Digital In Arbeit
Wissen

Ein Haus mit vielen Zimmern

1945 1960 1980 2000 2020

Kunstgeschichte als kompilatorischer Kraftakt

1945 1960 1980 2000 2020

Kunstgeschichte als kompilatorischer Kraftakt

Wo beginnen, wo enden, wenn zwei Autoren wie Hugh Honour und John Fleming ihre seit zwei Jahrzehnten bewährte Weltgeschichte der Kunst nun zum zweiten Mal erweitern, umkrempeln und aktualisieren? Das Werk ist ein Kosmos wie die Kunst, zweierlei zeichnet es aus. Zum einen die schreiberische Brillanz und Prägnanz, womit diese beiden in bester englischer Gelehrtenmanier auch schwierige Zusammenhänge verständlich auf den Punkt zu bringen wissen. Zum anderen ihr Horizont. Keine Hürden verstellen ihren Blick in die Weite des Raumes und in die Tiefe der Zeit. Dieser Blick ist nicht eurozentrisch. Die Kunst ist für sie ein Haus mit vielen Zimmern, und wenn es in diesem Hause auch Hierarchien gibt, so wissen sie diesen Umstand doch recht gut zu unterspielen.

Der Text und die 1.837 Abbildungen, von denen die Hälfte in Farbe ist, bilden eine überzeugende Einheit. Die Bebilderung wird niemals zum Selbstzweck, doch opulent, wie sie ist, macht sie das Blättern wie das Lesen zu einem ausgesprochen sinnlichen Vergnügen.

Honours und Flemings Weltgeschichte der Kunst ist die adäquate Kunstgeschichte eines weltoffenen Zeitalters, und die Kunstgeschichte zweier Autoren, die sich der Relativität ihrer Position bewusst sind: "Zwangsläufig spiegeln Kunstgeschichten die Auffassungen und Gefühle ihrer Verfasser wider, die fast genauso vielfältig sind wie die der Künstler, über die sie schreiben - ebenso vielfältig und vielseitig wie die Kunst selbst. Große Kunstwerke ... vertiefen unser Verständnis für uns selbst und andere, sie schärfen unser Bewusstsein für unsere eigenen und fremde religiöse Überzeugungen, sie erweitern unsere Kenntnis anderer und fremder Lebensweisen - kurz, sie verhelfen uns zu tiefen Einsichten in unser eigenes Menschsein. Die Schaffung von Kunstwerken ist jene Tätigkeit, die uns Menschen am Deutlichsten von anderen Lebewesen unterscheidet."

Dementsprechend ernsthaft gehen die Autoren den Ursprüngen dieser Tätigkeit nach. Die Tierdarstellungen in den "klassischen" Höhlen von Lascaux und Altamira werden durch die neueren Funde in der Höhle Chauvet ergänzt. Catal Hüyük, der rund 8.000 Jahre alten Stadt in Zentralanatolien, ist ein eigenes neues Kapitel gewidmet. Wohltuend: Die Autoren mutmaßen nicht, sondern verzichten auf jede nicht gesicherte Interpretation.

Kann man über die griechische Klassik noch neues Wesentliches sagen? Dem Fachmann schwerlich, doch die Freude des Laien an der genauen Beobachtung wird erhöht, wenn man ihm die Tricks verrät, mit denen die griechischen Baumeister Effekte erzielten.

Wo immer man dieses Buch aufschlägt, fast überall erweist es sich als im Detail spannend geschrieben, ohne dass dabei die großen Linien vernachlässigt würden. Eines der faszinierendsten Kapitel ist jenes über die gotische Baukunst, in der technische, ökonomische, theologische und soziologische Entwicklungen zusammenlaufen.

Man muss sich mit Geduld einlesen, um Honour und Fleming auf die Schliche zu kommen und auch die unterschiedliche Intensität zu registrieren, mit der sie sich die vielen Spezialgebiete der Kunstgeschichte angeeignet haben. Ein Werk wie dieses ist nicht zuletzt ein kompilatorischer Kraftakt, bei dem eine gigantische Materialfülle bewältigt werden muss. Dabei erweisen sich die beiden als wahre Enzyklopädisten. Es ist beeindruckend, wie sie den Kosmos einer Weltgeschichte der Kunst bewältigt haben. Dieses ihr Buch dürfte die beste Kunstgeschichte der ganzen Welt in einem Band sein, die derzeit in deutscher Sprache auf dem Markt zu finden ist.

Das ausklingende zwanzigste Jahrhundert sieht die beiden freilich offenbar etwas ratlos. So vielversprechend, weit ausholend, alle Traditionen zertrümmernd es begonnen hatte, so ratlos, zersplittert und recht eigentlich perspektivenlos ging es zu Ende. Dass gerade zwei so profunde Kenner aller Höchstleistungen mehrerer Jahrtausende da keine großen Ruhmesworte finden und plötzlich sprachlich etwas blass wirken, ist eigentlich kein Wunder.

Weltgeschichte der Kunst Von Hugh Honour und John Fleming, Prestel Verlag, München 2000 264 Seiten, 816 Seiten, 1837 Abbildungen, Ln., bis 28. 2. öS 934,- / e 67,88, dann öS 1.080,- / e 78,49

Wo beginnen, wo enden, wenn zwei Autoren wie Hugh Honour und John Fleming ihre seit zwei Jahrzehnten bewährte Weltgeschichte der Kunst nun zum zweiten Mal erweitern, umkrempeln und aktualisieren? Das Werk ist ein Kosmos wie die Kunst, zweierlei zeichnet es aus. Zum einen die schreiberische Brillanz und Prägnanz, womit diese beiden in bester englischer Gelehrtenmanier auch schwierige Zusammenhänge verständlich auf den Punkt zu bringen wissen. Zum anderen ihr Horizont. Keine Hürden verstellen ihren Blick in die Weite des Raumes und in die Tiefe der Zeit. Dieser Blick ist nicht eurozentrisch. Die Kunst ist für sie ein Haus mit vielen Zimmern, und wenn es in diesem Hause auch Hierarchien gibt, so wissen sie diesen Umstand doch recht gut zu unterspielen.

Der Text und die 1.837 Abbildungen, von denen die Hälfte in Farbe ist, bilden eine überzeugende Einheit. Die Bebilderung wird niemals zum Selbstzweck, doch opulent, wie sie ist, macht sie das Blättern wie das Lesen zu einem ausgesprochen sinnlichen Vergnügen.

Honours und Flemings Weltgeschichte der Kunst ist die adäquate Kunstgeschichte eines weltoffenen Zeitalters, und die Kunstgeschichte zweier Autoren, die sich der Relativität ihrer Position bewusst sind: "Zwangsläufig spiegeln Kunstgeschichten die Auffassungen und Gefühle ihrer Verfasser wider, die fast genauso vielfältig sind wie die der Künstler, über die sie schreiben - ebenso vielfältig und vielseitig wie die Kunst selbst. Große Kunstwerke ... vertiefen unser Verständnis für uns selbst und andere, sie schärfen unser Bewusstsein für unsere eigenen und fremde religiöse Überzeugungen, sie erweitern unsere Kenntnis anderer und fremder Lebensweisen - kurz, sie verhelfen uns zu tiefen Einsichten in unser eigenes Menschsein. Die Schaffung von Kunstwerken ist jene Tätigkeit, die uns Menschen am Deutlichsten von anderen Lebewesen unterscheidet."

Dementsprechend ernsthaft gehen die Autoren den Ursprüngen dieser Tätigkeit nach. Die Tierdarstellungen in den "klassischen" Höhlen von Lascaux und Altamira werden durch die neueren Funde in der Höhle Chauvet ergänzt. Catal Hüyük, der rund 8.000 Jahre alten Stadt in Zentralanatolien, ist ein eigenes neues Kapitel gewidmet. Wohltuend: Die Autoren mutmaßen nicht, sondern verzichten auf jede nicht gesicherte Interpretation.

Kann man über die griechische Klassik noch neues Wesentliches sagen? Dem Fachmann schwerlich, doch die Freude des Laien an der genauen Beobachtung wird erhöht, wenn man ihm die Tricks verrät, mit denen die griechischen Baumeister Effekte erzielten.

Wo immer man dieses Buch aufschlägt, fast überall erweist es sich als im Detail spannend geschrieben, ohne dass dabei die großen Linien vernachlässigt würden. Eines der faszinierendsten Kapitel ist jenes über die gotische Baukunst, in der technische, ökonomische, theologische und soziologische Entwicklungen zusammenlaufen.

Man muss sich mit Geduld einlesen, um Honour und Fleming auf die Schliche zu kommen und auch die unterschiedliche Intensität zu registrieren, mit der sie sich die vielen Spezialgebiete der Kunstgeschichte angeeignet haben. Ein Werk wie dieses ist nicht zuletzt ein kompilatorischer Kraftakt, bei dem eine gigantische Materialfülle bewältigt werden muss. Dabei erweisen sich die beiden als wahre Enzyklopädisten. Es ist beeindruckend, wie sie den Kosmos einer Weltgeschichte der Kunst bewältigt haben. Dieses ihr Buch dürfte die beste Kunstgeschichte der ganzen Welt in einem Band sein, die derzeit in deutscher Sprache auf dem Markt zu finden ist.

Das ausklingende zwanzigste Jahrhundert sieht die beiden freilich offenbar etwas ratlos. So vielversprechend, weit ausholend, alle Traditionen zertrümmernd es begonnen hatte, so ratlos, zersplittert und recht eigentlich perspektivenlos ging es zu Ende. Dass gerade zwei so profunde Kenner aller Höchstleistungen mehrerer Jahrtausende da keine großen Ruhmesworte finden und plötzlich sprachlich etwas blass wirken, ist eigentlich kein Wunder.

Weltgeschichte der Kunst Von Hugh Honour und John Fleming, Prestel Verlag, München 2000 264 Seiten, 816 Seiten, 1837 Abbildungen, Ln., bis 28. 2. öS 934,- / e 67,88, dann öS 1.080,- / e 78,49