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Späte Rehabilitation von Louis XVI.

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Am 21. Jänner 1793 ist Ludwig XVI. in Paris hingerichtet worden: Ein Ereignis, das Frankreich offiziell zwar ignoriert, dessen sich aber die Medien angenommen haben. Dabei mußten die Franzosen entdecken, wie einseitig sie bisher über ihre Revolution informiert gewesen waren.

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Am 21. Jänner 1793 ist Ludwig XVI. in Paris hingerichtet worden: Ein Ereignis, das Frankreich offiziell zwar ignoriert, dessen sich aber die Medien angenommen haben. Dabei mußten die Franzosen entdecken, wie einseitig sie bisher über ihre Revolution informiert gewesen waren.

Die 200-Jahres-Feiern der französischen Revolution, im Juli 1989 mit großem Pomp vom sozialistischen Frankreich begangen, waren eigentlich als großes Heldenepos inszeniert worden. Für den Durchschnittsfran-zosen wird die Geschichte überhaupt erst mit der Revolution interessant. Im Geschichtsunterricht wurde sie seit jeher mit verklärtem Blick ein Jahr lang bis in die kleinsten Details vorgetragen.

Nun geschah aber anläßlich der Feiern etwas Merkwürdiges: Die Medien nahmen sich ausgiebig des Themas an. Und plötzlich entdeckte man, daß die glorreiche Periode allzu verklärt dargestellt worden war.

Vor allem aber wurde eine Person rehabilitiert, der hingerichtete König Ludwig XVI. (Foto Archiv). Die Geschichtsschreibung kannte ihn nur als Karikatur eines Monarchen: unentschlossen, weich, hilflos den Intrigen seiner Berater und seiner Frau Marie Antoinette ausgeliefert, den Herausforderung der neuen Zeit nicht gewachsen soll er zu seiner Rettung mit dem Ausland paktiert haben. Daher sei es nur allzu verständlich gewesen, daß ihn das Parlament zum Tode verurteilt habe.

Ganz anders das Bild, das neueste Recherchen vom König zeichnen, etwa das Werk „Enquete sur le proces du roi”, Ergebnis 40jähriger Forschungstätigkeit von Paul und Pierrette Girault de Coursac: Ludwig habe schon als junger Thronfolger große Reife und einen starken Willen bewiesen. Als König habe ihn ein enormer Arbeitseifer, ein umfassendes Interesse getrieben, sich den Problemen seiner Zeit zu stellen. Von Anfang seiner Regierung an habe er sich der Reform gewidmet, zum Teil sogar mit beachtlichem Erfolg. Gerade sein Anliegen, Privilegien abzubauen, habe ihm die Ablehnung der Mächtigen im Staat eingetragen.

Mehrfach hervorgehoben wird auch sein Mut. Während der drei Revolutionsjahre habe er sich als aufrechter, dem Wohl des Volkes verpflichteter Monarch erwiesen. Bemerkenswert ist, daß er sich bis zuletzt beim Volk auch groß ter Beliebtheit erfreut ha ben dürfte.

Beeindruckt zeigen sich heute sehr viele von der Haltung des Königs in den letzten Stunden seines Lebens. Und in den Medien - nicht nur in den konservativen - wird hervorgehoben, welcher Skandal der Prozeß des Königs eigentlich gewesen sei. So etwa der „Express”: „Es geht nicht darum, ihn zur richten, sondern darum ihn zu töten!” schreit Danton. Und darauf Saint-Just: „Der König muß als Feind abgeurteilt werden.. Es geht weniger darum, ihn zu richten, als ihn zu bekämpfen.” Anders gesagt, das Verbrechen Ludwigs war es, König gewesen zu sein... Wenn regieren ein Verbrechen ist, so ist es implizit auch kriminell, adelig, Priester, reich, verdächtig oder egoistisch gewesen zu sein... Letztlich landet man beim Hitlerismus, für den das Verbrechen eines Juden darin bestand, Jude zu sein.”

Und im „Le Figaro” wird der Historiker Paul Lombard mit Bezug auf die Verurteilung zitiert: „Die Untersuchung der Zeitdokumente, die aufmerksame Lektüre einer großen Zahl von Werken haben in mir die Überzeugung geweckt, daß die schicksalhafte Grenze von 361 Stimmen nicht erreicht worden ist...”

„Le point” weist daraufhin, daß die Vorgangsweise alles andere als gesetzmäßig gewesen sei: „Es war die ganze Versammlung der Volksvertreter (die Convention), die sich zum Tribunal erklärt hatte, um einen Mann, einen König, ein Regime und 1000 Jahre französischer Geschichte zu verurteilen...”

Der „Nouvel Obser-vateur”: „Der Bericht der Kommission vom 6. November war so mittelmäßig, daß er deutlich macht, daß im Zentrum der Debatte nicht die Frage der Beweise stand... Halten wir zunächst fest, daß kejnes der beigebrachten Dokumente ausreicht, dem König Verrat nachzuweisen... Ludwig XVI. war tatsächlich seiner Rechte als Bürger beraubt, und zwar gerade in jenem Moment als man vorgab, in ihm den einfachen Bürger zu sehen.”

Der König selbst hat all das mit menschlicher Größe getragen, bis zuletzt bereit zu verzeihen. Das geht vor allem aus dem Bericht seines Scharfrichters über die letzten Momente im Leben des Königs hervor: „Er hat sich zum Ort, wo man ihn fesselte, führen lassen. Von dort aus rief er sehr laut: „Volk, ich sterbe unschuldig!” Dann drehte er sich zu uns, um uns zu sagen: „Meine Herren, ich bin an all dem, was man mir vorwirft, nicht schuld. Ich wünsche mir, daß mein Blut das Glück der Franzosen festigen möge.” Das waren wirklich seine letzten Worte... Um der Wahrheit Ehre zu geben: Er hat all das mit einer Kaltblütigkeit und einer Festigkeit, die uns alle erstaunt hat, getragen. Ich bin fest davon überzeugt, daß er diese Festigkeit in den Prinzipien seiner Religion geschöpft hat. Niemand schien von dieser mehr durchtränkt und überzeugt als er...”

Durch die Brille der Ideologie

Was heute über die französische Revolution zutage kommt, sollte nachdenklich stimmen: Nicht nur totalitäre Regime verfälschen die Geschichte nach ihren eigenen Interessen. Ideologisch geprägt und daher verfälscht kann auch die Sichtweise in liberalen Gesellschaften sein - und das über Jahrhunderte hinweg. Ist diese Erfahrung nicht auch ein Anfrage an die Selektivität, mit der wir heute Information über die Welt um uns wahrnehmen?

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