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Licht-Bilder

Zum 400. Geburtstag von Rembrandt.Ein Porträt

Ein rätselhafter Mann mittleren Alters mustert uns mit durchdringendem Blick. Er ist schlicht gekleidet, trägt einen schwarzen Hut. Die mit breiten Pinselstrichen locker gemalte dunkle Kleidung hebt sich kaum vom düsteren Hintergrund ab. Von links einfallendes Licht lässt einzig das Gesicht deutlich hervortreten. Die ernsten Augen wirken ungemein lebhaft, die Falten der Haut haben nahezu dreidimensionale Qualität. Bei dem 1652 entstandenen Großen Selbstbildnis aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien handelt es sich um nur eines von etwa 85 Selbstporträts des Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Die ständige Auseinandersetzung mit der eigenen Person ist einzigartig in der Kunstgeschichte. Von Zeitgenossen wie Rubens kennen wir gerade einmal vier Selbstporträts.

Warum aber hat Rembrandt sich Zeit seines Lebens porträtiert? Wollte er damit malerisch seine Seele ergründen - Jahrhunderte bevor Freud die Psychoanalyse erfunden hat? War es geschicktes Ego-Marketing? Oder hatte es bloß praktische Gründe - weil er sich selbst das nächste Studienobjekt war?

In der älteren Rembrandtliteratur hat man die Selbstbildnisse als romantisierte Verklärung seiner Biografie gedeutet, als Selbstbefragung eines verkannten Genies. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine konträre Sicht eingestellt. Es wurde versucht, die persönliche Aussagekraft zu historisieren und zu relativieren. Rembrandt hat sich vor allem selbst als Modell benutzt, um Studien der menschlichen Affekte und der Lichtwirkungen zu betreiben. Diese berechtigten Korrekturen tun der ungebrochenen Begeisterung an Rembrandts Selbstporträts aber keinen Abbruch. Wenn diesen Sommer überall auf der Welt Menschen gebannt vor Rembrandts Selbstporträts stehen, dann deshalb, weil auch heute noch unmittelbar spürbar wird, dass sich hier ein selbstbewusster Künstler als autonomes "Ich" - als Mensch in all seiner emotionalen Widersprüchlichkeit ungeschönt ins Zentrum seiner Kunst gestellt hat.

Kunst und Leben

"Als er die Nachtwache malte, war er unbeschreiblich reich, er war der Bill Gates des 17. Jahrhunderts. Als er starb, war er bitterarm." Mit einem drastischen Vergleich hat der britische Filmemacher Peter Greenaway das dramatische Leben Rembrandts auf den Punkt bringen wollen. Greenaway drehte gerade einen Film, der nach Rembrandts berühmtestem Gemälde benannt ist und der der abenteuerlichen Vita dieses legendenumwobenen Künstlers nachspürt.

Rembrandts Biografie bleibt bis heute ein Faszinosum. Kein Wunder: Sie spielt alle Stücke, die das Leben so spielen kann. Geboren wurde Rembrandt am 15. Juli 1606 in Leiden als neuntes Kind einer Müllerfamilie. Nach Lehrzeiten bei den Historienmalern Jacob van Swanenburgh und Pieter Lastman gelang Rembrandt ein kometenhafter Aufstieg, später folgten persönliche wie finanzielle Verluste und existentielle Krisen. Wir kennen zwei Sichtweisen von Rembrandts Biografie. Auf der einen Seite steht der unbeugsame Maler, der den Tod seiner geliebten Frau und drei seiner Kinder nie verkraftet hat - und der für die Ideale seiner Kunst zugrunde geht. Die andere Seite präsentiert uns Rembrandt als eigenwilligen Bankrotteur, der die eine Geliebte, die ihn wegen Bruch des Eheversprechens anklagte, in eine Anstalt stecken ließ und die andere nie heiratete, obwohl sie ihm eine Tochter zur Welt brachte.

Vieles über Rembrandts Leben und seine Beziehung zu Frauen wird immer ein Geheimnis bleiben. Was wir aber sehen, sind seine Bilder. Und aus denen spricht ein für die damalige Zeit humanes, alternatives Frauenbild. So zeigt Rembrandt in seiner größten Aktdarstellung, dem 1654 entstandenen Bild der Bathseba aus dem Louvre, die alttestamentarische Figur weder als Verführerin noch als Objekt männlicher Begierde. Er stellt sie durch den nachdenklichen Gesichtsausdruck als fühlendes und denkendes Subjekt dar - und das ist in der malerischen Tradition jener Zeit mehr als ungewöhnlich.

Bathseba ist nur eines von zahlreichen Bildern Rembrandts, die seinen intensiven Dialog mit der Bibel spiegeln. Zu Rembrandts meistgeschätzten Radierungen gehört das "Hundertguldenblatt" aus den 40er Jahren des 17. Jahrhunderts. So genannt, weil der Legende nach sogar Rembrandt selbst 100 Gulden für ein Exemplar seiner heiß begehrten Grafik bezahlen musste.

Thema und Auslegung sind einzigartig. Rembrandt zeigt auf dieser Radierung, von der die Albertina ein Exemplar besitzt, verschiedene Geschehnisse gleichzeitig, die in Kapitel 19 des Matthäus-Evangeliums beschrieben werden; die Krankenheilung, die Segnung der Kinder, die Zurechtweisung des reichen Jünglings und die diskutierenden Pharisäer. Zu sehen ist auch ein Kamel - wohl eine Anspielung auf den Ausspruch Jesu, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Himmelreich Gottes gelange.

