530.000 (2007). Die meisten flohen in den Libanon und nach Syrien. Die Besetzung der von Christen bewohnten Gebiete im Nordirak durch den IS 2014 hat die Lage dramatisch verschärft. Über 300.000 Christen wurden zumindest temporär zur Flucht gezwungen. Einige kirchliche Organisationen warnen vor dem Absterben des Christentums in der Region. Die größte christliche Glaubensgemeinschaft bilden die Chaldäer, die sich im 17. Jahrhundert mit Rom unierten. Ihnen folgen die Assyrer, die der Assyrischen Kirche des Ostens und der Alten Kirche des Ostens angehören. Weitere wichtige Konfessionen sind die Syrisch-Orthodoxe, die Syrisch-Katholische sowie die Armenisch-Apos­tolische und die Armenisch-Katholische Kirche. Darüber hinaus gibt es in Bagdad auch eine kleine lutherische Gemeinde. (red)

Furche Zeitmaschine Vorschau