Digital In Arbeit

Der Dienst an der Gesellschaft

Die Europäische Kommission hat 2011 zum Jahr der Freiwilligentätigkeit ausgerufen. Im Mittelpunkt steht die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements, für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

"Unverzichtbar. Ohne ehrenamtlich Tätige wäre das Leben in Österreich so nicht vorstellbar“, hieß es im Mai 2009 in den Salzburger Nachrichten, nicht ohne auch gleich festzustellen, dass Freiwillige dem Staat sparen helfen und ehrenamtliches Engagement eine unverzichtbare Angelegenheit für die Gesellschaft geworden sei. Was kurz vor Erscheinen des ersten Österreichischen Freiwilligenberichts so euphorisch zusammengefasst wurde, ist kennzeichnend für die mehrheitliche Sicht auf Ehrenamt bzw. Freiwilligenarbeit. Kennzeichnend auch für die Bedeutung, die diesen Tätigkeiten angesichts diverser gesellschaftlicher Problemlagen zugeschrieben wird. Kennzeichnend für die Hoffnungen, die sich von verschiedenen Seite darauf richten.

Umkämpfte Terrains

Zehn Jahre nach dem von der UNO ausgerufenen Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001 stehen wir am Beginn des Europäischen Jahrs der Freiwilligentätigkeit 2011: Das Thema ist in der politischen Agenda verankert. Die Hauptzielsetzungen dieser "Engagementpolitik“: mehr Wissen über Freiwilligentätigkeit und damit auch mehr Wissen für fördernde Rahmenbedingungen zu gewinnen, sowie die Aufmerksamkeit für ihre gesellschaftliche Bedeutung und für den Wert der durch sie bereitgestellten Güter und Dienstleistungen zu erhöhen.

Freiwilligentätigkeit ist zum Hoffnungsträger in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhaltes geworden. Das hohe Interesse an Freiwilligentätigkeit seitens Politik, Wirtschaft und Freiwilligenorganisationen erklärt sich am besten mit dieser Hoffnungsträgerfunktion im Hinblick auf umkämpfte Gesellschaftsterrains: Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Demokratie/politisches System. Diese Terrains sind praktisch-politisch wie auch ideologisch umkämpft, und es ist nicht verwunderlich, dass die "Schwärmereien vom gesamtwirtschaftlichen Nutzen der Gratisarbeit“, die "politische Moralisierung des Volunteering“ und "die bessere Bewirtschaftung brachliegenden Humankapitals“ (Ramón Reichert in der Zeitschrift "Arbeit“ 2002), kritische und um Differenzierung bemühte Stimmen auf den Plan rufen.

"Effektive Engagementpolitik“

Wie etwa Michael Meyer, NPO-Forscher an der Wirtschaftsuniversität Wien, der "effektive Engagementpolitik“ am liebsten so verstanden wissen will: "Gute Wirtschaftspolitik, um den Menschen Beschäftigung zu geben. Gute und offensive Sozialpolitik, um zu einer gerechten und ausgeglicheneren Einkommensverteilung beizutragen. Ein offensiver, auch im Hinblick auf die Staats- und Steuerquote mutiger Staat, der es seinen Bürgerinnen und Bürgern leicht macht, hohes Vertrauen in die staatlichen Institutionen zu entwickeln. Ein Staat, der gegen soziale Exklusion benachteiligter Gruppen kämpft. All das wird das zivilgesellschaftliche Engagement fördern. Damit wird eine eigene Engagementpolitik überflüssig.“

Freiwilligenarbeit, so Meyer, ist auch abhängig von der Ressourcen- und Kapitalausstattung einzelner Bürger: "In Österreich ist das zivilgesellschaftliche Engagement bei Personen mit Universitätsabschluss mit 37 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Personen mit Pflichtschulabschluss.“ Freiwilligenarbeit werde vor allem von Menschen geleistet, die erwerbstätig sind. Arbeitslose, Pensionisten und im Haushalt bzw. in der familiären Betreuung Tätige sind Meyer zufolge unterrepräsentiert. Die Quoten von Menschen mit Migrationshintergrund sind ebenfalls unterdurchschnittlich, zumindest hinsichtlich der von Mehrheitsgesellschaften definierten Engagementformen und Organisationen.

