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Der geschichtliche Milchpreis

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Noch Ist in unserem Land die Bauernbefreiung nicht vollendet. Wir sehen das daran, daß die Preisschere sich in den letzten Jahren keineswegs verringert hat, so daß das strukturelle Mißverständnis zwischen den Preisen der Agrarprodukte und den Preisen jener (meist industriell hergestellten) Güter, die von den Bauern erworben werden, bestehengeblieben ist.

So weit in Oesterreich für Güter noch Festoder Grenzpreise fixiert sind, betreffen sie im Wesen Güter, die von den Bauern geliefert werden. Das wäre an sich ohne große Bedeutung, hätten sich die Preise der anderen Güter und die Einkommen der Nicht-Bauern nur unmerklich geändert. Dann würden die Fest- und Höchstpreise ohnedies ungefähr dem normalen Preis, wie er sich bei freiem Wettbewerb bildet, entsprechen. Nun ist das aber nicht der Fall. Die Löhne und die Einkünfte derjenigen Selbständigen, die nichtagrarische Güter erzeugen, sind erheblich gestiegen; auf der anderen Seite wurden die Preise der lebenswichtigen Güter, wenn auch in einem geringeren Umfang als die Einkommen, erhöht.

Der Preis derMilch aber ist seit Jahren unverändert. Den Bauern wie überhaupt den Angehörigen jener Berufe, die mit der Herstellung oder Verarbeitung von preisgebundenen Gütern befaßt sind, wird nun bei allgemein steigenden Haushaltseinkommen ein Teil der Kosten des allgemeinen Wohlfahrtsanstjeges angelastet, indem sie gezwungen werden, einen Teil ihrer Leistung ohne Gegenleistung abzugeben.

Nun sind es aber im Wesen nicht die „Großagrarier“, für welche eine Milchpreiserhöhung Bedeutung hat, sondern vor allem die Masse der kleinen Bauern, insbesondere im Gebirge. Für diese ist das „Milchgeld“ in der toten Saison eine der wichtigsten Einnahmsquellen.

Man spricht auch heute noch (und da und dort nicht mit Unrecht, man denke an die Jungärzte) von einem Lohnraub. Auch die Vorenthaltung zumindest eines Kostenpreises bei der Milch ist so ein Lohnraub. Dem Bauern werden für die Milch zwar ungefähr die Sachkosten ersetzt (die wieder von Betrieb zu Betrieb verschieden sind, am höchsten in den kleinen Betrieben), nicht aber der (kalkulatorische) L! n t e r n e h m e r 1 ö h n, auf den nicht nur ein moralischer Anspruch besteht.

Für den Durchschnittshaushalt ist der Milchpreis von einem besonderen Gewicht und dies um so mehr, je stärker sich der Festpreis für die Milch und die anderen Preise (wie die Einkünfte) auseinanderentwickeln. Wegen seiner Bedeutung für die allgemeine Wohlfahrt hat der Milchpreis daher den Charakter eines politischen Preises. Aber nicht ganz zu Recht, Eine beträchtliche Erhöhung der Fleischpreise betrifft fast alle Staatsbürger. Eine Milchpreissteigerung aber wird vor allem den Familien mit Kleinkindern angelastet. Nun stehen wir vor einer Neuregelung der Kinderbeihilfen. Daher wäre es zu erwägen, eine eventuelle Erhöhung der Milchpreise mit einer entsprechenden Steigerung der Kinderbeihilfen abzugelten. Etwa durch Dotation des Kinderbeihilfeausgleichsfonds mit Mitteln, die der Milchpreisstützung zugedacht sind, aber allen, ob sie nun arm oder reich sind, ob sie Kinder haben oder nicht, zugute kommen. Ebenso müßte den Rentnern eine Abgeltung aus bisher allen gewährten Unterstützungen zugesichert werden.

