Raffael  - Pralle Farbigkeit: Für den heutigen Geschmack fast zu perfekt sind Raffaels mit weichem Pinselstrich gezeichnete Madonnendarstellungen, hier eine Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. - © Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Kunst

Raffael ist tot - es lebe Raffael

1945 1960 1980 2000 2020

Der Todestag von Raffael jährt sich am 6. April zum 500. Mal. Anfang März wurde deshalb in Rom eine große Schau eröffnet – zu sehen war diese aber vorerst nur drei Tage lang.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Todestag von Raffael jährt sich am 6. April zum 500. Mal. Anfang März wurde deshalb in Rom eine große Schau eröffnet – zu sehen war diese aber vorerst nur drei Tage lang.

Vor der Abreise habe ich mich noch vergewissert: Findet die Ausstellung denn statt? Ja, natürlich, so Pressesprecher Francesco Gagliano, das Leben muss ja irgendwie weitergehen. In der Region Lazio gab es zu dem Zeitpunkt noch weniger als 30 Infizierte. Ich flog also. Fiebervermessen machte ich mich direkt auf den Weg zu den Scuderie del Quirinale, den Ausstellungsräumlichkeiten im Herzen Roms, direkt neben dem Präsidenten­palast. Vor dem Eingang eine überschaubare Schlange, wir werden gebeten, doch bitte mindestens zwei Meter Abstand voneinander zu halten, einzelne Wartende werden interviewt – nicht zu Raffael, sondern zum Virus.

„Raffaello 1520–1483“ steht auf dem Eingangsplakat. Ein Zahlendreher? Nein. Die Schau beginnt mit dem Tod Raffaels am Karfreitag des Jahres 1520 in Rom. Noch vor dem Aufgang zur eigentlichen Ausstellung hängt ein Bild von ca. 1805 des französischen Malers Bergeret, das fast pathetisch den toten Raffael zeigt, aufgebahrt in einem Himmelbett und umringt von zahlreichen Bewunderern, die ihm die letzte Ehre erweisen. Im ersten Raum der eigentlichen Schau gibt es eine exakte Reproduktion von Raffaels Grab im ­Pantheon, dem wunderbaren antiken Tempel, der im Jahr 609 zur Kirche für alle Heiligen wurde, Santa Maria ad Martyres. Raffael war erst 37, als er starb, angeblich starb er nicht nur am Karfreitag, sondern wurde auch an einem Karfreitag geboren. So ganz stimmt das wohl nicht. Eine Woche war er schwer krank gewesen, er litt an hohem Fieber – woran er starb, weiß man nicht, die Versionen reichen von Malaria über liederlichen Lebenswandel bis hin zu allgemeiner Erschöpfung. Die Nachricht seines Ablebens verbreitete sich wie ein Lauffeuer, tags darauf, am Karsamstag, wurde er beigesetzt – auch dazu sieht man in der Ausstellung ein Bild aus dem 19. Jahrhundert.

Vor der Abreise habe ich mich noch vergewissert: Findet die Ausstellung denn statt? Ja, natürlich, so Pressesprecher Francesco Gagliano, das Leben muss ja irgendwie weitergehen. In der Region Lazio gab es zu dem Zeitpunkt noch weniger als 30 Infizierte. Ich flog also. Fiebervermessen machte ich mich direkt auf den Weg zu den Scuderie del Quirinale, den Ausstellungsräumlichkeiten im Herzen Roms, direkt neben dem Präsidenten­palast. Vor dem Eingang eine überschaubare Schlange, wir werden gebeten, doch bitte mindestens zwei Meter Abstand voneinander zu halten, einzelne Wartende werden interviewt – nicht zu Raffael, sondern zum Virus.

„Raffaello 1520–1483“ steht auf dem Eingangsplakat. Ein Zahlendreher? Nein. Die Schau beginnt mit dem Tod Raffaels am Karfreitag des Jahres 1520 in Rom. Noch vor dem Aufgang zur eigentlichen Ausstellung hängt ein Bild von ca. 1805 des französischen Malers Bergeret, das fast pathetisch den toten Raffael zeigt, aufgebahrt in einem Himmelbett und umringt von zahlreichen Bewunderern, die ihm die letzte Ehre erweisen. Im ersten Raum der eigentlichen Schau gibt es eine exakte Reproduktion von Raffaels Grab im ­Pantheon, dem wunderbaren antiken Tempel, der im Jahr 609 zur Kirche für alle Heiligen wurde, Santa Maria ad Martyres. Raffael war erst 37, als er starb, angeblich starb er nicht nur am Karfreitag, sondern wurde auch an einem Karfreitag geboren. So ganz stimmt das wohl nicht. Eine Woche war er schwer krank gewesen, er litt an hohem Fieber – woran er starb, weiß man nicht, die Versionen reichen von Malaria über liederlichen Lebenswandel bis hin zu allgemeiner Erschöpfung. Die Nachricht seines Ablebens verbreitete sich wie ein Lauffeuer, tags darauf, am Karsamstag, wurde er beigesetzt – auch dazu sieht man in der Ausstellung ein Bild aus dem 19. Jahrhundert.

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„Ottimo universale“

Sylvia Ferino-Pagden, Mitglied des internationalen Expertenkomitees der Ausstellung (und vormals Leiterin der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums) erinnert daran, dass seit seinem 500. Geburtstag 1983 schon viele Ausstellungen Raffael gewidmet waren, darunter auch die wunderbare Schau der Albertina 2017. Das Ziel dieser römischen Schau (entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Uffizien in Florenz), so Ferino-Pagden, ist es, nicht nur den meisterhaften Maler und Zeichner Raffael zu präsentieren, sondern auch den „­ottimo universale“, wie Vasari ihn nannte, den äußerst gebildeten Künstler, der auch als Architekt wirkte und als einer der ers­ten Archäologen gilt.

Die Art, wie Raffael den Himmel rund um den Gottvater leuchten lässt, fast so, als sei unter der Farbe ein Scheinwerfer, ist schlicht umwerfend.

Die umgekehrte Chronologie der Ausstellung ist gut durchdacht. Anlass ist ja das Todesjahr 1520. Vor allem wollten die Macher aber hervorheben, wie sehr ihn die Stadt Rom beeinflusst hat. Im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert wurden in und nahe der Stadt Meisterwerke der antiken Kunst entdeckt, wie der Apollo vom Belvedere und die Laokoon-Gruppe (beide in den Vatikanischen Museen). Zudem hat man, so Ferino-Pagden, für die Schau Raffaels Spätwerk neu bewertet, Zuschreibungen an seine Mitarbeiter wie Francesco ­Penni und Giulio Romano wurden überprüft. Nicht zuletzt durch sein wunderbares grafisches Werk ist ersichtlich, dass Raffael in seinen letzten Jahren keineswegs die Malerei zugunsten der Architektur und seiner Karriere aufgegeben hat, sondern der kreative, bestimmende Kopf einer gut funktionierenden Werkstatt war.

Im zweiten Raum sieht man ein Selbstporträt mit einem Freund dieses späten, wenngleich noch jungen Raffael (aus dem Louvre). Das Bild entstand 1518/19, wer der Freund ist, ist nicht bekannt. Raffaels Haare sind in etwa gleich lang wie auf dem berühmteren Selbstporträt von 1506 (Uffizien), doch er trägt einen Bart. Und wenn man genau hinschaut, sind seine Augen, die uns mit einem klaren, freundlichen und intensiven Blick ansehen, etwas müde.

Raffael, der Archäologe

Im selben Raum – umgeben von antiken Grabsteinen und einem Gemälde des Niederländers Herman Posthumus voll römischer Ruinen, eine Mahnung daran, wie sehr der Zahn der Zeit an den antiken Monumenten nagt – präsentiert man ein Schlüsselexponat: Raffaels Brief an Papst Leo X., den er 1519 gemeinsam mit seinem Freund, dem Dichter Baldassare ­Castiglione, verfasste (einen Abdruck davon erhält jeder Besucher als Geschenk). Diesen engen Freund porträtierte Raffael 1513 als eleganten, bärtigen, blauäugigen Mann. Im Brief an den Papst betonen Raffael und Castiglione, wie wichtig eine Bestandsaufnahme des antiken Erbes wäre, und appellieren an den Papst, „haver cura che quello poco che resta di questa anticha madre de la gloria e grandezza italiana“, also sich um das Wenige, das von der großartigen antiken Mutter der italienischen Glorie und Größe geblieben ist, zu kümmern und dieses zu bewahren.