Dialog mit der Bibel

Rembrandts Arbeiten zur Bibel wie sein Hundertguldenblatt treten den Texten aus dem Alten und Neuen Testament als eigenständige, visuelle Dialogpartner gegenüber. Sie illustrieren den Text nicht, sondern sie erzählen die biblischen Geschichten mit Mitteln der bildenden Kunst neu und anders: mit Strichen, Farben, Schraffuren - mit Licht und Schatten. Vor allem betont Rembrandt die Emotionen der Individuen. Dabei vermeidet er eine klare Grenzziehung zwischen Gut und Böse. Vielmehr stehen Reflexion und Erkenntnis im Zentrum seiner Kunst.

Um Zweifel und die hauchdünne Grenze zwischen Gut und Böse geht es auf einem nicht minder berühmten Blatt aus dem Jahr 1638. Zu sehen sind zwei nackte, nicht mehr ganz junge Menschen mit realistisch gestalteten Körpern und natürlichen Bewegungen. Die Gesichter wirken angespannt, so als hätte das diskutierende Paar eine schwierige Entscheidung vor sich. Umgeben sind die beiden von einer mit lockeren Strichen gestalteten Landschaft. Hätte die Frau nicht einen Apfel in der Hand und wäre da nicht dieser unheimliche Drache auf dem Baum, so würden wir kaum erkennen, dass es sich um eine Darstellung des Sündenfalls handelt. Rembrandt zeigt in dieser 1638 geätzten Radierung, von der ebenfalls ein Exemplar in der Wiener Albertina lagert, das erste Menschenpaar; nicht idealisiert - wie etwa Dürer in seinem vierzig Jahre davor entstandenen Kupferstich zu demselben Thema. Der Barockrealist Rembrandt stellt den Sündenfall als emotionales Entscheidungsdrama dar. Er hebt das psychologische Moment hervor und erklärt Adam und Eva zu Identifikationsfiguren für die Nachbarn von nebenan.

Rembrandts zahlreiche Radierungen zu Stellen aus dem Alten und Neuen Testament faszinieren nicht nur aufgrund der unorthodoxen und psychologisch tiefgründigen Interpretationen. Sie interessieren heute auch aus medialer Sicht. So nutzte Rembrandt die technischen Möglichkeiten der Radierkunst als bedeutendster Maler-Radierer wie kein zweiter in der Kunstgeschichte.

Sein gesamtes druckgrafisches Schaffen präsentiert sich als "Work in Progress". Es gibt kaum eine Radierplatte, an der Rembrandt nicht einmal oder mehrmals die Bildzustände durch radikale Umgestaltungen veränderte.

Licht und Farbe

Die unvergleichliche Freude am Experimentieren hat Generationen nachfolgender Künstler beeinflusst. So schwärmte die Expressionistin Paula Modersohn-Becker: "Bei den Deutschen und Holbein bin ich jetzt ganz zu Hause, aber Rembrandt bleibt doch der Größte." Eugène Delacroix, Gustave Courbet, auch Max Liebermann oder Lovis Corinth - sie alle begeisterten sich für die lockere fleckige Malweise, für die Dicke des Farbauftrags und den weichen flüchtigen Strich. Das war nicht immer so. 40 Jahre nach Rembrandts Tod schimpfte der klassizistische Maler Gerard de Lairesse über den groben Malstil: "Aus mit dem Schmieren und Klecksen! Geh beherzt an die Arbeit heran, aber nicht wie Rembrandt oder Lievens, so dass der Saft wie Dreck von dem Bild heruntertropft."

Bilder des späten Rembrandt wirken aufgrund der pastosen, sinnlichen Malweise so zugänglich. Die breiten Pinselstriche geben einem das Gefühl, als könnte man an dem Malakt teilhaben, als hätte der Künstler den Pinsel gerade erst zur Seite gelegt. Eng verbunden mit der Sinnlichkeit der Oberfläche ist die ungewöhnliche Behandlung des Lichts - eine künstlerische Herausforderung, der Rembrandt mit Besessenheit nachgegangen ist, was ihn als "Maler des Lichts" in die Geschichte eingehen ließ. Einzigartig ist seine Technik, Farbe so dick aufzutragen, dass sie das Licht reflektiert und wie reale Gegenstände Schatten werfen kann. Oft hat sich Rembrandt bewusst für eine komplizierte Lichtführung entschieden. So wählte er das Licht auf dem 1656 entstandenen und heute im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehenden Porträt seines einzigen überlebenden Kindes Titus derart, als würde es von den weißen Seiten des Buches, das der Knabe in der Hand hält, reflektiert werden.

Rembrandt ist nicht nur nachhaltig wirksam, weil er spätere Kunsttendenzen vorweggenommen hat, sondern auch, weil er die Bedeutung von Kunst als eine der interessantesten Möglichkeiten, unsere Welt mitzugestalten, nahezu körperlich spürbar gemacht hat.

Der Text basiert auf den "Gedanken für den Tag" der Autorin, die in dieser Woche täglich um 6.57 Uhr in Ö1 gesendet werden.

Buchtipp:

REMBRANDT

Von Otto Pächt. Hg. v. Edwin Lachnit.

2. korrigierte Auflage. Prestel Verlag, München 2005, 255 Seiten, brosch., zahlreiche Abb., e 30,80

REMBRANDT / CARAVAGGIO

Von Duncan Bull u. a.

Belser Verlag, Stuttgart 2006, 208 Seiten, geb., zahlreiche Abb., e 41,10

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