Schäuble - © Foto: APA / AFP / Pool / Hendrik Schmidt

Wolfgang Schäuble, der laut denkende Adlatus

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Wolfgang Schäuble, längstdienender Abgeordneter aller deutschen Nationalparlamente seit der Paulskirche, wird 80 Jahre alt. Über einen (politischen) Überlebenskünstler.

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Wolfgang Schäuble, längstdienender Abgeordneter aller deutschen Nationalparlamente seit der Paulskirche, wird 80 Jahre alt. Über einen (politischen) Überlebenskünstler.

Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, soll Wolfgang Schäuble seine Frau beruhigt haben, als er 1972 erstmals für den Deutschen Bundestag kandidierte, er werde eh nicht gewählt. Doch der gebürtige Freiburger und frischgebackene Finanzbeamte errang aus dem Stand ein Direktmandat in seinem Wahlkreis, dem badischen Offenburg, und zog nach Bonn. Im „FC Bundestag“, der fraktionsübergreifenden Fußballmannschaft, profilierte der 30-jährige Schäuble sich bald als starker, schneller Spieler, Position: Rechtsaußen.

Zu Schäubles Bild in der Öffentlichkeit gehört heute der Rollstuhl, den er seit dem Attentat von 1990 zur Fortbewegung benötigt. Da könnte man glatt vergessen, wie sportbegeistert er zeitlebens war: nicht nur Fußball-, auch Tennisspieler, Läufer, Skifahrer und ab 1976 sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. In dieser Funktion erwog Schäuble den ärztlich kontrollierten Einsatz gewisser „Mittel“, damit westdeutsche Leistungssportler „in der Weltkonkurrenz“ mithalten könnten. Merke: Wer den Sieg bezweckt, darf nicht vor Denkverboten zurückscheuen. Heute lehnt Schäuble, der am 18. September 80 Jahre alt wird, Doping ab.

Spendenaffäre als Stolperstein

Er selbst war stets bereit, in der politischen Arena sein Bestes zu geben. Als führendes Mitglied der „Kampfgruppe Kohl“ hatte Schäuble gewichtigen Anteil daran, dass der Pfälzer die Macht in der Bundes-CDU und 1982 auch in der Bundesrepublik eroberte. Helmut Kohl dankte es seinem Getreuen, indem er ihn zum parlamentarischen Geschäftsführer seiner Partei und später zum Chef des Bundeskanzleramtes machte. Schlank und agil wirkt Schäuble auf Archivbildern aus jener Zeit, geradezu schmächtig neben dem Mann, an den er auf Gedeih und Verderb sein politisches Schicksal kettete. Dass Kohl Kanzler wurde, wollten damals viele, auch manche Herren der deutschen Industrie. Namentlich der Flick-Konzern hatte sich, wie ab 1980 ruchbar wurde, die „Pflege der Bonner Landschaft“ viel Geld kosten lassen. In dieser leidigen Affäre fiel Schäuble die Aufgabe zu, seinem Chef den Rücken freizuhalten. Wenn er sich dabei, wie er selbst rückblickend formulierte, „die Hände ein bisschen schmutzig“ machen musste, nahm er das in Kauf. Für Schäuble gehörte das ebenso zum politischen Geschäft wie unbedingte Loyalität dem Kanzler gegenüber.

Wie schmutzig Kohls eigene Hände waren, sollte erst viel später ans Licht kommen. Mit seiner Loyalität half Schäuble, ob wissentlich oder nicht, ein raffiniertes System illegaler Geldbeschaffung zu decken, das der Pfälzer über Jahrzehnte hatte aufbauen lassen, um sich im Kampf gegen die politische Konkurrenz den Sieg zu sichern. Ende der 1980er Jahre kämpfte Kohl freilich gegen den Abstieg, gegen lautstarken Widerstand in der Gesellschaft und der eigenen Partei, dazu mit allerhand Affären. Doch dann passierte das Unverhoffte: Die Mauer fiel, und Kohl ergriff beherzt seine historische Chance. Wieder konnte er dabei auf seinen Adlatus zählen. Inzwischen Innenminister, handelte Schäuble binnen Monaten den Einigungsvertrag aus. Bei einer Wahlveranstaltung am 12. Oktober 1990 schoss ihn ein psychisch kranker Attentäter nieder. Schon nach wenigen Wochen saß er wieder auf dem Podium – von da an im Rollstuhl. Weitermachen wurde für Wolfgang Schäuble zur Überlebensfrage. Die Selbstdisziplin des Sportlers half ihm dabei, ebenso der Rückhalt der Familie – und des Kanzlers.

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