Schlussfolgerung ist, dass derzeit Freiwilligentätigkeit kaum der gesellschaftliche Integrationsproblemlöser sein kann, als der sie dargestellt bzw. wie gehofft wird, sondern dass Exklusion eher verstärkt wird. Ein solcher Befund mag all jenen nicht ins Zeug passen, die im vergangenen Jahrzehnt das Doppelspiel zu Wege brachten, der Deregulierung der Erwerbsarbeitsverhältnisse keinen Einhalt zu gebieten, den Zugang zu Sozialleistungen zu verschärfen, Sozialschmarotzerdebatten zu lancieren, den überbordenden bürokratischen Versorgungsstaat zu kritisieren, um nur einige Kennzeichen des neoliberalen Gesellschaftsumbaus zu benennen, und - wohl nicht ganz absichtslos - gleichzeitig das hohe Lied der Bürgergesellschaft, der Nachbarschaftshilfe und des freiwilligen Engagements in Organisationen zu singen.

Untersuchungen zur Dynamik von Erwerbstätigkeit und ehrenamtlichem Engagement in Deutschland zeigen, dass auf dem "Ehrenamts-Markt“ dieselben Qualifikationen gefragt sind, die auch eine erfolgreiche Erwerbsarbeitsbeteiligung fördern. Dies sei nicht verwunderlich, so der Soziologe Marcel Erlinghagen, da in einer technisierten und bürokratischen Welt vermehrt nur die Personen, die die notwendige Human- und Sozialkapitalausstattung bereits mitbringen, in der Lage sind, Güter ehrenamtlich zu produzieren. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mehrfache Erwerbslosigkeiten im Lebenslauf scheinen keine "brauchbaren“ Freiwilligen hervorzubringen, ja nicht einmal eine entsprechende Motivationslage erzeugen zu können. Ein ähnlich starker Zusammenhang wie zwischen "guter Erwerbsarbeit“ und ehrenamtlichen Engagement zeigt sich auch bezüglich Staatsausstattung und der Motivation der Bürger zu freiwilliger Tätigkeit. Offensichtlich ist es so, dass in Europa die "ausgebauten Wohlfahrtsstaaten mit hoher Staatsquote und ebensolcher Steuerbelastung“ auch eine starke Bürgerbeteiligung aufweisen können.

Nach Analysen des European Social Survey, finde sich Freiwilligenarbeit häufiger in Staaten mit geringeren Einkommensunterschieden, stärkerer Urbanisierung und höheren Sozialausgaben, so Meyer. Da stimmt es ein wenig hoffnungsfroh, dass gleich im Vorwort zum Österreichischen Freiwilligenbericht Sozialminister Rudolf Hundstorfer schrieb, "dass ein hohes Maß an bezahlter Beschäftigung und sozialer Sicherheit die beste Voraussetzung für freiwillige Betätigung schafft. Dafür sind die führenden nordeuropäischen Staaten wie Norwegen oder Schweden Europas beste Vorbilder - für diese Tradition steht auch Österreich.“

"Bewirtschaftung“ der Menschen?

Was ist aus all diesen Überlegungen für eine kirchliche Positionierung zum Ehrenamt und für eine Reflexion der in der Kirche ehrenamtlich Tätigen zu gewinnen? Wünschenswert ist, dass die besorgten Stimmen, die in der Engagementpolitik eine weitere "Bewirtschaftung“ der Menschen sehen, in einer Zeit, in der gleichzeitig die Chancen vieler auf soziale Sicherheit, gesellschaftliche Integration und selbstbestimmte Lebensgestaltung eingeschränkt werden, Gehör finden. Dies ist die Basis, um überprüfen zu können, ob das in den Pfarren und kirchlichen Organisationen gelebte Engagement "zeitgerecht“ ist, zur Erreichung möglichst gerechter gesellschaftlicher Verhältnisse beiträgt. Sodass es nicht passiert, dass bei Lebensmittelzuteilungen der Satz fällt: "Seid froh, dass ihr hierher kommen könnt.“

Die Autorin

Margit Appel, Referats-Leiterin an der Katholischen Sozialakademie, hält zum Thema auch den Eröffnungsvortrag bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg von 13. bis 15. Jänner.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau