Ossipow - © Foto: Privat

Maxim Ossipow: „Wir selbst waren schuld!"

1945 1960 1980 2000 2020

„Ich war ein großer russischer Patriot, froh darüber, dass die Sowjetunion untergegangen war“, sagt der Arzt und Schriftsteller Maxim Ossipow. Heute denken viele seiner Freunde an Emigration.

1945 1960 1980 2000 2020

„Ich war ein großer russischer Patriot, froh darüber, dass die Sowjetunion untergegangen war“, sagt der Arzt und Schriftsteller Maxim Ossipow. Heute denken viele seiner Freunde an Emigration.

Der Schriftsteller und Kardiologe Maxim Ossipow, 1963 in Moskau geboren, erhielt seine medizinische Ausbildung in seiner Geburtsstadt und Anfang der 1990er Jahre an der University of California in San Francisco. Nach der Rückkehr nach Russland gründete er in Moskau einen Verlag und begann in der Folge, in der rund hundert Kilometer von der Metropole entfernten Kleinstadt Tarussa als Arzt zu arbeiten. Ossipows literarischer Spätstart erfolgte 2007 mit einem vielfach publizierten Essay über sein Leben in der Provinz. Sein mittlerweile sechs Bände mit Erzählungen und Essays umfassendes Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Im Wiener Hollitzer Verlag erschienen der Erzählband „Nach der Ewigkeit“ (2018) und „Kilometer 101“ (2021).

DIE FURCHE: Sie sind Ende der 1980er Jahre nach Amerika gegangen – bedauern Sie es nicht, wieder nach Russland zurückgekommen zu sein?
Maxim Ossipow:
Ich bin damals nicht emigriert – ganz im Gegenteil. Ich bekam ein Stipendium der amerikanischen Kardiologengesellschaft und wollte nicht mein ganzes Leben in den USA bleiben; was ich dort lernte, sollte meinem eigenen Land Nutzen bringen. Ich war ein großer russischer Patriot, froh darüber, dass die Sowjetunion untergegangen war – allerdings hatten wir damals auch unglaubliche Illusionen. Wir dachten, die Russen sind ein unglaublich talentiertes Volk, und wir müssen uns nur von der Knute des Kommunismus befreien, dann wird schlagartig alles wunderbar. Allerdings stellte sich bald heraus, dass dem nicht ganz so war.

DIE FURCHE: Die klassische russische Frage dazu lautet: Wer war schuld?
Ossipow:
Wir selbst! Man darf sich diesbezüglich keinerlei Illusionen hingeben. Wir hätten früher erkennen müssen, dass wir nicht geborene Demokraten sind, sondern einfach ein osteuropäisches Land wie alle anderen auch. Die Abwesenheit eines nüchternen Blickes hatte fatale Folgen.

Der Schriftsteller und Kardiologe Maxim Ossipow, 1963 in Moskau geboren, erhielt seine medizinische Ausbildung in seiner Geburtsstadt und Anfang der 1990er Jahre an der University of California in San Francisco. Nach der Rückkehr nach Russland gründete er in Moskau einen Verlag und begann in der Folge, in der rund hundert Kilometer von der Metropole entfernten Kleinstadt Tarussa als Arzt zu arbeiten. Ossipows literarischer Spätstart erfolgte 2007 mit einem vielfach publizierten Essay über sein Leben in der Provinz. Sein mittlerweile sechs Bände mit Erzählungen und Essays umfassendes Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Im Wiener Hollitzer Verlag erschienen der Erzählband „Nach der Ewigkeit“ (2018) und „Kilometer 101“ (2021).

