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AADDA: Alle anderen dürfen das aber!

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Wie kann es sein, dass sich alle Eltern von einem Strom fortreißen lassen, und zwar genau in die Gegenrichtung ihrer Vorstellungen? (Paula Bleckmann)

Ziemlich genau zwei Stunden: So lange sitzen Sechsbis Siebenjährige täglich vor dem Bildschirm, wie die deutsche KIM-Studie (Kinder, Internet, Medien) erhob. Und je älter die Kleinen werden, desto länger und tiefer tauchen sie in mediale Parallelwelten ab. 261 Minuten täglich sind es bereits bei den Zwölf-bis 13-Jährigen -also ganz schön viel Lebenszeit mit starrem Blick.

Die dazugehörigen Erziehungsberechtigten sind darüber meist denkbar unglücklich, viele berichten von regelrechten Schlachten um Smartphone, Playstation und Co. Immerhin 84 Prozent der Eltern sind laut KIM-Studie sogar der Meinung, das Internet sei für ihre Kinder gefährlich.

Übergewichtig und empathielos?

Eine, die schon seit Jahren warnt, ist die deutsche Medien- und Gesundheitspädagogin Paula Bleckmann. Bereits in ihrem 2012 erschienenen Buch "Medienmündig" wies sie auf "viele hundert Studien" hin, welche die negativen Folgen allzu früher und intensiver Bildschirmmediennutzung belegen würden: von Übergewicht und verzögerter Bewegungs-und Sprachentwicklung über Empathieverlust bis zu Schlafstörungen. Tatsächlich haben österreichische Schlafmediziner 2016 empfohlen, die Nutzungszeiten bei Vorschulkindern auf 30 Minuten täglich und bei Jugendlichen auf zwei Stunden zu begrenzen. Die Zeit vor dem Schlafengehen müsse zudem bildschirmfrei bleiben.

Die Praxis sieht offenbar anders aus. Doch warum können so viele Eltern ihre Wünsche im Interesse der Kinder nicht durchsetzen? Nach Ansicht Paula Bleckmanns, die an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn lehrt, sind dafür vor allem drei Faktoren ausschlaggebend: Gruppendruck, Bequemlichkeit und Resignation. "Wie kann es sein, dass sich alle Eltern von einem Strom fortreißen lassen, und zwar genau in die Gegenrichtung ihrer Vorstellungen?" fragt die Expertin -und sieht im "AADDA-Syndrom" ("Alle Anderen Dürfen Das Aber") eine zentrale Antwort. Mit diesem Lamento konfrontiert, würden Eltern allzu rasch klein beigeben; zu groß sei ihre Angst, dass das eigene Kind zum Außenseiter werden könnte.

In ihrem neuen Buch "Heute mal bildschirmfrei", das Bleckmann gemeinsam mit dem deutschen Journalisten und Buchautor Ingo Leipner verfasst hat, will sie den Eltern diese und andere Ängste nehmen und sie darin bestärken, gemeinsam mit ihren Kindern ein "Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben" abseits elektronischer Medien zu entwickeln. "Garantiert praxistauglich" will das Buch sein, und tatsächlich beschreibt es in 15 Kapiteln recht anschaulich, zu welcher einfachen "TINA-Lösung" ("There Is No Alternative") Eltern in ihrer Not meist greifen -und welche Lösungen ideal oder besser wären.

Die Palette der durchgespielten Beispiele ist breit, sie reicht vom digitalen Betthupferl für Zweijährige bis zum Umgang mit Internet-Pornografie. Statt einem Achtjährigen das begehrte Bauernhof-Computerspiel "Farmerama" herunterzuladen, könnte man dem Kind etwa die besonders suchtfördernde Wirkung dieses Echtzeitspiels erklären und ihm ab neun Jahren Offline-Games am Familien-PC im Wohnzimmer anbieten, wenn er zuvor einen Zehn-Finger-Tippkurs absolviert; statt weiter mitanzusehen, wie 16-Jährige durch nächtliche Social Media-Exzesse immer müder werden, könnten betroffene Eltern vereinbaren, spätestens um 21 Uhr die Handys einzusammeln; und statt einem Neunjährigen mit "AADDA-Syndrom" das angebetete Smartphone zu schenken, könnte man beim nächsten Elternabend eine "Klassenvereinbarung" anregen, die gemeinsame Regeln für die Mediennutzung aufstellt -bis hin zum Ziel, den Kindern vorerst nur Tastenhandys zu besorgen.

"Es gibt Alternativen!", lautet die Botschaft. Bequem sind sie aber tatsächlich nicht: Sie erfordern Zeit, Konsequenz -und die Bereitschaft, auch die eigene Mediennutzung zu hinterfragen. Jedes zusätzliche Jahr ohne Smartphone sei aber erfreulich, so die Autoren. Nicht, weil es so böse wäre, sondern weil es den Kindern wertvolle Lebenszeit wegfresse.

Standfest wie Bill Gates?

14 Jahre: Das wäre aus Sicht von Bleckmann und Leipner ein passables Einstiegsalter für das eigene Smartphone; Steve Jobs und Bill Gates hätten das mit ihren Kindern nicht ohne Grund so gehandhabt, schreiben sie. Die meisten Eltern werden ob dieser und anderer Ideale wohl ernüchtert den Kopf schütteln. Als Anregung zur kritischen Selbstreflexion und Ideenspender für mehr pädagogische Standfestigkeit ist "Heute bildschirmfrei" aber dennoch ein Gewinn.

