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Kärntner, Salzburger, Österreicher, Europäer

Zum Tod von Josef Klaus, dem österreichischen Bundeskanzler von 1964 bis 1970.

Seine Heimat Österreich im vereinten Europa war sein großes Ziel. Dass er die Mitgliedschaft unseres Landes in der Europäischen Union und deren erste Schritte zur Eingliederung der osteuropäischen Staaten noch erleben durfte, erfüllte ihn mit großer Zufriedenheit. Vergangenen Donnerstag ist nun Altbundeskanzler Dr. Josef Klaus im 91. Lebensjahr in Wien gestorben.

Er war in vielen Bereichen der Politik ein Vorbild und ein Wegbereiter der Einigung des größeren Europas aus österreichischer Sicht. Denn schon in den sechziger Jahren hat sich Klaus für manches eingesetzt, was in der Europäischen Union erst viel später - so im Vertrag von Maastricht und in der Osteuropa-Politik - festgelegt oder anvisiert wurde: das Europa der Regionen, die Subsidiarität, die Besinnung auf das gemeinsame geistige Erbe, die Einbeziehung der früher kommunistischen Staaten in das gemeinsame Haus. So gab er als Staatsmann Signale für die Zukunft.

Josef Klaus wurde am 15. August 1910 als Sohn eines Bäckermeisters in Kärnten geboren und ist dort aufgewachsen. Seine beruflichen Lehrjahre absolvierte er im Gewerkschaftsbund und in der Arbeiterkammer; daher auch sein immer erkennbares Engagement in sozialen Fragen. Nach dem Studium und dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg ließ er sich in Salzburg als Rechtsanwalt nieder, schloss sich der Volkspartei an und wurde 1949, also schon mit 39 Jahren, Landeshauptmann. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Raab holte ihn dessen Nachfolger Alfons Gorbach 1961 in die Bundesregierung. Seiner damaligen vorbildlichen Tätigkeit als "Finanzminister des kleinen Mannes" sollte man sich noch heute erinnern: Er konnte 1961 ein drohendes Budgetdefizit verhindern und ein Jahr darauf sogar einen Überschuss erwirtschaften. Als dann die neue Koalitionsregierung allzu großzügig Ausgaben plante, lehnte er den Finanzministerposten ab.

Dieser Linie des sparsamen Umganges mit öffentlichen Mitteln ist Klaus treu geblieben. Nachdem er 1963 in Klagenfurt zum Bundesparteiobmann der ÖVP gewählt worden war und zunächst, als Nachfolger von Gorbach, wieder eine Koalitionsregierung mit der SPÖ gebildet hatte, konnte die Volkspartei 1966 sogar die absolute Mehrheit im Nationalrat erringen. Sein Koalitionsangebot an die Sozialisten scheiterte jedoch, worauf Klaus sich entschloss, erstmals seit 1945 eine Alleinregierung zu bilden. Er bewies, dass dadurch Rechtsstaat und Demokratie, allen damaligen Besorgnissen zum Trotz, keineswegs gefährdet sein müssen.

Dieser Regierung unter Bundeskanzler Klaus sind einige Taten zu verdanken, die nicht nur damals Gewicht hatten, sondern wegweisend für die kommende Zeit waren. Der "Koren-Plan" seines Finanzministers förderte tiefgreifend die Strukturverbesserung der Wirtschaft; die Europareife war schon damals zentrales Regierungsziel. Dem Politiker Klaus ging es aber nicht nur um den wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch um politische Erneuerung. In der Südtirol-Frage kam es endlich zu einer bedeutsamen Entspannung, auch wurden die ersten Verhandlungen für einen Vertrag Österreichs mit der damaligen EWG aufgenommen. Der ORF wurde von den Parteien unabhängig gemacht, dem Kaisersohn Otto Habsburg-Lothringen wurde die Einreise in sein Vaterland erlaubt. Die Überwindung des Parteienproporzes und die Festigung des Rechtsstaates waren Bundeskanzler Klaus ein besonderes Anliegen. "Politik ist Machtausübung unter der absoluten Herrschaft des Rechts", schrieb er.

Wegen seines Strebens nach Redlichkeit in der Politik wurde ihm damals "Messianismus" oder Sendungsbewusstsein nachgesagt, und das Abgehen von alten politischen Regeln hat wohl auch zur Wahlniederlage von 1970 beigetragen. Sie bewog ihn, sich nach mehr als 20-jähriger politischer Tätigkeit ganz ins Privatleben zurückzuziehen. Man müsse mit Anstand und ohne Schmerz von der Machtausübung Abschied nehmen, bekannte er in seinem Buch "Macht und Ohnmacht in Österreich", das auch heute noch sehr lesenswert ist.

In seiner Zeit als Parteiobmann und Bundeskanzler hat Klaus junge Talente in seine Mannschaft geholt, die ihre politische Begabung seither eindrucksvoll bewiesen haben: Thomas Klestil, Alois Mock, Peter Marboe, Heinrich Neisser, auch Michael Graff und Josef Taus, um nur einige zu nennen. Er sah in der Nachwuchspflege keineswegs eine besondere Leistung, vielmehr sprach er von "fortuna in eligendo" (wie er dank seiner hohen humanistischen Bildung dann und wann lateinische Wendungen in seine Ansprachen und schriftlichen Beiträge einflocht). Auf seine erfolgreiche Mitarbeiterauswahl hat er immerhin voller Stolz bis ins hohe Alter immer wieder hingewiesen. Mit der "Aktion 20" war er bestrebt, ein fachlich-wissenschaftliches Fundament für die politische Praxis zu legen.

Als Bundeskanzler hat Josef Klaus eine bemerkenswerte, seiner Zeit weit vorausblickende Ostpolitik betrieben; er hatte dabei immer Österreichs Funktion in Mitteleuropa vor Augen. In Vorträgen vor den Akademien der Wissenschaften in Moskau, Budapest und Sofia hat er für das menschliche Näherrücken der beiden, damals noch durch den Eisernen Vorhang getrennten Teile Europas geworben, und vor dem Europarat in Strassburg mahnte er schon 1965, beim Bau des europäischen Hauses den Ostflügel nicht zu vergessen.

Sein Eintreten für die eindeutige Zugehörigkeit unseres Landes zum Westen, zugleich aber für die Bewahrung und den Ausbau der Verbindungen Österreichs mit seinen Nachbarn im Osten und Südosten hat ihm 1988 die Gottfried-von-Herder-Medaille in Gold eingetragen. Kardinal König (noch kürzlich am Krankenbett von Josef Klaus) würdigte damals in seiner Laudatio den Geehrten als christlichen Mann, der im öffentlichen Leben unserer Heimat in Wort und Tat ein Beispiel gegeben hat. Die christliche Einstellung hat das Leben dieses gläubigen Menschen stark geprägt.

Auch im Ruhestand blieb sein Interesse für das politische Geschehen in Österreich und in ganz Europa rege. (Er war auch im Ausland, wo er viele Jahre lang die Winter verbrachte, ein ständiger Leser der furche.) Klaus pflegte aber, zumal nach schweren Operationen, immer weniger politische Kontakte, außer zu einer kleinen Zahl ihm besonders eng verbundener Mitarbeiter und Freunde.

Wichtig war ihm außer dem stets distanzierten, wenn auch von lebendigem Interesse getragenen Beobachten der politischen Entwicklung vor allem die Beschäftigung mit Literatur und Kunst im familiären Rahmen. In einer langen, harmonischen Ehe, die nur durch den frühen Tod seiner Tochter Hildegard getrübt war, galt seine ganze Liebe seiner unlängst verstorbenen Frau, die ihn durch alle Höhen und Tiefen des Lebens treu begleitet hat, seinen drei Söhnen, der Tochter und deren Familien.

Nun ist Josef Klaus am 26. Juli, drei Wochen vor seinem 91. Geburtstag, ins ewige Leben abberufen worden.

Stimmen

Ein großer Österreicher hat seinen Lebensweg beendet. Aber über das Grab hinweg sagt ihm die Republik Österreich ein Dankeschön; ein Dankeschön für den unbeugsamen Patriotismus und die vielen Leistungen und Erfolge eines reichen politischen Lebens, die in der Geschichte unseres Landes ihre Spuren hinterlassen werden - für immer.

Thomas Klestil

Bundespräsident

Josef Klaus war für uns alle menschlich und politisch ein großes Vorbild. Er hat Österreich aus der Nachkriegszeit in eine neue Ära geführt und die politische Geschichte unseres Landes als großer Reformkanzler stark geprägt.

Wolfgang Schüssel

Bundeskanzler

Klaus war ein geradliniger und prinzipientreuer Politiker. Bis zuletzt hat er lebhaft Anteil am politischen Geschehen genommen.

Heinz Fischer,

Nationalratspräsident

Der tadellose Demokrat Klaus hat zu den prägendsten Politikern der Zweiten Republik gehört. Er hat entscheidend zur Modernisierung beigetragen.

Susanne Riess-Passer

Vizekanzlerin

Bei Dr. Klaus standen Ehe und Familie über der Politik. Diese Werte vorzuleben ist vielleicht der größte Dienst, den ein Verantwortungsträger des Staates leisten kann.

Georg Eder

Erzbischof von Salzburg

Für die jüngeren Menschen im Land darf angemerkt werden, dass es für Dr. Klaus selbstverständlich war, seinen persönlichen Erfolg oder den Erfolg seiner Partei nicht mit einer Schuldenpolitik auf den Schultern kommender Generationen zu erkaufen.

Gerhard Hirschmann,

Landesrat in der Steiermark

Ganz persönlich

Wer um das Jahr 1980 die furche-Redaktion aufsuchte, konnte eventuell an der Tür einem freundlichen Herrn mit einem damals noch weitgehend bekannten Gesicht begegnen: Altbundeskanzler Josef Klaus. Der damalige Chefredakteur Hubert Feichtlbauer hatte Klaus, einen echten Freund unserer Zeitung, für eine Kolumne gewonnen. Unter dem Titel "Büchertisch" kommentierte der hochgebildete und belesene Altkanzler, was sich gerade an neuer Lektüre bei ihm ansammelte.

Wir erlebten Josef Klaus als Menschen mit einer immens positiven Ausstrahlung und konnten begreifen, warum er in so hohe politische Ämter gelangt war. Wir verstanden aber auch, warum jemand wie er die Politik ein "grausliches Geschäft" nannte. Sein Idealismus, seine Geradlinigkeit und Prinzipientreue - die ihm nun auch seitens des politischen Gegners Parlamentspräsident Fischer bestätigte - machten ihn zur Ausnahmeerscheinung einer Politik, in der zunehmend Eigenschaften zum Erfolg führten, die Klaus fremd waren: vor allem Geschick in medialer Selbstvermarktung und im Taktieren.

Eines der vielen politischen Talente, die Klaus entdeckte, der heutige Bundespräsident Thomas Klestil, brachte es zum 90. Geburtstag des Altkanzlers auf den Punkt: "Heute würde man sagen, dass du ein schlechter Populist gewesen bist und für den Machterwerb und Machterhalt keine ausreichende Kaltblütigkeit mitgebracht hast. Gerade das aber ehrt dich!" ski

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