DIE FURCHE: Sie sind Ende der 1980er Jahre nach Amerika gegangen – bedauern Sie es nicht, wieder nach Russland zurückgekommen zu sein?
Maxim Ossipow:
Ich bin damals nicht emigriert – ganz im Gegenteil. Ich bekam ein Stipendium der amerikanischen Kardiologengesellschaft und wollte nicht mein ganzes Leben in den USA bleiben; was ich dort lernte, sollte meinem eigenen Land Nutzen bringen. Ich war ein großer russischer Patriot, froh darüber, dass die Sowjetunion untergegangen war – allerdings hatten wir damals auch unglaubliche Illusionen. Wir dachten, die Russen sind ein unglaublich talentiertes Volk, und wir müssen uns nur von der Knute des Kommunismus befreien, dann wird schlagartig alles wunderbar. Allerdings stellte sich bald heraus, dass dem nicht ganz so war.

DIE FURCHE: Die klassische russische Frage dazu lautet: Wer war schuld?
Ossipow:
Wir selbst! Man darf sich diesbezüglich keinerlei Illusionen hingeben. Wir hätten früher erkennen müssen, dass wir nicht geborene Demokraten sind, sondern einfach ein osteuropäisches Land wie alle anderen auch. Die Abwesenheit eines nüchternen Blickes hatte fatale Folgen.

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DIE FURCHE: Arzt zu werden, hatte in Ihrer Familie Tradition?
Ossipow:
Das würde ich gar nicht so sagen – mein Urgroßvater war tatsächlich Arzt, und eine Tante war Chirurgin. Es gab Mediziner in der Familie, aber wichtiger war der Umstand, dass ich in der Sowjetunion aufwuchs. Erstens gab es keine besondere Wahlmöglichkeit, und zweitens galten die humanistischen Fächer als stark ideologisiert. Diesen Weg wollte ich nicht einschlagen. Außerdem weiß man: Ein Arzt bleibt auch im Krieg und im Gefängnis Arzt. Ich bedauere diese Wahl auch nicht im Geringsten!

DIE FURCHE: Dem Urgroßvater wurde seinerzeit vorgeworfen, den Schriftsteller Maxim Gorki vergiftet zu haben …
Ossipow:
Ja – das wurde ihm 1932 oder 1933 tatsächlich vorgeworfen, aber er war da nicht allein; man beschuldigte auch einige Hundert weitere Ärzte auf dieselbe Weise (lacht). Er kam in das Butyrka-Gefängnis und dann in ein Lager beim Bau des Weißmeer-Kanals; später lebte er in Wladimir, das sich in der 101-Kilometer-Zone (für ehemalige Häftlinge, die nicht in der Hauptstadt leben durften; Anm. d. Red.) befand, und wurde dort Chefarzt.

DIE FURCHE: Können Sie sich erinnern, wie Sie als junger Sowjetbürger reagierten, als Sie von derart surrealen Ungeheuerlichkeiten hörten?
Ossipow:
Ich habe mir gar nichts gedacht – diese Art Surrealismus war Teil unseres Sowjetlebens, der heute wiederkehrt. Kürzlich wurde der Puschkin-Forscher Feduta verhaftet, weil er angeblich einen Staatsstreich gegen Lukaschenko plante. Solche Geschichten, wie man sie nur aus Kafkas Romanen kennt, waren nichts Außergewöhnliches – wir wurden damit geboren und wuchsen damit auf.

Russland ist heute ein anderes Land und viel übler als in den neunziger Jahren. Die ganze Macht liegt in der Hand der Geheimpolizei.

DIE FURCHE: Von russischen Autoren hört man heute, es sei unmöglich, die Absurdität des gegenwärtigen Regimes literarisch zu toppen.
Ossipow:
Das stellt tatsächlich eine Schwierigkeit dar, aber vielleicht sind sie auch da, um sie zu überwinden. Und letztlich gibt es immer auch Dinge, die wichtiger sind als Literatur. Wenn du merkst, dass sich im Leben nur noch Aussichtslosigkeit breitmacht, kannst du dich auch ablenken, indem du gerade keine Erzählung schreibst.