Er verstand es, die Schwierigkeiten des kreativen Prozesses zu verbergen, den ­einzelnen Strich so erscheinen zu lassen, als ob dafür keinerlei Anstrengung nötig war.

Einige Jahre zuvor war Raffael von Papst Leo X. damit beauftragt worden, antike Reste für die Wiederverwendung in der Basilika St. Peter aufzufinden, woraus seine große Faszination und Wertschätzung für die Antike entstand – sein Plan war es, das antike Rom zeichnerisch zu erfassen. Seine Begeisterung für die Antike wird unmittelbar greifbar im nächsten Raum der Ausstellung, wo neben dem Torso des Apollo, dem sogenannten Torso Sassi aus dem archäologischen Nationalmuseum in Neapel, Raffaels Aktstudien von 1509 bis 1510 aus der Albertina gezeigt werden – in denen er eben diesen Torso wiedergibt.

Ich ertappe mich beim Besuch der Ausstellung, an den Zeichnungen länger hängenzubleiben als an den Gemälden, deren pralle, bunte, eindeutige Farbigkeit und glatt-weichen Pinselstrich ich mitunter erst verdauen muss. Doch halt. In Raum 5 hängt die Zeichnung „Gottvater mit den Symbolen der vier Evangelisten“ neben dem nahezu gleich großen Gemälde „Die Vision des Ezechiel“. Es ist das gleiche Motiv; die Art, wie Raffael den Himmel rund um den Gottvater leuchten lässt, fast so als sei unter der Farbe ein Scheinwerfer, ist schlicht umwerfend. Gleich daneben zeigt sich, dass dasselbe Motiv nochmals vollständig anders wirken kann – auf dem in Pieter van Aelsts flämischer Werkstatt gefertigten Wandteppich, mit seinen fast vier mal vier Metern um ein Vielfaches größer als Zeichnung und Gemälde (das nur rund 40 mal 30 cm groß ist).

„The Workshop of Grace“

Raffael verkörpert die mitunter für heutige Augen fast zu große Perfektion der Hochrenaissance. „The Workshop of Grace“ nannte der französische Kunsthistoriker Daniel Arasse Raffaels Werkstatt und beschreibt, was man als die Essenz seiner Kunst bezeichnen kann: Er verstand es, die Schwierigkeiten des kreativen und handwerklich-künstlerischen Prozesses zu verbergen, den einzelnen Strich so erscheinen zu lassen, als ob dafür keinerlei Anstrengung nötig war. Nicht nur das, durch den in der Ausstellung teilweise möglichen direkten Vergleich von Entwurfszeichnungen mit den mitunter fast zu perfekten und bunten Madonnengemälden spürt man, wie sehr er es versteht, echte Gefühle zu vermitteln. So auch bei der berühmten „Fornarina“, die er ohne Auftrag malte, für sich, um seine Geliebte unsterblich zu machen. Ihr Gesicht ist lange nicht so perfekt wie das der Madonnen und doch ist sie wunderschön. Es überrascht zu lesen, dass es Zeiten gab, in denen sie so gar nicht als schön galt und ihre Sinnlichkeit als fast skandalös wahrgenommen wurde.

Nach der Ausstellung eile ich ins Pantheon, dort ist es weniger voll als sonst. Wie meistens liegt eine rote Rose an ­Raffaels Grab. Am Tag meiner Abreise ist bereits ganz ­Italien rote Zone.

Raffael  - Pralle Farbigkeit: Für den heutigen Geschmack fast zu perfekt sind Raffaels mit weichem Pinselstrich gezeichnete Madonnendarstellungen, hier eine Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. - © Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
© Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Raffael virtuell

Seit 8. März ist die Ausstellung bis auf Weiteres im Dornröschenschlaf. Virtuell lässt sich das Dornengestrüpp überwinden: auf der Seite scuderiequirinale.it, auf Youtube (am besten nach „Raffaello“ suchen) oder auf der Seite der Albertina