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Kritikwürdig, aber keine Blasphemie

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Über den Skandal um "Jesu Hochzeit".

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Über den Skandal um "Jesu Hochzeit".

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Zu „Jesu Hochzeit” gab es naturgemäß eine besonders große Zahl von Reaktionen. Selbstverständlich begrüßt DIE FURCHE grundsätzlich jede Stellungnahme, die ein Mindestmaß an Respekt vor der Meinung anderer wahrt und um Argumentation bemüht ist.

Dennoch sei dem Abdruck kritischer Leserbriefe ein Wort hinzugefügt, das bitte nicht als Bevormundung der Leser aufgefaßt werden möge, zumal es ja auch nicht um Personen, sondern um Haltungen geht. Es erschiene einfach unredlich, zu diesem so leidenschaftlich umstrittenen Thema nur andere schreiben zu lassen und mit einer redaktionellen Stellungnahme zurückzuhalten.

Auch ich habe am künstlerischen Gehalt der Oper und auch an der Aussage des Textbuches allerlei auszusetzen. Aber nicht an einer einzigen Stelle habe ich Blasphemie, also Gotteslästerung, entdeckt.

Aufgefallen ist, daß sich gegen manche Textstellen überhaupt kein oder nur wenig Widerspruch erhob, etwa bei der Anklage der „Tiere”, also der „falschen Apostel”, der nicht im Geiste Jesu lebenden Menschen:

„Im Namen der Liebe werden sie hassen, im Namen der Armut werden sie Reichtümer sammeln und blutige Kriege führen im Namen des Friedens ...”

Ein zwar schwer widerlegbarer Vorwurf, aber einer, der mehr schmerzen sollte als ein symbolhafter Kuß. Oder die Textstelle: „Elend macht die Menschen frömmer, was ja Gottes Willen ist. Wie die Schwalbe macht den Sommer, macht die Angst den besten Christ...”,

Hier wäre eine Verletzung religiöser Gefühle nur am ehesten verständlich. Aber hier bleibt sie aus. Das darf die Tödin ohne Pfiffe singen.

Und deshalb drängt sich der beklemmende Verdacht auf, daß manche Leute ausschließlich die „Erotisierung” heiliger Gestalten aufregt. Viele gingen offenbar zu der Aufführung, ohne die geringste Absicht, nachzuprüfen, ob die Inszenierung dezent erfolgte. Sie ist dezent erfolgt - und dennoch wurde gepfiffen und gejohlt.

Josef und Maria waren ein Mann und eine Frau, die einander liebten. Warum fällt es uns so schwer, zu akzeptieren, daß dies auch einen sexuellen Aspekt einschloß? Warum glauben (oder möchten) wir, daß Maria Magdalena nach ihrer Bekehrung nur noch mit einem Astralleib durch die Gegend lief?

Was ein gläubiger Christ an einer Mysterienoper über Jesus am meisten vermissen sollte, ist doch wohl, daß sie mit dem Kreuzestod und nicht mit der Auferstehung endet. Aber darüber muß man mit den Künstlern argumentieren, nicht sie anpöbeln.

Und allemal noch sollte uns lieber sein, daß auch Nichtkirchengeher unter ihnen von Jesus, wie sie ihn sehen, fasziniert sind, als wenn die Figur Jesu die Künstler von heute überhaupt nicht mehr interessierte.

„Kitsch” kann man zu einem solchen Werk allemal noch sagen - aber nicht Gotteslästerung unterstellen, die Wissenschaftsministerin vor dem Theater anpöbeln, die Textbuchautorin als „Hexe” verbrennen wollen, alle sonst noch denkbaren Morddrohungen übers Telefon ausstoßen, Bischöfe zu Protesten drängen, noch ehe man das Libretto gelesen oder gar die Aufführung gesehen hat, und ahnungslose Gläubige zu Unterschriften gegen etwas überreden, das sie nicht kennen.

Verstehen wir denn nicht, daß niemand mehr unsere Unterschriftenaktionen ernst nehmen wird, wenn offenkundig wird, wie sie diesmal bisweilen zustandegekommen sind?

Gott braucht die Verteidigung durch eifernde Hasser nicht.

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