DIE FURCHE: Sagt das jetzt der Schriftsteller oder der Arzt?
Ossipow:
Ich vermische diese Bereiche nicht. Wenn ich Pfeife rauche, tue ich das nicht als Arzt, aber sonst vervielfältige ich mich nicht. Ich denke, in meinem Inneren passt alles zusammen.

DIE FURCHE: Sie haben erst mit über vierzig zu publizieren begonnen – davor gab es keinerlei literarische Ambitionen?
Ossipow:
Ich führte viele Jahre ein Tagebuch und hatte lange vor der ersten Publikation das Gefühl, Schriftsteller zu sein. Bei Daniil Charms gibt es eine Erzählung über einen Zauberer, der zwar jedes Kunststück beherrscht, aber nie vorzeigt. Als Geheimpolizisten kommen, um ihn aus seiner Wohnung zu werfen, könnte er sie in Küchenschaben und Ratten verwandeln, tut es aber nicht. Den Schuppen, in dem er landet, könnte er in einen Palast verwandeln – abermals passiert nichts. Das geht so weiter, und schließlich stirbt er, ohne je eines seiner Wunder vollbracht zu haben. Ich glaube, es gibt Menschen, die schreiben könnten, es aber nie tun. Irgendwann beschloss ich, du versuchst es.

DIE FURCHE: Wenn Sie das heutige Russland mit jenem der 1990er Jahre vergleichen, die immer als Zeit des Chaos beschrieben werden …
Ossipow:
Russland ist heute ein anderes Land und viel übler als in den neunziger Jahren. Die ganze Macht liegt in der Hand der Geheimpolizei. Um ein einfaches Beispiel zu geben: In Tarussa wurden damals die Straßennamen umbenannt; wir freuten uns, dass Lenin und Dserschinski endlich verschwanden. Später wurde das rückgängig gemacht, und das Leben wurde in vielerlei Hinsicht wieder schlechter. Heute denken viele meiner Freunde, die auch nicht mehr die Jüngsten sind, über Emigration nach oder sind schon emigriert. Derzeit befinden wir uns in einer merkwürdigen Situation – Mathematiker bekommen vorerst keine Probleme, einige Ökonomen schon. Es gibt eine Menge von politischen Häftlingen – manche sprechen von sechshundert, aber es werden auch höhere Zahlen genannt.

DIE FURCHE: Ein Essay, den Sie kürzlich über Alexej Nawalny schrieben, endet mit den schillernden Worten: „Vielleicht gelingt es ihm ja doch, das Land zu verändern.“ Das klingt wie im Märchen.
Ossipow:
Ja und nein. Die Seele wünscht sich das – Nawalny ist ein toller Bursche, und ich habe ihn auch mit einer Märchenfigur verglichen. Im Moment sieht es nicht nach einem Erfolg aus, aber vielleicht ändert sich das. In meinem Satz stecken Hoffnung und Angst zugleich.

DIE FURCHE: Wie schaffen Sie es, all Ihre Aktivitäten unter einen Hut zu bringen – Sie schreiben, arbeiten als Arzt, organisieren für ihr Krankenhaus Spendenkampagnen und medizinische Geräte?
Ossipow:
In Sowjetzeiten gab es trotz des allgemeinen Mangels Menschen, die immer Essen zu Hause hatten, oder andere, bei denen man immer Geld ausborgen konnte. Obwohl alle gleich lebten, hatten manche besonderes Talent für bestimmte Dinge. So gibt es auch Menschen, die mit ihrer Zeit gut umgehen können – das war bei mir immer der Fall. Allerdings zerreißt es mich im Moment beinahe. Ich redigiere gerade ein amerikanisches Buch über Kardiologie, was gut bezahlt und auch eine Ehre für mich ist, überdies halte ich mich damit auch als Arzt auf dem Laufenden. Gleichzeitig schreibe ich ein Vorwort über den Klassiker „Die Schule der Dummen“ von Sascha Sokolov für eine holländische Ausgabe und lerne außerdem Deutsch.