Wie kann es sein, dass sich alle Eltern von einem Strom fortreißen lassen, und zwar genau in die Gegenrichtung ihrer Vorstellungen? (Paula Bleckmann)

Ziemlich genau zwei Stunden: So lange sitzen Sechsbis Siebenjährige täglich vor dem Bildschirm, wie die deutsche KIM-Studie (Kinder, Internet, Medien) erhob. Und je älter die Kleinen werden, desto länger und tiefer tauchen sie in mediale Parallelwelten ab. 261 Minuten täglich sind es bereits bei den Zwölf-bis 13-Jährigen -also ganz schön viel Lebenszeit mit starrem Blick.

Die dazugehörigen Erziehungsberechtigten sind darüber meist denkbar unglücklich, viele berichten von regelrechten Schlachten um Smartphone, Playstation und Co. Immerhin 84 Prozent der Eltern sind laut KIM-Studie sogar der Meinung, das Internet sei für ihre Kinder gefährlich.

Übergewichtig und empathielos?

Eine, die schon seit Jahren warnt, ist die deutsche Medien- und Gesundheitspädagogin Paula Bleckmann. Bereits in ihrem 2012 erschienenen Buch "Medienmündig" wies sie auf "viele hundert Studien" hin, welche die negativen Folgen allzu früher und intensiver Bildschirmmediennutzung belegen würden: von Übergewicht und verzögerter Bewegungs-und Sprachentwicklung über Empathieverlust bis zu Schlafstörungen. Tatsächlich haben österreichische Schlafmediziner 2016 empfohlen, die Nutzungszeiten bei Vorschulkindern auf 30 Minuten täglich und bei Jugendlichen auf zwei Stunden zu begrenzen. Die Zeit vor dem Schlafengehen müsse zudem bildschirmfrei bleiben.

Die Praxis sieht offenbar anders aus. Doch warum können so viele Eltern ihre Wünsche im Interesse der Kinder nicht durchsetzen? Nach Ansicht Paula Bleckmanns, die an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn lehrt, sind dafür vor allem drei Faktoren ausschlaggebend: Gruppendruck, Bequemlichkeit und Resignation. "Wie kann es sein, dass sich alle Eltern von einem Strom fortreißen lassen, und zwar genau in die Gegenrichtung ihrer Vorstellungen?" fragt die Expertin -und sieht im "AADDA-Syndrom" ("Alle Anderen Dürfen Das Aber") eine zentrale Antwort. Mit diesem Lamento konfrontiert, würden Eltern allzu rasch klein beigeben; zu groß sei ihre Angst, dass das eigene Kind zum Außenseiter werden könnte.

In ihrem neuen Buch "Heute mal bildschirmfrei", das Bleckmann gemeinsam mit dem deutschen Journalisten und Buchautor Ingo Leipner verfasst hat, will sie den Eltern diese und andere Ängste nehmen und sie darin bestärken, gemeinsam mit ihren Kindern ein "Alternativprogramm für ein entspanntes Familienleben" abseits elektronischer Medien zu entwickeln. "Garantiert praxistauglich" will das Buch sein, und tatsächlich beschreibt es in 15 Kapiteln recht anschaulich, zu welcher einfachen "TINA-Lösung" ("There Is No Alternative") Eltern in ihrer Not meist greifen -und welche Lösungen ideal oder besser wären.

Die Palette der durchgespielten Beispiele ist breit, sie reicht vom digitalen Betthupferl für Zweijährige bis zum Umgang mit Internet-Pornografie. Statt einem Achtjährigen das begehrte Bauernhof-Computerspiel "Farmerama" herunterzuladen, könnte man dem Kind etwa die besonders suchtfördernde Wirkung dieses Echtzeitspiels erklären und ihm ab neun Jahren Offline-Games am Familien-PC im Wohnzimmer anbieten, wenn er zuvor einen Zehn-Finger-Tippkurs absolviert; statt weiter mitanzusehen, wie 16-Jährige durch nächtliche Social Media-Exzesse immer müder werden, könnten betroffene Eltern vereinbaren, spätestens um 21 Uhr die Handys einzusammeln; und statt einem Neunjährigen mit "AADDA-Syndrom" das angebetete Smartphone zu schenken, könnte man beim nächsten Elternabend eine "Klassenvereinbarung" anregen, die gemeinsame Regeln für die Mediennutzung aufstellt -bis hin zum Ziel, den Kindern vorerst nur Tastenhandys zu besorgen.

"Es gibt Alternativen!", lautet die Botschaft. Bequem sind sie aber tatsächlich nicht: Sie erfordern Zeit, Konsequenz -und die Bereitschaft, auch die eigene Mediennutzung zu hinterfragen. Jedes zusätzliche Jahr ohne Smartphone sei aber erfreulich, so die Autoren. Nicht, weil es so böse wäre, sondern weil es den Kindern wertvolle Lebenszeit wegfresse.

Standfest wie Bill Gates?

14 Jahre: Das wäre aus Sicht von Bleckmann und Leipner ein passables Einstiegsalter für das eigene Smartphone; Steve Jobs und Bill Gates hätten das mit ihren Kindern nicht ohne Grund so gehandhabt, schreiben sie. Die meisten Eltern werden ob dieser und anderer Ideale wohl ernüchtert den Kopf schütteln. Als Anregung zur kritischen Selbstreflexion und Ideenspender für mehr pädagogische Standfestigkeit ist "Heute bildschirmfrei" aber dennoch ein Gewinn.