Für die „Massen“ hat aber eine eventuelle und in angemessenen Grenzen gehaltene Erhöhung des Milchpreises keinesfalls die Bedeutung einer untragbaren Kürzung des Lebensstandards, jenes sagenhaften Dings, das langsam zum Götzen dieser Zeit wird, ohne daß man sich unter dem Begriff etwas Konkretes vorstellen kann. Die Gewinneinkommen und die Lohnerhöhungen der letzten Jahre wurden nicht durch gleichhohe Preissteigerungen bei den lebenswichtigen Gütern aufgesogen! Die Aufwendungen für den sogenannten Luxuskonsum sind dagegen gestiegen. Ein Zeichen, daß die Mehrheit der Oesterreicher aus der Notstandszone heraus ist. Wenn nun der Preis eine Luxusgutes erhöht wird — auch eines Massen-luxusgutes — merkt man nichts von einer „spontanen“ Volkserhebung. Auch die effektive Nachfrage nach diesem Gut wird nicht wesentlich gekürzt. Es sei denn, man hält sich durch Minderverbrauch bei den lebenswichtigen Gütern („Nichts kann man sich heute mehr leisten, ja im Frieden usw.“) schadlos: Kino statt Seife, Maskenball statt Kinderschuhe. Mit der Einfuhr und dem Kauf von Non-essentials ist unser Volk nicht sparsam gewesen. Das hat mit dazu beigetragen, daß wir aus einem strukturellen Gläubigerland nun wieder zu einem Schuldnerland geworden sind. Dem ausländischen Verkäufer werden vom Oesterreicher oft sinnlos hohe Preise zugestanden. Auch von jenen, die bei einer. Erhöhung des Milchpreises an sich die ersten Anzeichen beginnenden Hungertodes wahrnehmen werden. Nur dem österreichischen Bauern wird das vorenthalten, worauf man sonst nachdrücklichst für sich selbst Anspruch erhebt: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Nach den sehr instruktiven wirtschaftlichen Kurzberichten der Arbeiterkammer ist der Verbrauch in Oesterreich im Jahre 1955 um 8 bis 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Dagegen ist die Sparquote kleiner geworden. Sicher kein Zeichen der Not (man könnte das Verringern der Sparquote auch so auslegen), sondern gelockerter Konsumdisziplin.

Aber der Kleinhäusler in einem Gebirgsdorf mit einem Haufen von Kindern soll weiterhin dem großen Herrn in der Stadt, der sich statt Kindern ein paar Hündchen hält, seine Milch unter den (kalkulatorischen) Selbstkosten abgeben, auch jenen, die ihm Industrieprodukte verkaufen, in deren Preisen ganz fette Gewinne eingebaut sind.

Man wird nun sagen, daß der Milchpreis ein sozialer Preis ist, den zu steigern im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt nic^it gut möglich ist. Sicher ist der Milchpreis für viele Käuferschichten ein sozialer. Der soziale Charakter des Milchpreises ist aber dann ein sehr fragwürdiger, wenn man bedenkt, daß dem einen Bedürftigen gegeben wird, was man dem anderen (etwa dem Kleinbauern) vorenthält. Das heißt Sozialpolitik zugunsten von Bedürftigen und zu Lasten von anderen Bedürftigen.

Die Molkereiarbeiter, die aus einer nun seit Jahren gleichbleibenden Verarbeitungsspanne honoriert werden müssen, empfinden ebenfalls den Milchpreis — von ihrem Standpunkt aus gesehen — als nicht sehr sozial, weil sie mit dem Nachziehen ihrer Löhne warten und dadurch die Wohlfahrtssteigerung anderer mitfinanzieren müssen.

Wenn man die Dinge nur wirtschaftlich betrachtet: Ist es nicht sinnlos, aus der Unzahl von lebenswichtigen Gütern nur eines herauszugreifen, seinen Preis zu erstarren und die Käufer an diesen Preis wie an ein unverrückbares geschichtliches Datum sich gewöhnen lassen?

Je gewichtiger der Erlös aus dem Milchverkauf für einen bäuerlichen Haushalt ist, um so mehr führt die Beibehaltung des bisherigen Preiszustandes bei rundherum steigenden Preisen und Löhnen zur „relativen Verelendung“ einer nicht unbeträchtlichen Gruppe vor allem unter den Gebirgsbauern; ein Grund mehr zur Bergflucht.

Der Milchpreis scheint in der Zweiten Republik einer der Prüfsteine dafür geworden zu sein, ob wir gewillt sind, Wirtschaftspolitik aus dem Ressentiment und in Ideologie befangen zu machen oder ob wir nun endlich nüchtern an die ökonomischen Fragen herangehen, nicht in Hysterie und nicht wie hypnotisiert vom jeweiligen nächsten Wahltermin. Oder wollen wir zumindest den Milchpreis aus einem grotesken Infantilismus in Dingen des wirtschaftlichen Bereiches und aus einem anachronistischen Gruppenegoismus heraus zu einem Politikum machen?

Wenn man in Kreisen, die ihr Dasein nur. wie es im orientalischen Märchenstil heißt, „auf höchster Ebene“ haben, im jeweiligen Preis nur den Ausdruck von Macht und aliquoter Ohn-Macht sieht, wird es unvermeidbar zur Wiedererrichtung einer neuen „Klassengesellschaft“ besonderer Art kommen. Die „herrschende“ Klasse werden dann die Führer jener Schichte sein, welche über die 51 Prozent in der Politik, über die Straße und die Massenpresse verfügen.

Das aber wäre das Ende der Demokratie in Oesterreich, der Beginn eines politischen Ungleichgewichtes und eines „Austrofaschismus“, der noch nicht ganz vergessene Gegensätze zum Ausbruch brächte.

Zum Milchpreis aber sei gesagt: Wenn Gerechtigkeit, dann für alle, wenn Entproletarisierung, dann für alle Proletarier, auch für die Milchbauern. Wer anderer Meinung ist, aber trotzdem von Sozialreform spricht, ist ein Heuchler

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