DIE FURCHE: In Ihrem Fall wird immer auf Tschechow verwiesen – wie wichtig ist der Arztberuf für die Schriftstellerei?
Ossipow:
Der Einfluss des Arztberufes auf einen Menschen wird gerne übertrieben, aber vielleicht übersehe ich auch etwas. Ich habe das Medizinstudium 1988 abgeschlossen, ich bin also schon lange Arzt. Für meine Literatur ist etwas anderes wichtiger – ich schreibe lieber über Dinge, von denen ich eine Ahnung habe. Deshalb geht es bei mir immer wieder um Medizin, Theater oder Schach. Es gibt Autoren, die ihr Material gar nicht so gut kennen müssen – ich gehöre nicht zu diesen. Aber natürlich hat es auch Bedeutung, dass man als Mediziner Menschen in für sie kritischen Situationen trifft. Wäre ich Taxifahrer, würden in meiner Literatur vermutlich mehr Witze vorkommen. Für einen Schriftsteller ist alles nützlich, umgekehrt hilft es dem Arzt wenig, dass ich Schriftsteller bin.

DIE FURCHE: Das letzte Wort des Sokrates lautet: „Wir sind dem Asklepios noch einen Hahn schuldig!“ Die Bedeutung des Arztes ist schwer zu überschätzen.
Ossipow: Im Fall von Sokrates bezieht sich das auf die Erlangung einer Ganzheit. Im Russischen steckt im Wort Ganzheit auch das Wort für „heilen“. Wenn Christus heilt und gehend macht, ist auch die Einheit von Leib und Seele im Spiel. Ich glaube, Sokrates hatte das Gefühl, eine Art höherer Einsicht erlangt zu haben. Aber vielleicht war das auch seine besondere Art des Humors.

DIE FURCHE: Kompensiert in Ihrem Fall der Arzt etwas, was dem Schriftsteller abgeht, oder ist es der Überfluss an Talenten, der Sie in den verschiedenen Bereichen aktiv werden ließ?
Ossipow:
Das kann ich selbst nicht beurteilen. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Ich muss sagen, dass ich im Leben immer Glück hatte. Ich musste nur wenige Dinge aus äußerer Notwendigkeit tun, etwa um Geld zu verdienen. Das meiste, was ich tat, geschah aus innerer Überzeugung.

DIE FURCHE: Sie fühlen sich als freier Mensch?
Ossipow:
Ja, mehr oder weniger. Vermutlich freier als viele andere.

DIE FURCHE: Und können Sie an jedem Platz im heutigen Russland sagen, was Sie denken?
Ossipow:
Heute nicht mehr. Was heißt „können“? Natürlich kann man, aber es gibt eine Menge von Plätzen, wo man sich überlegt, was man sagt. Unangenehmen Situationen geht man von vornherein aus dem Weg.

DIE FURCHE: Putin-Verstehern?
Ossipow:
Die gibt es in meiner Umgebung schon lange nicht mehr.

Kilometer_101_Cover - © Hollitzer
© Hollitzer
Literatur

Kilometer 101

Skizzen und Geschichten
Von Maxim Ossipow
Aus dem Russischen von Birgit Veit
Hollitzer 2021
352 S., geb., € 25,–

Dostojewskij reicht Marcel Proust die Hand

Eine ekstatische Kindheitserinnerung an Litauen und die verstorbenen Eltern eröffnen den Band. Die acht Erzählungen kreisen – bisweilen essayistisch – um Aberwitz und Alltag eines Chefarztes im Provinzstädtchen Tarussa. Alles ist postsowjetisch anders, doch in 200 Jahren hat sich in Russland nichts geändert. Obrigkeit und Korruption beherrschen das Leben. Patienten wollen am liebsten in Ruhe gelassen werden, einer geht illegal nach Holland und verkommt vor Heimweh. Im permanenten Ausnahmezustand reicht Dostojewskij Marcel Proust die Hand. (E. Klein)

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